Anne Roeske

Mabuse-Verlag Wissenschaft, Band 133 / Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main, 2025, Broschur, 109 Seiten, 23,00 €, ISBN 978-3-86321-747-1

In dem Buch „Zwischen imperialem und persönlichem Anspruch“ geht es um die Beantwortung der Frage, welche Rolle Frauen beziehungsweise die Krankenpflegerinnen unter ihnen, sofern sie dem „Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien“ angehörten, in den Imperialismusbestrebungen des Deutschen Kaiserreichs spielten.

Verfasst wurde die Studie von der Kulturwissenschaftlerin und Historikerin Anne Roeske, Jahrgang 1982, die seit 2024 in Lusaka (der Hauptstadt der Republik Sambia im südlichen Afrika) als Referentin für die Kooperation mit Sambia für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an der Deutschen Botschaft arbeitet.

Die Arbeit basiert auf der Masterarbeit der Autorin, die sie im Dezember 2023 im Fach „Europäische Moderne: Geschichte und Literatur“ an der FernUniversität Hagen unter dem Titel „Die Frau im Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien im Spiegel von imperialistischen Bestrebungen und kolonialen Erfahrungen. Krankenpflegerischer Alltag in Deutsch-Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ vorlegte.

Der schmale Band umfasst nach der Einleitung (S. 7-18) die folgenden drei Kapitel, die ihrerseits in mehrere Unterkapitel unterteilt sind:

  1. Die Organisation der Krankenpflege durch den Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien (S. 19-34),
  2. Die Frau im Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien (S. 35-48),
  3. Alltagserfahrungen der Krankenpflegerinnen in Deutsch-Südwestafrika (S. 49-84).

Ergänzt wir die Darstellung durch „Schlussbetrachtungen“ beziehungsweise eine „Synthese“ (S. 85-91) sowie ein Literaturverzeichnis (S. 93-97) und einen „Anhang“ (S. 99-109).

Angesichts der Schwierigkeit, neue Fachkräfte für Pflegeberufe zu gewinnen, sind die Rolle und der Wert der Krankenpflege heutzutage Inhalt zahlreicher Diskussionen. Doch auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Themen wie Arbeitsumstände, Bezahlung und Wertschätzung dieser Berufsgruppe hochpolitisch, wie Anne Roeske einleitend schreibt. Und so wie heute seien es auch damals zum größten Teil Frauen gewesen, die den Pflegeberuf ergriffen. Vor diesem Hintergrund eruiert sie mit Blick auf die Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) im frühen 20. Jahrhundert, welche Rolle der „Deutsche Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien“ in den Imperialismusbestrebungen des Deutschen Kaiserreichs spielte. Dabei geht die Autorin insbesondere den folgenden Fragen auf den Grund:

Welche Bedeutung hatte der Verein für die strategische Ausrichtung des Deutschen Kaiserreiches?

Worin bestanden die konkreten Aufgaben der Krankenschwestern vor Ort?

Wie füllten die Frauen letztlich die ihnen zugedachte Rolle einschließlich der an sie gestellten Erwartungen aus?

Für ihre Untersuchung hat Anne Roeske im Wesentlichen drei unterschiedliche Quellenarten herangezogen und ausgewertet:

Erstens das fast 40 Doppelseiten umfassende Fotoalbum des Sanitätsrates Dr. Schultze mit dem Titel „Das rote Kreuz in Deutsch-Südwest-Afrika 1904-1907 in Wort und Bild“, das im Hauptarchiv des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin lagert,

Zweitens Akten des Bundesarchivs Berlin im Bestand R 1001 (Lazarettwesen und Krankenpflege in den Kolonien), R 151 (Kaiserliches Gouvernement in Deutsch-Südwestafrika) und R 8023 (Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien),

Drittens die Rubrik „Schwesternbriefe“ der seit 1889 monatlich erscheinenden Vereinszeitung des Frauenvereins „Unter dem roten Kreuz“.

Während ihr das „Fotoalbum von Sanitätsrat Schultze“ zur Veranschaulichung des pflegerischen Alltags in dieser Zeit diente, wertete die Autorin die historischen Akten dahingehend aus, wer Krankenpflegepersonal in die Kolonien mit welchem Ziel sendete und diese finanzierte. Mit Hilfe der Briefe der Krankenpflegerinnen aus den deutschen Kolonien, die an den Vorstand gerichtet waren, rekonstruierte sie schließlich die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten in den Kolonien.

Um zu verstehen, warum sich Frauen im Namen des Deutschen Frauenvereins für Krankenpflege in den Kolonien in die deutschen Schutzgebiete – und zwar nicht nur nach Deutsch-Südwestafrika – zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsenden ließen, setzt Anne Roeske sich im ersten Kapitel zunächst mit dem Verein auseinander, ebenso wie mit den von der Kolonialverwaltung und der Politik erteilten Aufgaben. Wie sie hierbei zeigt, wurde die Gründung des Vereins, der laut Satzung „unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin [Auguste Viktoria]“ stand, „maßgeblich von den großen Linien der gesellschaftspolitischen Prozesse innerhalb des Deutschen Kaiserreiches beeinflusst.“ Zudem habe er „mit dem Entstehen des Roten Kreuzes einen internationalen Anknüpfungspunkt“ (S. 23) gehabt. Da die deutschen kolonialen Territorien zunehmend von Siedlern und Handelstreibenden entdeckt worden seien und der Kolonialerwerb oft blutig erfolgte, seien die Schutzgebiete zügig für die Tätigkeit des Deutschen Frauenvereins für Krankenpflege in den Kolonien – der aus dem 1887, im Gründungsjahr der „Deutschen Kolonialgesellschaft“, ins Leben gerufenen „Deutschnationalen Frauenbund“ hervorgegangen war – interessant geworden.

Wie die Autorin nachweist, gab es eine enge Verflechtung zwischen den Verwaltungsstrukturen des Deutschen Kaiserreiches und dem Deutschen Verein für Krankenpflege in den Kolonien. Angeworben über Zeitungsannoncen, Fotovorträge, Basare und Ausstellungen habe der Deutsche Frauenverein die Schwestern für eine Verwendung in Deutsch-Südwestafrika (und den anderen Schutzgebieten) ausgewählt, nachdem der Bedarf vom Gouvernement vor Ort an das Reichskolonialamt gemeldet wurde. Zu den Verflechtungen zwischen den staatlichen Strukturen und den Strukturen des Frauenvereins hält Anne Roeske sodann wörtlich fest: „Der Deutsche Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien wird quasi zu einem der Erfüllungsgehilfen der imperialen Idee; mindestens aber zu einer legitimierten Stütze.“ Demnach habe die Mitgliedschaft im Verein den Frauen die Möglichkeit gegeben, an Glanz und Glorie des wilhelminischen Militarismus teilzuhaben: „Wenngleich die direkte Einflusssphäre in den Krankenhäusern und Lazaretten von Deutsch-Südwestafrika klein gewesen sein dürfte, wird in der Verflechtung von Organisationen eine Interdependenz offenbar, von der sowohl der privat organisierte Verein als auch die imperiale Idee des Deutschen Kaiserreichs profitierten“ (S. 29).

Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht neben einer Betrachtung der Motive des vornehmlich weiblichen Vorstands, überhaupt einen Frauenverein zu gründen, die Beantwortung der Frage, warum Krankenpflegerinnen dem Verein beitraten, um in das Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika auszureisen. Nach Ansicht der Autorin waren die Gründe für eine Bewerbung zum Dienst in Deutsch-Südwestafrika „divers“. Großherzigkeit und die christliche Nächstenliebe hätten „ein grundsätzliches Leitmotiv der meisten Pflegerinnen“ dargestellt, dem sich „vielfältige Konstellationen von persönlichen Motiven“ (S. 40) anschlossen. Demnach seien „die Krankenpflegerinnen zwischen intrinsischer, mitunter feministischer Motivation und gesellschaftlicher antifeministischer und tradierter Erwartung genährt aus rassistischen Theorien aufgeladen nach Deutsch-Südwestafrika“ (S. 47) gereist.

Neben ihren eigentlichen Aufgaben vor Ort, nämlich der Krankenpflege und Hauswirtschaft, wozu auch die Bereitung der Mahlzeiten und die Bereitung der Wäsche gehörten, hätten sich die Krankenschwestern, laut Anne Roeske, auch mit gesellschaftlichen Erwartungen des Deutschen Kaiserreichs konfrontiert gesehen. So sei die imperiale Ausdehnung des Deutschen Kaiserreichs eng mit dem „weiblichen Kulturimperialismus“ – der deutschen Frau als einem „Kulturwesen“ in Abgrenzung zur indigenen Frau als einem „Naturwesen“ – verknüpft gewesen, also dem Überführen der deutschen Kultur durch die Krankenschwestern in die deutschen Schutzgebiete.

Im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen schließlich die Schwesternbriefe aus der Vereinszeitung „Unter dem roten Kreuz“, die über Anreise, Arbeitsbedingungen und Aufgaben, Zwischenfälle und allgemeine Krankenstationen berichten, im Abgleich von Anspruch, dargestellter Wirklichkeit und dem persönlichen Erleben: Wie gestaltete sich der Alltag der Krankenpflegerinnen in Deutsch-Südwestafrika, welche Aufgaben übernahmen sie tatsächlich vor Ort und dienten sie damit einem vermeintlich auferlegten höherem Ziel?

Nach der Darstellung der Autorin zeichnen die Alltagsbeschreibungen in den Briefen der Krankenpflegerinnen, welche auszugsweise und redigiert beziehungsweise zensiert im Vereinsblatt veröffentlicht wurden, ein komplexes Bild. Allein die Auflistung der krankenpflegerischen Tätigkeiten und aller weiteren Aufgaben, die den Krankenpflegerinnen zufielen, verdeutlichten, dass rein quantitativ ein aufopferndes Maß an Engagement der Pflegerinnen nötig war, um den zugewiesenen Aufgaben einigermaßen zu entsprechen. Aufgrund der ausgewerteten Dokumente hält Anne Roeske hierzu zusammenfassend wörtlich fest: „Tod, Ohnmacht, Überarbeitung, Einsamkeit, klimabedingte Herausforderungen, Mangelverwaltung, Konflikte innerhalb der Schwesternschaft, eigene Krankheiten und mehr gehörten zur Tätigkeit einer Krankenpflegerin in Deutsch-Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ (S. 84). Unterdessen hätte die Leserschaft der Briefe ein subjektiv gefärbtes, zumeist positives Bild der Arbeit vor Ort ohne Kontextualisierung erhalten. Streitigkeiten vor Ort, die Belastung durch Mehrarbeit, die Wohnverhältnisse oder die hierarchischen Verhältnisse seien nur, wenn überhaupt, am Rand erwähnt worden.

Aufgrund ihrer Untersuchung besteht für die Autorin kein Zweifel daran, wie sie in ihren Schlussbetrachtungen festhält, „dass die Krankenpflegerinnen vor Ort [in Deutsch-Südwestafrika] als Instrument von übergeordneten imperialen und rassistischen Ideen fungierten“ (S. 89). Für den Vereinsvorstand seien sie die Eintrittskarte in hohe politische Kreise gewesen. Ihre Einflusssphäre sei aber zu klein und ihre Anzahl zu gering gewesen, um Auswirkung auf die imperiale Idee des Deutschen Kaiserreichs zu haben. Der Verein habe vielmehr ein „Elitenprojekt“ dargestellt, indem nur die wenigsten der Mitglieder – von rund 12.500 waren es letztlich nur 70 Krankenpflegerinnen – tatsächlich in die deutschen Schutzgebiete gingen. Die Pflege der indigenen Bevölkerung habe gezeigt, dass der Dienst im Schutzgebiet „seinen eigenen Regeln folgte beziehungsweise die rassistischen Diskurse des Deutschen Kaiserreichs gar nicht reflektiert wurden“ (S. 90), der Dienst und die Fülle an Aufgaben habe dies oftmals nicht zugelassen.

Ergänzt wird die Darstellung durch einen Anhang mit zehn Aufnahmen aus dem besagten Fotoalbum von Sanitätsrat Dr. Schultze, über dessen Leben und Wirken man sich einige weitergehende Informationen gewünscht hätte. Da es bisher vergleichsweise wenig veröffentlichtes Bildmaterial zum Thema gibt ist es bedauerlich, dass ein Teil der Abbildungen (Nummer 1, 3, 5 und 10) so klein wiedergegeben werden, dass man ohne den Einsatz einer Lupe kaum etwas erkennen kann. Und selbst bei den übrigen Abbildungen (Nummer 2, 4, 6, 7 und 9) wäre es sinnvoll gewesen, auf die großflächigen Passepartouts und breiten Bilderrahmen zugunsten der Bildgröße zu verzichten, zumal letztere keinerlei Erkenntnisgewinne bieten.

Unterdessen ist es vor dem Hintergrund, dass die Anzahl der bislang vorliegenden Studien zur Krankenpflege in den deutschen Kolonien Afrikas an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – hingewiesen sei hier lediglich auf die entsprechenden Arbeiten von Dr. med. Bernhard Naarmann (Münster 1986), Prof. Dr. med. Wolfgang U. Eckart (Paderborn und München 1997) und Dr. phil. Nicole Schweig (Frankfurt am Main 2012) – überschaubar ist, sehr zu begrüßen, dass Anne Roeske sich, gestützt auf Archivalien und zeitgenössische Veröffentlichungen, dem Thema angenommen hat um zu klären, ob und wenn ja in welchem Umfang der Deutsche Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien zu den Imperialismusbestrebungen des Deutschen Kaiserreichs beitrug. Indem sie in ihrem Buch „Zwischen imperialem und persönlichem Anspruch“ auch ausführlich beschreibt, wie sich der krankenpflegerische Alltag der Krankenschwestern in Deutsch-Südwestafrika im Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und persönlicher Erfahrung gestaltete, hat sie zugleich einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Krankenpflege zu Beginn des 20. Jahrhunderts geleistet.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Norbert Friedrich / Uwe Kaminsky (Hrsg.)

K-West Verlag, Essen, 2022, 191 Seiten, Broschur, 14,95 €, ISBN: 978-3-948365-18-9

Das Buch „Im Mittelpunkt steht der Mensch“ widmet sich in Einzelbeiträgen der Entwicklung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung in der Kaiserswerther Diakonie von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Für die Herausgabe des Sammelbandes zeichnen sich Norbert Friedrich und Uwe Kaminsky verantwortlich.

Der Historiker und evangelische Theologe Norbert Friedrich (Jahrgang 1962) wurde 1996 an der Ruhr-Universität Bochum mit einer kirchengeschichtlichen Arbeit über den Theologen und Politiker Reinhard Mumm (1873-1932) zum Dr. phil. promoviert. Seit 2002 Vorstand der Fliedner-Kulturstiftung in Düsseldorf-Kaiserswerth baute er dort das erste Museum zur Geschichte der Krankenpflege auf. Heute wirkt er (seit 2022) zudem als Honorarprofessor an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, wo er Ethik und Geschichte der sozialen Professionen lehrt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten, Kirchliche Zeitgeschichte, Diakoniegeschichte, Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie Geschichte des sozialen Protestantismus, veröffentlichte er eine Vielzahl von Publikationen, darunter die Monografien „In guten Händen. Menschen in der Kaiserswerther Diakonie“ (Düsseldorf 2005), „Der Kaiserswerther. Wie Theodor Fliedner Frauen einen Beruf gab“ (Berlin 2010) und „Pflegemuseum Kaiserswerth. Katalog zur Dauerausstellung“ (Essen 2013).

Zu den Forschungsschwerpunkten des Historikers Uwe Kaminsky (Jahrgang 1962), der 1994 an der Universität Essen mit der Arbeit „Zwangssterilisation und ‚Euthanasie’ im Rheinland. Evangelische Erziehungsanstalten sowie Heil- und Pflegeanstalten 1933-1945“ zum Dr. phil. promoviert wurde, gehören die Geschichte der Eugenik und der NS-„Euthanasie“, die Missionsgeschichte und die Geschichte der Heimerziehung. Seit 2021 im Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Berliner Charité tätig, seien von seinen zahlreichen Publikationen hier lediglich die beiden neueren Buchbeiträge „Sterilisation und NS-‚Euthanasie‘. Marginalisierung und Notstandsdenken“ (2021) und „Tabuisierung und Gewalt. Sexualisierte Gewalt in der konfessionellen Heimerziehung der 1950er und 1960er-Jahre“ (2022) sowie die (gemeinsam mit Katharina Klöcker) veröffentlichte Monographie „Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz-Sales-Hauses. Historische Klärungen – Ethische Perspektiven“ (Münster 2020) genannt.

Zu dem Buch, dessen Drucklegung finanziell durch die Förderstiftung der Kaiserswerther Diakonie (https://www.kaiserswerther-diakonie.de) ermöglicht wurde, haben neben den Herausgebern auch Ulrich Fuchs, Michael Schmidt-Degenhard, Joachim Cordes, Thomas Behlmer, Holger Schmitte und Katja Weidling Beiträge beigesteuert.

Nach dem Vorwort (S. 7-89) gliedert sich das übersichtlich gegliederte Buch in die beiden Teile „Zur Geschichte“ (S. 10-123) sowie „Erinnerungen und Erfahrungen“ (S. 124-156) mit jeweils drei Beiträgen, die durch einen „Anhang“ (S. 159-191) mit einer Zeitleiste zur Geschichte, Anmerkungen sowie Quellen und Literatur ergänzt werden.

In ihrem Vorwort weisen Norbert Friedrich und Uwe Kaminsky darauf hin, dass es von den kleinen Anfängen in einer ehemaligen Kaserne, wo ein fachlich nicht explizit ausgebildeter Arzt die Patientinnen nebenamtlich betreute, bis zur heutigen „Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik“ am Florence-Nightingale-Krankenhaus (https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/klinik-fuer-psychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/) der Kaiserswerther Diakonie ein weiter Weg von mittlerweile (2022) 170 Jahren war. Zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung halten sie sodann wörtlich fest: „Das vorliegende Buch nimmt diesen Weg in den Blick und beschreibt, angereichert mit vielen Quellen und Bildern, die Entwicklung der Klinik von einer kleinen ‚Heilanstalt‘ nur für Frauen hin zu einer ausdifferenzierten und qualifizierten Einrichtung, die einen unverzichtbaren Anteil an der medizinischen und psychiatrischen Versorgung über Düsseldorf hinaus leistet. Neben der Darstellung der Geschichte, die sich einer umfassenden Betrachtung der gesamten Einrichtung verpflichtet weiß und von der Baugeschichte über die Behandlungsmethoden bis zum Personal und den Patientinnen reicht (Patienten gibt es erst seit 1977), setzt das Buch einige besondere Akzente. Dies ist zum einen die sozialpsychiatrische Arbeit der Kaiserswerther Diakonie, die seit den 1970er Jahren eng mit der Klinik verknüpft ist, zum anderen die pflegerische Arbeit in Geschichte und Gegenwart“ (S. 7).

Der erste Teil des Buches beginnt mit dem Beitrag von Uwe Kaminsky und Norbert Friedrich „Die Kaiserswerther Heilanstalt von ihrer Gründung 1852 bis zur Psychiatriereform zu Beginn der 1990er Jahre“ (S. 10-99), in dem sie nicht nur die Geschichte der Einrichtung seit ihrer Gründung nachzeichnen, sondern zugleich auch eine umfangreiche Sammlung relevanter zeitgenössischer Quellen – Texte ebenso wie Pläne und Fotografien – präsentieren.

In ihrem anschließenden Beitrag „Die Tradition mit neuen Herausforderungen verbinden“ (S. 100-117), der nachfolgend inhaltlich kurz skizziert sei, setzen Holger Schmitte und Katja Weidling sich mit der Entwicklung der psychiatrischen Pflege in der Kaiserswerther Diakonie im Wandel der Zeit auseinander. Wie sie hierbei zeigen, änderten sich die Tätigkeitsschwerpunkte der psychiatrisch Pflegenden in der Kaiserswerther Diakonie im Laufe der Jahre „immer wieder“. Ausschlaggebend hierfür seien beispielsweise gesetzliche Novellierungen oder Führungswechsel gewesen. So habe sich auch das Aufgabenspektrum der Pflegenden im Laufe der Zeit „zunehmend in Richtung therapeutischer Tätigkeiten“ gewandelt und „stark mit anderen Berufsgruppen vermischt.“ Unterdessen werde das Potential der Pflege, welches in der kontinuierlichen und permanenten 24-stündigen Beziehungsarbeit liegt, „heute deutlicher erkannt und geschätzt.“ Zugleich betonen die Autor:innen, dass allen äußeren Veränderungen zum Trotz „der besondere Wert des sogenannten ‚Kaiserswerther Geistes‘ bewahrt“ worden sei. Hierzu halten sie wörtlich fest: „Dieser Geist drückt sich in der wertschätzenden, personenzentrierten, respektvollen und hochprofessionellen Haltung der Mitarbeitenden aus. Die Individualität, Zugewandtheit, die Einsatzbereitschaft, das Engagement, die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben und der Fokus auf die Beziehungsarbeit sind kennzeichnend für die Psychiatrische Pflege in der Kaiserswerther Diakonie“ (S. 114).

Den Pflegenden sei es eine Herzensangelegenheit, ein Milieu und dadurch eine Atmosphäre zu schaffen, in dem Patient:innen genesen können. Im Hinblick auf die Zukunft müsse sich die Psychiatrische Pflege einerseits auf ihre Kernkompetenz Beziehungsarbeit konzentrieren; andererseits müsse diese Kernkompetenz ausgebaut, weiter pflegewissenschaftlich fundiert und entwickelt werden. Weitere Aufgaben seien der Ausbau evidenzbasierter spezifischer Interventionen und die Verstärkung der Außenorientierung. Die Herausforderungen der Gegenwart bestehen nach Holger Schmitte und Katja Weidling vor allem darin, „traditionelle pflegerische Haltungen mit der mittlerweile etablierten Wissenschaftlichkeit der Pflege zu verbinden“ (S. 116).

In einem weiteren Beitrag stellen Norbert Friedrich und Thomas Behlmer schließlich den „Beginn und die Entwicklung der Sozialpsychiatrie“ (S. 118-123) vor.

Im zweiten Teil des Buches kommen zunächst die beiden ehemaligen Chefärzte Dr. med. Ulrich Fuchs und Prof. Dr. med. Michael Schmidt-Degenhard (1953-2020) zu Wort, die sich in ihren Beiträgen „Meine Erfahrungen 1975-2003“ (S. 124-129) und „Erfahrungen 2003-2018“ (S. 130-140) auf persönliche und konzeptionelle Überlegungen konzentrieren. Demgegenüber schaut der heutige Chefarzt, Prof. Dr. med. Joachim Cordes, in seinem Beitrag „Ein arbeitnehmerfreundliches Krankenhaus mit hoher Behandlungsqualität als Leitbild“ (S. 142-156) auf die Gegenwart und die Zukunft der Klinik.

Ihr 170-jähriges Bestehen im Jahre 2022 nahm die „Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik“ am Florence-Nightingale-Krankenhaus zum Anlass, die Historie dieser ältesten bestehenden psychiatrischen Klinik in Düsseldorf zu reflektieren. Zu dem nun vorliegenden Buch „Im Mittelpunkt steht der Mensch“ kann man nur allen Beteiligten herzlich gratulieren. Die Herausgabe des Sammelbandes, der tiefe Einblicke in die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in der Kaiserswerther Diakonie gewährt, ist dabei um so begrüßenswerter, als die letzte umfassende, eigenständige Monographie zur Klinikentwicklung der ersten 50 Jahre von Dr. med. Max Tippel (1860-1912), dem damaligen Chefarzt, im Verlag der Diakonissen-Anstalt 1902 veröffentlicht wurde. Wer sich für Medizin- und Pflegegeschichte interessiert, wird das wissenschaftlich fundierte und mit zahlreichen Abbildungen ausgestattete Buch in jedem Fall mit großem Genuss lesen. Die darin zahlreich präsentierten Dokumente können in Studium und Ausbildung nützliche Dienste leisten.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Sebastian Funk, Johannes Karl Staudt (Hrsg.)

Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 11 / AVM – Akademische Verlagsgesellschaft München, München, 2024, Festeinband mit Fadenbindung, 733 Seiten, 39,00 €, ISBN: 978-3-95477-172-1

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden chronisch kranke oder als erholungsbedürftig angesehene Kinder ohne ihre Eltern zu mehrwöchigen Kuraufenthalten in konzessionierte Kindererholungsheime oder Kinderkliniken verbracht. Bei dieser „Kinderverschickung“ – nicht zu verwechseln mit der im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) praktizierten „Kinderlandverschickung“, im Rahmen derer Kinder und Jugendliche zum Schutz vor Bombenangriffen aus den Großstätten in ländliche Räume evakuiert wurden – handelte es sich um eine gesetzlich geregelte Gesundheitsmaßnahme im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe, die weit verbreitet war. Zu den entsprechenden Einrichtungen gehörte auch das „Haus Hohenbaden“, das im Jahre 1906 auf Initiative und mit Unterstützung der badischen Großherzogin Luise von Baden (1838-1923) durch den Architekten Friedrich Ratzel (1869-1907) erbaute „Kindersolbad“ des 1859 gegründeten Badischen Frauenvereins (ab 1889 als Teil des Badischen Landesvereins vom Roten Kreuz) in Dürrheim (seit 1921 Bad Dürrheim), zwischen dem südlichen Schwarzwald und der Schwäbischen Alb gelegen. Kamen in den Anfangsjahren jährlich knapp 900 Kinder-Kurgäste, waren es in den 1950er-Jahren zwischen 2.500 und 3.000. Das „Haus Hohenbaden“, das seinen Kurbetrieb 2004 aufgrund der gesunkenen Belegungszahlen im Verlauf der Gesundheitsreformen einstellte, war als DRK-Kindersolbad lange Zeit eine der führenden Einrichtungen des deutschen Kinderkurwesens. Von 1949 bis 1980 waren es rund 80.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen vier und 14 Jahren aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland, die über ihre Ärztinnen und Ärzte, Behörden, Unternehmen, Versicherungen und Wohlfahrtsverbände, aber auch privat von ihren Eltern zu mehrwöchigen Erholungsaufenthalten in die Einrichtung vermittelt wurden.

In Folge der zivilgesellschaftlichen Debatten um das Leid vieler Heimkinder in den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland rückte in den späten 2010er Jahren auch das bis dahin weitgehend ignorierte Kapitel der „Kinderverschickung“ und die damit verbundenen schweren Missbrauchsvorwürfe in den Fokus der Öffentlichkeit. Nachdem Medienberichte vermuten ließen, dass es auch im von Haus Hohenbaden, dem DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim – einer der größten Kinderkurkliniken in Deutschland – zu Gewalt, sexuellem Missbrauch und Medikamentenversuchen an Kindern gekommen war, beauftragte der DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz e. V. als ehemaliger Träger der Einrichtung im Jahr 2021 die beiden Historiker Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt damit, das verbandsintern überlieferte Schriftgut zu diesem Thema zu sichten, auszuwerten und für die weitere Erforschung zu erschließen.

Zur Bedeutung und Intention ihrer gut 700 Seiten umfassenden Veröffentlichung, die sich in jeder Beziehung sehen lassen kann und hier kurz vorgestellt sei, schreiben Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt einleitend: „Mit der vorliegenden Edition möchten die Herausgeber gleichermaßen das noch erhaltene Quellenmaterial zum DRK-Kindersolbad in Bad Dürrheim für die weitere wissenschaftliche Erforschung erschließen und den Betroffenen auf transparente Weise zugänglich machen, über welche Dokumente und Informationen der Landesverband Badisches Rotes Kreuz e. V. heute noch intern verfügt“ (S. 12).

Das Buch, das als Band 11 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e. V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von Petra Liebner, Rainer Schlösser, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“ erscheint, ist in die folgenden drei Bereiche unterteilt:

  • Einleitung (S. 7-68),
  • Vorstands- und Präsidiumsprotokolle – Auszüge betreffend das DRK-Kindersolbad im Haus Hohenbaden, Bad Dürrheim (S. 69-388),
  • Anlagen (S. 389-722).

Erschlossen wird der Band durch ein „Verzeichnis der Vorstands- und Präsidiumsprotokolle“ (S. 723-727) in chronologischer Reihenfolge von 1949 bis 1982 und ein „Verzeichnis der Anlagen“ (S. 727-733), wobei letzteres in die Bereiche „Aus dem Haus Hohenbaden“, „Innerer Aufbau und strategische Entwicklung“, „Chefarzt-Frage und leitendes Personal“, „Bauplanung“ und „Miszellen“ untergliedert ist.

Die überlieferten Dokumente werden durchgehend im Wortlaut wiedergegeben, wobei sie so angeordnet sind, dass jeweils im Zeitverlauf sichtbar wird, wie sich der Umgang des Präsidiums mit dem DRK-Kindersolbad entwickelte, welche Dokumente aus dem Haus Hohenbaden selbst überliefert sind, und in welchen zentralen Themenkomplexen Gegenwart und Zukunft der Einrichtung diskutiert wurden.

Zur Einordnung der Einrichtung haben Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt unter der Überschrift „Kinderkuren und das Haus Hohenbaden“ (S. 13-65) dem Quellenkorpus eine – auf Grundlage der vorliegenden und ausgewählten archivalischen Quellen erarbeitete – Darstellung der Geschichte des DRK-Kindersolbads vorangestellt. Darin weisen sie zunächst darauf hin, dass die Einrichtung im weiten Spektrum der Erholungs- und Heilfürsorge dezidiert eine medizinische Behandlung zum Zweck hatte. Als solche sei sie im Laufe der Zeit „zu einem der größten und fachlich kompetentesten Häuser seiner Art in Deutschland“ (S. 45) avanciert.

Mit dem Kinderarzt Dr. med. Hans Kleinschmidt (1905-1999), der seit 1937 in der Einrichtung arbeitete und von 1959 bis 1973 deren Ärztlicher Direktor war, sei das DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim von einem Chefarzt mit einer einschlägigen nationalsozialistischen Biographie geleitet worden.

Nach Ansicht der Herausgeber hat das Badische Rote Kreuz mit Haus Hohenbaden als eine Form der Hilfeleistung für Kranke, insbesondere aus kleinbürgerlichen und proletarischen Milieus, ein „genuines Friedensziel der Rotkreuzbewegung“ verfolgt. Infolgedessen sei die „Kinderverschickung“ im Badischen Roten Kreuz nie grundsätzlich in Frage gestellt worden. Unterdessen habe das Staatliche Gesundheitsamt Villingen seine Aufsichtspflicht zwar „durchaus gewissenhaft“ wahrgenommen und „gezielt auf Krisensituationen wie auch auf Beschwerden“ reagiert, sich dabei allerdings nur auf die formalen Anforderungen an die Ausstattung und den Betrieb des DRK-Kindersolbads beschränkt, „denn die Praxis der vorgenommenen Heilbehandlungen waren ebenso wenig Gegenstand seiner Prüfungen wie die pflegerische und pädagogische Praxis“ (S. 49).

Aufgrund der von ihnen ausgewerteten Dokumente besteht für Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt kein Zweifel daran, dass es im DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim zu verschiedenen Formen des Machtmissbrauchs kam, in jedem Fall zu spontanen Gewaltausbrüchen aus Überforderung, zum gezielten Einsatz (exzessiver) Gewalt zur Unterdrückung individueller Persönlichkeitsentfaltung und zum vorsätzlichen Missbrauch durch heimliche Medikamentenversuche. Insofern würden „die Berichte ehemaliger Verschickungskinder über verschiedene Gewalt- und Missbrauchserfahrungen in ihrer Substanz die Realität des Kuralltags in Bad Dürrheim widerspiegeln“ (S. 52).

Bleibt festzuhalten, dass der DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz e. V. als Rechtsnachfolger des Landesverbandes Südbaden e. V. im Rahmen der Aufarbeitung des Leids der ehemaligen „Verschickungskinder“ seine Verantwortung erkannt und die vorliegende Edition über das Haus Hohenbaden bei unabhängigen Experten in Auftrag gegeben und das entsprechende Quellenmaterial für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Mit Hilfe der Dokumentation kann das Verhältnis und die Interaktion zwischen einer Kinderkurklinik und ihrer Trägergesellschaft von der Nachkriegszeit bis zum Ende der reinen Kinderkuren systematisch und transparent untersucht werden. Die Veröffentlichung ist dabei umso mehr zu begrüßen, als die histographische Erforschung des Kinderkurwesens im Allgemeinen erst in den Anfängen begriffen ist.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling