Über Land und Meer – Vom Orden der Johanniter und Malteser in Bayern

land und meer johanniter malteser bayernGerhard Hetzer und Gerhard Immler
Über Land und Meer
Vom Orden der Johanniter und Malteser in Bayern. Eine Ausstellung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, 2. Oktober bis 27. November 2018

(Staatliche Archive Bayerns – Kleine Ausstellungen, Nr. 57). Konzeption und Bearbeitung: Gerhard Hetzer und Gerhard Immler. [Selbstverlag] Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns. München 2018, 84 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-938831-84-7

Wohl keiner der Orden der katholischen Kirche hat in seiner Geschichte so viele Veränderungen seiner Zielsetzungen und seiner Verfassung erlebt wie die Vereinigung der Johanniter und Malteser. Im Jahre 1099 in Jerusalem kurz nach der Einnahme der Stadt durch die Teilnehmer des Ersten Kreuzzuges als Gemeinschaft zur Pflege kranker Pilger gegründet und am 15. Februar 1113 von Papst Paschalis II. bestätigt, blieb die Krankenpflege immer eine Aufgabe des Ordens.

Heute ist der Johanniterorden Träger der international arbeitenden „Johanniter-Unfall-Hilfe“ (JUH), mit etwa 1,4 Millionen Mitgliedern in Deutschland, der „Johanniter-Hilfsgemeinschaften“ (JHG), der „Johanniter-Schwesternschaft“ und der „Johanniter-Arbeitsgemeinschaften für Gegenwartsfragen“ (JAG). Um den Anforderungen an die Versorgung von Patienten und Bewohnern in ihren stationären Pflegeeinrichtungen – 15 Krankenhäuser und 56 Altenpflegeeinrichtungen, Tageskliniken und betreute Wohnungen – bestmöglich nachkommen zu können, wurde inzwischen als Trägergesellschaft die Johanniter GmbH gegründet.

Zu den rund 600 Werken des Malteser Ordens mit mehreren Tausend hauptund ehrenamtlichen Helfern in Deutschland gehören heute Einrichtungen der Flüchtlingsbetreuung, Altenhilfe, Krankenhäuser und Hospizarbeit, Jugendhilfe, Erste-Hilfe-Ausbildung, Mitwirkung im Katastrophenschutz und Rettungsdienst, ambulante Pflege und Betreuung, verbandliche Jugendarbeit sowie Jugendund Suchthilfe und Gesundheitsförderung. In der Malteser Deutschland gGmbH bündelt der Malteserorden seine sozialunternehmerischen Aktivitäten in Deutschland, so die Trägerschaft von acht Krankenhäusern, einer Fachklinik für Naturheilverfahren, 36 Einrichtungen der Altenhilfe, 11 Einrichtungen und Dienste der Hospizarbeit und Palliativmedizin sowie neun ambulanten Pflegediensten.

Unter der Überschrift „Über Land und Meer“ widmete das Bayerische Hauptstaatsarchiv vom 2. Oktober bis 27. November 2018 dem Orden der Johanniter und Malteser in Bayern eine Ausstellung, zu dem in der Reihe „Staatliche Archive Bayerns – Kleine Ausstellungen“ der vorliegende Begleitband erschien. Dieser enthält neben dem Katalogteil (S. 42-84), der in chronologischer Reihenfolge insgesamt 27 Dokumente aus der Zeit vom Ende des 13. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts in Wort und Bild vorstellt, auch zwei Textbeiträge (S. 7-41) von Dr. phil. Gerhard Immler und Dr. phil. Gerhard Hetzer, Leitender Archivdirektor beziehungsweise Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs München, in deren Hände auch die Konzeption und Bearbeitung der Ausstellung lag.

In seinem Beitrag „Der Ritterorden der Johanniter und Malteser und dessen Niederlassungen in Bayern“ (S. 7-24) gibt Gerhard Immler zunächst einen kurzen Überblick über die Entstehung des Ordens, bevor er sich dann den „Kommenden der Deutschen Zunge im heutigen Bayern“ einschließlich der „Englisch-Bayerische(-Russische) Zunge“ von ihren Anfängen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zuwendet. Wie der Autor hierbei zeigt, entstanden die ältesten Niederlassungen des Johanniterordens im heutigen Bayern in Franken, bedingt wohl dadurch, dass zahlreiche fränkische Adelige im Gefolge Kaiser Friedrichs I. am Dritten Kreuzzug von 1189 bis 1192 teilnahmen. So schenkte beispielsweise Graf Albert von Hohenlohe sogleich nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land dem Orden die Pfarrkirche Reichardsroth bei Rothenburg ob der Tauber und beteiligte sich in dieser Stadt an der Stiftung eines Hospitals, während in Würzburg König Friedrich II. im Jahre 1215 den Johannitern die Schenkung eines Rubertus Curvus bestätigte, mit der der Orden das schon bestehende St. Oswalds-Spital übernahm.

In seinem Beitrag „Alte und neue Ordnungen“ (S. 25-41) gewährt sodann Gerhard Hetzer einen tiefen Einblick in die Überlieferung der Johanniter in den Archiven auf Malta und in Süddeutschland. Wie der Autor dabei eindrucksvoll darlegt, können sowohl das Bayerische Hauptstaatsarchiv als auch die bayerischen Staatsarchive Quellen für Forschungen zur großen und zur kleinen Geschichte dieses Ritterordens mit seinen vielen Verzweigungen und Zungen und seiner Präsenz in der europäischen Staatenwelt zur Verfügung stellen.

Mit der Ausstellung sowie vorliegenden Publikation ist es dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München eindrucksvoll gelungen, die historische Entwicklung der Johanniter und Malteser in Bayern in Erinnerung zu rufen. Dass dabei die konkrete Ausgestaltung der Krankenpflege viel zu kurz kommt dürfte wohl vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass es hierzu noch einen sehr großen Forschungsbedarf gibt. Insofern bietet die Lektüre „Über Land und Meer“ nicht zuletzt wertvolle Anregungen für die historische Pflegeforschung.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Die Alice-Vereine im Großherzogtum Hessen-Darmstadt (1867-1918)

Die Alice Vereine im Großherzogtum Hessen Darmstadt 1867 1918Agnes Schmidt (Hrsg.)
Die Alice-Vereine im Großherzogtum Hessen-Darmstadt (1867-1918)
Festschrift anlässlich der Gründung der Alice-Frauenvereine in Darmstadt vor 150 Jahren (1867)

Selbstverlag, Luise-Büchner-Bibliothek des Deutschen Frauenrings e.V. & Luise Büchner-Gesellschaft e.V., Darmstadt 2017, 112 Seiten, broschiert, 12,00 Euro. ISBN: 978-3-00-057876-2

Spätestens seit Anfang des 19. Jahrhunderts setzten sich fortschrittliche Frauen und Männer dafür ein, Frauen auch zu qualifizierten Berufen zuzulassen. Ihre Bestrebungen, Vereine für diese Ziele zu gründen, wurden jedoch durch konservative Kräfte zunächst verhindert. So entstanden erst in der zweiten Jahrhunderthälfte in vielen deutschen Städten regionale und überregionale Frauenverbände, die eine bessere Allgemeinbildung und berufliche Qualifikation von Frauen zwecks Erwerbstätigkeit verfolgten. Die ersten dieser Vereine standen häufig unter dem Protektorat liberaler Landesfürsteninnen, so beispielsweise in Baden 1859 von Großherzogin Luise (1838-1923) oder im Großherzogtum Hessen-Darmstadt 1867 von Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein (1843-1878). Erst Jahrzehnte später trat mit Georg von Sachsen-Meiningen (1826-1914) hier auch ein Mann eines Herrscherhauses als Initiator einer entsprechenden Vereinigung in Erscheinung.

Aus dem von Großherzogin Alice mit Luise Büchner (1821-1877), der Schwester des bekannten Dramatikers und radikalen Politikers Georg Büchner (1813-1837), gegründeten gemeinnützigen „Alice-Verein für Frauenbildung und -erwerb“ sollten eine Reihe von Frauenbildungsanstalten hervorgehen. Angeregt durch Vorbilder wie Florence Nightingale (1820-1910) wurde als erster Verein 1867 der „Alice-Verein zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen“ ohne konfessionelle Bindung ins Leben gerufen, der Vorläufereinrichtung der heutigen Alice-Schwesternschaft vom Roten Kreuz e.V. mit Sitz in Darmstadt. Im Protokoll der Generalversammlung vom Jahre 1869 werden die Ziele des Alicevereins für Krankenpflege wie folgt beschrieben: „Hebung des Berufs der weltlichen Krankenpflege auf eine den Anforderungen der ärztlichen Wissenschaften entsprechende Stufe, die weitere Verbreitung einer besseren Würdigung und Anerkennung der Krankenpflege und hindurch die Eröffnung eines neuen Feldes der weiblichen Erwerbstätigkeit.“

Dieser Verein rechnete es sich als sein großer Verdienst an, dass er bereits im deutsch-französischen Krieg (1870/71) Krankenpflegerinnen für die Lazarettpflege entsenden konnte. In den folgenden Jahren entstand im Großherzogtum Hessen nach dem Muster der Darmst dter Vereine ein dichtes Netz entsprechender Lokalbeziehungsweise Zweigvereinen.

Anlässlich der Gründung der Alice-Frauenvereine in Darmstadt vor 150 Jahren (1867) hat Agnes Schmidt 2017 die vorliegende Festschrift herausgegeben, deren Druck von der Jubiläumsstiftung der Sparkasse, der HEAG Kulturfreunde und der Volksbank Darmstadt unterstützt wurde. Nach der Einleitung (S. 6-11) der Herausgeberin vereint die Veröffentlichung, die durchgängig mit einer Reihe von Abbildungen – sowohl zeitgenössische Fotoaufnahmen als auch Dokumente – illustriert ist, insgesamt fünf Beiträge, die durch eine „Chronik“ (S. 98-109) mit den wichtigsten historischen Daten und Ereignissen sowie eine „Liste der Zweigvereine“ (S. 110-112) ergänzt werden.

Zunächst stellt Cordelia Scharpf (Berlin) unter der Überschrift „Die Alice-Vereine in Darmstadt“ (S. 12-41) ausführlich die Geschichte und Organisation des „Alice-Frauenvereins für Krankenpflege im Großherzogtum Hessen-Darmstadt“ (S. 12-27) und des „Alice-Vereins für Frauenbildung und -erwerb und seine Gründungen“ (S. 28-41) vor. Wie sie hierbei zeigt, verstand sich der zuerst genannte, neue landesweite Verein als Ergänzung zu den kirchlichen Krankenpflegeeinrichtungen und nicht als deren Konkurrenz, denn der Österreichisch-Preußische Krieg (1866) hatte den Bedarf an fachkompetenten, nicht an Kirchen gebundenem Pflegepersonal erkennen lassen. In den Statuten des Vereins war eine enge Zusammenarbeit sowohl von Frauen und Männern in den Vorständen der Vereine als auch die der Frauenvereine mit dem Hülfsverein festgelegt worden. Vor dem Hintergrund der für Frauen ungünstigen bildungs- und berufsbildenden Voraussetzungen und ihrer daraus resultierenden Unerfahrenheit in Berufen und in der Öffentlichkeit sollten nach Darstellung der Autorin fachkompetente und beruflich erfahrene Männer ihre Kenntnisse und Fähigkeiten den Frauen des Alice-Frauenvereins in Bereichen der Geschäftsführung, juristischen Angelegenheiten und bei der praktischen Arbeit zur Verfügung stellen, solange Frauen in den Deutschen Staaten und später im Wilhelminischen Reich der Weg zur gleichwertigen und akademischen Bildung verschlossen war. Nachdem der Berliner Vaterländische Frauenverein 1871 Prinzessin Alice den Beitritt des Alice-Frauenvereins zu einem gesamtdeutschen Verband von krankenpflegerischen Vereinen nahegelegt hatte, sei der Hessen-Darmstädtische Verband formell dem Verband Deutscher Frauen-Hülfs- und Pflege-Vereine unter dem Roten Kreuz am 12. März 1872 beigetreten. Zugleich habe der Alice-Frauenverein für Krankenpflege seine Aufgaben auf die Waisen- und Armenbetreuung und den weiteren Ausbau der wissenschaftlichen Ausbildung des Krankenpflegepersonals erweitert. 1872 sei ein Mutterhaus, 1873 eine Krankenpflegerinnenschule und 1883 das Alice-Hospital mit einer größeren Krankenpflegerinnenschule eröffnet worden. Aufgrund ihrer Untersuchung beider Vereine hält Cordelia Scharpf zusammenfassend fest: „Noch heute – 150 Jahre nach Gründung der Alice-Vereine in Darmstadt – werden durch die Nachfolgeeinrichtungen die Erinnerungen an das Wirken der einstigen Großherzogin und ihrer Mistreiterinnen und Mitstreiter wach gehalten, die standes-, geschlechts- und konfessionsübergreifend Frauen zum ersten Mal und fortwährend Hilfe zum selbstbestimmten Leben boten“ (S. 39).

Wie Dagmar Klein (Gießen) in ihrem Beitrag „Die Alice-Vereine in Gießen“ (S. 42-57) zeigt, gab es auch in der Universitätsstadt Gießen, wie in Darmstadt, zwei Alice-Vereine, wobei der Alice-Verein für Frauenbildung und -erwerb, nach 1900 Alice-Schulverein genannt, gut dokumentiert sei und mit der Alice-Schule eine Kontinuität bis heute bestehe. Demgegenüber sei der Alice-Verein für Krankenpflege nur bruchstückhaft erschlossen, indem hier Kontinuität und Geschichtsschreibung fehlten. Wie die Autorin zeigt, waren die Mitgliederzahlen des Gießener Zweigvereins von 1869 bis 1874 überproportional – von 197 auf 305 – gestiegen. Umso erstaunlicher sei daher, dass das Protokoll der Generalversammlung für Jahresende 1885 – ohne hierfür Gründe zu benennen – die Auflösung des Gießener Alice-Frauenvereins für Krankenpflege vermerke. Im Jahre 1900 sei der Alice-Krankenpflegeverein in Gießen dann wiedergegründet worden, nachdem er „seit längerem eingegangen“ war. Nachdem in der NS-Zeit viele Vereine, so auch die Alice-Vereine, aufgelöst worden waren, sei in Gießen nach dem Zweiten Weltkrieg keine Neugründung mehr erfolgt. An das wohltätige Wirken von Großherzogin Alice von Hessen erinnere in Gießen heute lediglich noch der Name der Alicestraße.

In ihrem Beitrag „Der Alice-Frauenverein für Krankenpflege in Mainz“ (S. 58-69) zeichnet Eva Weickart (Mainz) die Entwicklung in der größten Stadt des Großherzogtums Hessen-Darmstadt nach, wo die entsprechende Vereinsgründung am 8. März 1870 stattfand. Ein Grund für die „relativ späte Gründung des Mainzer Zweigvereins“ liegt nach Ansicht der Autorin darin, dass die Pflege Kranker und Armer hier eine Domäne katholischer Ordensschwestern und das Bedürfnis nach Aufbau einer professionellen weltlichen Krankenpflegeorganisation in Mainz weniger stark ausgeprägt war. Bevor sie über ein eigenes Heim verfügten, lebten die hauptberuflichen Schwestern der Mainzer Alice-Schwesternschaft bis 1893 über die Stadt verstreut in Privatwohnungen; 1894 erhielten sie eine einheitliche und zweckmäßige Tracht. Wie die Darstellung zeigt, bestand der Mainzer Alice-Frauenverein für Krankenpflege, der 1897 mit dem Kreisverband vom Roten Kreuz den Bau eines gemeinsamen Krankenhauses beschlossen hatte, bis 1938, bevor er in der NS-Zeit dem Amt für Schwesternschaften im Präsidium vom Deutschen Roten Kreuz unterstellt wurde.

Unter der Überschrift „Hier gilt es mitzuarbeiten“ stellt Christina Uslurar-Thiele (Darmstadt) den „Offenbacher Zweigverein des Alice-Frauenvereins für Krankenpflege“ (S. 70-85) vor, der im Jahre 1869 gegründet wurde. Wie sie hierbei unter anderem zeigt, musste der Alice-Frauenverein in den Anfangsjahren seines Bestehens immer wieder öffentlich klarstellen – anders als von katholischer Seite behauptet – ohne konfessionelle oder evangelische Ausrichtung zu sein und dass die professionell ausgebildeten Pflegerinnen keinem Orden angehörten sowie jederzeit ihre Anstellung beim Alice-Frauenverein aufgeben konnten, etwa wegen Heirat. Zum Ende des Vereins in der NS-Zeit hält die Autorin wörtlich fest: „Schienen die neuen Machthaber den Alice-Frauenvereinen anfangs noch wohlgesonnen – denn Pflegeberufe entsprachen dem von ihnen propagierten Frauenbild – nötigte man doch nach wenigen Jahren im Zuge der sogenannten Gleichschaltung die selbstorganisierten Frauenvereine zur Auflösung und forderte sie auf, sich in große, von der NSDAP überwachte Organisationen einzugliedern“ (S. 83).

In ihrem Beitrag „Die Alice-Frauenvereine in Worms“ (S. 86-97) macht Margita Köhler-Eichberger (Worms) darauf aufmerksam, dass es dort sowohl einen „Alice-Frauenverein für Krankenpflege“ als auch einen „Alice-Verein für Frauenbildung und Erwerb“, der die „Alice-Industrie-Schule“ betrieb, gab. Einen Monat vor Beginn des Deutsch-Französischen Krieges am 11. Juni 1870 gegründet, engagierten sich die Mitglieder des „Alice-Frauenvereins für Krankenpflege“ sogleich in Lazarettpflege. Nach Darstellung der Autorin liegen über die Arbeit des Vereins nach dem Krieg bis zum Ersten Weltkrieg keine weiteren Informationen.

Die anlässlich der Gründung der Alice-Frauenvereine in Darmstadt vor 150 Jahren herausgegebene Festschrift kann sich sehn lassen. Wer sich für die Gründung, Ausbreitung und Arbeit dieser Vereine interessiert, findet hier eine Vielzahl grundlegender Informationen. Im Hinblick auf die Geschichte der Krankenpflege verdient die Veröffentlichung insofern besondere Beachtung, indem sie intensiv nicht nur die „Alice-Frauenvereine für Krankenpflege“ beleuchtet, sondern hierzu auch eine Fülle wichtiger Quellen erschlossen hat.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Geschichte der Berliner Krankenhäuser

geschichte berliner krankenhäuserAlfred Holzgreve, Gebhard von Cossel (Hrsg.)
Geschichte der Berliner Krankenhäuser

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. Berlin 2017, 200 Seiten, Hardcover, 49,95 Euro. ISBN 978-3-95466-276-0

Den Berlinern Krankenhäuser, die als Teil der Gesundheitswirtschaft zu den größten Arbeitgebern der Region zählen, kommt in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung Berlins und des Umlandes eine sehr wichtige Rolle zu. Sie bieten rund um die Uhr nicht nur ein vollständiges Leistungsspektrum von der regionalisierten Basisversorgung bis hin zur medizinisch-technischen Spezial- und Hochleistungsmedizin, sondern gestalten auch den medizinischen und pflegerischen Fortschritt mit.
Die heutige Situation ist dabei das Ergebnis einer mehrhundertjährigen Geschichte, in der es immer wieder historische Brüche gab: von den Anfängen, über eine wachsende Stadt, bis hin zur geteilten Stadt und der Wiedervereinigung von Ost- und Westberlin. All diese verschiedenen Zeitspannen spiegelt das vorliegende Buch über die Berliner Krankenhäuser wider, die auf eine eindrucksvolle Geschichte zurückblicken können.
Für die Herausgabe des Sammelbandes, der 18 Beiträge von 22 Autorinnen und Autoren vereint, zeichnen sich Prof. Dr. med. Dr. phil. Alfred Holzgreve (Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH, Direktor Forschung und Lehre) und Dr. med. Gebhard von Cossel (MBA, Sana Kliniken AG, Leiter Unternehmensstrategie Medizin) verantwortlich. Das Werk, in dem alle relevanten Träger der Berliner Krankenhäuser zu Wort kommen, geht auf eine gemeinsame Veranstaltung der Berliner Krankenhausgesellschaft und der Berliner Krankenhausträger im Jahre 2010 zurück. Es enthält die dort gehaltenen Vorträge, die durch weitere Beiträge ergänzt wurden.

Brit Ismer, der Vorsitzende der Berliner Krankenhausgesellschaft, hat zu der Veröffentlichung ein Geleitwort beigesteuert, in dem er unter anderem zu deren Bedeutung und Intention festhält: „Dieses Buch zeigt auf sehr interessante und auch überraschende Weise Ausschnitte aus der wechselvollen Geschichte der Berliner Kliniken und mit welchen Herausforderungen sie zu allen Zeiten konfrontiert waren. Ihre Geschichte ist sehr vielfältig, oft geprägt von herausragenden Erfolgen, großen Wissenschaftlern und vorbildlichen Strukturen, aber auch von Zeiten, die zum Teil unmenschlich waren und heute nicht mehr vorstellbar sind“ (S. VII).

Insgesamt betrachtet gewährt das mit zeithistorischen Fotos und Dokumenten reich bebilderte Buch eine Vielzahl von Einblicken in die mehr als drei Jahrhunderte umfassende Krankenhausgeschichte Berlins. Demnach haben die Berliner Krankenhäuser zum großen Teil eine sehr lange und ruhmreiche Geschichte und spiegeln auch in den heutigen Strukturen oft noch sehr anschaulich die historischen Entwicklungen der Krankenhauslandschaft, aber auch der gesamten Stadt beziehungsweise des Landes Berlin über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte wider. Eine ganz besondere Herausforderung bestand dabei nach dem Fall der Mauer 1989, als zwei sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme ohne Planung und Kompatibilität aufeinandertrafen. Neben Überblicksdarstellungen wie „Die Entwicklung Berlins zu Großberlin: Expansion der Medizin in die Gesellschaft – Vergesellschaftung der Medizin“ (S. 1-7) von Prof. Dr. Thomas Beddies und institutionsgeschichtlichen Beiträgen wie „Vom Pesthaus zum Universitätskrankenhaus – Die Berliner Charité im historischen Überblick“ (S. 143-150) von Prof. Dr. Thomas Schnalke stehen eine Reihe von Arbeiten zu unterschiedlichen Themen, darunter beispielsweise von Dr. Bernd Köppl „Sektorenübergreifende Kooperation durch Polikliniken / MVZ“ (S. 61-69), Prof. Dr. med. Volker Hesse „Entwicklung der Säuglings- und Kindermedizin in Berlin“ (S. 39- 48), von Rolf Dieter Müller „Krankenversicherungssysteme in Berlin – Entwicklung der Krankenkassen am Beispiel der AOK Berlin“ (S. 71- 83), von Dr. Ellis Huber „Soziale Gesundheitswirtschaft – Medizin und Heilkultur im Wandel der Zeit“ (S. 129-135), von Dr. Andrea Grebe und Kristina Tschenett „Vivantes – Die Entstehung des größten kommunalen Krankenhauskonzerns in Deutschland“ (S. 137-142) sowie Susanne Hansch und Barbara Lay „HELIOS – Ein bundesweit tätiges Gesundheitsunternehmen mit zwei Kliniken in Berlin“ (S. 151-162).
Positiv hervorzuheben ist, dass sich zwei Beiträge – namentlich die von Dr. Hermann Simon „Die Geschichte des Jüdischen Krankenhauses Berlin unter besonderer Berücksichtigung der Zeit von 1933 bis 1945 (S. 49-53) und Dr. phil. Petra Fuchs „Zwangssterilisation und ‚Euthanasie‘ m Nationalsozialismus am Beispiel einer Lebensgeschichte“ (S. 55-60) – auch speziell das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte ab 1933 thematisieren, von dem auch der Krankenhausbereich nicht verschont blieb.
Wenngleich in Kliniken beziehungsweise Krankenhäusern eine Vielzahl ganz verschiedener Berufsgruppen arbeiten, wobei neben den Ärzten bekanntlich das Krankenpflegepersonal die bei weitem größte Gruppe ausmacht, konzentriert sich die vorliegende Darstellung nahezu ausschließlich auf die Medizingeschichte beziehungsweise deren Protagonisten, während entsprechende Informationen zur Pflegegeschichte – und dies gilt auch für die Bildauswahl, wo es neben einer Vielzahl von Fotos mit Vertretern der Ärzteschaft gerade mal ein Foto mit zwei Krankenschwestern (S. 156) gibt – äußerst schwach ausgeprägt sind. Selbst in dem Beitrag „Die DRK Kliniken Berlin – Modern aus Tradition“ (S. 171-178), den Doreen Fuhr, die Oberin der DRK-Schwesternschaft Berlin e.V., verfasste, wird die Pflege beziehungsweise das Pflegepersonal lediglich ganz am Rande gestreift. Hier hätte man sich gewünscht, dass bei der Bearbeitung der Themen beziehungsweise der Auswahl der Autorenschaft auch Pflegehistoriker*innen zu Wort gekommen wären.

Immerhin kann hier als löbliche Ausnahme – und zwar in Wort und Bild – der Beitrag von Prof. Dr. med. Helmut H. Knispel und Sylvia Thomas-Mundt „Das 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg – Gründungsgeschichte am Beispiel des St. Hedwig-Krankenhauses“ (S. 9-19) genannt werden, der in seiner Darstellung gleichermaßen sowohl medizin- als auch pflegehistorische Gesichtspunkte berücksichtigt. So erfährt die Leserschaft etwa, dass am 14. September 1846 – der Tag gilt seither als Gründungstag für das St. Hedwig-Krankenhaus – die ersten vier Ordensschwestern vom Orden des heiligen Karl Borromäus aus dem Mutterhaus Nancy in Berlin eintrafen, um die Leitung und Pflege des neuen Krankenhauses zu übernehmen. Die in diesem Zusammenhang erwähnte Xaveria Rudler [1811-1886], die erste Oberin des neuen Krankenhauses, ist in dem Buch zugleich eine der ganz wenigen Ausnahmen, in denen eine Krankenschwester namentlich genannt wird. Unter pflegehistorischen Gesichtspunkten sind hier auch die weiteren Ausführungen lesenswert, wenn es – um nur ein Beispiel zu geben – über die Eröffnung der Krankenpflegeschule am 1. Oktober 1907 und deren Betrieb heißt: „Die Ausbildung dauerte ein Jahr. Der Unterricht wurde bis 1963 in den Mittagsstunden zwischen den Stationsdiensten erteilt. Die Ausbildung schloss nach erfolgter Prüfung mit der Ausstellung eines ‚Ausweises über die Erlaubnis zur berufsmäßigen Ausübung der Krankenpflege‘ ab. Pro Kurs wurden 15 Schülerinnen aufgenommen. Alle Schülerinnen wohnten im Krankenhaus“ (S. 13).

Wer das Buch zur Hand nimmt, sollte sich vom Titel nicht täuschen lassen. Wesentlich treffender als „Geschichte der Berliner Krankenhäuser“ wäre allemal „Beiträge zur Geschichte der Berliner Krankenäuser“ gewesen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling