Elena Henseler

Historisch-politische Bildung in der Pflege

Ein Lehr-Lern-Konzept zur NS-„Euthanasie“

(Young academics – Perspektiven auf Pflege, Band 5)
Tectum Verlag, Baden-Baden, 2025, Broschur, 151 Seiten, 39,90 €, ISBN 978-3-689-00416-3

In ihrem Buch „Historisch-politische Bildung in der Pflege“ stellt die Gesundheits- und Pflegepädagogin (M.A.) Elena Henseler, die sich mit der Thematik bereits während ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin beziehungsweise einem damit verbundenen Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem (Israel) beschäftigte, ein Lehr-Lern-Konzept zur NS-„Euthanasie“ vor. Die Veröffentlichung, bei der es sich um ihre der Technischen Hochschule Deggendorf vorgelegten Masterarbeit handelt, erscheint als Band 5 der von Prof. Dr. Sabine Ursula Nover (Professur für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Akut- und Langzeitpflege an der Universität Koblenz), Prof. Dr. Renate Stemmer (Professur für Pflegewissenschaft und Pflegemanagement an der Katholischen Fachhochschule Mainz) und Prof. Dr. Michael Bossle (Professor für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf) herausgegebenen Reihe „Young academics – Perspektiven auf Pflege“.

Ausgehend von der Tatsache, dass sich während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933-1945) auch Pflegende aktiv an der NS-„Euthanasie“ beteiligten, leitet die Autorin, die derzeit zum Team der „Schule für Pflegeberufe des Katholischen Klinikums Koblenz – Montabaur“ (https://www.bildungscampus-koblenz.de/bick/ansprechpartner/personen/Henseler-Elena.php) gehört, aus den Aussagen von Zeug:innen in der Hadamar-Hauptprozessakte von 1947 Lernanlässe ab und entwickelt daraus – vorrangig am außerschulischen Lernort Gedenkstätte Hadamar (im hessischen Landkreis Limburg-Weilburg gelegen) – ein Lehr-Lern-Konzept für die generalistische Pflegeausbildung. Dabei sollen die Pflegeauszubildenden, anstatt die moralische Verurteilung der damaligen Taten in den Mittelpunkt zu stellen, anhand von diesem Konzept lernen, Bezüge aus der Geschichte zur eigenen beruflichen, persönlichen und gesellschaftlichen Verantwortung herzustellen. Historisch-politische Bildung dient hierbei als Werkzeug, um eine professionelle, ethisch verantwortungsvolle Haltung zu entwickeln und die politische Willensbildung im Pflegeberuf zu stärken.

Das Buch zeigt einen klaren Aufbau. Nach einem Vorwort (S. V-VII) von Michael Bossle stellt Elena Henseler im Anschluss an ihre Einleitung zu „Relevanz und Hinführung zum Thema“ (S. 1-5) den „Bildungstheoretischen Hintergrund“ (S. 9-27) vor, wobei sie sich insbesondere mit den Bildungszielen und der Gestaltung des Lernens und Lehrens in der beruflichen Bildung sowie mit der Relevanz der politischen Bildung in der generalistischen Pflegebildung auseinandersetzt. Im anschließenden Kapitel „Forschungsstand und Aufarbeitung“ (S. 29-46) nimmt die Autorin zunächst pflegepädagogische Angebote der historisch-politischen Bildung am Beispiel der NS-„Euthanasie“ innerhalb der Gedenkstättenpädagogik in den Blick, bevor sie den Lerngegenstand „Die Krankenmorde im Nationalsozialismus“ und die „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ näher betrachtet. An die Hinweise zum „empirischen Forschungsvorgehen und der Methodik“ (S. 47-53) schließt sie ihre „Ergebnisse“ (S. 55-113) an, aufgeteilt in Erkenntnisse aus der Archivrecherche am Lern- und Gedenkort Hadamar, die Gedenkstätte Hadamar als pflegespezifischer Lern- und Gedenkort, Ablaufschema des Durchführungstages des Lehr-Lern-Konzeptes am außerschulischen Lern- und Gedenkort Hadamar sowie weitere Anregungen zur didaktisch-methodischen Umsetzung. Nach der inhaltlichen und methodischen „Diskussion“ (S. 115-130) gibt es einen „Ausblick“ (S. 131-133) mit Implikationen für die Praxis und Wissenschaft sowie das „Fazit“ (S. 135-136).

In seinem Vorwort weist Michael Bossle auf die systematische Ermordung psychisch erkrankter Menschen in insgesamt sechs Tötungsanstalten während der NS-Zeit hin, wobei diesem, auch als „T4-Aktion“ bekannten Massenmord mehr als 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Zu den Täterinnen und Tätern der Tötungsanstalt Hadamar, in der zwischen dem 13. Januar 1941 und dem 21. August 1941 über 10.000 Menschen mit Kohlenmonoxidgas getötet wurden, gehörten neben den Ärzten auch Pflegepersonen, die die ihnen anvertrauten Menschen getäuscht, bei der Ermordung assistiert und damit proaktiv mitwirkten. Gedenkstätten wie Hadamar seien aus diesem Grund in der Gegenwart ein wichtiger Bezugspunkt für Pflegebildung. Mit der vorliegenden „imponierenden Arbeit“ habe Elena Henseler „einen Meilenstein für pflegepädagogische Lernangebote in Verbindung mit dem Lernort Gedenkstätte Hadamar“ vorgelegt. Dabei analysiere sie, welche Lernanlässe im Zusammenhang mit historisch-politischer Bildung für die generalistische Pflegeausbildung exemplarisch sind, um darauf aufbauend plausibel, verständlich und inhaltlich markant ein entsprechendes Lehr-Lern-Konzept zu entwerfen. Zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung hält Michael Bossle sodann wörtlich fest: „Elena Henseler gelingt eine herausragende Masterthesis, die durch Umfang, Theoriestärke und pädagogische Plausibilität besticht. Mit ihrer Arbeit schließt sie für das Kapitel NS-Euthanasie und Pflegeausbildung eine wichtige regionale Lücke. In der Erarbeitung konsequent, sprachlich eloquent und lesefreundlich, bereitet Frau Henseler aus pflegepädagogischer Sicht ein geschichtliches Thema auf, das insbesondere bei tabuisierten und / oder ethischen Lernanlässen für die Ausbildung oder Studium bestens geeignet und nutzbar ist“ (S. VII).

Vor dem Hintergrund der gezielten Auswahl und Ermordung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten während der Zeit des Nationalsozialismus, macht die Autorin in ihrer Einleitung darauf aufmerksam, dass eine Auseinandersetzung mit der Pflegegeschichte, insbesondere mit dem Kapitel der NS-‚Euthanasie’, ein unerlässlicher Bestandteil der historisch-politischen Bildung angehender Pflegefachpersonen ist. Diese damals durchgeführten Verbrechen gegen die Menschlichkeit müssten im Rahmen der Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur verarbeitet werden, um das kritische Denken zu fördern und die Reflexion über diese Zeit und das Bewusstsein für die Gefahren menschenfeindlicher und antidemokratischer Ideologien für die Gegenwart und für die Zukunft zu schärfen. Hierzu schreibt sie wörtlich weiter: „Mit gesicherten Kenntnissen der Vergangenheit können Situationen der Gegenwart nachvollzogen und ein kritisches und wachsames Berufsverständnis gefördert werden. Innerhalb der Pflegeausbildung ist es besonders wichtig, die Auszubildenden die Geschichte erfahren zu lassen, um ethische und moralische Fragestellungen herauszukristallisieren und um die Relevanz für unser heutiges demokratisches Zusammenleben zu
beleuchten“ (S. 2).

Dementsprechend möchte Elena Henseler mit der vorliegenden, insbesondere an Pädagogen und Pädagoginnen im Gesundheits- und Pflegebereich gerichtete Studie „einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Pflegepädagogik in Bezug auf politische Bildung am Beispiel der Mordpolitik im Rahmen der NS-‚Euthanasie’ ermöglichen und aufzeigen, wie dies in der praktischen Arbeit umgesetzt werden kann, um Auszubildende in ihrer politischen Willensbildung und ihrer Meinungsbildung zu stärken“ (S. 4). Zudem möchte sie dazu beitragen, das demokratische Miteinander unserer freien und offenen Gesellschaft zu schützen und zu stärken.

Im ersten Kapitel stellt die Autorin das Forschungsziel und die Forschungsfrage vor. Demnach möchte sie „aufzeigen, wie historisch-politische Bildung am Beispiel des Lerngegenstandes ‚Krankenmorde während der NS-Zeit’, innerhalb der generalistischen Pflegeausbildung stattfinden kann.“ Dies soll vorrangig am außerschulischen Lernort Gedenkstätte Hadamar umgesetzt werden, „um im Rahmen einer kritischen Betrachtung der Pflegegeschichte der NS-‚Euthanasie‘, eine politische Willensbildung durch Reflexion anzubahnen und eine Haltungsbildung im Pflegekontext und eingebettet im Gesundheitssystem zu erreichen“ (S. 7).

Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels stehen bildungstheoretische Grundlagen, wobei Elena Henseler einen Überblick über die Bildungsziele in der Berufsbildung in Deutschland, der Pflegeausbildung und der Relevanz von politischer Bildung gibt. Davon ausgehend, dass sich der Pflegeberuf politisch fremdbestimmen lässt, sollten „Lernende bereits während der Ausbildung für politische Themen sensibilisiert werden, um Voraussetzungen für die Mündigkeit und Urteilsfähigkeit zu schaffen, um eine politische Willensbildung anzuregen und so dem Phänomen einer weiter um sich greifenden politischen Lethargie der Pflegeberufe entgegenzuwirken“ (S. 20). Im Hinblick auf die Gedenkstättenpädagogik sollte demnach eine Annäherung nicht nur in „historischer, sondern explizit (in) historisch-politischer Bildung stattfinden“ (S. 26).

Der im dritten Kapitel vorgestellte Forschungsstand zur vorliegenden Untersuchung basiert auf einer systematischen Literaturrecherche mit deren Hilfe die Autorin zeigt, dass die Pflegenden in der NS-Zeit „einen aktiven Anteil an der Ermordung von hunderttausenden Kindern, Erwachsenen und alten Menschen“ (S. 45) hatten. Warum bei ihrer Recherche allerdings die Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege. Das wissenschaftliche Journal für historische Forschung der Pflegeberufe und der nicht-ärztlichen Berufe“ (seit 2021 „Geschichte der Gesundheitsberufe. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe“, seit 2-2022 mit dem geänderten Untertitel: „Historisches Fachmagazin für Pflege- und Gesundheitsberufe“) unberücksichtigt blieb ist einstweilen ebenso unklar wie die Frage, warum nicht auf die bereits seit geraumer Zeit vorliegenden Biographien der in der Arbeit erwähnten „Täter:innen“ – namentlich Irmgard Huber (1901-1974), Margarete Borkowski (1884-1948), Heinrich Ruoff (1887-1946), Karl Willig (1894-1946) und Paul Reuter (1907-1995) – im (bislang im Umfang von elf Bänden vorliegenden) „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“ (1997-2025) hingewiesen wird.

Im vierten Kapitel erläutert Elena Henseler ihr empirische Forschungsvorgehen und ihre methodische Vorgehensweise. Demnach stellen die Akten der Landesheilanstalt Hadamar, die im Landeswohlfahrtsverband Hessen erfasst sind, die relevantesten Quellen ihrer Arbeit dar. Neben Kranken- und Personalakten seien auch die Hadamar-Prozessakten (von 1947), die im Hessischen Landesarchiv (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden) hinterlegt sind, eine weitere wichtige Quelle. Insgesamt habe sie aus „357 Elementen an Krankenakten, aus 403 Elementen an Personalakten und aus 2.394 Seiten der Hadamar-Prozessaussagen, relevante Inhalte analysieren, aussuchen und in Kategorien einordnen“ (S. 49) können.

Innerhalb des fünften Kapitels, das mit Abstand am umfangreichsten ist, zeigt und erläutert die Autorin die Erkenntnisse aus der Archivrecherche und insbesondere die abgeleiteten Kategorien aus der Dokumentenanalyse im Rahmen des Lehr-Lern-Konzeptes mit den vorliegenden Handlungsempfehlungen. Im Fokus stehen dabei die beiden Krankenpflegerinnen Irmgard Huber und Pauline Kneissler, die beiden Mediziner Adolf Wahlmann und Hans Bodo Gorgaß sowie der zu pflegende Mensch August Ernst Putzki. Darauf aufbauend stellt sie die Gedenkstätte Hadamar als pflegespezifischer Lern- und Gedenkort vor, ebenso wie das Ablaufschema des Durchführungstages ihres Lehr-Lern-Konzeptes am außerschulischen Lern- und Gedenkort Hadamar.

Das sechste Kapitel bietet eine inhaltliche und methodische Diskussion der Ergebnisse. Wie Elena Henseler dabei darlegt, sind die abgeleiteten Lernanlässe anhand der qualitativen Inhaltsanalyse im Rahmen der Pflegeausbildung von großer Bedeutung. Pflegeauszubildende könnten anhand der Vergangenheit der Kolleg:innen von vor zirka 85 Jahren „lernen, die Herausforderungen im Alltag zu erkennen und zu bewältigen, und für die Menschenrechte der zu pflegenden Personen eintreten“ (S. 118). Hinzu käme das Entwickeln von Strategien, um moralisch bedenkliche Verstöße zu identifizieren und zu verhindern. In diesem Zusammenhang spricht sie sich „klar und deutlich dafür aus“, den Besuch einer NS-„Euthanasie“ Gedenkstätte“ während der Ausbildung fest im Lehrplan zu verankern, „insoweit der Besuch pädagogisch und professionell organisiert wird und die Umsetzung eine klare Struktur aufweist“ (S. 121).

Im siebten Kapitel gibt die Autorin einen Ausblick mit Implikationen für die Praxis und Wissenschaft. Demnach sei es im Hinblick auf die pflegepädagogische Praxis „notwendig, weitere Konzepte zur historisch-politischen Bildung zu entwickeln und praktisch durchzuführen“ (S. 131). Die Relevanz in den gesetzlichen Grundlagen der Pflegeausbildung sei gegeben, indem Begriffe wie Macht und Ohnmacht, Spannungsfelder und Verantwortung in den Rahmenlehrplänen zu identifizieren sind. Die Integration von weiteren Lehr-Lernangeboten in die Pflegepraxis könnte dazu führen, so Elena Henseler, „dass die Lernenden neben dem Wissen ihrer Berufsgeschichte eine ethische Reflexionskompetenz erlangen, für politische Themen sensibilisiert werden und für die Fürsorge von Menschen und deren Menschenrechte eintreten“ (S. 132). Im Hinblick auf die Wissenschaft schlägt die Autorin vor, das vorliegende Lehr-Lernangebot auf Stärken und Limitationen beispielsweise in Gruppendiskussionen zu betrachten, um dieses mit weiteren Fachpersonen zu evaluieren. Zudem könne es notwendig sein, weitere Untersuchungen in Bezug auf die Lehrpersonen in der Gedenkstättenpädagogik zu tätigen.

In ihrem im achten Kapitel gezogenen Fazit betont die Autorin, dass die NS-„Euthanasie“ als Lerngegenstand in der Pflege „eine enorme und tief um sich greifende ethische und moralische Dimension aufzeigt, die bis heute von Relevanz ist“ (S. 135). Durch das bewusste Erinnern und die Auseinandersetzung mit der Pflegegeschichte könnten Pflegeauszubildende ein umfassendes Wissen und Verständnis für ethische Entscheidungen erfahren und daran ableitend ihre eigene Meinungsbildung fördern: „Das entwickelte Lehr-Lern-Konzept bindet historische Lernanlässe an theorie- und praxisrelevante Inhalte der Pflegeausbildung und nutzt didaktisch und pädagogisch ausgewählte Methoden, um eine aktive Einbindung von Auszubildenden in den Lernprozess zu schaffen und um implizites Lernen zu ermöglichen.“ Insgesamt zeige die Arbeit auf, „dass die Integration der Ergebnisse aus den Prozessakten gewinnbringend sein kann, um eine gestärkte politische Urteilsbildung von Auszubildenden und ein verantwortungsbewusstes pflegerisches Handeln im interprofessionellen Team anzustreben“ (S. 136).

Während Arbeiten über die Rolle des Krankenpflegepersonals während der NS-Zeit und seine Beteiligung an der NS-„Euthanasie“ schon länger vorliegen, gab es bislang kein Konzept, das die Ereignisse von damals mit (aktuellen) Fragen des beruflichen Selbstverständnisses, der persönlichen Verantwortung und professionellen Haltung in einen Zusammenhang brachte. Dieses Desiderat aufgreifend stellt Elena Henseler mit ihrem Buch „Historisch-politische Bildung in der Pflege“ ein „Lehr-Lern-Konzept“ vor, in dem sie am Beispiel des Lernorts Gedenkstätte Hadamar aufzeigt, wie historisches Lernen, ethische Reflexion und pflegepädagogische Praxis miteinander verknüpft werden können. Ihre Studie schließt dabei an Arbeiten von Michael Bossle und Irene Zauner-Leitner an, die vor gut 15 Jahren gemeinsam das Lernprogramm „BerufsbildMenschenbild“ für Pflegeberufe entwickelten, das Besuche von Besuchergruppen aus der Pflege am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim in Oberösterreich (wie Hadamar eine Vernichtungsanstalt im Nationalsozialismus) vertieft.

Das Thema nachhaltig in Lernprozesse der Pflegeausbildung zu integrieren ist dabei umso notwendiger, als unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung beziehungsweise unser gesellschaftliches Zusammenleben aktuellen Bedrohungen ausgesetzt ist, indem antisemitische und menschenfeindliche Vorurteile und Handlungen scheinbar immer gesellschaftsfähiger werden. Nicht zuletzt deshalb bleibt zu hoffen, dass die vorliegende Veröffentlichung weite Verbreitung findet und mit dazu beiträgt, dass Lehrende sich stärker wie bisher mit der Thematik befassen und dabei die Gedenkstätten als außerschulische Lernorte mitberücksichtigen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Stefan Schomann, Petra Liebner (Hrsg.)

„Der schwierige Weg zu neuen Ufern“

Die Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften

(Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 17).

AVM – Akademische Verlagsgesellschaft, München, 2026, Paperback, 472 Seiten, 39,00 €, ISBN 978-3-95477-189-9

Das Deutsche Rote Kreuz e. V. (DRK), nach den Genfer Abkommen die nationale Rotkreuz-Gesellschaft in Deutschland und als solche Teil der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung mit Hauptsitz in Berlin-Lichterfelde, ist einer der großen Wohlfahrtsverbände in Deutschland. Der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege hilft Menschen in Krisen und Notlagen, sowohl national als auch international, indem er humanitäre Hilfe leistet, den Zivil- und Katastrophenschutz übernimmt und soziale Dienste wie Erste Hilfe, Blutspendedienst, Alten-, Kinder- und Familienhilfe anbietet und zudem weltweit in Katastrophengebieten unterstützt sowie Wiederaufbauprojekte fördert und die internationale Rotkreuz-Bewegung repräsentiert (https://www.drk.de/das-drk/).

Nach dem Zeiten Weltkrieg (1939-1945) waren infolge der Teilung Deutschlands zwei Rotkreuzgesellschaften entstanden, das DRK in der Bundesrepublik Deutschland und das DRK in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die beiden Gesellschaften entwickelten sich sehr unterschiedlich, wobei insbesondere politische Einwirkungen auf das DRK der DDR von Einfluss waren und die Zusammenarbeit sehr erschwerten und auf wenige Arbeitsbereiche beschränkten. Unterdessen bedeuteten die Ereignisse von 1989/90 einen weltgeschichtlichen Wendepunkt, der insbesondere in Deutschland eine grundlegend neue Situation herbeiführte. Davon betroffen war auch das Rote Kreuz, bei dem sich die beiden seit den 1950er Jahren bestehenden nationalen Gesellschaften binnen kürzester Zeit einander annähern mussten. Mit dem Vertrag über die Herstellung der Einheit des DRK vom 8. November 1990 und dem am 6. Oktober 1990 gefassten Beschluss der Hauptversammlung über die Auflösung des DRK der DDR zum 31. Dezember 1990 endete dessen Geschichte als Dachverband der Rotkreuzorganisationen in der DDR; die zuvor neugegründeten DRK-Landesverbände Berlin (Ost), Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen blieben jedoch bestehen. Auf einer gemeinsamen Bundesversammlung des DRK am 9. November 1990 wurden diese neuen Landesverbände mit Wirkung zum 1. Januar 1991 in das Deutsche Rote Kreuz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen.

Anlässlich des Jubiläums der Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der beiden Rotkreuzgesellschaften im Jahr 2025 erschien in der Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“ der Sammelband „Der schwierige Weg zu neuen Ufern“, in dem sich zahlreiche Autor:innen aus Ost und West mit der Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften auseinandersetzen beziehungsweise über ihre damaligen Erfahrungen und Erlebnisse berichten. Für die Herausgabe des Buches zeichnen sich Stefan Schomann und Petra Liebner verantwortlich.

Der in Berlin lebende Germanist Stefan Schomann (Jahrgang 1962) arbeitet als Autor und Journalist (https://www.stefanschomann.de/startseite), wobei er sich mit der Arbeit und Geschichte des DRK bereits seit längerem intensiv beschäftigt. So veröffentlichte er zum 150. Jubiläum des Roten Kreuzes 2013 das Buch „Im Zeichen der Menschlichkeit. Geschichte und Gegenwart des Deutschen Roten Kreuzes“, in dem er in Bild und Wort die Geschichte des DRK von den Anfängen im 19. Jahrhundert durch die Zeiten der Weltkriege und der deutschen Teilung hindurch bis in die Gegenwart schildert. Gemeinsam mit Petra Liebner und Hans-Christian Bresgott gab er 2021 mit „Vielfalt in Einheit. 100 Jahre DRK-Dachverband – Rotkreuzler erzählen“ einen umfangreichen Quellenband zur Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes heraus. Ferner ist Stefan Schomann Mitherausgeber der Bände 7, 8, 10 und 13 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e.V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von Andrea Brinckmann, Petra Liebner, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“.

Dr. Petra Liebner (Jahrgang 1965) leitet als wissenschaftliche Referentin die „Historische Kommission“ im DRK-Generalsekretariat in Berlin. 1999 promovierte sie an der Universität Bonn mit einer Arbeit über „Paul Tillich und der Council for a Democratic Germany (1933 bis 1945)“ (Frankfurt am Main 2001), 2021 gab sie (gemeinsam mit Stefan Schomann und Hans-Christian Bresgott) mit „Vielfalt in Einheit. 100 Jahre DRK-Dachverband – Rotkreuzler erzählen“ einen umfangreichen Quellenband zur Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes heraus. Ferner ist sie Mitherausgeberin der Bände 5 und 7 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e.V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von ihr sowie Andrea Brinckmann, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“.

Nach „Grußwort“ (S. 9-11) und „Vorbemerkung der Herausgeber“ (S. 13-17) gliedert sich das 470 Seiten umfassende Buch in die drei Teile „Dokumente“ (19-70), „Aufsätze“ (S. 71-358) und „Zeitzeugenberichte“ (S. 359-465).

Gerda Hasselfeldt, die Präsidentin des DRK, hat zu dem Buch ein Grußwort beigesteuert, in dem sie an die Zeit der Wende, den „turbulenten Herbst 1989“, und die damit verbundene Wiedervereinigung der beiden nationalen Rotkreuzgesellschaften erinnert. Während der gesamten Umbruchzeit sei das Rote Kreuz in Ost und West „ein bedeutender Akteur“ gewesen, egal ob in den Botschaften in Prag und Budapest, beim Bahnhofsdienst in Dresden oder beim Ansturm auf die Grenzübergänge in Berlin und entlang der innerdeutschen Grenze. Mit der vorliegenden Publikation sei die Hoffnung verbunden, „zumindest nachträglich noch zu einem besseren wechselseitigen Verständnis beitragen zu können“ (S. 10).

In ihrer „Vorbemerkung“ skizzieren die Herausgeber kurz die Zusammenführung der beiden großen nationalen Hilfsgesellschaften, die vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf schließlich am 1. Mai 1991 anerkannt wurde, um darauf hinzuweisen, dass generell die Vereinigung im Osten deutlich kritischer gesehen wurde als im Westen, wo die Veränderungen überschaubarer geblieben und die gewohnten Abläufe in der Regel nicht hinterfragt worden seien. Der Verband hätte erst lernen müssen, den unterschiedlichen Realitäten Rechnung zu tragen. Dabei hätten sich viele Erfolgs- und manche Misserfolgsgeschichten ereignet, die im vorliegenden Band nachgezeichnet würden. Dessen Titel verdanke sich Christoph Brückner und stelle eine kleine Hommage an einen der wichtigsten Protagonisten der Vereinigung dar. Mit einer Mischung aus historischen Untersuchungen und Originaltönen von Beteiligten verbinden Stefan Schomann und Petra Liebner die Hoffnung, „ein tieferes Verständnis und eine lebendige Vorstellung unserer eigenen Geschichte zu gewinnen“ (S. 14).

Laut den Herausgebern waren die hier versammelten Autorinnen und Autoren im September 2024 einem Aufruf zur Einreichung wissenschaftlicher Artikel gefolgt. So sei ein Querschnitt zustande gekommen, der zentrale Fragen des Vereinigungsprozesses schlaglichtartig beleuchte: die Aufbruchstimmung in der Wendezeit, das Zustandekommen des Einigungsvertrages, den Aufbau der neuen Landesverbände, das personelle Zusammenwachsen. Darüber hinaus würden Spezialthemen beleuchtet, die auch innerhalb des Verbandes kaum geläufig wären, etwa die Fusion der Suchdienste oder die Problematik der Rückübertragung von Grundstücken. Da Geschichte sich freilich nicht nur in Akten und Dokumenten spiegele, sondern auch in Objekten, in Erzählungen und Medien aller Art, würden weitere Artikel davon berichten, wie der Umgang mit ihnen im Roten Kreuz gepflegt wird: in der Archivarbeit, in den Rotkreuzmuseen, in zahlreichen Publikationen und nicht zuletzt durch das systematisch und langfristig angelegte Zeitzeugenprojekt. Manche der hier vorgestellten Erinnerungen setzten bewusst schon ein paar Jahre vor der Wendezeit ein, um die damaligen Verhältnisse zu vergegenwärtigen. Mehre Darstellungen stammten von Rotkreuzlerinnen und Rotkreuzlern, die beruflich und privat eine neue Heimat im jeweils anderen Landesteil fanden. In jedem Fall möchte der vorliegende Band „eine kritische Bestandsaufnahme vorlegen, der Selbstverständigung dienen und zu mehr Respekt in beiden Richtungen auffordern. Er wird sicher nicht das letzte Wort bleiben, will vielmehr ausdrücklich zu weiterer Beschäftigung einladen, will besonders die jüngere Generation animieren, die darin angeschlagenen Themen zu vertiefen und zu vervollständigen“ (S. 16).

Im ersten Teil „Dokumente“, der drei Beiträge umfasst, kommen zunächst die beiden prägenden Persönlichkeiten in der Umbruchszeit zu Wort, Botho Prinz Sayn-Wittgenstein-Hohenstein (1927-2008), seines Zeichens damaliger Präsident des DRK, und sein Pendant auf Seiten des DRK in der DDR und anschließend Vizepräsident des gesamtdeutschen Roten Kreuzes: Prof. Dr. Christoph Brückner (1929-2019).

In seinem Beitrag „Ein historisches Ereignis für das Deutsche Rote Kreuz“ (S. 21-35) betont Botho Prinz Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, dass das DRK in den jungen Bundesländern, dem wegen der Staatsnähe in den vorangegangenen Jahre „manche Vorbehalte entgegengebracht wurden und welches zeitweise auch aus ideologischen Gründen der Zusammenarbeit mit dem Arbeiter-Samariter-Bund den Vorzug gab, […] sehr bald durch zielgerichtete und intensive Arbeit an die Tradition früherer Jahre anknüpfen und sich eine Vertrauensbasis in der Bevölkerung erarbeiten“ (S. 28) können.

Demgegenüber hebt Prof. Dr. Christoph Brückner in seinem Beitrag „Der schwierige Weg zu neuen Ufern“ (S. 37-54) hervor, dass im Ganzen die Zusammenarbeit „von Anfang an sehr vertrauensvoll“ war und, trotz beständig hoher Anforderungen, auch Freude machte und Erfolgserlebnisse mit sich brachte. Wenn er sich frage, ob alles richtig war, was gemacht wurde, kämen ihm „so manche Zweifel“. Wörtlich hält er sodann weiter fest: Doch eigentlich können wir recht zufrieden sein. Wir waren immer bestrebt, für unsere Landesverbände das Beste zu erreichen, ihren Bestand so gut wie möglich zu sichern und so dem gesamten Deutschen roten Kreuz einen Dienst zu erweisen, von dem wir annehmen, dass er ein guter war“ (S. 49).

Im Mittelpunkt des dritten Beitrags (S. 55-70) steht mit Dr. oec. Rolf Leonhardt (1934-2019) ein weiterer Protagonist der Wendezeit, der bereits seit 1954 hauptamtlich im DRK der DDR tätig gewesen war und dann ab 1989 als dessen stellvertretender Generalsekretär wirkte. Seine unveröffentlichten Erinnerungen hat Thomas Klemp aufbewahrt und einige wesentliche Passagen daraus zusammengestellt.

Der zweite Teil „Aufsätze“ umfasst 15 wissenschaftliche Beiträge von 17 Autor:innen, darunter auch Darstellungen von Personen in langjähriger leitender Funktion, die sich zentralen Aufgabengebieten des Roten Kreuzes und damit exemplarischen Themen der Vereinigungsgeschichte widmen. Zunächst rekapituliert Andrea Brinckmann die wesentlichen Stationen auf dem Weg zur Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften (S. 73-98), bevor Alina Krug und Andreas Jüttemann am Beispiel von Berlin und Brandenburg den Werdegang zweier Landesverbände vorstellen (S. 99-142) und Harald-Albert Swik über seine Arbeit als Berater des Bonner Generalsekretariats hinsichtlich der im Aufbau begriffenen Landesverbände im Osten berichtet (S. 142-148).

In einem weiteren Beitrag berichtet Andrea Brinckmann von Ereignissen, Entwicklungen und dem individuellen Erleben (S. 149-186), bevor Susanne Pohl Auszüge ihres Tagebuchs aus der unmittelbaren Wendezeit vorstellt (S. 186-192), Kristina Gunne die Geschichte der Suchdienste in beiden deutschen Staaten beleuchtet (S. 193-230) und Marina Hovannesjan über ihre Arbeit beim gesamtdeutschen DRK-Suchdienst erzählt (S. 230-239). Während Thomas Klemp (S. 241-251) und Olaf Jantzen (S. 251-256) ihre „Erkundungen in Zeiten des Wandels“ schildern, berichtet Lena Rudeck über Personalfragen (S. 257-283), Olaf Kübling über die damaligen Aktivitäten in einem Ortsverein und Kreisverband bei Leipzig (S. 283-287) sowie Rainer Schlösser (S. 289-303) und André Uebe (S. 303-307) über die Arbeit der Rotkreuzmuseen. Schließlich gewähren Jessica Drews und Stefanie Knebelspieß Einblicke in die einschlägigen Bestände des Archivs im DRK-Generalsekretariat (S. 309-331), während Thomas Klemp den Kampf um die Restitution der alten Liegenschaften des Roten Kreuzes in Ostdeutschland schildert (S. 331-348) und Annette Strauß ein vorläufiges Fazit der „Erfolgsgeschichte“ der Vereinigung beider Hilfsgesellschaften zieht (S. 349-358).

In der „Wendezeit“ von 1989/90, die mit der größten Bevölkerungsverschiebung seit dem Zweiten Weltkrieg einherging, indem weit über hunderttausend Menschen der DDR den Rücken kehrten, waren sowohl das westdeutsche Rote Kreuz als auch das Rote Kreuz der DDR massiv gefordert. Im dritten Teil „Zeitzeugenberichte“ zeichnen 13 Personen – Manfred Blum (S. 361-368), Hannelore Geberhardt (S. 369-375), Max Pößnecker (S. 377-385), Hartmut Jacobi (S. 387-391), Günter Döbler (S. 393-401), Johann Wilhelm Römer (S. 403-413), Katrin Gillmann-Bäsell (S. 415-419), Ralf Bloß (S. 421-426), Bernd Döveling (S. 427-431), Wolfgang George (S. 433-436), Heidemarie Förster-Maciol (S. 437-447), Johannes-Martin Hoffmann (S. 449-458) und Wolfgang Reitsch (S. 459-465) – die Ereignisse der damaligen Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln und in den unterschiedlichsten Lebensbereichen nach. Viele dieser Berichte basieren dabei auf dem großangelegten Zeitzeugenprojekt (https://www.drk.de/zeitzeugen/drk-zeitzeugenprojekt/), welches das DRK seit 2016 bundesweit und quer durch seine Arbeitsfelder und Gliederungen realisiert.

Bereits in der Vergangenheit hat das Deutsche Roten Kreuz sich mit der Vereinigung der beiden Rotkreuzgesellschaften intensiv auseinandergesetzt und hierzu die Schriften „Der Zukunft zugewandt. Die Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften. Gedanken und Erinnerungen an die Vereinigung vor 10 Jahren“ (Bonn 2000), „Zwei Gesellschaften – ein Gedanke. Erinnerungen an DRK-Arbeit in Ost und West 1945-1990“ (Berlin 2006) und „Das Rote Kreuz in Ost und West. Zum 25jährigen Jubiläum der Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften“ (Berlin 2015) herausgegeben. Es ist sehr zu begrüßen, dass das DRK mit dem vorliegenden Band seine begonnene Arbeit fortgesetzt hat, ging doch der Einigungsprozesses – so euphorisch die Stimmung anfangs auch war – nicht ohne Widersprüche vonstatten, nicht ohne den schmerzlichen Verlust von Illusionen und Idealen. Das spannend zu lesende und mit zahlreichen Schwarzweiß-Abbildungen illustrierte Buch gewährt hierzu, fünfunddreißig Jahre nach Unterzeichnung des Einigungsvertrages, nicht nur tiefe Einblicke aus wissenschaftlicher Sicht, sondern lässt auch zahlreiche Beteiligte aus den verschiedenen Gliederungen und Arbeitsebenen des Roten Kreuzes zu Wort kommen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Volkmar Schön

Das Rote Kreuz in Hamburg

Historische Orte

Ellert & Richter Verlag, Hamburg, 2025, Paperback, 272 Seiten, 16,00 €, ISBN 978-3-8319-0897-4

Das Rote Kreuz und der Rote Halbmond stehen in über 190 Ländern der Welt wie keine anderen Organisationen für unparteiliche und unabhängige Hilfe für Menschen in Not. Dabei sind die Organisationen nicht nur international von Bedeutung, indem sie auch unverzichtbare Aufgaben in unserer Gesellschaft übernehmen. So ist das Rote Kreuz beispielsweise in Hamburg als Wohlfahrts- und Hilfsorganisation seit über 160 Jahren fest verwurzelt, gegründet und getragen von freiwilligem Engagement. Mit ihrem Aufruf vom 2. Februar 1864 zur Pflege verwundeter Soldaten im Deutsch-Dänischen Krieg und der Bitte um Spenden hatten zwölf Hamburger Kaufleute zugleich den Grundstein für das Rote Kreuz in Hamburg gelegt. Heute setzen sich allein in der Hansestadt mehr als 1.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sowie rund 4.000 hauptamtliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die Aufgaben des Roten Kreuzes ein.

In dem hier anzuzeigenden Buch „Das Rote Kreuz in Hamburg“ stellt Volkmar Schön in Wort und Bild aktuelle Orte sowie fast vergessene Wirkungsstätten des Roten Kreuzes in Hamburg vor. Der Autor (Jahrgang 1957) ist promovierter Archäologe und seit Kindertagen nicht nur leidenschaftlicher Historiker, sondern auch „Rotkreuzler“. Als langjähriges Mitglied, seit 2006 auch Vizepräsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), ist er unter anderem (Mit-)Herausgeber der Bände 2, 3, 5, 6, 8 und 10 der im Auftrag des DRK e.V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von ihm sowie Petra Liebner und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“. Jüngst veröffentlichte Volkmar Schön die Schriften „Eine Idee nimmt Fahrt auf. Das Rote Kreuz in Hamburg zur Zeit des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866“ (München 2025) und „Heute Zirkuszelt, morgen Raumschiff. Lebensgeschichten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz“ (München 2025).

Dr. Michael Labe, Präsident vom DRK Landesverband Hamburg e.V., hat zu dem Buch ein Grußwort beigesteuert, in dem er kurz die Geschichte des DRK Hamburg skizziert. Zur Bedeutung der Veröffentlichung hält er sodann wörtlich festhält: „Dieses historisch fundierte Buch ist einzigartig und lädt als praktischer Stadtführer anschaulich dazu ein, die Vergangenheit Hamburgs und des Hamburger Roten Kreuzes aus einer neuen, ungewohnten Perspektive zu entdecken. Dabei sind die Spuren, die das Rote Kreuz in unserer Stadt hinterlassen hat, nach wie vor aktuell“ (S. 7).

In seiner Einleitung macht der Autor darauf aufmerksam, dass sich an zahlreichen Orten heutzutage die Verknüpfungen mit dem früheren Roten Kreuz nicht mehr einfach erkennen lassen, weil die Gebäude abgerissen oder im Krieg zerstört wurden. Dennoch sei es möglich, viele der damaligen Aktivitäten und Persönlichkeiten des Roten Kreuzes in Hamburg mit historischen Gebäuden, Denkmälern sowie Straßennamen im Stadtbild in Verbindung zu bringen. Diese stünden somit symbolisch für besondere Ereignisse in der Hamburger Stadtgeschichte, in denen das Rote Kreuz im Einsatz war, für spezifische frühe Hilfsangebote des Roten Kreuzes oder für Gruppierungen des Roten Kreuzes, die diesen Verband und seine Arbeit geprägt haben. Zur Bedeutung und Intention seines Buches schreibt Volkmar Schön sodann: „Die vorliegende Übersicht soll auf diese Orte der Erinnerung aufmerksam machen, bei denen bisweilen gar nicht mehr bekannt ist, dass eine Verknüpfung mit dem Roten Kreuz in Hamburg besteht. So wird es vielleicht gelingen, diese Zusammenhänge und die weit zurückreichende historische Verbundenheit des örtlichen Roten Kreuzes mit seiner Stadt Hamburg wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen“ (S. 9).

In dem durchgehend reichlich mit zeitgenössischen Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierten Buch werden gut 60 historische Orte zum Roten Kreuz in Hamburg – aufgeteilt in acht Regionen – vorgestellt, darunter beispielsweise die ehemalige „Sanitätswache Hamburger Hauptbahnhof“, das Atlantic Hotel (Alarmquartier des Hamburger Roten Kreuzes für die Fahrer des Krankentransports während des Ersten Weltkriegs 1914-1918), die Ferdinandstraße 75 (ehemalige Geschäftsstelle des „Ausschusses für Deutsche Kriegsgefangene des Hamburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz“ im Ersten Weltkrieg), das Alsterhaus (Textilzentrale des Hamburger Roten Kreuzes nach dem Weiten Weltkrieg 1939-1945), der Hamburger Hof (Koordinierungsstelle des ersten friedensmäßigen Auslandseinsatzes der deutschen Rotkreuzgeschichte), der Neue Wall 44 (Geschäftsstelle des „Hamburger Landesvereins vom Roten Kreuz“), die Hamburger Börse & Handelskammer (Sitz des „Comité zur Pflege von Verwundeten und Kranken“ im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864), der Schlachthof (die größte, vom Hamburger Roten Kreuz betriebene Küche Europas nach dem Zweiten Weltkrieg), die Sanitätswarte Heiligengeistfeld, das „Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin“ (Ausbildungsort für die Krankenschwestern des Frauenvereins für die Krankenpflege in den Kolonien und Unterkunft der Hamburger Sanitätskolonne im Ersten Weltkrieg), das ehemalige Vereinshospital des „Vaterländischen-Frauen-Hülfs-Vereins Hamburg“, die Feldbrunnenstraße 5 und 7 (ehemalige Hauptgeschäftsstelle des „Hamburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz), das ehemalige Kolonnenhaus der „Sanitätskolonne vom Roten Kreuz zu Altona“, die „Ruhestätte der Schwestern des Helenenstifts“ und „Blumenau 20“ (ehemaliger Sitz des „DRK-Kreisverbands Hamburg-Mitte“).

Die „Erinnerungsorte an Persönlichkeiten der Hamburger Rotkreuzgeschichte“ (S. 186-245) sind einem eigenen Kapitel vorbehalten. Im Hinblick darauf, dass die gut 30 vorgestellten Orte in erster Linie Männern gewidmet sind, weist der Autor darauf hin, dass insbesondere in der Friedensarbeit es nur wenige Jahre nach Gründung des Roten Kreuzes zunächst und vor allem Frauen waren, die sich hilfsbedürftigen Menschen in der Stadt zuwandten und zahlreiche soziale Einrichtungen durch persönliches Handanlegen betrieben. Dennoch habe es öffentliche Anerkennung, zum Beispiel durch die Benennung von Straßen, in erster Linie für die Männer in Leitungsfunktionen gegeben, die zugleich oftmals auch politische und leitende Funktionen in der Wirtschaft innehatten. Selbst die Grabstellen seien vorrangig den Männern als damalige so genannte Familienoberhäupter gewidmet: „Daher finden sich nicht die Namen schon früh hochengagierter Frauen wie Minna Plambeck, Susanne Gräfin von Oeynhausen oder Dora Ausschläger vom ‚Vaterländischen Frauen-Hilfsverein’ des Roten Kreuzes in Hamburg und schon gar nicht die der zahlreichen kleineren örtlichen Frauenvereine aus den damals noch eigenständigen Gemeinden im Stadtbild wieder. Ehrungen wie bei Helene Donner vom ‚Vaterländischen Frauenverein Altona I’ und Hedwig von Schlichting vom ‚Schwesternverein der Hamburgischen Staatskrankenanstalten’ waren und sind leider die Ausnahme“ (S. 188).

In einem weiteren Kapitel beschäftigt Volkmar Schön sich schließlich mit der „Vereinsgeschichte der Hamburger Rotkreuzorganisationen“ (S. 246-265), wobei er die Entwicklung von dem am 17. Oktober 1864 gegründeten „Verein zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger“ zum „Hamburgischen Landesverein vom Roten Kreuz“ von den Anfängen bis in die Gegenwart – in der hier gebotenen Kürze – nachzeichnet. Zur Sprache bringt der Autor dabei auch, jeweils mit Blick auf Hamburg, die am 28. Mai 1886 gegründete „Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege vom Roten Kreuz“, die am 26. Januar 1884 initiierten „Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz“, die 1903 gegründeten „Samaritervereine vom Roten Kreuz“, die 1866 gebildeten „Vaterländischen Frauenvereine vom Roten Kreuz“, den „Schwesternverein der Hamburgischen Staatskrankenanstalten“ vom 1. April 1895 und den „Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien“ aus den 1890er Jahren.

In seiner Darstellung, die durch einen Beitrag über die „Grundsätze des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes in Hamburg und der Welt“ (S. 266-267) ergänzt wird, beleuchtet Volkmar Schön unterdessen nicht nur historische Orte zur Geschichte des Roten Kreuzes in Hamburg, sondern nimmt auch die Gegenwart in den Blick in den Blick, indem er Tipps für weitere Sehenswürdigkeiten in der Nähe gibt. Insofern ist sein lesenswertes Buch nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Rotkreuz- und Sozialgeschichte Hamburgs, sondern auch ein praktischer Stadtführer.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling