Nanna Conti (1881-1951). Eine Biographie der Reichshebammenführerin 

nanna conti biografieAnja Katharina Peters
Nanna Conti (1881-1951). Eine Biographie der Reichshebammenführerin 
(Schriftenreihe der Stipendiatinnen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, Band 50)

Lit Verlag. Münster 2018, 439 Seiten, broschiert, 44,90 Euro, ISBN 978-3-643-13985-6

Im Jahre 1938 beschlossen die Nationalsozialisten das „Reichshebammengesetz“ (RHG), von dem einige Regelungen bis heute Bestand haben. Maßgeblich daran beteiligt war die „Reichshebammenführerin“, die Säuglingsschwester und Hebamme Nanna Conti. Die positive Bewertung ihrer Rolle bis in die 1980er Jahre durch die deutschen Hebammen und ihre Vernachlässigung in der bisherigen Medizingeschichte nahm Anja Katharina Peters (http://www.anja-peters.de/) zum Anlass für die vorliegende Biographie, bei der es sich um die redaktionell bearbeitete und um einen Anhang gekürzte Fassung ihrer Dissertation aus dem Jahre 2014 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald handelt (Volltext unter: http://ub-ed.ub.uni-greifswald.de/opus/volltexte/2014/1948/pdf/diss_Peters_AnjaKatharina.pdf). Neben der Monografie „Der Geist von Alt-Rehse. Die Hebammenkurse an der Reichsärzteschule 1935-1941“ (Frankfurt am Main 2005) veröffentlichte die Autorin, Kinderkrankenschwester und Diplom-Pflegewirtin (FH), zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge zur Medizin- und Pflegeschichte; zudem hat sie einen „Blog“ auf „www.station24.de“ und twittert unter „@thesismum“ und „@Histnut_Nurse“.

Nach Vorwort und Einleitung gliedert sich das Buch in die folgenden sechs Kapitel, die ihrerseits zahlreiche Unterkapitel und mehrere Exkurse enthalten:

  1. Methodisches Vorgehen
  2. Bedingungen
  3. Berufspolitik
  4. Strategien und Taktiken
  5. Konsequenzen
  6. Zusammenfassung und Fazit.

Ergänzt wird die Darstellung durch ein Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einen Abbildungsteil.

Peters präsentiert Nanna Contis Leben als ein Konzept, als eine Beschreibung dargestellter Ereignisse, wobei sie insbesondere der Frage nach Contis Rolle im Nationalsozialismus und ihrer Verantwortung nachgeht. Den Fokus richtet sie dabei auf die „Bedingungen ihres Handelns, die Interaktion zwischen ihr und anderen Akteurinnen und Akteuren, ihre Strategien und Taktiken und auf die Konsequenzen ihres Handelns für sie selbst und andere“ (S. 12). Zugleich richtet die Autorin ein besonderes Augenmerk auf die sozialen Bezüge Contis – ihre Familie, Weggefährtinnen und -gefährten, Gegnerinnen und Gegner. Im Hinblick auf ihr Forschungsinteresse schreibt sie: „Es ist das Anliegen dieser Arbeit, die verstreuten Fragmente zu Nanna Contis Leben und Handeln zusammenzutragen, einzuordnen, zu deuten und so zur Analyse des Handelns von Hebammen im nationalsozialistischen Deutschen Reich beizutragen“ (S. 13).

Nach Hinweisen auf ihr methodisches Vorgehen stellt Peters zunächst im Kapitel „Bedingungen“ den familiären und weltanschaulichen Referenzrahmen Nanna Contis dar. In chronologischer Abfolge zeichnet sie dabei dezidiert den Weg Contis von ihrem Geburtsort Uelzen bis zu ihrem späteren Lebensmittelpunkt Berlin nach und veranschaulicht zugleich die Einflüsse, die ihr Denken prägten. Darüber hinaus befasst sie sich mit Contis Konzept von Mutterschaft als wesentlichen Bezugspunkt für ihre Tätigkeit als Hebamme und Hebammenfunktionärin sowie mit den Lebensläufen ihrer drei Kinder, die emotional, beruflich und politisch eng mit ihr verbunden waren. In diesem Kontext zeichnet die Autorin schließlich auch die politische Radikalisierung Contis nach, die zeitgleich mit der ihrer Söhne verlief.

