Der Arbeiter-Samariter-Bund und der Nationalsozialismus – Vom Verbot 1933 bis zur Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg

Marthe Köhler BurfeindDer Arbeiter Samariter Bund und der Nationalsozialismus Vom Verbot 1933 bisMarthe Burfeind, Nils Köhler, Rainer Stommer 
Der Arbeiter-Samariter-Bund und der Nationalsozialismus
Vom Verbot 1933 bis zur Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg

Ch. Links Verlag. Berlin 2019, broschiert, 207 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-96289-041-4

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), im Jahre 1888 in Berlin auf Initiative von Arbeitern und Handwerkern zur Selbsthilfe im Bereich der Notfallrettung und der Ausbildung in Erster Hilfe gegründet, ist heute mit über
1,3 Millionen Mitgliedern – aufgeteilt in 16 Landesverbände und 206 regionale Gliederungen (Regional-, Kreis- und Ortsverbände) – eine der größten Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen Deutschlands. Unter dem Motto „Wir helfen hier und jetzt“ gehören zu den zahlreichen Angeboten des ASB mit seinen rund 33.000 hauptamtlichen und 16.000 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen unter anderem Senioreneinrichtungen, Pflegedienste und Sozialstationen, Tagespflege, Hausnotrufe, Essen auf Rädern, Hilfe für pflegende Angehörige, Angebote für Menschen mit Behinderung, Fahrdienste, Kinderbetreuung sowie Familien- und Haushaltshilfe (https://www.asb.de).

Nach der Veröffentlichung des Buches von Wilhelm Müller „Der Arbeiter-Samariter-Bund. Eine Biografie“ (Köln 2013), das auf die 125-jährige Verbandsgeschichte zurückblickt, und der fünf Jahre später – anlässlich seines 130-jährigen Jubiläums 2018 – präsentierten Onlineausstellung „https://asb.pageflow.io/130-jahre-asb#165913“, legte der Verband nun erstmals eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung zu seiner Geschichte im Nationalsozialismus vor, mit deren Erforschung er im September 2017 Marthe Burfeind (M.A.), Dr. phil. Nils Köhler und Dr. phil. Rainer Stommer, allesamt Historiker*innen der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte (EBB) Alt Rehse e.V. (http://ebb-alt-rehse.de/), beauftragte. Zur Begründung des Forschungsprojektes sagte ASB-Bundesvorsitzender Knut Fleckenstein: „Auch wenn der ASB 1933 verboten und als Institution aufgelöst wurde, hieß das ja nicht, dass die Samariter als Individuen aufhörten zu existieren. Was wurde aus den 52.000 Samaritern, den 1.200 approbierten ASB-Ärzten, den Masseuren, Pflegekräften, Kolonnen und den Erholungs- und Kindererholungsheimen nach der Auflösung des Arbeiter-Samariter-Bundes zum 1. September 1933 durch die Nationalsozialisten?“

Das konkrete Anliegen des ASB war dabei, wie das Autorenteam in seiner Einführung (S. 7-9) schreibt, „eine eingehende Betrachtung der Monate bis zur Auflösung des Verbands zwischen Januar und September 1933 und die Untersuchung der Wiedergründung nach 1945. Nicht zuletzt wollte man anhand biografischer Beispiele über das Agieren wichtiger ehemaliger Akteure des Verbands zwischen 1933 und 1945 gesicherte Informationen erhalten. Es sollte überdies exemplarisch das Verhalten von Protagonisten des nach 1945 wiedergegründeten ASB während der NS-Zeit in den Blick genommen werden.“ Dementsprechend ging es um die Fragen, ob die Kolonnen des ASB wirklich komplett im Deutschen Roten Kreuz (DRK) aufgingen, was viele einstige ASB’ler dazu veranlasste, sich ab Mai 1945 wieder ihrer Wurzeln zu besinnen und was mit den Einrichtungen geschah, die der ASB vor allem in den 1920er Jahren aufgebaut hatte?

Gestützt auf die zentralen Bestände im Archiv des ASB-Bundesvorstands in Köln sowie weiterer personen- und ortsbezogener Reihenquellen, wie beispielsweise das Reichsärzteverzeichnis, die Karteien der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und ihrer Gliederungen, Häftlingskarteien von Konzentrationslagern, Wiedergutmachungs- und Entnazifizierungsakten, folgen Marthe Burfeind, Nils Köhler und Rainer Stommer in ihrer umfangreichen Studie zunächst den höchst unterschiedlichen Wegen der Arbeitersamariter zwischen Verfolgung und Verstrickung bis 1945, bevor sie anschließend die Wiedergründung des ASB nach Kriegsende und die handelnden Personen betrachten sowie Kontinuitäten und Brüche einordnen.

Das großformatige Buch gliedert sich dabei in fünf Kapitel. Auf eine Bestandsaufnahme des ASB am Ausgang der Weimarer Republik (S. 10-37) folgt ein Überblick über die Etappen der „Machtergreifung“ des NS-Staates und die Auswirkungen auf die Arbeiterbewegung
(S. 38-47), an die sich eine Betrachtung über das Verbot des Arbeiter-Samariter-Bundes 1933 in den dezentralen Strukturen des NS-Staats (S. 48-87) anschließt. Im Anschluss an die Wiedergabe von 20 exemplarischen Lebenswegen von Samariterinnen und Samaritern (S. 88-153) wird schließlich der Neubeginn des Arbeiter-Samariter-Bundes in Augenschein genommen (S. 154-176) und die Forschungsergebnisse in Form von einem Resümee (S. 178-181)
zusammenfassend vorgestellt.

Wie die mit zeitgenössischen Schwarzweiß- und Farbabbildungen reichlich illustrierte Darstellung zeigt, war der überparteiliche ASB ein aktiver Teil der Arbeiterbewegung und deswegen schon vor 1933 in Konflikte mit den Nationalsozialisten geraten. Nach deren „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 ging der NS-Staat aktiv gegen den ASB vor; im März 1933 kam es zu ersten Übergriffen auf ASB-Kolonnen, an die sich erste Verbote des ASB in Bayern und Braunschweig anschlossen, bevor der ASB zum 1. September 1933 schließlich reichsweit aufgelöst wurde. Enteignet, gelangte das Eigentum der Kolonnen zum Teil an die SA (Sturmabteilung)  oder SS (Schutzstaffel), während es in anderen Fällen an das DRK überging, dem sich einzelne Samariter, manchmal auch ganze Kolonnen, angeschlossen hatten.

Die Untersuchung belegt, dass der ASB bis 1933 seinen Platz in der deutschen Gesellschaft als neutrale Hilfsorganisation immer wieder absteckte, indem er seine Überparteilichkeit deutlich herausstellte. Dies sei notwendig gewesen, um staatliche Anerkennung und öffentliche finanzielle Unterstützung zu erhalten, um die überwiegend ablehnende Haltung der konservativen Ärzteschaft abzubauen, aber auch, um sich aus den polarisierten Konflikten der Parteien und Institutionen des linken politischen Lagers herauszuhalten. Wegen seiner Präsenz bei den Kundgebungen und Aufmärschen von „Reichsbanner“ und „Eiserner Front“ sei der ASB aber schon vor 1933 auf lokaler Ebene in Konflikte mit der NSDAP beziehungsweise der SA geraten. Wenngleich er „alles Machbare“ versucht habe, um die Existenz der Organisation zu sichern, wäre der ASB – mit der Umsetzung der Richtlinien zur Überführung des Arbeiter-Samariter-Bundes in das Deutsche Rote Kreuz vom 15. Juli 1933 – am 1. September 1933 reichsweit auf allen Ebenen aufgelöst worden. Hierzu hält die Autorenschaft wörtlich fest: „Den Nationalsozialisten gelang damit binnen weniger Monate die Zerschlagung des ASB, in vielen Orten jedoch nicht die Zerstörung des Kontakts unter den Arbeitersamaritern. Die Bindungskräfte dieser Netzwerke sollten sich zwölf Jahre später als tragfähig genug erweisen, um eine Wiedergründung von ASB-Kolonnen zu
ermöglichen“ (S. 179).

Während der ASB als Organisation ein frühes Opfer der Nationalsozialisten geworden sei, müsse für die Mitglieder, so Marthe Burfeind, Nils Köhler und Rainer Stommer, „die Bewertung differenzierter ausfallen: als Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten wurden diese brutal verfolgt, ermordet, in die Flucht oder gar den Suizid getrieben. Allerdings muss betont werden, dass der primäre Verfolgungsgrund in diesen Fällen nicht die Mitgliedschaft im ASB war“ (S. 179). Dieser Aspekt sei in den allermeisten Fällen nur „Beifang“ gewesen.

Ebenso müsse – abgesehen von den Menschen, die aus rassenideologischen Gründen verfolgt wurden – sorgfältig unterschieden werden zwischen Funktionsträgern und einfachen Samaritern. Für die Ärzte, die sich mit ihrer Mitgliedschaft im ASB sehr deutlich von den konservativ geprägten Ärzteverbänden abgrenzten, und die Mehrzahl der Kolonnenführer gelte, dass diese in der Regel nicht nur im ASB organisiert waren. Vielmehr habe es sich zumeist „um exponierte Köpfe in der örtlichen Arbeiterbewegung“ gehandelt, die auch in einer Partei und in weiteren entsprechenden Verbänden und Vereinen engagiert waren. Als „Marxisten“ verunglimpft und gebrandmarkt, habe ihnen Schutzhaft, Konzentrationslager und Terror gedroht. Dem „einfachen Samariter – wie auch dem einfachen Mitglied der SPD“ habe das NS-System hingegen durchaus Möglichkeiten offeriert, sich einzuordnen in die „NS-Volksgemeinschaft“, ob er innerlich distanziert blieb oder nicht. Hierzu schreibt die Autorenschaft zusammenfassend: „Die Mehrheit der ASB-Mitglieder hatte bis Frühjahr 1933 den Nationalsozialisten fraglos skeptisch oder ablehnend gegenübergestanden. Trotz der vielfach betonten politischen Neutralität bedeutete die Mitgliedschaft im ASB eine Positionierung im linken politischen Spektrum. Selbst jene, die vielleicht nur durch das Werben von Freunden oder Bekannten ohne eine politische Verortung zum ASB gekommen waren, hatten schon vor dem Januar 1933 ihre unangenehmen Erfahrungen machen müssen mit der vielfach von Gewalt begleiteten Aggression der örtlichen SA gegen ASB-Kolonnen.“

Nach dem Krieg habe sich gezeigt, dass beim Aufbau des ASB – trotz der bitteren Erfahrungen, die manche seiner Mitglieder hatten machen müssen – die Jahre von 1933 bis 1945 eine untergeordnete Rolle spielten. Während in der Sowjetischen Besatzungszone der neue ostdeutsche Staat nur das DRK genehmigte, sei es in den westlichen Besatzungszonen mit den Neugründungen am schnellsten in der britischen vorangegangen. Dabei habe es einige Zeit gebraucht, bis die Arbeitersamariter aus den drei westlichen Zonen zueinanderfanden. Marthe Burfeind, Nils Köhler und Rainer Stommer betonen an dieser Stelle, dass diese Aufbauphase Kraft kostete. Vor allem durch die persönliche Aufopferung und den individuellen finanziellen Einsatz vieler alter und neuer Arbeitersamariter habe der Wiederaufbau gelingen und zugleich die Grundlage für den späteren Aufstieg des ASB zu einer der größten Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen Deutschlands gelegt werden können.

Insgesamt betrachtet handelt es sich bei dem vorliegenden Forschungsbericht, der über einen Anhang (S. 182-205) mit solidem Anmerkungsapparat, Abkürzungsverzeichnis, Abbildungsnachweis, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Ortsnamensregister verfügt, um einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte des ASB während des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit. Die Veröffentlichung ist umso mehr zu begrüßen, als bisher nur einige regionale Studien zum Thema vorliegen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Krankenschwesternromane (1914-2018) Kontexte – Muster – Perspektiven

krankenschwesternromaneBirgit Panke-Kochinke
Krankenschwesternromane (1914-2018)
Kontexte – Muster – Perspektiven

Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main 2019, 153 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-86321-423-4, 24,95 Euro

Obwohl die Pflegeberufe in den letzten Jahrzehnten eine enorme Wandlung erfahren haben, halten sich einige Vorurteile über Krankenschwestern hartnäckig. Sie gelten vielfach als pflichtbewusste und selbstlose Frauen, die immer auf der Suche nach der wahren Liebe sind. Als geeigneter Heiratspartner kommen dabei nur ein Arzt oder ein ehemaliger Patient infrage. Dieses Stereotyp wird zumindest in sogenannten Trivialromanen gern bedient, wie Priv. Doz. Dr. phil. Birgit Panke-Kochinke in ihrem vorliegenden Buch zeigt.

Die Autorin, die als promovierte Historikerin und habilitierte Soziologin bis 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Witten und als Lehrbeauftragte der Universität Osnabrück und der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum arbeitete, hat neben zahlreichen Beiträgen in Pflegefachzeitschriften, insbesondere in „Pflege & Gesellschaft“, „PflegePädagogik“, „Pädagogik der Gesundheitsberufe“ und „Pflegewissenschaft“, bereits mehrere historisch-soziologische Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung sowie zur Pflegewissenschaft veröffentlicht, darunter: „Die Wechseljahre der Frau: Aktualität und Geschichte (1772-1996)“ (Opladen 1998), „Fachdidaktik der Berufskunde Pflege“ (Bern 2000), „Gewalt gegen Pflegende. Analyse und Intervention“ (Frankfurt am Main 2007), „Berufliche Handlungskompetenz erwerben. Ergebnisse der qualitativen Evaluation eines Curriculums in der Gesundheitsund Krankenpflege“ (Frankfurt am Main 2011), „Menschen mit Demenz in Selbsthilfegruppen. Krankheitsbewältigung im Vergleich zu Menschen mit Multipler Sklerose“ (Weinheim und Basel 2013) und „Let‘s work together. Schulentwicklung in der beruflichen Ausbildung an Pflegeschulen“ (Frankfurt am Main 2016).

Zur Geschichte der Krankenpflege sind unterdessen vor allem ihre Studien „Die Geschichte der Krankenpflege (1679-2000). Ein Quellenbuch“ (Frankfurt am Main 2001),1 (gemeinsam mit Monika Schaidhammer-Placke) „Frontschwestern und Friedensengel: Kriegskrankenpflege im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Ein Quellenund Fotoband“ (Frankfurt am Main 2002)2 und „Unterwegs und doch daheim. (Über-)Lebensstrategien von Kriegskrankenschwestern im Ersten Weltkrieg und in der Etappe“ (Frankfurt am Main 2004)3 bedeutsam.

Für ihre wissenschaftliche Analyse hat Birgit Panke-Kochinke knapp 300 Romane aus der Zeit von 1914 bis 2018 ausgewertet, in denen Krankenschwestern und – als Vergleichsgruppe – Sekretärinnen als zentrale Handlungsfiguren im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Ursprünglich ging es ihr dabei lediglich darum, wie sie einleitend (Kapitel 1) schreibt, „das Bild der Protagonistinnen in diesen Romanen als mentalitätsgeschichtlich relevante Beschreibung eines fiktiven Berufsund Lebensfeldes in einem bestimmten historischen Zeitrahmen zu rekonstruieren“ (S. 10). Doch je mehr Romane sie las und immer stärker deutlich wurde, dass das zentrale Thema dieser Romane die „Liebe“ war, veränderte sich ihr Blickwinkel: „Das Berufsbild einer Krankenschwester und einer Sekretärin war nicht mehr als eine zeitgenössische Kulisse für die Suche nach und das Finden der wahren Liebe“. Dementsprechend fragt sie jetzt nicht nach der Darstellung der Veränderungen im alltäglichen Leben, die sich auf Kleidung, Wohnambiente, Freizeitverhalten etc. beziehen. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht vielmehr „die Frage nach einer Veränderung in dem als Grundmodell identifizierten Konzept der wahren Liebe und ihren alternativen Lebensmodellen. Die Festschreibung von moralischen und ethischen Standards in der Lebensführung und ihr Einfluss auf das Konzept der wahren Liebe unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in der Geschichte und damit auch der Bedeutung des Berufes werden betrachtet“ (S. 12).

Zunächst beschäftigt sich die Autorin (Kapitel 2) mit der Funktion von Trivial-Romanen. Indem sie Normen und Wertvorstellungen reproduzieren, die von einem großen Teil der Bevölkerung vertreten werden, würden sie deren „Wunsch nach Orientierung“ bedienen und „einen Bewußtseinsstand, der sich permanent und ungestraft ausnutzen lässt“ (S. 25) stabilisieren. Letztlich könnten Trivial-Romane als „sinnschöpfende Produkte“ beschrieben werden, die dazu dienen, die eigene Position zu stärken, sich zu emanzipieren und Manipulationsversuchen zu widerstehen. Wenn so „Kultur als eine Art Schlachtfeld zur Aushandlung kultureller Bedeutungskonstruktionen“ gesehen wird, dann spiele sich der Umgang der Leserinnen und Leser mit Trivialromanen „im Feld zwischen Affirmation und Akzeptanz als ein komplexer Prozess ab“ (S. 26).

Nach Darlegung der Methoden (Kapitel 3) – einfache hermeneutische Verfahren der Textanalyse, die mit quantitativen Elementen kombiniert werden – folgen zwei aufeinander aufbauende Auswertungsschritte zur Erschließung der „Muster“. In einem ersten Schritt rekonstruiert Birgit Panke-Kochinke dabei quantitativ und qualitativ die unter den Kontextfaktoren „Berufsfeld, Fiktionalität, Zufall und Schicksal sowie Liebe subsumierten Strukturelemente“ in einer Auswahl von 154 Romanen (Kapitel 4), bevor sie dann in einem zweiten Schritt ergänzend und vertiefend den Blick auf die Dramaturgie des Ablaufes, die Interpretation des Berufsfeldes als Kulissenelement dieser Dramaturgie sowie die Spezifik des Spannungsaufbaus im Roman durch das Einflechten von Konflikten und Prüfungen in der Analyse von weiteren 144 Romanen in den Blick nimmt (Kapitel 5).

Bei ihrer Untersuchung, so ein zentraler Punkt der Ergebnisse (Kapitel 6), konnte die Autorin deutliche Unterschiede zwischen den „Krankenschwestern“ und der Vergleichsgruppe der „Sekretärinnen“ erkennen: „Krankenschwestern sind in einem hohen Umfang, ob als junge Mädchen in der Ausbildung, als gläubige Christinnen oder kritische Angehörige ihres Berufs immer von dem ethischen Hintergrund ihres Berufsfeldes geprägt: Pflege erscheint als der ideale Hintergrund für die Ausprägung einer Haltung der Nächstenliebe. Hilfsbedürftigen Menschen in ihrer Not zu helfen prädestiniert geradezu dafür.“ (S. 107).

Aufbauend auf ihre Untersuchungsergebnisse entwirft Birgit Panke-Kochinke inhaltliche und methodische Perspektiven für zukünftige Forschungen (Kapitel 7). So schlägt sie beispielsweise vor, um den Charakter der Sterotypisierung im Trivialroman gegenüber der zeitgenössischen Realität des Berufsbildes besser zu konstatieren, dieses Bild mit autobiografischen Schriften und zeitgenössischen Quellen zur Berufssituation zu konfrontieren. Ebenso könne es eine spannende Untersuchungsperspektive sein, mehr als bisher geschehen, auch den gesellschaftskritischen Elementen von Trivialromanen nachzugehen.

Ergänzt wird die Darstellung durch eine Literaturliste, die die in die Analyse einbezogenen Romane enthält (Kapitel 8), und einen Anhang mit einer Übersicht über die Autorinnenund Autorenpseudonyme sowie ausgewählte Inhaltsangaben der untersuchten Werke (Kapitel 9). Eine vollständige Übersicht mit allen Inhaltsangaben verspricht der Hinweis auf die Webseite www.krankenschwesternromane.com, die beim Entstehen der vorliegenden Rezension (im März 2019) aber (noch) nicht abrufbar war.

Insgesamt betrachtet hat Birgit Panke-Kochinke mit ihrer Untersuchung über das Bild von Krankenschwestern in Trivialromanen erstmals ein von der Pflegeforschung bislang völlig vernachlässigtes Thema aufgegriffen und dabei aus einer mentalitätsgeschichtlichen Perspektive anschaulich die oft unbewussten gesellschaftlichen Standards rekonstruiert, die Pflege als Beruf trotz aller Modernisierungsbemühungen immer noch begründen und behindern. Vielleicht regt ihre interessante Arbeit auch dazu an, beispielsweise das Genre Unterhaltungsfilm, in dem Krankenschwestern (und – als Vergleichsgruppe – Ärzte) als zentrale Handlungsfiguren im Mittelpunkt stehen, unter ähnlicher Fragestellung wissenschaftlich zu untersuchen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling


1 Vgl. die Rezension des Verfassers unter: https://www.pflege-wissenschaft.info/zeitschrift/rezensionen/902-Die-Geschichte-der-Krankenpflege-(1679-2000)-br-Ein-Quellenbuch-(Rezension).
2 Vgl. die Rezension des Verfassers unter: https://pflege-wissenschaft.info/detail. asp?id=903.
3 Vgl. die Rezension des Verfassers in: Pflegemagazin. Zeitschrift für Pflege und Gesundheitsförderung, 6. Jg., Heft 2, April 2005, S. 58-59.

 

Getroffen–Gerettet–Gezeichnet. Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg

Getroffen Gerettet Gezeichnet. Sanitätswesen im Ersten WeltkriegGetroffen–Gerettet–Gezeichnet
Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg

Eine Ausstellung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und der Sanitätsakademie der Bundeswehr, München, 18. Oktober bis 18. November 2018 (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns, Nr. 60). Redaktion: Christian Kruse unter Mitarbeit von Claudia Pollach und Karin Hagendorn. [Selbstverlag] Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns. München 2018, 195 Seiten, Festeinband, ISBN 978-3-938831-86-1, 20,00 Euro

Mit dem Waffenstillstand im November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Zur 100. Wiederkehr des Kriegsendes nahm sich das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München mit einer dritten großen Ausstellung – nach „Krieg! Bayern im Sommer 1914“ (2014) und „Verbündet. Bayern und Bulgarien im Ersten Weltkrieg“ (2017) – erneut dem Thema an. Im Zentrum der zusammen mit der Sanitätsakademie der Bundeswehr (München) konzipierten Schau „Getroffen – Gerettet – Gezeichnet. Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg“ mit ihren rund 150 Exponaten standen dabei die Opfer und ihre Helfer, wobei sowohl das Leid der Verwundeten wie auch die Leistungen der Ärzte, Krankenpfleger und -schwestern gewürdigt wurden.

Die in fünf Abschnitte untergliederte Ausstellung, die in der Zeit vom 18. Oktober bis 18. November 2018 in den Ausstellungsräumen des Bayerischen Hauptstaatsarchivs zu sehen war, beleuchtete zunächst den Weg in den Ersten Weltkrieg, griff sodann die Leiden der Kriegsteilnehmer an Körper und Seele auf und zeichnete den Transport der Verwundeten von der Front in die Heimat nach, bevor sie das Sanitätswesen in ausgewählten Lebensbildern würdigte und schließlich dem Schicksal der Versehrten nach dem Krieg nachging. Neben vier angebotenen Begleitvorträgen im Hörsaal des Bayerischen Hauptstaatsarchivs erschien zu der Ausstellung auch der vorliegende, reich bebilderte Katalog mit vier einleitenden Aufsätzen.

Dr. Margit Ksoll-Marcon, Generaldirektorin der Staatlichen Archive, hat zu der Veröffentlichung ein Geleitwort geschrieben, in dem sie zunächst kurz die Dimension des Ersten Weltkriegs skizziert und dann auf die mit der Ausstellung verbundene Intention zu sprechen kommt, wozu sie festhält: „Das Schicksal des Einzelnen rückt ins Zentrum der Betrachtung. Krieg bedeutet immer Leid an Leib und Seele, das Ertragen von Verwundung, Krankheit und Invalidität für die Soldaten aber auch für das Sanitätspersonal, die Ärzte und Helfer“ (S. 7).

In ihrem Beitrag „Militär, Medizin und Sanitätsdienst am Vorabend des Krieges“ (S. 13-24) gehen Volker Hartmann und Mirko Urbatschek der Frage nach, wie das Sanitätswesen auf den Ersten Weltkrieg vorbereitet war, wie auf den Kriegsausbruch reagiert wurde und ob es Veränderungen nach den ersten verlustreichen Kämpfen im Herbst 1914 gab? Wie die Autoren zeigen, war die sanitätsdienstliche Planung einseitig auf den unmittelbaren Erfolg ausgerichtet, die alternative Möglichkeiten nicht vorsah. Getrübt durch den Blick auf das äußerst hohe medizinisch-technische und fachlich-therapeutische Niveau der Zeit, auf eine vermeintliche Humanisierung der Waffentechnik und falsche Schlussfolgerungen aus den Kriegen der Vergangenheit seien zu optimistische Lagebeurteilungen entstanden: „Die schiere Anzahl und die Art der Verwundungen im Kriege sollten jedoch jede Vorstellung übertreffen und machten die Diskrepanzen des medizinischen Fortschritts zu der tatsächlich leistbaren medizinischen Versorgung von Massenheeren offenkundig“ (S. 24).

In ihrem Beitrag „Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg: Auf der Suche nach archivalischen Quellen“ (S. 25-36) spürt Martina Haggenmüller einschlägigen Quellen in Archiven nach und zeigt, welche Archive relevantes Schriftgut erwarten lassen und zu welchen inhaltlichen Aspekten die Unterlagen Informationen bieten. Nach Darstellung der Autorin ist ein zentraler Bestand zur Erforschung des Sanitätswesens im Ersten Weltkrieg die Überlieferung des Kriegsministeriums, insbesondere der Punkt „Militärsanitätswesen“ mit seinen fünf Unterpunkten „Sanitätskorps“, „Friedenssanitätswesen“, „Lazarettdienst“, „Kriegssanitätswesen“ und „Zivilstaatliches Medizinalwesen“. Im Hinblick auf die Pflegegeschichte komme den kirchlichen Archiven und hier wiederum den Ordensarchiven eine besondere Bedeutung zu. Für das Sanitätswesen seien dabei vor allem jene Orden und Gemeinschaften von Interesse, die sich in den Dienst der Krankenpflege gestellt haben und somit auch in Lazaretten, entweder an der Front oder in der Heimat, tätig waren. Insgesamt betrachtet würden die zahlreichen Archive „umfangreiches und vielfältiges Material“ zum Thema Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg mit all seinen Facetten überliefern. Da hinsichtlich der Auswertung der Quellen „das ihnen innewohnende Potential bislang bei weitem noch nicht erschöpfend ausgewertet wurde“, böten die Archive auch für die Zukunft reiche Forschungsmöglichkeiten für das genannte Thema.

Unter der Überschrift „Wer das nicht mitgemacht hat, kann sich keinen Begriff davon machen“ (S. 37-48) beleuchtet Johannes Moosdiele-Hitzler das Thema Verwundung und Sanitätsdienst im Spiegel der Quellen, wobei in seinem Beitrag insbesondere Opferschicksale und das Sanitätspersonal größeren Raum einnehmen. Wie der Autor zeigt, traten zu den „klassischen“ Verwundeten durch Artillerieund Infanteriegeschosse im Ersten Weltkrieg durch den Einsatz chemischer Waffen ab 1915 Gasverletzungen als neue Verwundungsform auf. Der Weg eines Verwundeten war unterdessen in der Kriegs-Sanitätsordnung (K.S.O.) vom 27. Januar 1907 genau festgelegt: Als erster Anlaufpunkt diente ein Verbandplatz oder ein Sanitätsunterstand, an die sich eine Kette von immer besser ausgestatteten und immer weiter aus der Gefahrenzone heraus führenden Hilfsstationen anschloss (Hauptverbandplatz – Feldlazarett – Reservebzw. Vereinslazarett). Als Spezialistinnen auf dem Gebiet der Krankenpflege seien beispielsweise die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul aus dem Mutterhaus München während des Krieges sowohl in Reserveund Vereinslazaretten, als auch in Kriegsund Feldlazaretten sowie Lazarettzügen im Einsatz gewesen: „Zahlreiche Tagebücher, Briefe und Memoiren“, so der Autor, „geben Aufschluss über ihren harten und aufopfernden Dienst, der von unzähligen Widrigkeiten begleitet und behindert wurde“ (S. 47).

In ihrem Beitrag „Darin liegt für die Ärzte der Segen des Krieges...“ (S. 49-60) setzen sich André Müllerschön und Ralf Vollmuth kritisch mit der Rolle des Krieges und seiner Bedeutung für den medizinischen Fortschritt auseinander. Dabei legen sie anhand von vier Beispielen des medizinischen Fortschritts – der Transfusionsmedizin und Radiologie sowie der Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie und der Orthopädie – dar, dass die Medizin zwar sehr wohl vom Krieg profitierte, sich gleichwohl eine positive Konnotation des Krieges als Fortschrittsmotor aber verbietet. Nach Ansicht der Autoren ist die Auffassung, der Erste Weltkrieg sei eben nicht nur destruktiv und zerstörerisch, sondern für den Aufschwung der Medizin im frühen 20. Jahrhundert von großem Nutzen gewesen, sowohl sachlich nur zum Teil richtig, als auch vor allem aus (medizin-)ethischer Sicht kritisch zu hinterfragen: „Letztlich konnten die kriegsbedingten Fortschritte in der Medizin immer nur eine unzureichende Antwort auf einen Handlungsund Behandlungsbedarf darstellen, den es ohne den Krieg nicht gegeben hätte“ (S. 58).

Der Katalogteil gliedert sich in die folgenden fünf Bereiche:

  • Mirko Urbatschek: Mit Hurra in die Katastrophe – das Kriegsbild vor 1914 und seine blutige Realität (S. 61-76)
  • Volker Hartmann: Das Leiden an Körper und Seele (S. 77-99)
  • Christine Kofer und Thomas Steck: Der Rettungsweg: Vom Feld zurück in die Heimat (S. 100-121)
  • Johannes Moosdiele-Hitzler: Das Sanitätswesen in Lebensbildern (S. 122-164)
  • Martina Haggenmüller: Bleibende Wunden: Kriegsversehrte in der Kriegsund Nachkriegszeit (S. 165-193).

Unter pflegehistorischen Gesichtspunkten kommt dabei insbesondere den beiden Abschnitten „Der Rettungsweg: Vom Feld zurück in die Heimat“ und „Das Sanitätswesen in Lebensbildern“ große Bedeutung zu. Beginnend mit der durch „Krankenträger“ oft unter schwierigsten und gefährlichen Umständen durchgeführten Bergung vom Schlachtfeld über die Erstbehandlung bis zum Abtransport in frontnahe Behandlungseinrichtungen sowie dem Rücktransport in die Heimat werden dort der Weg der Verwundeten dezidiert nachgezeichnet und tiefe Einblicke in „die freiwillige Krankenpflege“ der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul aus Bayern während des Ersten Weltkriegs in der Kriegsverwundetenpflege (sowohl im Etappendienst und im Lazarettzug als auch in die „Soldatenpflege“ in der Heimat) gewährt. Zugleich wird an sechs ausgewählten Lebensbildern und Personengruppen – Ärzte, Seelsorgern, Schwestern, adlige Damen und militärisches Pflegepersonal, die repräsentativ für die verschiedenen im Sanitätswesen tätigen Personengruppen stehen – gezeigt, wie Verwundete und das Sanitätspersonal das Leiden an Körper und Seele empfanden, wo sie einander begegneten, woher sie kamen und wie es nach dem Krieg mit ihnen weiterging.

Mit ihrer sehr ansprechend gestalteten Ausstellung und dem gleichnamigen, mit Schwarzweißund Farbabbildungen reichlich illustrierten Katalog „Getroffen – Gerettet – Gezeichnet. Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg“ haben das Bayerische Hauptstaatsarchiv und die Sanitätsakademie der Bundeswehr ein wichtiges Thema aufgegriffen. Für die Geschichte der Krankenpflege kommt ihm eine umso größere Bedeutung zu, als die vorliegenden Arbeiten zur Kriegskrankenpflege im Ersten Weltkrieg in der deutschsprachigen Forschungsliteratur nach wie vor gut zu überblicken sind, wobei hier insbesondere die 2013 von Astrid Stölzle veröffentlichte Dissertation „Kriegskrankenpflege im Ersten Weltkrieg. Das Pflegepersonal der freiwilligen Krankenpflege in den Etappen des Deutschen Kaiserreichs“ (vgl. die Rezension des Verfassers in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflegeund Gesundheitsberufe, 3. Jg., Heft 2-2014, S. 56-58) genannt werden muss. Wer sich einen Überblick über das Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg verschaffen oder das Thema Kriegskrankenpflege im Ersten Weltkrieg im Unterricht aufgreifen und bearbeiten möchte, dem kann der vorliegende Katalog wertvolle Dienste leisten. Insofern ist der sehr gelungenen Veröffentlichung zu wünschen, dass sie auch weit außerhalb der Grenzen von Bayern wahrgenommen und vor allem von den Lehrenden im Gesundheitswesen genutzt wird.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling