Pflegeassistenz (Rezension)

Pflegeassistenz ()

Georg Thieme Verlag. Stuttgart, New York 2011, 615 S., 29,99 €, ISBN 978-3-13-154231-1

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Im Zuge der demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen unserer Gesellschaft und nicht zuletzt den damit verbundenen Kosten kommen den Pflegeassistenzberufen - allen voran die Gesundheits- und Krankenpflegehilfe und die Altenpflegehilfe - immer größere Bedeutung zu. Für die entsprechenden Ausbildungsgänge hat der Georg Thieme Verlag (Stuttgart) ein neues Lehrbuch veröffentlicht, das laut Coverangabe "verständlich, anschaulich und praxisnah" ist und "alles enthält, was Sie brauchen".

Das im Großformat (DIN-A-4) erschienene Buch enthält - untergliedert in drei Teile - die folgenden 32 Kapitel, die sich ihrerseits zahlreiche Unterpunkte aufweisen:

Teil I Grundlagen und rechtliche Rahmenbedingungen

  • Grundlagen zum Berufsbild Pflege und Pflegeassistenz
  • Finanzierung des Gesundheitswesens - der Sozialstaat
  • Pflegewissenschaft, Pflegetheorien und Pflegeorganisation
  • Berufstypische Problem- und Konfliktsituationen
  • Rechte und Pflichten in Ausbildung und Beruf
  • Grundlagen zu Aufbau und Funktion des Körpers (Anatomie und Physiologie)
  • Grundlagen der Ernährung

Teil II Bedürfnisorientierte Pflege und Betreuung

  • Wach sein und schlafen
  • Sich bewegen
  • Sich waschen und kleiden
  • Essen und trinken
  • Ausscheiden
  • Körpertemperatur regulieren
  • Atmung, Puls und Blutdruck
  • Sich sicher fühlen und verhalten
  • Raum und Zeit gestalten
  • Kommunizieren
  • Seine Sexualität leben können - Kind, Frau, Mann sein
  • Sterben und Tod

III Situationsbezogene Pflege und Betreuung

  • Assistenz bei Diagnostik und Therapie
  • Pflege bei Patienten mit Schmerzen
  • Pflege bei Einschränkungen der körperlichen Belastbarkeit
  • Pflege bei Einschränkungen der Beweglichkeit
  • Pflege bei Einschränkungen der Ernährung und Ausscheidung
  • Pflege bei Erkrankungen der Geschlechtsorgane, während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett
  • Pflege bei Störungen des Hormonsystems
  • Pflege bei Störung der Wahrnehmung
  • Pflege bei Einschränkungen durch Hauterkrankungen
  • Pflege bei onkologischen Erkrankungen
  • Pflege bei Infektionserkrankungen
  • Pflege bei psychiatrischen Erkrankungen
  • Pflege im häuslichen Umfeld.

Ergänzt wird die Darstellung durch einen Anhang mit folgenden Themen:

  • Pflege in Notfallsituationen
  • Richtungsbezeichnungen zur Orientierung
  • Achsen und Ebenen
  • Wichtige Laborwerte
  • Literaturverzeichnis
  • Abbildungsnachweis
  • Sachverzeichnis.

An dem Buch hat ein Team von 100 (!) Autoren/-innen mitgewirkt, erfreulicherweise neben Mediziner/innen, Lehrer/innen für Pflegeberufe und Diplom-Pflegepädagogen/-innen auch eine Reihe von Pflegewissenschaftler/innen, darunter die beiden Hochschullehrerinnen Angelika Abt-Zegelin und Sabine Bartholomeyczik.

Illustriert wird der didaktisch gut aufbereitete Text durch 764 Abbildungen in Farbe - darunter viele Fotoserien, die Schritt-für Schritt zeigen, wie was geht - und 45 Tabellen, wodurch das Lernen erleichtert wird. Hinzu kommen unzählige Tipps als Hilfestellung für den Praxiseinsatz, ebenso wie Hinweise auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern und alten Menschen. Neben der (breiten) Hauptspalte, in der die Inhalte ausführlich dargestellt werden, gibt es auch eine (schmale) Randspalte mit einer Kurzfassung der wichtigsten Inhalte zum schnellen Nachschlagen und Wiederholen (vor der Prüfung).

"Pflegeassistenz" ist ein gelungenes Lehrbuch für die Gesundheits- und Krankenpflegehilfe und Altenpflegehilfe, das seinem selbst gestellten Anspruch, "verständlich, anschaulich und praxisnah" zu sein, in jeder Beziehung gerecht wird. Wer hingegen eine weitergehende Ausbildung anstrebt, sollte in jedem Fall auf andere Lehrbücher zurückgreifen.

"Ich muss nach Hause" (Rezension)

"Ich muss nach Hause" (Marshall, Mary und Kate Allan)

Verlag Hans Huber, Bern, 2011, 253 S., 29,95 € ISBN 978-3-456-84731-3

Rezension von: Sven Lind

Ständige Unruhe meist in Gestalt des Herumirrens und des Wanderns ist eine typische Verhaltensweise Demenzkranker im mittelschweren Stadium. Diese Symptomatik ist Ausdruck der zunehmenden Auflösung der Person-Umwelt-Passung: Die Reize der Umwelt und zugleich auch die inneren Reize wie Erinnerungen und Eingebungen können nicht mehr angemessen verarbeitet werden. Die Vermengung der Realität mit Erinnerungssequenzen führt zu verschiedenen Formen der zeitlichen, örtlichen und situativen Desorientierung. Doch auch Fehlwahrnehmungen und Halluzinationen sind Symptome dieses Zerbrechens der Einheit von innerer und äußerer Welt. Das Erleben dieser Dissonanzen führt meist zu einer psychischen Belastung, die sich u. a. auch im ständigen Wandern manifestiert.

In der Demenzpflege wird dieser Symptomatik oft schon mittels Verstetigung und Biografieorientierung bei der Pflege und Betreuung Rechnung getragen. Auch bei der Milieugestaltung und in der Raumstruktur findet dieses Verhalten Berücksichtigung, indem z. B. helle und barrierefreie Wanderwege geschaffen werden und zusätzlich die Ausgänge gesichert werden.

Die vorliegende Veröffentlichung behandelt diese Symptomatik unter vielschichtigen Aspekten, sie besteht aus insgesamt 33 Beiträgen in elf Kapiteln untergliedert, überwiegend verfasst von Pflegenden und Betreuenden aus Schottland, England und Australien. Bei den Herausgeberinnen Mary Marshall und Kate Allan handelt es sich um eine emeritierte Professorin für Sozialarbeit und eine klinische Psychologin der Universität Stirling (Schottland).

Zu Beginn wird eine Reihe von möglichen Gründen für das Wandern angeführt, gefolgt von der Darstellung eines Modells einer Bedürfnisanalyse u. a. anhand von mehreren Fallbeispielen. Anschließend wird auf einige medizinische Aspekte in Gestalt einiger Krankheitsbilder wie Demenz und Depression in Bezug auf das Bewegungsverhalten eingegangen. Es folgen Kapitel, die die Gefahren des Wanderns u. a. in Heimen und Krankenhäusern und mit unterschiedlichen Formen freiheitseinschränkender Maßnahmen thematisieren. Des Weiteren werden therapeutische Programme (u. a. "Geh-Programme") für Demenzkranke in den unterschiedlichen Stadien der Erkrankung beschrieben, wobei auch auf die räumliche Gestaltung in den Heimen und in den Außenbereichen (Garten u. a.) eingegangen wird. Den Abschluss des Buches bildet ein Kapitel des Herausgebers Jürgen Georg über "Ruheloses Umhergehen aus pflegediagnostischer und chronopflegerischer Sicht", das diese Thematik u. a. aus der Sicht der Pflegediagnose, Pflegeplanung und der Pflegeinterventionen auf der Grundlage des Modells von Krohwinkel analysiert.

Die Bewertung dieser Publikation fällt zweischneidig aus. Einerseits wird eine Fülle an Konzepten und Modellen aus Großbritannien dargeboten, die sich jedoch nur begrenzt auf die Verhältnisse in den Pflegeheimen in Deutschland übertragen lassen. Hier wäre eine inhaltliche und fachliche "Übersetzung" im Sinne einer Adaption an die hiesigen Verhältnisse von Vorteil gewesen. Des Weiteren gilt es zu bemängeln, dass den vielen, meist kurzen und facettenartigen Beiträgen der didaktische und strukturierende Orientierungsfaden fehlt. So konnten wichtige Aspekte der körperlichen Unruhe in Gestalt des Wanderns und Suchens nicht auf die wesentlichen Ursachen Furcht und zeitliche und räumliche Desorientierung zurückgeführt werden, die teils durch Pflege, Betreuung und Milieugestaltung positiv zu beeinflussen sind. Ein Fachbuch aus dem Bereich Demenzpflege muss sich immer an dem Ausmaß seiner Praxistauglichkeit und seiner innovativen Impulse messen lassen, andernfalls lohnt sich die Lektüre nicht. Zu diesem Buch lässt sich zusammenfassend sagen, dass es für die Pflegenden in den Heimen nicht genug praktisches Handlungswissen zur konkreten Anwendung enthält.

Pflegebedarf und Versorgungssituation bei älteren Menschen in Heimen (Rezension)

Pflegebedarf und Versorgungssituation bei älteren Menschen in Heimen (Schneekloth, Ulrich und Hans-Peter Wahl (Hrsg.))

Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2009, 349 S., 28,00 €, ISBN 978-3-17-020553-6

Rezension von: Dr. Sven Lind

Die vorliegende Veröffentlichung enthält den Bericht der Folgeuntersuchung "Möglichkeiten und Grenzen selbständiger Lebensführung in stationären Einrichtungen" (MuG IV) von Anfang 2005 bis Ende 2007, der eine Untersuchung mit derselben Themenstellung (MuG II) aus dem Jahre 1994 vorausging. Finanziert wurde die Erhebung vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ). Die Durchführung des Forschungsvorhabens lag in den Händen von Infratest Sozialforschung in München (Federführung) in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, dem Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) in Köln und dem Institut für gerontologische Forschung (IFG) in Berlin.

Die Basiserhebung bestand aus einer repräsentativen Erhebung in 609 Altenpflegeheimen. Im Fokus standen dabei die Bewohner, die wohnlichen Gegebenheiten und sozialen Kontakte, die personelle Ausstattung und die Pflegekosten. Aus dieser Ausgangsstichprobe wurden nach statistischen Kriterien 58 Einrichtungen für eine Erhebung mit demenzspezifischen Fragestellungen ausgewählt, die vom ZI bearbeitet wurde. Für den Untersuchungsteil "Einbeziehung von Angehörigen und Freiwilligen in die Pflege und Betreuung" wurde eine Positivauswahl von 50 Einrichtungen vom ISG untersucht. Das IFG befasste sich mit "Fallstudien zur Qualität von Pflege und Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen" in neun Pflegeheimen.

In der Publikation sind neben den beiden Herausgebern folgende Mitwirkende namentlich aufgeführt: Ingo von Törne, Martina Schäufele, Leonore Köhler, Sandra Lode, Siegfried Weyerer, Dietrich Engels, Frank Pfeuffer, Josefine Heusinger und Tina Knoch.

Folgende Ergebnisse der verschiedenen Studien der Untersuchung sind nach Einschätzung des Rezensenten von besonderer Bedeutung:

  • Das so genannte integrative Versorgungskonzept (Zusammenleben von Demenzkranken und nicht Demenzkranken in einem Wohnbereich) bildet mit 53 Prozent immer noch das vorherrschende Konzept für den Heimbereich, während homogene Versorgungskonzepte (so genannte segregative bzw. teilsegregative Ansätze) nur 28 Prozent bzw. 15 Prozent ausmachen. Angesichts der Tatsache, dass ca. 65 Prozent und mehr der Bewohnerschaft demenzkrank sind, stellt dies ein unzumutbares Belastungspotential für die Bewohner und zugleich auch die Mitarbeiter dar.
  • Die Pflegeorganisation ist nur in 57 Prozent der Heime nach dem Konzept der Bezugspflege ausgerichtet, 39 Prozent praktizieren Mischformen aus Bezugs- und Funktionspflege. Für Demenzkranke im mittelschweren Stadium hingegen ist die Bezugs- oder Gruppenpflege eine unabdingbare Notwendigkeit, andernfalls drohen Überforderung und ständiger Stress bei den Bewohnern und auch bei den Pflegenden.
  • Eine richtige Bezugspflege kann in der Regel nicht praktiziert werden, da der Personalstand hierfür nicht ausreichend ist. Während der Richtwert für die Bezugspflege eine Relation von einer Pflegenden auf sechs Bewohner vorsieht, werden meist acht bis elf Bewohner von einer Mitarbeiterin gepflegt.
  • Das tägliche Pflegeaufkommen ist derart umfangreich, dass die Pflegenden kaum ihre regulären Pausen während der Arbeit nehmen können. Des Weiteren fühlen sich die Pflegenden stark belastet und klagen über ein Arbeitsklima, das als negativ und damit beeinträchtigend empfunden wird.

Diese Resultate stimmen mit vielen Erhebungen über den Heimbereich überein, die eine Verschlechterung der Versorgungsverhältnisse in den Einrichtungen seit Einführung der Pflegeversicherung belegen. Diese Entwicklung hin zu Mittelkürzungen (Budgetierung u. a.) und entsprechenden Minderleistungen im Altenhilfebereich kann auch in anderen europäischen Ländern beobachtet werden.

Es kann das Fazit gezogen werden, dass die vorliegende Publikation bedeutsame Fakten herausgearbeitet hat, die belegen, dass die gegenwärtigen Strategien der Ökonomisierung und damit zugleich Entstaatlichung des Sozialbereiches den gesamtgesellschaftlichen Anforderungen einer zunehmend alternden Gesellschaft nicht gerecht werden. Das Buch kann allen beruflich Betroffenen als Beleg einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zur Lektüre empfohlen werden.