Im Mittelpunkt des Kapitels „Berufspolitik“ steht die Tätigkeit Contis im Neupreußischen Hebammenbund, die „Gleichschaltung“, ihre praktische Arbeit nach 1933 sowie Auseinandersetzungen und Kooperationen. In einem Exkurs skizziert Peters sodann die Tätigkeit Contis für den „jüdischen“ Gynäkologen Dr. Bruno Wolff, bevor sie Contis „Zufluchtsort“ Mellensee vorstellt.

Im umfangreichsten Kapitel „Strategien und Taktiken“ beschäftigt sich die Autorin mit diversen Themenbereichen, die Nanna Contis Arbeit für die Reichsfachschaft Deutscher Hebammen / Reichshebammenschaft prägten oder bisher noch nicht explizit in Bezug auf Nanna Conti untersucht wurden: ihre Visitationsberichte, das Engagement im internationalen Hebammenverband, ihre Publikationen außerhalb der Hebammenzeitschrift, ihre Stellungnahmen zur Eugenik, die Hebammenarbeit in Zusammenhang mit der „Euthanasie“, Nanna Contis Kontakte zum „Lebensborn“, ihr ausgeprägter Antikatholizismus und ihr Rassismus, das 1938 erlassene Reichshebammengesetz, die Eingliederung der österreichischen Hebammen, die geburtshilfliche Betreuung der Zwangsarbeiterinnen, die Einbeziehung der Hebammen in die Eroberung Osteuropas, die Fortbildung der Hebammen in Alt Rehse und Berlin-Neukölln sowie am Tropeninstitut in Hamburg und schließlich die finanzielle Absicherung der Organisation durch Nanna Conti.

In drei Exkursen widmet sich Peters sodann den Schicksalen jüdischer Hebammen, dem Schicksal des jüdischen Arztes Prof. Philipp Schwartz und dem unangepassten Verhalten einer thüringischen Hebamme sowie Nanna Contis direkter und indirekter Beziehung zu diesen Menschen.

Im Kapitel „Konsequenzen“ beschreibt die Autorin nicht nur Nanna Contis Flucht nach Schleswig-Holstein und ihr dortiges Leben nach Ende des Krieges, sondern auch den schwierigen Umgang der Nachkriegsverbände mit ihrer ehemaligen Führerin, die Auswirkungen des Reichshebammengesetzes auf die Situation der Hebammen in der Bundesrepublik Deutschland sowie das materielle Erbe der Hebammenverbände.

Stellten bisherige Arbeiten vor allem die Situation der Hebammen im Nationalsozialismus oder ihrer Berufsorganisation unter Nennung Nanna Contis dar, hat Peters – gestützt auf eine breite Quellenbasis, darunter archivalische Quellen aus rund 60 Archiven und eine Vielzahl zeitgenössischer Veröffentlichungen – erstmals diese Situation explizit aus der Person Nanna Contis heraus oder in Hinblick auf sie untersucht. Wie sie hierbei zeigen kann, wuchs Conti in einer protestantisch geprägten, nationalkonservativen preußischen Familie auf, wobei sie als einschneidende Kindheitserlebnisse die Verarmung der Familie, den frühen Tod ihres Bruders und den Umzug in die Schweiz erlebte. Obwohl Nanna Contis Schulbildung der einer bürgerlichen Tochter entsprach, ergriff sie den Beruf der Hebamme, der zwar einen sozialen Abstieg bedeutete, sie aber in die Lage versetzte, ihre Familie zu ernähren.

Für die völkische und antisemitische Grundhaltung Contis während der Weimarer Republik brachte der Machtantritt der NSDAP einen „rasanten Bedeutungszuwachs“. Dabei entsprach ihre Vorstellung von Mutterschaft, wie die Autorin nachweist, voll der eugenischen, nationalen, rassistischen wie der gesellschaftlichen und propagandistischen Bedeutungszuschreibung des Begriffs im Nationalsozialismus. Nanna Conti teilte und propagierte das ideologisch aufgeladene Mutterbild des Nationalsozialismus aber nicht nur, sondern setzte gleichzeitig eigene Akzente in Fragen der Kindererziehung und auch in Bezug auf die Rolle des Vaters.

Der politische Erfolg von Nanna Conti lässt sich nach Ansicht von Peters vor allem aus der Interaktion mit ihrem Sohn Leonardo Conti erklären. Während Nanna Conti dem aufstrebenden Gesundheitspolitiker Leonardo die Loyalität der Hebammen, einer im Nationalsozialismus umworbenen Berufsgruppe, sicherte, habe Leonardo Conti seiner Mutter den notwendigen Rückhalt in Politik und in großen Teilen widerstrebender Ärzteschaft verschafft, um jahrzehntealte Hebammenforderungen durchzusetzen. Ihre „außerordentlich gute Vernetzung“ habe ihr zudem die Autorität gegeben, den Einheitsverband der Hebammen im Sinne einer Führerorganisation umzugestalten.

Nach Darstellung der Autorin erreichte Nanna Conti den Höhepunkt ihrer Karriere 1938/39 mit der Verabschiedung des Reichshebammengesetztes. Wenngleich sie dabei den „Primat der Hausgeburt“ nicht gesetzlich verankern konnte, hätten ihr Hebammen im In- und Ausland Bewunderung entgegengebracht. Selbst die International Confederation of Midwives (ICM), die unmittelbar nach dem Krieg jeden Kontakt zu ehemaligen Nationalsozialisten ablehnte, habe Nanna Conti bald darauf wieder durch Erwähnung auf Kongressen und erste Präsidentin geehrt. Über das Geschehen hält Peters fest: „Offensichtlich vernebelte die einzigartige Stellung der Hebammen in Österreich und Deutschland in der Geburtshilfe den Blick auf die im RHG verankerte Ausgrenzung jüdischer und politisch missliebiger Hebammen. Diese Sichtweise änderte sich erst allmählich in den 1990er Jahren, ohne dass dies Konsequenzen gegenüber den Nachkommen verfolgter Hebammen nach sich gezogen hätte. Ähnlich unbekümmert ging der westdeutsche Hebammenverband mit dem wieder erhaltenen NS-Vermögen um, das er im Wesentlichen den Bemühungen Nanna Contis zu verdanken hatte“
(S. 357).

Aufgrund ihrer Arbeit bemängelt die Autorin, dass sich die Hebammenorganisationen im In- und Ausland bisher nicht mit der Frage auseinandergesetzt haben, inwieweit das Gedankengut, das in den maßgeblich von Nanna Conti vorangetriebenen Fortbildungskursen in Alt Rehse, Hamburg, Berlin-Neukölln und in dezentralen Veranstaltungen vermittelt wurde, das Denken und Handeln von Hebammen über 1945 hinaus beeinflusste. Ebenso habe bis heute keine Abgrenzung gegenüber den Führerinnen von Nanna Contis Gnaden stattgefunden, die nach 1945 und bis weit in die Geschichte der alten Bundesrepublik hinein die Geschicke der Hebammenverbände beeinflussten. Eine Diskussion innerhalb der ICM über die Unterstützung der Reichshebammenschaft und die intensive Kooperation auf nationaler und internationaler Ebene sei ebenfalls bisher nicht erfolgt. Zusammenfassend hält Peters fest: „Was immer Nanna Conti in den Jahren zwischen 1933 und 1945 leistete – die umfassende Repräsentanz im In- und Ausland, den erfolgreichen internationalen Kongress in Berlin, die Vertretung der deutschen Hebammen in der IMU, die Arbeit für das RHG – stand unter dem Zeichen des Hakenkreuzes. Ihre Biographie kann somit nur als die einer nationalsozialistischen Funktionsträgerin geschrieben und gelesen werden“ (S. 359).

Alle bisher vorgestellten Porträts über Nanna Conti stützen sich vergleichsweise unkritisch auf propagandistisch gefärbte NS-Literatur. Hiervon grenzt sich die profunde, mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestattete Arbeit von Peters deutlich ab. Der Autorin kann man daher zu dieser Arbeit nur gratulieren, zumal es ihr gelungen ist, erstmals den familiären Kontext von Nanna Conti anhand vieler und unvollständiger Quellen zu rekonstruieren. Die Biographie, die den Blick stets über den Tellerrand hinaus richtet und zugleich spannend zu lesen ist, schließt nicht nur eine Lücke in der bisherigen Geschichtsschreibung über Hebammen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern leistet auch einen wertvollen Beitrag zur Beurteilung der Rolle der Frau in der NS-Gesellschaft und der Begriffsdefinition der „Täterin“. Von daher sollte das Buch, dem ein großer Leserkreis zu wünschen ist, zur Pflichtlektüre für alle angehenden Hebammen gehören.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945. Ein Lehr- und Studienbuch. 

ae70d9762551a641bf571d19a1e340f37b1f0419 00 00Sylvelyn Hähner-Rombach, Pierre Pfütsch (Hrsg.):
Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945. Ein Lehr- und Studienbuch. 

Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main 2018, 422 Seiten, Festeinband, 49,95 Euro, ISBN: 9783863214111

Dank dem 1980 eingerichteten Institut für Geschichte der Medizin (IGM) der Robert Bosch Stiftung (RBS) in Stuttgart, dem einzigen außeruniversitären medizinhistorischen Forschungsinstitut in Deutschland, das auch die Geschichte der Krankenpflege im Blick hat, konnten in den letzten Jahren eine Reihe wichtiger pflegehistorischer Studien durchgeführt und veröffentlicht werden, darunter die Arbeiten von Kristina Matron
„Offene Altenhilfe in Frankfurt am Main 1945-1982/83“ (Stuttgart 2017),1 Nina Grabe „Die stationäre Versorgung alter Menschen in der deutschen Nachkriegszeit
(1945-1975) im Raum Hannover / südliches Niedersachsen“ (Stuttgart 2016),2 Anja Faber „Pflegealltag im stationären Bereich zwischen 1880 und 1930“
(Stuttgart 2015),3 Astrid Stölzle „Kriegskrankenpflege im Ersten Weltkrieg“ (Stuttgart 2013),4 Annett Büttner „Die konfessionelle Kriegskrankenpflege im 19. Jahrhundert“ (Stuttgart 2013)5 und Ulrike Gaida „Bildungskonzepte der Krankenpflege in der Weimarer Republik“ (Stuttgart 2011).6

Trotz diesem Engagement zeigen sich bei näherer Betrachtung weiterhin große Forschungslücken, insbesondere für die Zeit nach 1945. Mit Ausnahme des Hebammenwesens trifft dies auch auf die Geschichte der anderen nichtärztlichen Gesundheitsberufe zu. Dieses Defizit aufgreifend haben Sylvelyn Hähner-Rombach und Pierre Pfütsch nun ein Lehr- und Studienbuch zum Thema „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945“ herausgegebenen.

Dr. phil. Sylvelyn Hähner-Rombach (Jahrgang 1959) ist seit 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart, wobei ihre Forschungsschwerpunkte die Sozialgeschichte der Psychiatrie, der Tuberkulose und der Krankenversicherung sowie die Geschlechtergeschichte, die Zeitgeschichte der Prävention und die Pflegegeschichte umfassen. Hierzu publizierte sie neben zahlreichen Beiträgen in Fachzeitschriften und Sammelbänden auch eine Reihe von Studien, darunter beispielsweise „Sozialgeschichte der Tuberkulose vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unter besonderer Berücksichtigung Württembergs“ (Stuttgart 2000), „‘Ohne Wasser ist kein Heil‘. Medizinische und kulturelle Aspekte der Nutzung von Wasser“ (Stuttgart 2005), „Geschichte der Prävention. Akteure, Praktiken, Instrumente“ (Stuttgart 2015) und jüngst (gemeinsam mit Karen Nolte) „Patients and Social Practice of Psychiatric Nursing in the 19th and 20th Century” (Stuttgart 2017). Darüber hinaus ist sie Herausgeberin der bereits in der vierten Auflage vorliegenden „Quellen zur Geschichte der Krankenpflege. Mit Einführungen und Kommentaren“ (Frankfurt am Main 2017).7

Dr. phil. Pierre Pfütsch (Jahrgang 1986) ist seit Oktober 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart. Nach seinem Studium der Geschichtswissenschaft und Germanistik war er Promotionsstipendiat am IGM zur Bearbeitung des Themas „Prävention und Gesundheitsförderung in der BRD aus geschlechterspezifischer Perspektive“ sowie Doktorand an der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Präventionsgeschichte, Geschlechtergeschichte, Zeitgeschichte der Medizin und die Geschichte medizinischer Berufe. Neben Buch- und Zeitschriftenbeiträgen veröffentlichte er die beiden Monographien „Aderlass, Purgation und Maulbeersaft. Gesundheit und Krankheit bei Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667)“ (Innsbruck, Wien, Bozen 2013) und „Das Geschlecht des ‚präventiven Selbst‘. Prävention und Gesundheitsförderung in der Bundesrepublik Deutschland (1949-2010) aus geschlechterspezifischer Perspektive“ (Stuttgart 2017).

Das mit Festeinband und in gebundener Form vorgelegte Buch, das mit einem „großzügigen Druckkostenzuschuss“ des IGM der RBS erschien, gliedert sich nach einem einführenden Kapitel zum historischen Rahmen von Sylvelyn Hähner-Rombach in zwei Teile. Während der erste Teil umfassende Inhalte zu zentralen Bereichen der Pflegegeschichte bietet, unter anderem zu den Themen Professionalisierung, Männer in der Krankenpflege, Psychiatriepflege, Arbeits- und Lebensalltag in der evangelischen Krankenpflege. Krankenpflege und Gewerkschaftsbewegung sowie objekthistorische Forschung, widmet sich der zweite Teil, der mit einer kurzen Einführung von Pierre Pfütsch beginnt, dem aktuellen Forschungstand zur Geschichte anderer Gesundheitsberufe, namentlich der Geburtshilfe, der stationären und häuslichen Altenpflege, dem Rettungswesen und den Diabetesberaterinnen.

Im Einzelnen enthält der Band die folgenden Beiträge:

Sylvelyn Hühner-Rombach und Pierre Pfütsch: Einführung (S. 7-11)

Sylvelyn Hühner-Rombach: Historischer Rahmen
(S. 12-28)

 

Erster Teil

Christoph Schwamm: Männlichkeit und die (Selbst-)Positionierung von Krankenpflegern in der Bundesrepublik ca. 1945 bis 2000 (S. 29-64)

Christof Beyer und Karen Nolte: Psychiatriepflege nach 1945 (S. 65-90)

Susanne Kreutzer: Sorge für Leib und Seele –
Arbeits- und Lebensalltag evangelischer Krankenpflege, 1950er bis 1970er Jahre (S. 91-119)

Susanne Kreutzer: Abschied vom zölibatären Berufsbild? Gewerkschaftspolitik in der Pflege nach 1945 (S. 120-145)

Sylvelyn Hühner-Rombach: Aus- und Weiterbildung in der Krankenpflege in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 (S. 146-194)

Sylvelyn Hühner-Rombach: Quantitative Entwicklung des Krankenpflegepersonals (S. 195-219)

Isabel Atzl: Spritzen, Kittel, Schnabeltassen – Objekte als Quellen in der pflegehistorischen Forschung
(S. 220-238)

 

Zweiter Teil

Pierre Pfütsch: Nichtärztliche Gesundheitsberufe nach 1945. Eine Einführung (S. 239-248)

Nina Grabe: Altenpflegerin – ein neuer Beruf für die „moderne“ Frau. Die Entstehung einer eigenständigen Altenpflegeausbildung und deren Entwicklung, 1950 bis 1990 (S. 249-286)

Kristina Matron: Häusliche Altenpflege von 1945 bis 1985 (S. 287-311)

Marion Schumann: Hebammen und ihr Beruf in der Bundesrepublik zwischen 1950 und 1975
(S. 312-349)

Pierre Pfütsch: Rettungssanitäter – Rettungsassistenten – Notfallsanitäter: Ein Berufsbild im Wandel, 1949 bis 2014 (S. 350-382)

Aaron Pfaff: „Man darf keine Kenntnisse beim Laien voraussetzen!“ Die Genese der Diabetes-Beratungs- und -Schulungsberufe (S. 383422).

In ihrer Einführung weisen die Herausgeber zu Recht darauf hin, dass die Forschungslücken zur Geschichte der Krankenpflege weiterhin groß sind. Die Geschichte anderer nichtärztlicher Gesundheitsberufe sei mit Ausnahme des Hebammenwesens „genau genommen erst im Entstehen begriffen.“ Für diesen „sehr komplexen und weitgehend unerforschten Bereich“ gehe es nicht nur darum, die wenigen existierenden Arbeiten bekannter zu machen und zu versuchen, einige Forschungslücken zu schließen, sondern auch darum, über den Tellerrand der Pflegegeschichte auf benachbarte Berufe zu schauen, zumal sich die meisten dieser Berufe im selben Feld bewegten, teilweise sogar in direkter oder indirekter Zusammenarbeit agierten, mitunter auch voneinander abhängig und in der Regel in den Hierarchien des Feldes ähnlich positioniert seien. Zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung halten Sylvelyn Hühner-Rombach und Pierre Pfütsch sodann wörtlich fest: „Von Anfang an war klar, dass mit diesem Buch lediglich erste Schritte zur Schließung von Forschungsdefiziten in Angriff genommen werden können. Andere Historikerinnen und Historiker sind also aufgerufen, zu den weiter bestehenden Lücken zu forschen und ihre Ergebnisse zu veröffentlichen, um das Panorama zu erweitern und differenzierte Vergleiche zu ermöglichen“ (S. 8).

Das vorliegende Werk, so die Herausgeber, ergänze in gewisser Weise die „Quellensammlung zur Geschichte der Pflege“, indem hier manche Themen, die dort nur angeschnitten werden konnten (zum Beispiel Männer in der Pflege oder Psychiatriepflege), weitergeführt oder neu erarbeitet wurden. Zugleich ergänze hinsichtlich der Lehre zur Geschichte der Krankenpflege die Quellensammlung auch diesen Sammelband, weil sie Quellen zu den hier angeführten Themen bereithält.

Sämtliche Beiträge einzeln ausführlich vorzustellen, würde den Rahmen der vorliegenden Rezension sprengen. Allgemein lässt sich aber sagen, dass das Buch ganz unterschiedliche Arbeiten vereint. So finden sich sogenannte state-of-the-art Abhandlungen, darunter von Susanne Kreutzer, Kristina Matron, Nina Grabe und Marion Schumann, die bereits vorliegende Forschungen zusammengefasst aus einer bestimmten Perspektive auf den Punkt bringen oder neu bearbeiten, neben anderen – so von Pierre Pflütsch und Aaron Pfaff –,
die erste Ergebnisse oder Teilbereiche von in der Entstehung befindlichen Untersuchungen vorstellen. Andere Beiträge, so die von Isabel Atzl, Christoph Schwamm, Christoph Beyer und Karen Nolte, konzentrieren sich auf ein noch (weiter) zu bearbeitendes, junges beziehungsweise lückenhaftes Forschungsfeld, während andere, so wie die von Sylvelyn Hähner-Rombach
versuchen, die Quellen- und Forschungslage zu bestimmten Bereichen zusammenzufassen, um damit weitere Forschungen anzuregen.

Trotz dieser Disparität ist die Veröffentlichung sehr zu begrüßen, weil sie erstmals zusammenfassend wichtige Arbeiten zu den „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945“ vereint. Damit steht für Lehrende, Studierende und Interessierte der Geschichte der Gesundheitsberufe in Deutschland ein Lehr- und Studienbuch zur Verfügung, das man lange vergeblich suchte.

Bleibt lediglich der Hinweis, dass man sich zu den im Buch genannten Personen – Franz Bauer (1898-1969), Johann Friedrich Dieffenbach (1792-1847), Ruth Elster (1913-2002), Margarete Florschütz (1894-1969), Emil Fritz (1895-1984), Otto Gessler (1875-1955), Antje Grauhan (1930-2010), Liselotte Katscher (1915-2012), Martin Mendelsohn (1860-1930), Walter Morgenthaler (1882-1965), Luise von Oerzten (1897-1965), Bernhard Rüther (1913-1980), Wilhelm Julius Rudolph Salzwedel (1854-1929) und Karin Wittneben (1935-2016) – Hinweise auf die entsprechenden Artikel im bisher im Umfang von acht Bänden vorliegenden, von Horst-Peter Wolff (Bände 1-3) und Hubert Kolling (Bände 4-8) herausgegebenen und inzwischen – unter https://www.pflege-wissenschaft.info/datenbanken/who-was-who-in-nursing-history – auch online zugänglichen „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte“8 gewünscht hätte.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling


1 Vgl. die Rezension des Verfassers in: www.socialnet.de/rezensionen/22810.php [10.07.2017].
2 Vgl. die Rezension des Verfassers in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 6. Jg., Ausgabe 1-2017, S. 58-60.
3 Vgl. die Rezension des Verfassers in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 5. Jg., Ausgabe 1-2016, S. 56-59.
4 Vgl. die Rezension des Verfassers in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 3. Jg., Heft 2-2014, S. 56-58.
5 Vgl. die Rezension des Verfassers in: www.socialnet.de/rezensionen/16407.php [03.04.2014].
6 Vgl. die Rezension des Verfassers in: www.socialnet.de/rezensionen/11943.php [16.09.2011].
7 Vgl. die Rezension des Verfassers in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 6. Jg., Ausgabe 2-2017, S. 116-118.
8 Vgl. zu Band 7 die Rezension von Sylvelyn Hähner-Rombach in: https://www.pflege-wissenschaft.info/81-pflegejournal/journal-info/rezensionen/463-Biographisches-Lexikon-zur-Pflegegeschichte--Band-7.

Leben in Haus 5. Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren: Zeitzeugen berichten über 1950-1986. 

Erhard KnauerLeben in Haus 5 Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren Zeitzeugen berichten 1950Erhard Knauer (Hrsg.)
Leben in Haus 5. Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren: Zeitzeugen berichten über 1950-1986. 

Psychiatrie Verlag. Köln 2018, 159 Seiten, gebunden, 20,00 Euro, ISBN 978-3-88414-945-4

Nachdem bereits 1825 in Siegburg die erste „Rheinische Irrenanstalt“ eröffnet worden war, bemühte sich der Provinziallandtag der Rheinprovinz um die Errichtung einer Bewahranstalt zur Unterbringung „der irren Verbrecher und verbrecherischen Irren.“ 1897 wurde der Bau einer solchen Einrichtung genehmigt und in Düren im Jahre 1900 als „Pavillon für 48 irre Verbrecher“ fertiggestellt. Dieser beherbergte als sogenanntes „Haus 5“ – mit fast 100 Patienten ständig heillos überbelegt – bis Mitte der 1980er Jahre Patienten, die straffällig wurden und als gemeingefährlich galten.

Das von Dr. med. Erhard Knauer herausgegebene Buch „Leben in Haus 5“ schildert „Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren“ in der Zeit von 1950 bis 1986 und begleitet die gleichnamige Ausstellung im Psychiatriegeschichtlichen Dokumentationszentrum Düren (PDZ). Der Herausgeber, von 1988 bis 2010 ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken Düren (1988-2010) und Autor zahlreicher Beiträge zur Thema Psychiatrische Versorgung und Gerontopsychiatrie, ist Vorsitzender des Psychiatriegeschichtlichen Dokumentationszentrums Düren.

Entstanden ist die Veröffentlichung auf der Grundlage von Interviews, die im Frühjahr 2015 mit acht pflegerischen Mitarbeitern geführt wurden, die in der Zeit von 1950 bis 1986 im Bewahrungshaus in Düren beschäftigt waren. Die mittels Tonträger aufgenommenen Gespräche, die bis zu drei Stunden dauerten und schriftlich erfasst wurden, bildeten zugleich die Grundlage für ein Drehbuch, bei dem im Frühjahr 2016 die Zeitzeugen an authentischen Orten im Haus 5 erneut befragt und dabei von einem Filmteam begleitet wurden.

Der großformatige, mit zahlreichen zeitgenössischen Schwarzweiß- und Farbfotos illustrierte Band gliedert sich in zwei Teile, wobei den Zeitzeugen-Interviews vier Texte zur Veranschaulichung historischer und zeitgeschichtlicher Zusammenhänge vorangestellt sind. Zunächst gibt Dr. Ralf Seidel, Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken Mönchengladbach (1980-2016) und Redakteur der Zeitschrift „Sozialpsychiatrische Nachrichten“ (1980-2016), in seinem Beitrag „Aufbruch in die Moderne“ einen Überblick über die Entwicklung der Psychiatrie zwischen 1900 und 1930
(S. 10-25), bevor Thomas Hax-Schoppenhorst, Öffentlichkeits- und Integrationsbeauftragter der LVR-Klinik Düren sowie Dozent an Pflegeschulen, unter der Überschrift „Die Sicherung der Gesellschaft gegen gemeingefährliche Kranke“ die Geschichte der Forensischen Psychiatrie beleuchtet (S. 26-39). Nachdem Dr. Erhard Knauer „Das Bewahrungshaus Düren in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts“ (S. 40-55) vorgestellt hat, widmet sich Dr. Horst Wallraff, Historiker und Archivar der Stadt Düren sowie Lehrbeauftragter am Historischen Seminar II der Universität Köln, in dem Beitrag „Sicherheitsaspekte und Sensationsstreben“ dem „Haus 5“ in der Dürener Presselandschaft von der Jahrhundertwende bis heute
(S. 56-80).

Der zweite Teil des Buches dokumentiert die in elf Kapitel untergliederten Interwies der Zeitzeugen, die sich schwerpunktmäßig zu den Themen „Die Pforte“,
„Hierarchie“, „Alltag“, „Eskalation“, „Suchtpatienten“, „Schluckerzelle“, „Elektroschock“, „Bärenzelle“, „Reformdruck“, „Brand in Haus 5“ und „Frauen in Haus 5“ äußerten
(S. 81-157). Den bewegenden Berichten, die durchgehend von unwürdigen Verhältnissen und dramatischen Ereignissen erzählen, sind jeweils kurze Einführungstexte von Stefan Jünger vorangestellt. Der Krankenpfleger und Fachkrankenpfleger für psychiatrische Pflege sowie Bildungsreferent an der LVR-Akademie für seelische Gesundheit in Solingen, weist einleitend darauf hin, dass damals wie heute die Pflegenden die größte Berufsgruppe in der Dürener Klinik, sowie auch an anderen forensischen Standorten, sind. Da sie die höchste Kontaktdichte zu den Patient*innen hätten, nähmen sie eine besondere Rolle im therapeutischen Prozess ein. Wie der Autor in seinem Beitrag „Macht, Abhängigkeiten und Überlegenheit auf beiden Seiten“ schreibt, befolgte die Pflege „meist kritiklos die ärztlichen Anordnungen. Auch auf der Seite der Pflegekräfte habe sich eine straffe Hierarchie fortgesetzt, „mit der sich die Mitarbeiter untereinander aber auch gegenüber den Patienten abgrenzten“ (S. 98). In seinem „Ausblick“ weist Stefan Jünger darauf hin, dass sich durch die prägenden Veränderungen des Maßregelvollzugs auch die repressive Seite forensischer Einrichtungen reduziert und der sozial-psychiatrische Gedanke in die Köpfe der Verantwortlichen Einzug gehalten habe. Darüber hinaus seien vielfältige bauliche Veränderungen umgesetzt, interdisziplinäre Teams gegründet sowie pflegerische und therapeutische Konzepte verfolgt worden. Schließlich würden mittlerweile Unterbringungsmöglichkeiten auch außerhalb forensischer Mauern existieren, wobei die Pflege auch an diesen Stellen wichtige Positionen besetze. Wörtlich hält er sodann weiter fest: „Die Behandlung und Weiterentwicklung der anvertrauten Menschen steht heute im Mittelpunkt. Allmählich verändert die psychiatrische Pflege ihren Blickwinkel, dieser Wechsel vollzieht sich in Richtung Gesundheitsförderung bzw. Prävention und bewirkt die Erarbeitung zukunftsfähiger Pflegekonzepte. Begriffe wie Recovery und Empowerment gewinnen zunehmend an Bedeutung und eröffnen für die Patienten neue Perspektiven der Entwicklung. Diese inhaltliche Neuorientierung vollziehen Pflegekräfte durch Anpassungen in ihrer Ausbildung und aktuell sowie zukünftig durch die Akademisierung der Pflegeberufe“
(S. 156).

Ulrike Lubek, Direktorin des Landschaftsverbandes Rheinland, hat zu dem Buch ein Grußwort beigesteuert, in dem sie vor dem Vergessen der Psychiatriegeschichte mahnt, da sie uns in vielfacher Hinsicht mahne und Erreichtes verstehen und wertschätzen ließe. Schließlich seien auch die im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte in der forensischen Psychiatrie entwickelten modernen Behandlungskonzepte und deren Rahmenbedingungen auch aus den in der Geschichte gewonnenen Erfahrungen erwachsen. Sodann schreibt sie zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung wörtlich weiter:
„Das Bewusstsein hierüber wird in beeindruckender Weise durch die in der ‚Zeitzeugen‘-Ausstellung zu Worte kommenden Mitarbeitenden geweckt, sie sowohl die belastende, sie an Grenzen bringende Zeit in der alten Forensik als auch die Aufbruchstimmung nach dem Umzug in das forensische Dorf
[in Düren im April 1986] erlebt haben. Ihre Schilderungen sind packende und berührende Zeitzeugen-Dokumente-Erinnerungen an eine Zeit, die im Bewusstsein bleiben muss“ (S. 7).

Das Buch „Leben in Haus 5“ ist sehr zu begrüßen, steht die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren doch – zugleich stellvertretend für vergleichbare Einrichtungen – für ein Teilstück psychiatrischer Zeitgeschichte der forensischen Pflege, die bisher noch viel zu wenig erforscht und dokumentiert ist. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass hier Pflegende selbst zu Wort kommen. Sie erzählen ihre Geschichte(n) aus einem persönlichen Blickwinkel, der subjektives Erleben und subjektive Erfahrungen umspannt. Gerade mit Blick auf die in der Vergangenheit von Krisen gekennzeichnete Geschichte der forensischen Psychiatrie kommt ihren Berichten ein hoher Stellenwert zu. In jedem Fall eröffnen sie der Leserschaft tiefe Einblicke in einen bedeutenden Teil der Psychiatriegeschichte und psychiatrischen Krankenpflege (im Rheinland), der – Gott sei Dank – längst überwunden ist.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling