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Handbuch Oral History

Von A wie Aufnahmegerät bis Z wie Zuhören
6. Oktober 2026

Autor/in: 
Linde Apel, Stefan Müller (Hrsg.)

Bibliografische Daten: 
Brill | Schöningh/UTB., 2026, 264 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 9783825265779

Rezensent/in: 
Heinrich Recken


Mit dem von Linde Apel und Stefan Müller herausgegebenen Handbuch Oral History. Von A wie Aufnahmegerät bis Z wie Zuhören liegt seit 2026 eine umfassende deutschsprachige Einführung in die Theorie, Methodologie und Praxis der Oral History vor. Es stellt eine wichtige methodische Ergänzung für die deutschsprachige qualitative Forschung dar. Obwohl Oral History inzwischen auf eine fast fünfzigjährige Entwicklung zurückblicken kann, fehlte bislang eine systematische Überblicksdarstellung, die Oral History gleichermaßen als Forschungsmethode, Quellengattung und interdisziplinäres Forschungsfeld behandelt.

Zu den Herausgeberinnen: Dr. Linde Apel ist Leiterin der "Werkstatt der Erinnerung" in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, PD Dr. Stefan Müller Leiter des Referats "Public History" im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie gehören, wie auch viele Einzelautor:innen dieses Bandes, zum Netzwerk Oral History, das interdisziplinär organisiert ist und Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen aus Forschungseinrichtungen, Archiven, Museen und digitalen Kontexten zusammenführt.

Die Struktur des Buches verdeutlicht seinen besonderen Charakter: Nach einer Einleitung und einem historischen Überblick folgen auf 50 Seiten fünf Beiträge zu zentralen Begriffen und methodischen Fragen der Oral History. Hierbei werden sowohl Grundbegriffe dieses methodischen Verständnisses als auch Beispiele aus der Forschungspraxis erläutert. Eindrucksvoll ist der Bericht über ein in der Ukraine geführtes Forschungsprojekt, in dem Interviews mit den Opfern der russischen Aggression geführt werden, um ein Archiv von Augenzeugenberichten über die russischen Angriffe zu schaffen. Anschließend werden auf 150 Seiten zahlreiche Stichworte alphabetisch behandelt. Das Spektrum reicht beispielsweise von „Alltagsgeschichte“, „Anonymisierung“, „Auswertung“ und „Biografieforschung“ über „Datenschutz“, „Forschungsethik“, „Gedächtnis“, „Narrative Analyse“, „Repräsentativität“ und „Subjektivität“ bis zu „Transkription“, „Vertrauen“, „Zeitzeug:in“ und „Zuhören“. Hier findet sich ein großes Spektrum an Verweisen, die je nach Interesse der Forschenden als einzelne Beiträge herangezogen werden können.

Oral History wird als ein Forschungsprozess verstanden, in dem Erhebung, Beziehung zwischen Forschenden und Befragten, Erinnerung, Interpretation, Quellenkritik, Datenschutz, Archivierung und Nachnutzung miteinander verbunden sind. Eine zentrale Stärke des Bandes liegt in der konsequenten Abgrenzung von Oral History gegenüber einem naiven Verständnis von Zeitzeugeninterviews. Das Interview ist eine soziale Interaktion, in der Wissen nicht einfach abgeholt, sondern im Gespräch erzeugt wird. Die im Handbuch angelegte Auseinandersetzung mit Erinnerung, Subjektivität, Authentizität und Wahrhaftigkeit ist bei der Auswertung von Interviews besonders bedeutsam. Mündliche Aussagen werden nicht einfach als unmittelbare Wiedergabe vergangener Realität verstanden. Erinnerung ist vielmehr selektiv, gegenwartsbezogen und durch individuelle sowie gesellschaftliche Deutungsmuster geprägt. Sie ist nicht einfach eine Fehlerquelle, die möglichst beseitigt werden muss, sondern selbst ein Forschungsgegenstand.

Dadurch können Oral-History-Studien über reine Ereignisrekonstruktion hinausgehen und Prozesse von Identitätsbildung, Professionalisierung und beruflicher Sinngebung untersuchen.

Für die historische Forschung zu den Pflege- und Gesundheitsberufen ist das Handbuch besonders interessant, weil dort seit längerem mit qualitativen Interviews, biografischen Zugängen, Erfahrungswissen und narrativen Verfahren gearbeitet wird. So nutzte z.B. Hilde Steppe Oral History als methodischen Zugang, um Erfahrungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – insbesondere Krankenschwestern des Zweiten Weltkriegs, jüdischen Pflegenden und Pflegepersonen während des Nationalsozialismus – durch narrative Interviews zu dokumentieren und dadurch subjektive Erfahrungen, berufliche Identitäten und verdrängte Aspekte der Pflegegeschichte sichtbar zu machen. Oral History eröffnet dabei eine spezifische Perspektive: Nicht ausschließlich die gegenwärtige Wahrnehmung eines Phänomens, sondern dessen historische Entwicklung, biografische Einbettung und erinnerte Bedeutung werden zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung.

Das Handbuch verfolgt einen bewusst niedrigschwelligen und zugleich wissenschaftlich reflektierten Zugang. Zielgruppe sind insbesondere Studierende sowie Forschende, die qualitative Interviewforschung mit einer historischen oder biografischen Perspektive verbinden möchten oder in wissenschaftlichen, musealen, archivischen oder anderen Institutionen mit mündlichen Quellen arbeiten. Der Band möchte grundlegende Kenntnisse vermitteln und zugleich für die methodischen, quellenkritischen und ethischen Probleme der Oral History sensibilisieren.

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