Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main

Das Gumpertz sche Siechenhaus ein Jewish Place in Frankfurt am MainBirgit Seemann, Edgar Bönisch
Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main
Geschichte und Geschichten über eine jüdische Wohlfahrtseinrichtung im Frankfurter Ostend im 20. Jahrhundert

Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 2019 300 Seiten, 29,90 €, ISBN 978-3-95558-253-1

Im Mittelpunkt des vorliegenden Buches, das vom „Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V.“ in Frankfurt am Main (vgl. http:/verein-pflegegeschichte.de/) herausgegeben wird, steht das Gumpertz’sche Siechenhaus, eine seit Ende des 19. Jahrhunderts bedeutende jüdische Pflegeeinrichtung am Röderberg im Frankfurter Ostend, die 1941 von den NS-Behörden geschlossen wurde. Verfasser*innen sind Dr. phil. Birgit Seemann und Dr. phil. Edgar Bönisch, die beide – promovierte/r Sozialwissenschaftlerin und Historikerin beziehungsweise Ethnologe – als Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen im Forschungsprojekt „Jüdische Pflegegeschichte“ an der Frankfurter University of Applied Sciences (vgl. http:/ www.juedische-pflegegeschichte.de/) tätig sind und bereits zahlreiche Fachbeiträge zur Biografie-, Institutionenund Berufsgeschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland veröffentlicht haben.

Auf der Grundlage unterschiedlicher Quellen aus zahlreichen Archiven in Deutschland, Israel, Großbritannien, Frankreich und den USA, darunter Archivalien, Texte und Fotos sowie Gespräche mit Zeitzeug*innen, rekonstruieren die Autor*innen die Geschichte des Gumpertz’schen Siechenhauses von seiner Entstehung im jüdisch geprägten Ostend am Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, wobei sie auch die soziale Funktion und Ausstrahlung der Pflegeeinrichtung innerhalb der jüdischen Gemeinde Frankfurts betrachten. Ihre Forschungsergebnisse präsentieren sie nicht nur in der Dimension einer historischen Rekonstruktion entlang einer Zeitachse, sondern verorten die Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes in der Geschichte des Hauses, in den Raum als solchen. Damit greifen sie den aktuellen Diskurs um „Jewish Space“ und „Jewish Place“ auf und weben ihn in die Erzählung über die Geschichte des Hauses ein. Eingebettet in dieses „Raum-Zeit-Kontinuum“, wie es der Historiker und Publizist Karl Schlögel in seiner Schrift „Im Raume lesen wir die Zeit“ (München, Wien 2003) formulierte, werden so unter anderem die Akteur*innen, die Gründer*innen, die Bewohner*innen und die Pflegenden vorgestellt, ebenso wie die Mieter*innen des Gumpertz’schen Siechenhauses in der Zeit nach dem Krieg.

Das Monica Kingreen (1952-2017), die seit 2009 für das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt tätig war, und ihrem Lebenswerk gewidmete Buch gliedert sich nach drei Grußwörtern (Peter Feldmann, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main; Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences und Prof. Dr. Leo Latasch, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main), einem Geleitwort des Herausgebers (Hilde Schädle-Deininger) und der Einleitung (Eva-Maria Ulmer und Gudrun Maierhof) in sieben Hauptund zahlreiche Unterkapitel.

In ihrem Geleitwort weist Hilde Schädle-Deininger als Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V. darauf hin, dass der Verein sich dem Buchprojekt in besonderer Weise verbunden fühlt, weil die Veröffentlichung eng mit seinen Zielen zusammenhängt. Die Ziele des Vereins, der 1999 anlässlich des Todes von Hilde Steppe entstand, seien unter anderem die Unterstützung von Projekten im Bereich der historischen Pflegeforschung und Lehre sowie den Nachlass Hilde Steppes aufzuarbeiten, zu sichern und ihre Ansätze weiterzuverfolgen. Wörtlich führt sie sodann weiter aus: „Vor dem Hintergrund ihres Schaffens ist dieses Buch entstanden, das sich erweiternd mit der spezifischen Entwicklung im Frankfurter Ostend befasst“ (S. 17).

