Ein Forschungsteam der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Technischen Universität Dresden untersucht die Geschichte der Psychiatrie in der DDR anhand eines einzigartigen Quellenbestands. Tausende Akten von Patientinnen und Patienten der früheren Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle dienen dabei als Grundlage, um zu analysieren, wie Menschen mit Depressionen behandelt wurden und welche Rolle die Gemeinschaft in der Therapie spielte. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das Projekt mit rund 550.000 Euro.
In der DDR gab es lange Zeit keine Standards zur Behandlung depressiver Menschen. „Es fehlte an Medikamenten zur Behandlung von Depressionen. Neuere Methoden wie die Psychotherapie wurden vereinzelt in den 1980er Jahren etabliert“, sagt die Historikerin Prof. Dr. Silke Satjukow. Sie leitet gemeinsam mit dem Medizinhistoriker Prof. Dr. Florian Bruns von der TU Dresden das neue DFG-Projekt.
Außerdem seien Depressionen nicht mit dem Menschenbild des Staats vereinbar gewesen, so Satjukow: „In der DDR wurde ein Menschentyp propagiert, der höchste Leistungen und eine außerordentliche Motivation an den Tag legt. Dazu passten depressive Menschen mit Symptomen wie Traurigkeit und Antriebslosigkeit nicht.“
Die Folge: Laut der Historikerin wurde die Behandlung von Menschen mit Depressionen damals als Aufgabe der Gemeinschaft verstanden, bei der das soziale Umfeld Unterstützung leisten und im Alltag helfen sollte. „In der DDR zählte es zu den gesellschaftlichen Erwartungen, dass sich die Gemeinschaft um ihre Mitglieder kümmert. Von der Familie bis über den Betrieb wurden viele Menschen direkt in die Krankengeschichte der Betroffenen eingeweiht und dazu aufgefordert, sie im Alltag zu halten. Auch wenn es wie eine relativ moderne Idee klingt, das soziale Umfeld einzubeziehen, kam die konkrete Umsetzung einer Fürsorgediktatur gleich“, so Satjukow.
Die Historikerin und ihr Team wollen untersuchen, wie die Behandlung organisiert war und welche Aufgaben dabei Familienangehörige sowie Arbeitskolleginnen und -kollegen übernehmen sollten. Grundlage dafür bilden die Akten der Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle, die bis ins Jahr 1888 zurückreichen und für die DDR-Zeit vollständig erhalten sind. Vor ihrer wissenschaftlichen Nutzung wurden die Dokumente aufwendig restauriert und archivgerecht verpackt. „Die Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle war aus mehreren Gründen besonders: Sie galt als äußerst modern und international gut vernetzt. Zugleich wurden hier Menschen aus dem gesamten mitteldeutschen Raum behandelt – einerseits aus dem hochindustrialisierten Chemiedreieck, anderseits aus dem ländlichen Raum“, sagt Dr. Christian König vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der MLU, der ebenfalls am Projekt beteiligt ist.
Die Forschenden bearbeiten die Unterlagen ausschließlich anonymisiert. Zunächst wollen sie einen Überblick gewinnen: Wer wurde in der Klinik in Halle wegen Depressionen behandelt? Handelte es sich überwiegend um Männer oder Frauen, junge oder ältere Menschen, stammten die Patientinnen und Patienten eher aus der Stadt oder vom Land? Anschließend sollen die einzelnen Fälle detailliert untersucht werden. In die Analysen fließen auch einschlägige Gesetze und Direktiven der DDR-Regierung sowie zeitgenössische wissenschaftliche Fachbeiträge zur Behandlung depressiver Menschen ein.
Am Projekt sind zudem die Sigmund Freud Privat-Universität Wien sowie das Universitätsarchiv der MLU beteiligt.
Zur Pressemitteilung: https://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&pm_id=6012
Foto: stock.adobe.com - PIC SNIPE

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