Anne Roeske
Mabuse-Verlag Wissenschaft, Band 133 / Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main, 2025, Broschur, 109 Seiten, 23,00 €, ISBN 978-3-86321-747-1
In dem Buch „Zwischen imperialem und persönlichem Anspruch“ geht es um die Beantwortung der Frage, welche Rolle Frauen beziehungsweise die Krankenpflegerinnen unter ihnen, sofern sie dem „Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien“ angehörten, in den Imperialismusbestrebungen des Deutschen Kaiserreichs spielten.
Verfasst wurde die Studie von der Kulturwissenschaftlerin und Historikerin Anne Roeske, Jahrgang 1982, die seit 2024 in Lusaka (der Hauptstadt der Republik Sambia im südlichen Afrika) als Referentin für die Kooperation mit Sambia für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an der Deutschen Botschaft arbeitet.
Die Arbeit basiert auf der Masterarbeit der Autorin, die sie im Dezember 2023 im Fach „Europäische Moderne: Geschichte und Literatur“ an der FernUniversität Hagen unter dem Titel „Die Frau im Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien im Spiegel von imperialistischen Bestrebungen und kolonialen Erfahrungen. Krankenpflegerischer Alltag in Deutsch-Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ vorlegte.
Der schmale Band umfasst nach der Einleitung (S. 7-18) die folgenden drei Kapitel, die ihrerseits in mehrere Unterkapitel unterteilt sind:
- Die Organisation der Krankenpflege durch den Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien (S. 19-34),
- Die Frau im Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien (S. 35-48),
- Alltagserfahrungen der Krankenpflegerinnen in Deutsch-Südwestafrika (S. 49-84).
Ergänzt wir die Darstellung durch „Schlussbetrachtungen“ beziehungsweise eine „Synthese“ (S. 85-91) sowie ein Literaturverzeichnis (S. 93-97) und einen „Anhang“ (S. 99-109).
Angesichts der Schwierigkeit, neue Fachkräfte für Pflegeberufe zu gewinnen, sind die Rolle und der Wert der Krankenpflege heutzutage Inhalt zahlreicher Diskussionen. Doch auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Themen wie Arbeitsumstände, Bezahlung und Wertschätzung dieser Berufsgruppe hochpolitisch, wie Anne Roeske einleitend schreibt. Und so wie heute seien es auch damals zum größten Teil Frauen gewesen, die den Pflegeberuf ergriffen. Vor diesem Hintergrund eruiert sie mit Blick auf die Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) im frühen 20. Jahrhundert, welche Rolle der „Deutsche Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien“ in den Imperialismusbestrebungen des Deutschen Kaiserreichs spielte. Dabei geht die Autorin insbesondere den folgenden Fragen auf den Grund:
Welche Bedeutung hatte der Verein für die strategische Ausrichtung des Deutschen Kaiserreiches?
Worin bestanden die konkreten Aufgaben der Krankenschwestern vor Ort?
Wie füllten die Frauen letztlich die ihnen zugedachte Rolle einschließlich der an sie gestellten Erwartungen aus?
Für ihre Untersuchung hat Anne Roeske im Wesentlichen drei unterschiedliche Quellenarten herangezogen und ausgewertet:
Erstens das fast 40 Doppelseiten umfassende Fotoalbum des Sanitätsrates Dr. Schultze mit dem Titel „Das rote Kreuz in Deutsch-Südwest-Afrika 1904-1907 in Wort und Bild“, das im Hauptarchiv des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin lagert,
Zweitens Akten des Bundesarchivs Berlin im Bestand R 1001 (Lazarettwesen und Krankenpflege in den Kolonien), R 151 (Kaiserliches Gouvernement in Deutsch-Südwestafrika) und R 8023 (Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien),
Drittens die Rubrik „Schwesternbriefe“ der seit 1889 monatlich erscheinenden Vereinszeitung des Frauenvereins „Unter dem roten Kreuz“.
Während ihr das „Fotoalbum von Sanitätsrat Schultze“ zur Veranschaulichung des pflegerischen Alltags in dieser Zeit diente, wertete die Autorin die historischen Akten dahingehend aus, wer Krankenpflegepersonal in die Kolonien mit welchem Ziel sendete und diese finanzierte. Mit Hilfe der Briefe der Krankenpflegerinnen aus den deutschen Kolonien, die an den Vorstand gerichtet waren, rekonstruierte sie schließlich die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten in den Kolonien.
Um zu verstehen, warum sich Frauen im Namen des Deutschen Frauenvereins für Krankenpflege in den Kolonien in die deutschen Schutzgebiete – und zwar nicht nur nach Deutsch-Südwestafrika – zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsenden ließen, setzt Anne Roeske sich im ersten Kapitel zunächst mit dem Verein auseinander, ebenso wie mit den von der Kolonialverwaltung und der Politik erteilten Aufgaben. Wie sie hierbei zeigt, wurde die Gründung des Vereins, der laut Satzung „unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin [Auguste Viktoria]“ stand, „maßgeblich von den großen Linien der gesellschaftspolitischen Prozesse innerhalb des Deutschen Kaiserreiches beeinflusst.“ Zudem habe er „mit dem Entstehen des Roten Kreuzes einen internationalen Anknüpfungspunkt“ (S. 23) gehabt. Da die deutschen kolonialen Territorien zunehmend von Siedlern und Handelstreibenden entdeckt worden seien und der Kolonialerwerb oft blutig erfolgte, seien die Schutzgebiete zügig für die Tätigkeit des Deutschen Frauenvereins für Krankenpflege in den Kolonien – der aus dem 1887, im Gründungsjahr der „Deutschen Kolonialgesellschaft“, ins Leben gerufenen „Deutschnationalen Frauenbund“ hervorgegangen war – interessant geworden.
Wie die Autorin nachweist, gab es eine enge Verflechtung zwischen den Verwaltungsstrukturen des Deutschen Kaiserreiches und dem Deutschen Verein für Krankenpflege in den Kolonien. Angeworben über Zeitungsannoncen, Fotovorträge, Basare und Ausstellungen habe der Deutsche Frauenverein die Schwestern für eine Verwendung in Deutsch-Südwestafrika (und den anderen Schutzgebieten) ausgewählt, nachdem der Bedarf vom Gouvernement vor Ort an das Reichskolonialamt gemeldet wurde. Zu den Verflechtungen zwischen den staatlichen Strukturen und den Strukturen des Frauenvereins hält Anne Roeske sodann wörtlich fest: „Der Deutsche Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien wird quasi zu einem der Erfüllungsgehilfen der imperialen Idee; mindestens aber zu einer legitimierten Stütze.“ Demnach habe die Mitgliedschaft im Verein den Frauen die Möglichkeit gegeben, an Glanz und Glorie des wilhelminischen Militarismus teilzuhaben: „Wenngleich die direkte Einflusssphäre in den Krankenhäusern und Lazaretten von Deutsch-Südwestafrika klein gewesen sein dürfte, wird in der Verflechtung von Organisationen eine Interdependenz offenbar, von der sowohl der privat organisierte Verein als auch die imperiale Idee des Deutschen Kaiserreichs profitierten“ (S. 29).
Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht neben einer Betrachtung der Motive des vornehmlich weiblichen Vorstands, überhaupt einen Frauenverein zu gründen, die Beantwortung der Frage, warum Krankenpflegerinnen dem Verein beitraten, um in das Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika auszureisen. Nach Ansicht der Autorin waren die Gründe für eine Bewerbung zum Dienst in Deutsch-Südwestafrika „divers“. Großherzigkeit und die christliche Nächstenliebe hätten „ein grundsätzliches Leitmotiv der meisten Pflegerinnen“ dargestellt, dem sich „vielfältige Konstellationen von persönlichen Motiven“ (S. 40) anschlossen. Demnach seien „die Krankenpflegerinnen zwischen intrinsischer, mitunter feministischer Motivation und gesellschaftlicher antifeministischer und tradierter Erwartung genährt aus rassistischen Theorien aufgeladen nach Deutsch-Südwestafrika“ (S. 47) gereist.
Neben ihren eigentlichen Aufgaben vor Ort, nämlich der Krankenpflege und Hauswirtschaft, wozu auch die Bereitung der Mahlzeiten und die Bereitung der Wäsche gehörten, hätten sich die Krankenschwestern, laut Anne Roeske, auch mit gesellschaftlichen Erwartungen des Deutschen Kaiserreichs konfrontiert gesehen. So sei die imperiale Ausdehnung des Deutschen Kaiserreichs eng mit dem „weiblichen Kulturimperialismus“ – der deutschen Frau als einem „Kulturwesen“ in Abgrenzung zur indigenen Frau als einem „Naturwesen“ – verknüpft gewesen, also dem Überführen der deutschen Kultur durch die Krankenschwestern in die deutschen Schutzgebiete.
Im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen schließlich die Schwesternbriefe aus der Vereinszeitung „Unter dem roten Kreuz“, die über Anreise, Arbeitsbedingungen und Aufgaben, Zwischenfälle und allgemeine Krankenstationen berichten, im Abgleich von Anspruch, dargestellter Wirklichkeit und dem persönlichen Erleben: Wie gestaltete sich der Alltag der Krankenpflegerinnen in Deutsch-Südwestafrika, welche Aufgaben übernahmen sie tatsächlich vor Ort und dienten sie damit einem vermeintlich auferlegten höherem Ziel?
Nach der Darstellung der Autorin zeichnen die Alltagsbeschreibungen in den Briefen der Krankenpflegerinnen, welche auszugsweise und redigiert beziehungsweise zensiert im Vereinsblatt veröffentlicht wurden, ein komplexes Bild. Allein die Auflistung der krankenpflegerischen Tätigkeiten und aller weiteren Aufgaben, die den Krankenpflegerinnen zufielen, verdeutlichten, dass rein quantitativ ein aufopferndes Maß an Engagement der Pflegerinnen nötig war, um den zugewiesenen Aufgaben einigermaßen zu entsprechen. Aufgrund der ausgewerteten Dokumente hält Anne Roeske hierzu zusammenfassend wörtlich fest: „Tod, Ohnmacht, Überarbeitung, Einsamkeit, klimabedingte Herausforderungen, Mangelverwaltung, Konflikte innerhalb der Schwesternschaft, eigene Krankheiten und mehr gehörten zur Tätigkeit einer Krankenpflegerin in Deutsch-Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ (S. 84). Unterdessen hätte die Leserschaft der Briefe ein subjektiv gefärbtes, zumeist positives Bild der Arbeit vor Ort ohne Kontextualisierung erhalten. Streitigkeiten vor Ort, die Belastung durch Mehrarbeit, die Wohnverhältnisse oder die hierarchischen Verhältnisse seien nur, wenn überhaupt, am Rand erwähnt worden.
Aufgrund ihrer Untersuchung besteht für die Autorin kein Zweifel daran, wie sie in ihren Schlussbetrachtungen festhält, „dass die Krankenpflegerinnen vor Ort [in Deutsch-Südwestafrika] als Instrument von übergeordneten imperialen und rassistischen Ideen fungierten“ (S. 89). Für den Vereinsvorstand seien sie die Eintrittskarte in hohe politische Kreise gewesen. Ihre Einflusssphäre sei aber zu klein und ihre Anzahl zu gering gewesen, um Auswirkung auf die imperiale Idee des Deutschen Kaiserreichs zu haben. Der Verein habe vielmehr ein „Elitenprojekt“ dargestellt, indem nur die wenigsten der Mitglieder – von rund 12.500 waren es letztlich nur 70 Krankenpflegerinnen – tatsächlich in die deutschen Schutzgebiete gingen. Die Pflege der indigenen Bevölkerung habe gezeigt, dass der Dienst im Schutzgebiet „seinen eigenen Regeln folgte beziehungsweise die rassistischen Diskurse des Deutschen Kaiserreichs gar nicht reflektiert wurden“ (S. 90), der Dienst und die Fülle an Aufgaben habe dies oftmals nicht zugelassen.
Ergänzt wird die Darstellung durch einen Anhang mit zehn Aufnahmen aus dem besagten Fotoalbum von Sanitätsrat Dr. Schultze, über dessen Leben und Wirken man sich einige weitergehende Informationen gewünscht hätte. Da es bisher vergleichsweise wenig veröffentlichtes Bildmaterial zum Thema gibt ist es bedauerlich, dass ein Teil der Abbildungen (Nummer 1, 3, 5 und 10) so klein wiedergegeben werden, dass man ohne den Einsatz einer Lupe kaum etwas erkennen kann. Und selbst bei den übrigen Abbildungen (Nummer 2, 4, 6, 7 und 9) wäre es sinnvoll gewesen, auf die großflächigen Passepartouts und breiten Bilderrahmen zugunsten der Bildgröße zu verzichten, zumal letztere keinerlei Erkenntnisgewinne bieten.
Unterdessen ist es vor dem Hintergrund, dass die Anzahl der bislang vorliegenden Studien zur Krankenpflege in den deutschen Kolonien Afrikas an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – hingewiesen sei hier lediglich auf die entsprechenden Arbeiten von Dr. med. Bernhard Naarmann (Münster 1986), Prof. Dr. med. Wolfgang U. Eckart (Paderborn und München 1997) und Dr. phil. Nicole Schweig (Frankfurt am Main 2012) – überschaubar ist, sehr zu begrüßen, dass Anne Roeske sich, gestützt auf Archivalien und zeitgenössische Veröffentlichungen, dem Thema angenommen hat um zu klären, ob und wenn ja in welchem Umfang der Deutsche Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien zu den Imperialismusbestrebungen des Deutschen Kaiserreichs beitrug. Indem sie in ihrem Buch „Zwischen imperialem und persönlichem Anspruch“ auch ausführlich beschreibt, wie sich der krankenpflegerische Alltag der Krankenschwestern in Deutsch-Südwestafrika im Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und persönlicher Erfahrung gestaltete, hat sie zugleich einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Krankenpflege zu Beginn des 20. Jahrhunderts geleistet.
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Norbert Friedrich / Uwe Kaminsky (Hrsg.)
Sebastian Funk, Johannes Karl Staudt (Hrsg.)