Wie Eva-Maria Ulmer und Gudrun Maierhof in ihrer Einleitung schreiben, wurde das Gumpertz’sche Siechenhaus, eingerichtet für kranke, arme und bedürftige Jüdinnen und Juden im Frankfurter Ostend, nach seiner Stifterin Betty Gumpertz (1823-1909) benannt. Es habe seinen Standort ab 1892 zunächst in der Ostendstraße 75, ab 1898 teilweise schon im Röderbergweg 62-64 und seit 1907 in einem großen Neubau auf diesem Grundstück gehabt und bis 1941 als jüdische Pflegeeinrichtung gedient. Zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung halten sie sodann wörtlich fest: „Das Haus erzählt viele Geschichten, die wir mit dem Diskurs um „Jewish Space“ (jüdischer Raum) und „Jewish Place“ (jüdischer Ort) verbinden möchten. Damit betonen wir die Dimension Raum in der Zeit und „lesen“ – wie Schlögel formulierte – „im Raume die Zeit“. [...] Indem wir die Geschichte des Gumpertz’schen Siechenhauses erzählen, geben wir Einblicke in viele Dimensionen, die sich in die Diskurse um Kontinuitäten und Brüche jüdischen Lebens in Frankfurt am Main und in Deutschland einbetten lassen“ (S. 20).

Im ersten Kapitel beleuchtet Edgar Bönisch unter der Überschrift „‘An einem der luftigsten und freundlichsten Punkte unserer Stadt, auf dem Röderberge...‘“ (S. 25-39) die Entwicklung des Raums Röderberg im Laufe der Zeit und im Kontext der Stadtentwicklung Frankfurts. Wie er hierbei zeigt, wurde die Gegend bis Ende des 18. Jahrhunderts landwirtschaftlich genutzt, unter anderem mit Weinbau, bevor dann der Umbruch hin zu einem Erholungsund Villengebiet für wohlhabende Frankfurter Bürger*innen begann.

Im 19. Jahrhundert erhielt das Frankfurter Ostend, wie von Edgar Bönisch im zweiten Kapitel, „Das jüdisch geprägte Ostend und die jüdischen Institutionen im Röderbergweg“ (S. 41-72), nachgezeichnet, seine jüdische Prägung, es entwickelte sich zum „Jewish Space“, der die Ausbildung eines jüdischen Bildungsund Wohlfahrtsnetzwerkes im Röderbergweg förderte. Aufgereiht wie auf einer Perlenkette finden sich dort die Israelitische Volksschule (Röderbergweg 29), die Israelitische Versorgungsanstalt (Röderbergweg 77), die Israelitische Waisenanstalt (Röderbergweg 87), das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (Röderbergweg 93-97), das Mathilde von Rothenschildsche Kinderhospital (Röderbergweg 93-97), das Mathilde von Rothenschildsche Kinderhospital (Röderbergweg 109), und auf der anderen Straßenseite gelegen, das Gumpertz’sche Siechenhaus (Röderbergweg 62-64).

Im dritten Kapitel, „Ein ‚Jewish Place‘ der Pflege: das Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1888 bis 1906“ (S. 73-96), beschreibt Birgit Seemann die Entstehung des Gumpertz’schen Siechenhauses als Institution sozialpflegerischer Aktivitäten und als Ausdruck religiös begründeter Wohlfahrt. Wie sie hierbei verdeutlicht, griff die Stifterin, Betty Gumpertz, die drängende Not mittelloser und pflegebedürftiger Jüdinnen und Juden auf und gründete 1888 zum Andenken an Ehemann und Sohn das Siechenhaus, wobei die stationäre Einrichtung für chronisch kranke, pflegebedürftige und bettlägerige Bedürftige jüdischer Religion, beiderlei Geschlechts und aller Altersgruppen professionelle Kranken-, Behinderten-, Altenund Armenpflege unter einem Dach vereinte. Wörtlich hält die Autorin fest: „Das Gumpertz’sche Siechenhaus kann als ein „Jewish Space“ verstanden werden, an dem die jüdische Sozialethik in der Armenund Krankenpflege bewusst verwirklicht wurde. An diesem Ort – jüdisch „Makom“ – fanden die Mitzwot (religiöse Pflichten), soziale Gerechtigkeit (Zedaka) und tätige Nächstenliebe (Gemilut Chessed) ihren sichtbaren Ausdruck“ (S. 74). Bemerkenswert ist dabei, dass an dieser Gründung und deren Entwicklung nicht nur eine Person, sondern ein Netzwerk von Stifter*innen und jüdischen Institutionen beteiligt waren.

Im vierten Kapitel, „Stifterinnen, Bewohnerinnen und zwei Oberinnen – Frauengeschichte(n) rund um das Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1907 bis 1932“ (S. 97-141), zeigt Birgit Seemann nicht nur auf, dass die Stiftung von Betty Gumpertz besonders durch Zuwendungen aus der Familie Rothschild unterstützt wurde, sondern gewährt auch tiefe Einblicke in das tägliche Leben im Gumpertz’schen Siechenhaus, nicht zuletzt während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) und in den Krisenjahren der Weimarer Republik.

Durch die vom NS-Staat gezielt forcierten rassistisch-antisemitischen Verfolgungen wuchsen auch im Gumpertz’schen Siechenhaus Unruhe und Fluktuation. Unter der Überschrift „‚Familie‘ und ‚Schicksalsgemeinschaft‘ – die Kehilloh Gumpertz in der NS-Zeit (19331941)“ (S. 143-175) geht Birgit Seemann im fünften Kapitel der Frage nach, wie die Gemeinschaft der Gepflegten und Pflegenden zur Zeit des Nationalsozialismus auseinandergetrieben und zerstört wurde und wie sich die allmähliche gewalttätige Verdrängung und Vernichtung der Menschen sowie der Institution bis 1945 vollzogen hat.

Mit der Nachkriegszeit begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Hauses, wobei nun unter anderen Handwerker*innen und Künstler*innen den Ort übernahmen, der bis zum Abriss des Gebäudes Ende der 1980er Jahre andauerte. Dieser wechselvollen Nachkriegsgeschichte widmet sich Edgar Bönisch im sechsten Kapitel unter der Überschrift „Der Röderbergweg 62-64 nach dem Zweiten Weltkrieg“ (S. 177-206).

Im siebten Kapitel, „‚Was hätte aus diesem Haus noch alles werden können...‘ – neu entdeckte Orte der Erinnerung an das Gumpertz’sche Siechenhaus“ (S. 207-224), stellen Edgar Bönisch und Birgit Seemann schließlich Orte der Erinnerung an das Gumpertz’sche Siechenhaus, seine Bewohner*innen, die dort Arbeitenden sowie die Stifterinnen und Stifter vor: Denkmäler, Grabstätten, Straße, Plätze und Stolpersteine zu pflegehistorischen Erkundungen und Routen durch Frankfurt am Main.

Ergänzt wird die durch zahlreiche Schwarzweißund Farbabbildungen illustrierte Darstellung, die über einen soliden Anmerkungsapparat verfügt, durch ein Verzeichnis der Quellen, Literatur und Links (S. 225-250) und einen Bildnachweis (S. 251-256).

Insgesamt betrachtet vermittelt die vorliegende Veröffentlichung, die exemplarisch für den Werdegang auch anderer jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen in Frankfurt am Main steht, einen eindringlichen und mehrdimensionalen Blick auf die Geschichte einer vergangenen Institution der Krankenpflege und eines Stadtviertels hinter dem heutigen Erscheinungsbild der Häuser, Straßen und Plätze im Frankfurter Ostend. Insofern ist der beeindruckenden und spannend zu lesenden Arbeit, die gleichermaßen ein wichtiger Beitrag zur Frankfurter Stadtgeschichte wie zur jüdischen Pflegegeschichte ist, weite Verbreitung und eine große Leserschaft zu wünschen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Germanische Provinz des Hospitalordens des Hl. Johannes von Gott bis 1780 – Teil 1

51Yo4HOwwhLPetr Jelínek (Hrsg.)
Germanische Provinz des Hospitalordens des Hl. Johannes von Gott bis 1780 – Teil 1

Konvent der Barmherzigen Brüder in Teschen, 1. gebundene Auflage, 179,90 Euro, Cieszyn 2018

Hospitalorden der Frühen Neuzeit haben bisher wenig Beachtung gefunden. Licht in dieses noch dunkle Kapitel bringt nun ein Buch, das sich mit der Geschichte der Barmherzigen Brüder beschäftigt. Der 1586/1611 gegründete Orden der Barmherzigen Brüder errichtete eine seiner Provinzen 1659 im Heiligen Römischen Reich. Sie wurde als deutsche bzw. als germanische Provinz bezeichnet und stand unter dem Schutz des Heiligen Erzengel Michael. Später erstreckte sie sich noch auf Ungarn. 1781 zerfiel die Provinz in die österreich-ungarische und die sog. deutsche Provinz. Zu letzterer gehörten die Konvente in Breslau, Bruchsal, Deidesheim, Mannheim, München, Münster, Neuburg und Neustadt. Der hier vorgestellte Band behandelt den Zeitraum von der Gründung der germanischen Provinz im Jahr 1659 bis zur ihrer Auflösung im Jahr 1781. Das Buch gliedert sich in zwei Teile, nämlich in einen Allgemeinen Teil, der Informationen zur Organisation des Ordens und seiner Konvente enthält, und in einen speziellen Teil, der sich der Geschichte der einzelnen böhmischen Klöster (nämlich der Geschichte des Klosters der Heiligen Simon und Juda in der Prager Altstadt, des Klosters Neustadt an der Mettau, des Klosters Kukus und des Klosters der Heiligen Familie in der Prager Neustadt) widmet. Der Herausgeber plant noch drei weitere Bände, in denen die Wirkungsstätten des Ordens in Mähren und Schlesien, in Ungarn und in den österreichischen Erbländern sowie in den Teilstaaten des Heiligen Römischen Reichs und in Triest und Görz vorgestellt werden.

Einleitend wird im ersten Band die bereits erforschte Gründungsgeschichte des Ordens vorgestellt. Ein weiteres Kapitel bemüht sich um die Darstellung der Kommunikation zwischen der Generalkurie des Ordens in Rom und der germanischen Provinz. Dies ist aufgrund der schlechten Quellenlage, wie der Beitrag aufzeigt, ein schwieriges Unterfangen und fördert nur einige wenige Aspekte zutage, etwa das Bemühen einiger Brüder aus dem Orden auszutreten. Eine weitere Abhandlung beschäftigt sich mit den Apotheken des Ordens. Grundsätzlich verfügte jedes Kloster über eine eigene Apotheke. Sie wurde von einem Apotheker, der Mitglied des Ordens war, geleitet. Seine Ausbildung, die mit einer Prüfung abgeschlossen wurde, hatte er entweder bei einem weltlichen Apotheker oder bei einem Apotheker des Ordens absolviert. Unterschiedlich war die Regelung, ob die Medikamente nur für die eigenen Kranken oder auch für den Verkauf bestimmt waren. Wie in dem Band dargelegt wird, besaßen die Konvente auch einen umfangreichen Buchbestand, der sich allerdings mit dem der kontemplativen Orden nicht messen konnte. In der Regel gab es in den Klöstern der Barmherzigen Brüder eine Konvent-, eine Apotheken- und eine „Krankenhausbibliothek“. Im Gegensatz zu anderen Orden war den Hospitalbrüdern auch privater Buchbesitz gestattet. Zugleich waren die Konvente, wie ausgeführt wird, Zentren eines regen Musiklebens. Es haben sich bedeutende Musiksammlungen erhalten. Mitunter handelte es sich bei den Ordensmitgliedern um hochbegabte Musiker. Die Musik nahm einen so hohen Stellenwert im Leben der Klosterbrüder ein, dass sogar Musiker gegen Entgelt bestellt wurden. 

Am Beispiel der ungarischen Konvente wird dargelegt, dass auch die Barmherzigen Brüder mit den Idealen der Aufklärung konfrontiert wurden und reagieren mussten. Die Brüder setzten sich mit schlüssigen Argumenten gegen die Reformmaßnahmen Maria Theresias und Joseph II. zur Wehr. Wie aufzeigt wird, kam es letztlich zu keinen grundlegenden Veränderungen der klösterlichen Welt, es veränderte sich aber das soziale Umfeld der Brüder. Es erwuchs ihnen eine ernstzunehmende Konkurrenz durch die Etablierung städtischer bzw. staatlicher Krankenhäuser. 

Einen Schwerpunkt des Buchs bildet die umfangreiche Auswertung der Krankenprotokolle. Dieser Aufgabe hat sich der Herausgeber angenommen und interessante Erkenntnisse gewonnen. Die sog. Krankenprotokolle nennen Vor- und Nachnamen der Patienten sowie ihr Alter, ihr Herkunftsland, ihren sozialen Stand (Beruf) und ihre Erkrankung. Die Spitäler der Barmherzigen Brüder standen allen Konfessionen offen, der Anteil Andersgläubiger war allerdings verschwindend klein. Aufnahme fanden nur männliche Kranke, weibliche Kranke wurden von speziellen Frauenorden aufgenommen. Da sowohl der Tag der stationären Aufnahme als auch der der Entlassung bzw. der Todestag Erwähnung finden, konnte die Aufenthaltsdauer der Patienten im Spital berechnet werden. Sie betrug im Durchschnitt um die 20 Tage, die der Verstorbenen war etwas länger. Die Entlassung der Patienten besagt natürlich nichts über den Heilerfolg; auch wenn keine Besserung eintrat oder der Tod drohte, konnten Patienten entlassen werden. Mit einem durchschnittlichen Alter von 30 Jahren waren die Patienten der Barmherzigen Brüder auch für die damalige Zeit noch nicht alt. Im Durchschnitt verstarben um die 12 Prozent der stationär behandelten Patienten. Ohne auf Vermögenslisten zurückgreifen zu können, ordnet der Herausgeber die Patienten der Ober- sowie der oberen- und unteren Mittelschicht und der Unterschicht zu. Dass die Bildung entsprechender Zuordnungskategorien überaus problematisch und auch unter verschiedenen Aspekten kritisch ist, wird dargelegt. Dennoch geben solche Kategorienbildungen einen groben Überblick zu den sozialen Rekrutierungsmustern der Patienten. Die gewonnenen Ergebnisse bestätigen die bisherigen Erkenntnisse. Die Spitäler der Frühen Neuzeit waren keine Orte, die vermögende Kranke zur stationären Versorgung aufsuchten. So stellte die untere Mittelschicht und die Unterschicht das größte Kontingent an Patienten, im Durchschnitt zusammen 85 Prozent. Der Adel spielte mit 0,3 bzw. 0,2 Prozent so gut wie keine Rolle. Die Krankenprotokolle unterrichten auch über das Krankheitsspektrum der Patienten. Auch hier ist die Kategorienbildung, um statistische Aussagen treffen zu können, fragwürdig. Die Krankenprotokolle nennen gemäß dem damaligen Diagnosestand im Allgemeinen nicht die Ursache der Erkrankung, sondern die Symptome. Die Analyse der Krankenprotokolle zeigt, dass der größte Teil der aufgenommenen Patienten, nämlich über 40 Prozent, an einer Fiebererkrankung litt. 

Der zweite Teil behandelt die Geschichte der Niederlassung und Finanzierung der oben genannten böhmischen Klöster. Im Fokus steht die Institutionengeschichte. Chronologisch werden die zahlreichen Stiftungen, die den Klöstern zugutekamen, aufgelistet. Im Rahmen der Finanzierung wird das Augenmerk v.a. auch auf Bauausgaben gerichtet. Die Patienten und der Krankensaal stehen – vermutlich aufgrund der Quellenlage – nicht im Fokus. Zu den genannten Klöstern gibt es des Weiteren jeweils einen Beitrag zur künstlerischen Gestaltung der Kirchen sowie noch einmal einen Bericht über die Krankenhausprotokolle der
jeweiligen Klöster.

Insgesamt gesehen, stellt der Band umfangreiches Material zur Analyse künftiger Forschungen bereit. Das heißt, im Allgemeinen wurden die Quellen chronologisch zusammengestellt, Strukturen – abgesehen von der Auswertung der Krankenprotokolle – aber nur in geringem Umfang herausgearbeitet. Über die Krankenpflege der Brüder, die sie den Kranken angedeihen ließen, erfahren wir so gut wie nichts. Weitere Sichtungen der Archivbestände werden zeigen, ob diesbezüglich noch neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Die Gründe, die zur Spaltung der Provinz führten, werden wohl erst in den nächsten Bänden thematisiert. Kritisch anzumerken ist noch, dass das Buch aufgrund fehlerhafter Übersetzung nur schwer lesbar und dadurch bedingt auch Fehler enthält. Ein gründliches Lektorat wäre dringend angebracht gewesen. Insgesamt gesehen, enthält das Buch aber wichtige Informationen und erlaubt, Rückschlüsse zu den Ordensspitälern der Frühen Neuzeit zu ziehen. 

Eine Rezension von Dr. Bettina Blessing

Die Geschichte der gelben Häuser – 125 Jahre Sächsisches Krankenhaus Rodewisch

die geschichte der gelben häuserMaria Rank, Kerstin Eisenschmidt
Die Geschichte der gelben Häuser
125 Jahre Sächsisches Krankenhaus Rodewisch

Herausgegeben vom Sächsischen Krankenhaus Rodewisch, Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie. [Selbstverlag]: [Rodewisch] [2018], Festeinband, 256 Seiten, 25,00 Euro, (ohne ISBN)

Das Sächsische Krankenhaus Rodewisch, Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie ist ein Fachkrankenhaus mit den Schwerpunkten Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Neurologie und Forensische Psychiatrie (https://www.skh-rodewisch.sachsen.de/startseite/). Die in Trägerschaft des Freistaats Sachsen stehende Einrichtung wurde am
25. Juli 1893 als „Königlich Sächsische Landes-, Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke zu Untergöltzsch“ feierlich eingeweiht und eröffnet, wobei sie heilbare und unheilbare Kranke aus den seinerzeitigen Amtshauptmannschaften Plauen, Oelsnitz, Auerbach, Zwickau und Schwarzenberg aufnahm. Aufgrund zunehmender Überfüllung der bis dahin bestehenden Landesanstalten hatte der Landtag in Dresden in der Legislaturperiode 1888/89 den Bau einer neuen Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke beschlossen, für deren Standortwahl die damals noch unzureichende psychiatrische Versorgung im Erzgebirge und im Vogtland
ausschlaggebend war.

Anlässlich seines 125-jährigen Jubiläums im Jahre 2018 gab das Sächsische Krankenhaus Rodewisch das Buch „Die Geschichte der gelben Häuser“ heraus.
Maria Rank, Marketing-Chefin des Krankenhauses, und ihre Kollegin Kerstin Eisenschmidt zeichnen darin die Entwicklung der Einrichtung von ihrer Entstehung bis in die Gegenwart nach, wobei sie insbesondere den Wandel der Psychiatrie von einer Verwahranstalt zu einem Fachkrankenhaus beziehungsweise die Wahrnehmung der Patient*innen von „Irren“ zu psychisch Kranken in Wort und Bild herausarbeiten. Der gewählte Buchtitel war naheliegend, indem das Sächsische Krankenhaus Rodewisch in der Region von der Bevölkerung – damals wie heute – zumeist als „Die gelben Häuser“
bezeichnet wird.

Zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung, die chronologisch aufgebaut und in zehn Kapitel gegliedert ist, schreiben die Autorinnen im Vorwort: „Schon mit Beginn der Recherche stellten wir fest, dass es nahezu unmöglich ist, alle interessanten Details in diesem Buch zu erwähnen. Wichtig war uns, keine trockenen Fakten niederzuschreiben, sondern vielmehr die Entstehung und Entwicklung der Klinik mit vielen Bildern, Anekdoten von Zeitzeugen, erstaunlichen – und teilweise sogar amüsanten – Aktenfunden greifbar zu machen“ (S. 5). Als Quellen dienten ihnen dabei unter anderem die im Haus vorhandenen Dokumente, die teilweise bis ins Gründungsjahr zurückreichen, Unterlagen vom Sächsischen Staatsarchiv Leipzig sowie Berichte
von Mitarbeiter*innen.

Insgesamt betrachtet haben Maria Rank und Kerstin Eisenschmidt ein sehr ansprechendes, mit Abbildungen – seien es nun zeitgenössische und aktuelle Baupläne, Fotos, Dokumente oder Graphiken – üppig ausgestattetes Werk vorgelegt, in dem auch die „dunklen Jahre“ der Einrichtung nicht verschwiegen werden. So wurden beispielsweise, wie die Darstellung zeigt, im Ersten Weltkrieg, Ende 1917, alle Patienten der Anstalt Untergöltzsch auf die übrigen Einrichtungen Sachsens verteilt, weil die Militärverwaltung das Haus als Reservelazarett beanspruchte. Über den Alltag in Rodewisch während der NS-Zeit ist, wie die Autorinnen bemerken, nur wenig bekannt, weil Mitarbeiter nicht darüber sprachen und Unterlagen vernichtet wurden. Nachweislich seien aber auch in den „gelben Häusern“ ein großer Teil der Patienten 1940 und 1941 Opfer der „Aktion T4“ und in der NS-Tötungsanstalt Sonnenstein bei Pirna ermordet worden, während man andere zwangssterilisieren und verhungern ließ. Selbst in der Nachkriegszeit sei die Unterbringung unmenschlich gewesen, indem psychiatrisch geschultes Personal rar war und die Patienten nur verwahrt statt therapiert wurden. Eine Wende sei erst 1963 mit den „Rodewischer Thesen“ gekommen. Wie Maria Rank und Kerstin Eisenschmidt schreiben, wurden dort erstmals „die zentralen Gedanken der deutschen Psychiatrie-Debatte formuliert, die auch die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland beeinflussten“ (S. 170). Dennoch seien die Bedingungen zu DDR-Zeiten weiterhin schwierig geblieben. „Trostlosigkeit hinter vergitterten Fenstern“ habe selbst noch ein Zeitungskommentar aus dem Jahr 1992 konstatiert.

Informationen über das Pflegepersonal sind eher spärlich, wobei sie sich, entsprechend dem Aufbau des Buches, an den verschiedensten Stellen finden. Für die zur Aufnahme von 400 Geisteskranken im Landtag genehmigte Heil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch, die 1893 im Pavillon-Stil mit fünfzehn Gebäuden gebaut wurde, waren anzustellen: „1 Direktor, 1 Geistlicher, 1 Lehrer, 4 Ärzte, 3 Beamte, 3 Expedienten und gegen 100 Pfleger und Wärter“ (S. 12). Ende des 19. Jahrhunderts standen für 487 Kranke – davon 433 aus der unteren Klasse, 32 aus der oberen Klasse und 22 Pensionäre – insgesamt 107 Pflegekräfte zur Verfügung, von denen 53 Frauen (5 Oberschwestern, 22 Schwestern, 9 Hilfsschwestern, 17 Hilfswärterinnen) und 54 Männer
(2 Oberpfleger, 47 Pfleger, 5 Hilfspfleger) waren. Dabei standen für die 433 Patienten der unteren Klasse 86 Pflegekräfte zur Verfügung, was einem Pflegeschlüssel von 1 : 5 ergab. Demgegenüber wurden die 54 Pensionäre und Kranken der oberen Klasse von 21 Pflegekräften betreut, was einem Pflegeschlüssel von 1 : 2,6 entsprach (S. 34).

Entsprechend der Verordnung vom 24. Mai 1899 über die Dienstkleidung für „Wärterinnen, Hilfswärterinnen und Wärter in den Landes-Heil- und Pflegeanstalten sowie in den Erziehungsanstalten“, die die Dienstkleidung für alle sächsischen Anstalten als verbindlich erklärte, trugen – wie etwa auf den Abbildungen der Seiten 30, 31 und 57 deutlich zu erkennen ist – die Pflegerinnen eine feste Kleiderschürze, die Pfleger eine Uniform-Jacke und Schirmmütze. Aufschlussreich für die Bezahlung des Pflegepersonals ist der Hinweis, wonach laut einer Mitteilung des Sächsischen Innenministeriums vom 30. Juni 1902 das Gehalt des Oberpflegers Hermann Backofen zum 1. Juli 1902 „auf den Betrag von jährlich 1.800 Mark erhöht“ (S. 45) wurde.

Für die insbesondere an der Pflegegeschichte interessierte Leserschaft des Buches dürfte auch der Auszug aus dem Arbeitsvertrag einer Pflegerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts interessant sein, in dem es heißt: „Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß Sie dem Könige treu und gehorsam sein, die Gesetze des Landes und die Landesverfassung streng beobachten, das ihnen übertragene Amt einer wirklichen Pflegerin an der Landesanstalt Untergöltzsch sowie jedes künftig Ihnen zu übertragende Amt und jede Verrichtung im öffentlichen Dienste, unter genauer Befolgung der gesetzlichen Vorschriften und den Anordnungen Ihrer Vorgesetzten gemäß nach Ihrem besten Wissen und Gewissen verwalten und sich allenthalben so betragen wollen, wie es einem treuen, redlichen und gewissenhaften Staatsdiener gebührt“ (S. 46).

Zu den konkreten zeitgenössischen Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals geben die Autorinnen unterdessen nur den knappen Hinweis, dass laut einer Mitteilung des Innenministeriums vom 6. Februar 1919 den Pflegern, die nicht in der Anstalt Mittag aßen, „tunlichst eine anderthalbstündige Mittagspause“ gewährt werden und „die Zeit, welche die Pfleger in der Anstalt dienstlich zubringen, in Zukunft wöchentlich im Durchschnitt nicht die Gesamtsumme von achtzig Stunden“ (S. 59) überschreiten sollte.

Bezugnehmend auf die (medizinische) Dissertation von Christine Wagner „Psychiatrie und Nationalsozialismus in der Sächsischen Landesheil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch“ (Dresden 2002) finden sich über die Rolle des Pflegepersonals in der NS-Zeit lediglich die folgenden Angaben: „Trotz knapper materieller Ausstattung bemühte sich das Personal, die ihnen anvertrauten Kranken nach dem damaligen Wissensstand gut zu versorgen. Dazu dienten in erster Linie Arbeits-, Beschäftigungs- und Milieutherapie sowie Beruhigungsmittel (medikamentös und
mechanisch)“ (S. 73).

Ende der 1950er Jahre war neben einem Ärztehaus auch ein Schwesternwohnheim erbaut worden. Über das unter pflegehistorischen Gesichtspunkten wichtige Bauwerk heißt es in einer zeitgenössischen Beschreibung: „Ein kleiner Hörsaal, fachspezifisches Anschauungs- und Unterrichtsmaterial sowie Einzelzimmer und Gemeinschaftsräume werden den angehenden Schwestern übergeben. […] Der Neubau trägt entscheidend zur Konzentrierung und Verbesserung des Fachunterrichtes bei, zumal seit 1963 ständig Schwesternschülerinnen im Rahmen ihrer Fachausbildung zum Praktikum in der Klinik weilen. Außerdem ist mit der Erweiterung der Wohnraumkapazität eine wichtige Voraussetzung zur Gewinnung von Stammpersonal erfüllt“ (S. 113).

In ihrer Darstellung lassen Maria Rank und Kerstin Eisenschmidt auch mehrere Pflegende zu Wort kommen, wobei deren Ausführungen – über die Bedeutung für das Sächsische Krankenhaus Rodewisch hinaus – wichtige Dokumente für die historische Pflegeforschung sind. So berichtet Hanna Gotter, die von 1957 bis 2000 als Krankenschwester im Sächsischen Krankenhaus gearbeitet hat, davon 33 Jahre auf der Aufnahmestation für Frauen: „Angefangen habe ich als Stationshilfe, wurde dann Pflegerin und später Hilfsschwester bis ich die Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen hatte und stolz meine Sieben-Falten-Haube tragen durfte. Krankenschwester zu sein bedeutete früher, dass man alles gemacht hat auf Station. Wir haben Fenster geputzt und sauber gemacht, aber vor allem haben wir durch den längeren Aufenthalt der Patientinnen deren Familie ersetzt.“ (S. 157). Ebenso sagt Volker Kuhn: „Ich habe bereits Ende der 70er Jahre als Hilfspfleger gearbeitet. […] 1982 begann ich meine Ausbildung als Facharbeiter für Krankenpflege. Die Zustände in den 80er Jahren waren – gelinde gesagt – katastrophal. Zwar waren die Gitter an den Stationen ab, aber die Türen immer noch geschlossen. […] Innerhalb der Mitarbeiter war der Zusammenhalt sehr groß und das Arbeitsklima gut. Wir haben immer versucht, das Beste aus der damaligen Situation zum Wohle der Patienten herauszuholen.“ (S. 197).

Wer sich für die Psychiatriegeschichte im Allgemeinen und das Sächsische Krankenhaus Rodewisch im Besonderen interessiert, kann die Chronik über „Die Geschichte der gelben Häuser“ gewinnbringend zur Hand nehmen. Wie die vorstehenden Beispiele zeigen, enthält die Darstellung zum 125-jährigen Jubiläum der Institution dabei auch immer wieder Informationen für ein speziell an der Pflegegeschichte
interessiertes Lesepublikum.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling