Geschichte chirurgischer Assistenzberufe von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart

geschichte chirurgischer AssistenzberufeAnnett Büttner, Pierre Pfütsch (Hrsg.)
Geschichte chirurgischer Assistenzberufe
von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart

Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2020, broschiert, 284 Seiten, 39,95 €, ISBN 978-3-86321-527-9

Seit einigen Jahrzehnten unterliegt die Krankenpflege in Deutschland einer zunehmenden Akademisierung und Professionalisierung, was mit Prozessen von Spezialisierung und Differenzierung einhergeht. Ein inzwischen sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung ist die Schaffung neuer Berufsgruppen in der chirurgischen Assistenz und ihre Organisation, wie beispielsweise der 2014 gegründete Deutsche Berufsverband Operationstechnischer Assistenten. Während für das sich in der Pflege zunehmend ethisch und historisch reflektierte Handeln die neuere Pflegegeschichte eine Reihe wichtiger Beiträge bereitstellt, etwa über die Entwicklung der Krankenpflege zu einer staatlich anerkannten Tätigkeit im 19. und 20. Jahrhundert, die Entwicklung der konfessionellen Krankenpflege, die Kriegskrankenpflege, die Reform der Krankenpflege nach 1945 oder den Alltag in der Krankenpflege, und darüber hinaus als Nachschlagewerk auch auf das (bisher) neun Bände umfassende „Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte. ‚Who was who in nursing history‘“ zurückgegriffen werden kann, fehlen bislang historische Studien zu bestimmten Tätigkeitsfeldern. Die hier bestehende Forschungslücke möchten Annett Büttner und Pierre Pfütsch mit dem von ihnen herausgegebenen Buch „Geschichte chirurgischer Assistenzberufe von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart“ füllen.

Die Historikerin und Archivarin Dr. phil. Annett Büttner, die neben ihrer Tätigkeit als Lehrbeauftragte der Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf auch die „Geschichtsagentur Kaiserswerth“ (www.geschichte-in-kaiserswerth.de) betreibt, hat zur Geschichte der Krankenpflege bereits zahlreiche Publikationen vorgelegt. Neben den beiden Monografien „Die konfessionelle Kriegskrankenpflege im 19. Jahrhundert“
(Stuttgart 2013)1 und die „Diakonissenanstalt Dresden 1844 – 2014“ (Essen 2014)2 sei hier etwa auf ihren Beitrag „Konflikte beim Austritt von Diakonissen aus der Schwesternschaft“ in der Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege“ (2015)3 hingewiesen.

Zu den Forschungsschwerpunkten des Historikers Dr. phil. Pierre Pfütsch, der als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart arbeitet und dabei auch die renommierte Zeitschrift „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“ redaktionell betreut, gehören die Präventions- und Geschlechtergeschichte, die Zeitgeschichte der Medizin sowie die Geschichte medizinischer Berufe. Hierzu veröffentlichte er unter anderem (zusammen mit Sylvelyn Hähner-Rombach) den Band „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945. Ein Lehr- und Studienbuch“ (Frankfurt am Main 2018)4 und (zusammen mit Christoph Schwamm) den Beitrag „Männer in der Pflege. Ein historischer Blick auf aktuelle Debatten“ in der Fachzeitschrift „Dr. med. Mabuse“ (2020)5.

Mit ihrem Buch, das sie der viel zu früh verstorbenen Medizin- und Pflegehistorikerin Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach (1959-2019) gewidmet haben, richtet sich das Herausgeberteam sowohl an Studierende, Lehrende und Praktiker*innen im Bereich der Pflege, insbesondere der chirurgischen Assistenz, als auch an Pflege- und Medizinhistoriker*innen. In ihrer Einführung weisen Annett Büttner und Pierre Pfütsch zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung darauf hin, dass bewusst darauf verzichtet wurde, „größere theoretische Rahmungen vorzunehmen und geschichtswissenschaftliche Fachdiskurse zu bedienen. Vielmehr soll es darum gehen, einen ersten Überblick zu schaffen und weitere Forschungen anzuregen“ (S. 10) beziehungsweise, wie es an anderer Stelle heißt, „den langwierigen historischen Weg, den auch die chirurgische Assistenz in Deutschland bisher zurückgelegt hat, zu erhellen“ (S. 13).

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil vereint sieben Beiträgen von ausgewiesenen Expert*innen aus Theorie und Praxis, in denen die historische Entwicklung der chirurgischen Assistenzberufe von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart nachgezeichnet wird, wobei sich die Betrachtungen im Wesentlichen auf den deutschsprachigen Raum beschränken. Die Darstellung, die sich an der Schnittstelle zwischen Medizin und Pflege bewegt, setzt mit den mittelalterlichen Handwerkschirurgen ein, die als Vorgänger der heutigen professionellen chirurgischen Assistenzberufe gelten können. Sie waren, wie der Historiker Dr. Marcel Korge vom Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften an der Universität Leipzig in seinem Beitrag „Die Assistenten und Assistentinnen der frühneuzeitlichen Handwerkschirurgen“ (S. 15-55) hervorhebt, im Mittelalter und der Frühen Neuzeit die Heilergruppe schlechthin, die sich um chirurgische Eingriffe bemühte. Auch wenn es durchaus Personen gab, so der Autor, die den Handwerkschirurgen bei seiner Tätigkeit unterstützten, so sei dieses Assistieren längst noch nicht institutionalisiert gewesen. Darüber hinaus habe es auf dem Heilermarkt mit Badern, Barbieren, Wundärzten und Feldscheren noch weitere Anbieter geben.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte im Bereich der Chirurgie dann allmählich ein Veränderungsprozess ein, der maßgeblich durch die gelehrten, an Universitäten ausgebildeten Ärzte vorangetrieben wurde. Hierdurch verloren Wundärzte, Barbiere und Handwerkschirurgen nach und nach ihre Aufgabenbereiche an die Ärzteschaft. Da es aber weiterhin Bedarf gerade bei kleineren chirurgischen Eingriffen gab, entstand der Beruf der Heilgehilfen, wie die Medizinpädagog*innen und Pflegehistoriker*innen Horst-Peter Wolff und Jutta Wolff in ihrem (hier erneut abgedruckten) Beitrag „Chirurgiegehilfen und Wundärzte“ (S. 57-63)6 aufzeigen.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Hilfe bei Operationen nach und nach von Krankenpflegerinnen übernommen, was laut Annett Büttner und Pierre Pfütsch in ihrem Beitrag „Die Entwicklung der chirurgischen Assistenz im 19. Jahrhundert“ (S. 65-94) durch mehrere Faktoren begünstigt wurde. Einerseits habe sich die Ausbildung in der Krankenpflege im 19. Jahrhundert maßgeblich verbessert, andererseits habe die Medizin wichtige Fortschritte gemacht und immer mehr Operationen durchgeführt. Schließlich habe sich auch die Medizintechnik rasant weiterentwickelt, sodass die Handhabung immer neuer Geräte und Instrumente durch entsprechend gut ausgebildetes Personal beherrscht werden musste.

Von zentraler Bedeutung für die operationstechnische Praxis war die Frage nach der Betäubung, wobei die Narkose bis in die 1950er Jahre in der Hand der Pflegenden lag. Mit der Etablierung der medizinischen Fachrichtung Anästhesie wurde dann das Narkotisieren von einer pflegerischen zu einer medizinischen Tätigkeit umgedeutet, wie Prof. Dr. Karen Nolte, Professorin und Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Heidelberg in ihrem Beitrag „Narkoseschwestern – ‚Schwesternnarkose‘ in Deutschland“ (S. 95-118) darlegt und geschlechtsspezifisch interpretiert.

Aus den überwiegend in der Praxis angelernten Pflegerinnen und Pflegern entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Operationsschwester, deren Aufgaben und Ausbildung Bettina Schmitz, Fachgesundheits- und Krankenpflegerin für den Operationsdienst und Pflegepädagogin (B.A.) bei der Kaiserswerther Diakonie, in ihrem Beitrag „Von der ‚chirurgischen Schwester‘ zur ‚Operationsschwester‘“ (S. 119-146) behandelt. Wie die Autorin dabei feststellt, haben sich die in der Literatur beschriebenen charakteristischen Eigenschaften einer Operationsschwester in den letzten 100 Jahren nicht verändert, während sich die Arbeitsgebiete und die Ausbildung sehr divergent entwickelten. So sei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine spezielle Weiterbildung für den Operationsdienst auf der Basis von Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) angeboten worden, um den gestiegenen Anforderungen an eine Operationsschwester gerecht zu werden, ohne dass jedoch eine bundeseinheitliche gesetzliche Regelung zustande kam.

In ihrem Beitrag „Vom OP-Fachpfleger zum Operationstechnischen Assistenten“ (S. 147-162) zeichnet Natalie Wulf, Operationstechnische Assistentin und Pflegepädagogin (B.A.) am Niels Stensen Bildungszentrum in Osnabrück, die Entwicklung vom OP-Fachpfleger zum Operationstechnischen Assistenten nach, wobei sie insbesondere die Rolle der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in der Weiterentwicklung der chirurgischen Assistenz aufzeigt. Demnach initiierte die DKG nicht nur in den 1970er Jahren mit ihren Empfehlungen für die Weiterbildung zu Fachkrankenpflegern für den Operationsdienst das Berufsfeld des OP-Pflegers, sondern auch 20 Jahre später den Beruf des Operationstechnischen Assistenten.

In ihrem Beitrag „Die Akademisierung der chirurgischen Assistenz“ (S. 163-180) beleuchtet Johanna Türk, (B.sc.) Medizinische Assistenz – Chirurgie an der LVR-Klinik für Orthopädie in Viersen, die gegenwärtig Fahrt aufnehmende Akademisierung der chirurgischen Assistenz, wobei ihre Ausführungen nicht nur in die Gegenwart, sondern auch in die Zukunft weisen. Anhand der Diskussion um die Substitution und Delegation ärztlicher Leistungen macht sie deutlich, dass eine Akademisierung von nichtärztlichem Personal oft in die Hoheitsrechte der Ärzteschaft hineinreicht und daher kontrovers gesehen wird.

Im zweiten Teil des Buches sind elf „Quellen“ (S. 181-283) dokumentiert, die den Zeitraum vom 17. bis 20. Jahrhundert umfassen. Zu ihnen gehören etwa die „Zunftordnung der Leipziger Barbiere von 1640“, Unterrichtsmaterialien um 1840 aus dem Diakonissenmutterhaus Kaiserswerth, Auszüge aus dem „Handbuch für Heilgehülfen…“ von Friedrich Wilhelm Ravoth (1853), dem „Handbuch der Krankenwartung“ von Carl Emil Gedike (1854), den Büchern „Die Krankenpflege im Frieden und im Kriege…“ von Paul Rupprecht (1902), „Die Krankenpflege in der Chirurgie“ von Hendrik Arnoud Laan (1909) und „Der chirurgische Operationssaal“ von Franziska Berthold (1935), die „Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft für die Weiterbildung zur Fachkrankenschwester bzw. zum Fachkrankenpfleger“ (1971), die „Deutsche Krankenhausgesellschaft – Empfehlung zur Weiterbildung für Krankenpflegekräfte im Operationsdienst“ (1979) sowie die „Deutsche Krankenhausgesellschaft – Empfehlung zur Ausbildung und Prüfung von Operationstechnischen Assistentinnen / Assistenten“ (1996).

Die bereitgestellten Dokumente, auf die sich auch die Autor*innen in ihren Beiträgen beziehen, sollen, so die Herausgeber*innen, einerseits die Leserschaft zur weiteren eigenen Auseinandersetzung mit bestimmten Themen anregen und andererseits Studierenden der Pflegeberufe einen ersten Einstieg zur Arbeit mit Primärquellen bieten. Zur kritischen Auseinandersetzung gerade mit den älteren „Quellen“ wären ein paar Informationen über die zitierten Personen und ihren zeitgenössischen Hintergrund hilfreich gewesen; im Falle von Carl Emil Gedike (1797-1867), Friedrich Wilhelm Ravoth (1816-1878) und Paul Rupprecht (1846-1920) hätte man sich zumindest einen kurzen Hinweis auf die Einträge im „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte“ gewünscht.

Sieht man von diesem Punkt einmal hab, bietet das von Annett Büttner und Pierre Pfütsch herausgegebene Buch nicht nur einen gelungenen Überblick über die Geschichte der chirurgischen Assistenzberufe, sondern auch – aufgrund der bereitgestellten „Quellen“ – die Möglichkeit zur eigenen und weitergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling


1 Vgl. die Besprechung des Rezensenten unter: www.socialnet.de/rezensionen/16407.php [03.04.2014].
2 Vgl. die Besprechung des Rezensenten unter: www.socialnet.de/rezensionen/16973.php [06.06.2014].
3 Vgl. Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 4. Jg., Ausgabe 1-2015, S. 25-32.
4 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 7. Jg., Ausgabe 2-2018, S. 93-95 [auch online unter: https://www.pflege-wissenschaft.info/nachrichten/rubriken/rezensionen//nachrichten/rubriken/rezensionen/81-pflegejournal/journal-info/rezensionen/11987-entwicklungen-in-der-krankenpflege-und-in-anderen-gesundheitsberufen-nach-1945 [16.10.2018].
5 Vgl. Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe, 45. Jg., 2020, Nr. 244, S. 46-48.
6 Vgl. Horst-Peter Wolff / Jutta Wolff: Krankenpflege. Einführung in das Studium ihrer Geschichte. Frankfurt am Main 2008, S. 107-112.

Spiegel der Zeit – Leben in sozialen Einrichtungen von der Reformation bis zur Moderne

Fritz Florian BrunsSpiegel der Zeit Historia Hospitalium 31 2018 2019 Jahrbuch der DeutschenFlorian Bruns, Fritz Dross, Christina Vanja (Hrsg.)
Spiegel der Zeit
Leben in sozialen Einrichtungen von der Reformation bis zur Moderne
Festschrift für Christina Vanja
Historia Hospitalium. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte, Band 31 – 2018/19

Lit Verlag, Berlin 2020, broschiert, 618 Seiten, 49,90 €, ISBN 978-3-643-14564-2

Seit 1966 veröffentlicht die Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte e. V. (vgl. www.krankenhausgeschichte.de) in einem zweijährigen Turnus das Jahrbuch „Historia Hospitalium“, dessen Beiträge ihren Blick auf Hospitäler, Krankenhäuser und ähnliche medizinische Organisationen unter sozial-, gesellschafts- und kulturgeschichtlichen Perspektiven richten. Die aktuelle Ausgabe (Band 31), für deren Herausgabe sich Florian Bruns, Fritz Dross und Christina Vanja verantwortlich zeichnen, beschäftigt sich im wissenschaftlichen Teil unter der Überschrift „Spiegel der Zeit“ schwerpunktmäßig mit dem „Leben in sozialen Einrichtungen von der Reformation bis zur Moderne“.

Dr. med. Florian Bruns, Arzt und Medizinhistoriker, arbeitet am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wobei zu seinen Forschungsschwerpunkten unter anderem die Medizin im Nationalsozialismus, die Patientengeschichte in der DDR sowie die Geschichte der Medizinhistoriografie gehören.
Prof. Dr. phil. Fritz Dross ist Assistent am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-
Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Hospital- und Krankenhausgeschichte, das städtische Fürsorge- und Gesundheitswesen in der Frühen Neuzeit und die Geschichte der gynäkologischen Fachgesellschaften im 20. Jahrhundert.

Prof. Dr. phil. Christina Vanja, seit 2007 außerplanmäßige Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Kassel, leitete über 30 Jahre das Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen in Kassel und war zugleich Hochschullehrerin an der Universität Kassel. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Sozialgeschichte der Medizin, die Hospital- und Krankenhausgeschichte sowie die Psychiatriegeschichte.

Nach dem Editorial von Florian Bruns und Fritz Dross (S. 1-6) vereint das vorliegende Jahrbuch, das als Festschrift für Christina Vanja erscheint, im wissenschaftlichen Teil (S. 7-407) die durchgehend aus der Feder renommierter Wissenschaftler*innen stammenden Beiträge, die anlässlich des internationalen Symposiums zur Verabschiedung von Prof. Dr. Christina Vanja aus dem Archivdienst am 16. und 17. November 2017 im Kasseler Ständehaus gehalten wurden. Die hierzu versammelten 15 Arbeiten, die durch die von Robert Jütte gehaltene „Laudatio zur Verabschiedung von Christina Vanja aus dem Archivdienst“ (S. 375-381) und ein Verzeichnis der „Veröffentlichungen von Christina Vanja“ (S. 383-407) ergänzt werden, ordnen sich dabei den Themenbereichen „Hospital und Waisenhaus“, „Armen- und Krankenversorgung des Adels“, „Tradition und Moderne“, „Separierung und Spezialisierung der Armen- und Krankenversorgung um 1900“, „Ausgrenzung und Krankenmord im Nationalsozialismus“ und „Im Zeichen des Sozialismus: Patientensorgen in der DDR“ zu.

An den „Tagungsbericht“ (S. 409-446) über „The ‚Healthy‘ Hospital in Early Modern Austria and Germany. Session oft the European Social Science History Conference 2018 in Belfast, Northern Ireland“ schließt sich der „Gesellschaftsteil“ (S. 447-554) mit den Beiträgen der Symposien in Katowice 2017 zum Thema „Gesundheitsversorgung und Krankenhäuser in Industrieregionen“ und in Berlin 2018 zum Thema „1968 und die Medizin“ an, der durch „Berichte“ (S. 555-562) und „Rezensionen“ (S. 563-600) ergänzt wird.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte hat erneut ein sehr umfangreiches Jahrbuch vorgelegt, das eine bunte Palette von Forschungsbeiträgen vereint. Das Hauptaugenmerk der durchgehend sehr interessanten Beiträge liegt dabei – im Unterschied zum vorhergehenden Band 30 (Berlin 2017), der sich schwerpunktmäßig mit der „Geschichte der Pflege im Krankenhaus“ beschäftigte – auf der Medizingeschichte. Ausnahme hiervon bildet der Beitrag „‚…eine Krankenpflegerin kann nicht zu viel lernen‘ – Pflegende und Ärzte im 19. Jahrhundert“ (S. 223-238) von Dr. phil. Karen Nolte, Professorin für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Heidelberg und Direktorin am gleichnamigen Institut, die auf Grundlage handschriftlicher Manuskripte aus dem Archiv der Fliedner-Kulturstiftung und zeitgenössischen Krankenpflegelehrbüchern die Ausbildung protestantischer Krankenschwestern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rekonstruiert. Die Diakonissen, die auch für Seelenpflege ausgebildet wurden, die in ihrem Selbstverständnis Priorität besaß, erwarben demnach für ihre Zeit bereits gute medizinische Grundkenntnisse, indem sie „in der Gemeindepflege recht selbstverständlich im Bereich der ‚kleine Chirurgie‘ Kranke behandelten.“ Gleichwohl die Ausbildung von Diakonissen in der leiblichen Pflege weit über das hinausging, was Ärzte in der Ausbildung zur Krankenwartung für sinnvoll erachteten, sei es nicht die Leibespflege gewesen, die von diesen protestantischen Schwestern als zentral für ihr Selbstverständnis als Krankenpflegende angesehen wurde: „Vielmehr waren es die religiöse Unterweisung und die Sorge um das Seelenheil ihrer Pfleglinge – die Seelenpflege –, die ihr persönliches Handeln motivierten“
(S. 237). Ihr christlich geprägtes Krankheitsverständnis und die feste Einbindung in die Diakonissengemeinschaft sowie die Ausrichtung auf das Mutterhaus hätten demgegenüber ein eher distanziertes Verhältnis zur Medizin und zu Ärzten bewirkt.

Verstärkt die Krankenpflege in den Blick nimmt auch Dr. phil. Fruzsina Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Leipziger Diakonissenhaus, die in ihrem Beitrag „Evangelisches Krankenhaus und Gemeindepflege in ‚roter‘ Umgebung“ (S. 519-531) einen Überblick über die 125-jährige Geschichte der Einrichtung und ihr Verhältnis zur umgebenden Industrieregion gibt. Wie die Kulturhistorikerin darin unter anderem zeigt, wurde die Einrichtung als christliches Krankenhaus im „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR zwar geduldet, aber wenig gefördert, auch wenn es in einer industriellen Umgebung die ideologisch hochgehaltene „werktätige“ Bevölkerung versorgte. Die „weltanschauliche Differenz mit dem deklariert atheistischen Staat“ machte sich vor allem „auf dem Gebiet der Krankenpflegeausbildung bemerkbar, die wegen des SED-Monopolanspruchs auf Bildungsfragen einem ständigen Aushandlungsprozesses unterworfen war“ (S. 528). Da das Problem des Nachwuchsmangels unter den Diakonissen „nicht mehr schleichend, sondern radikal“ auftrat – die letzte Einsegnung zur Diakonisse erfolgte 1977, die vorletzte acht Jahre zuvor 1969 – musste die pflegerische Versorgung des Krankenhauses und der Gemeinden mit einem immer höher werdenden Anteil an bezahltem Personal (Verbandsschwestern und freien Kräften) geleistet werden.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Krankenschwestern im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Krankenschwestern im System der nationalsozialistischen KonzentrationslagerPetra Betzien
Krankenschwestern im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager
Selbstverständnis, Berufsethos und Dienst an den Patienten im Häftlingsrevier und SS-Lazarett
Pflegegeschichte im kula Verlag, Band 1

Kula Verlag, Frankfurt am Main 2018, kartoniert, 599 Seiten, 64,00 €, ISBN 978-3-945340-11-0

Die Diplom-Betriebswirtin und Historikerin (M.A.) Petra Betzien, die ihre (unveröffentlichte) Magisterarbeit an der FernUniverstät Hagen 2009 über „Das NS-Frauenbild und die Einordnung der Täterinnen in die NS-Gesellschaft“ schrieb, widmet sie sich in der vorliegenden Untersuchung – der ihre 2018 am Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften, Institut für Geschichte und Biographie der FernUniverstät Hagen vorgelegten Dissertation zugrunde liegt – der Geschichte der Krankenpflege im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, wobei im Fokus ihrer Betrachtung die Tätigkeiten und Verhaltensweisen der in den Konzentrationslagern tätigen dienstverpflichteten Krankenschwestern stehen.

Zu ihrem Forschungsthema veröffentlichte die Autorin, die in einer Behörde im Bereich des Krankenhauswesens beschäftigt ist, bereits mehrere Beiträge, so 2012 „NS-Krankenschwestern in Konzentrationslagern“ in der Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege“, 2013 „Krankenschwestern im System der Konzentrationslager“ in dem von Hilde Steppe (1947-1999) herausgegebenen Sammelband „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ und 2015 „Pflege ohne Ethos. Im Dritten Reich begingen auch einige Krankenschwestern entsetzliche Verbrechen“ in der „Pflegezeitschrift“.

In ihrer aktuellen Arbeit nimmt Petra Betzien sowohl die krankenpflegerischen Bedingungen in den Häftlingsrevieren in den Blick, als auch im äußeren Bereich der Lager, in den SS-Lazaretten. Zugleich fragt sie nach dem Pflegeethos und den Handlungsoptionen der Schwestern angesichts des rassenhygienischen Forderungskatalogs und der Weltanschauung des Nationalsozialismus. Ihr Erkenntnisinteresse besteht insbesondere darin, „den vermeintlichen Widerspruch und Konflikt zwischen Berufsethos und praktischer Krankenpflege im Konzentrationslager in beiden Lagerbereichen aufzuhellen und zu erklären. Ein weiteres und wesentliches Interesse besteht in einer möglichst detaillierten Nachvollziehung der Topografie der Krankenversorgung im Häftlingsrevier durch dienstverpflichtete Krankenschwestern, die bisher nur in Bruchstücken erfolgt ist, sowie in den SS-Lagerlazaretten, zu denen es bislang keine Forschung gab“ (S. 24).

Für ihre Untersuchung recherchierte die Autorin in zahlreichen in- und ausländischen Archiven und wertete eine ungewöhnlich breite Quellenbasis aus: Personalakten, amtliche Akten, Begleitschreiben zu medizinischen Proben, Statistiken, Lehrbücher, gerichtliche Zeugenaussagen, Ermittlungsberichte, autobiografische und literarische Verarbeitungen, Zeichnungen und Fotografien, die ihre Ergänzung durch einige lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen Häftlingen finden.

Bereits einleitend macht Petra Betzien darauf aufmerksam, dass Krankenschwestern bei der Umsetzung der NS-Rassenhygiene und -Bevölkerungspolitik als Helferinnen mittelbar und unmittelbar zu Tatbeteiligten und Täterinnen wurden. Dabei habe es zwei unterschiedliche Arbeitswelten für Krankenschwestern im System der Konzentrationslager gegeben, die entsprechend der Patientenkategorie auch unterschiedliche Pflegezielsetzungen und -aufgaben beinhalteten. Auf der einen Seite hatten Krankenschwestern die Versorgung der Opfer zu gewährleisten, auf der anderen Seite die Pflege der Täter sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund versteht sie ihre Arbeit „zum einen als Beitrag zur Pflegegeschichte, zum anderen auch als Beitrag zur Gender-Geschichte, da deutlich gemacht werden konnte, dass Frauen, interagierend mit Männern, sich als Krankenschwestern in einer Epoche, in der ihnen noch nicht eine Gleichberechtigung und schon gar nicht Gleichstellung zugestanden wurde, über ihren Beruf ihre eigene, persönliche Nische zur Selbstverwirklichung erobern konnten“ (S. 16).

Nach der Einleitung mit einem Problemaufriss, Hinweisen zum Forschungsstand sowie den leitenden Fragestellungen gibt die Autorin, um das traditionelle pflegerische Berufsethos nachvollziehen und in seiner Bedeutung erfassen zu können, zunächst einen Überblick über die Entwicklung des Berufs der Krankenschwester in Deutschland bis 1933, bevor sie eine Einordnung der Krankenschwestern in die NS-Gesellschaft vornimmt. Ein hier integrierter Exkurs zum Thema „Moral im Nationalsozialismus“ macht deutlich, wie sich der christliche und humanistische Wertekanon in der NS-Gesellschaft veränderte und umgedeutet wurde. Breiten Raum nimmt sodann die Darstellung zur Organisation der Krankenversorgung im Konzentrationslager und SS-Lazaretten ein, an die sich eine Betrachtung der „SS-Schwestern“ im Häftlingsrevier des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück und die dortigen Handlungsabläufe anschließt. Weitere Kapitel beschäftigen sich sodann mit den Krankenschwestern in Häftlingsrevieren anderer Konzentrationslager, den Krankenschwestern in den Lazaretten der Konzentrationslager-SS sowie mit den Erklärungsstrategien der „SS-Schwestern“ in der Nachkriegszeit. Ergänzt wird die Darstellung durch einen umfangreichen Anhang, der neben dem Quellen- und Literaturverzeichnis auch ein „Verzeichnis der NS-Schwestern und DRK-Schwesternhelferinnen in den Häftlingsrevieren Lichtenberg, Ravensbrück und Auschwitz sowie in den SS-Lagerlazaretten Dachau, Auschwitz und Hohenlychen“ enthält, das nicht zuletzt im Hinblick auf weitere pflegehistorische Forschungen zur NS-Zeit eine große Bedeutung hat.

Wie Petra Betzien zeigt, konnten und sollten mit der Umorganisation und Gleichschaltung der Krankenschwesternverbände ab 1933 sowie dem Krankenpflegegesetz 1938 Krankenschwestern zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Vorstellungen von Rassenhygiene und der NS-Weltanschauung zu Erfüllungsgehilfinnen instrumentalisiert werden. Mit Hilfe der „dichten Beschreibung“ der krankenpflegerischen Praxis in den Konzentrationslagern verdeutlicht die Autorin, dass Krankenschwestern Mittäterinnen bei der Ermordung von Häftlingen werden konnten und zugleich in den SS-Lazaretten die Behandlung von Tätern und ihren Familien unterstützten. Von Anfang an waren im Häftlingsrevier die „SS-Schwestern“ im Rahmen ihrer Tätigkeit an fast allen dort begangenen Verbrechen mittelbar und / oder unmittelbar beteiligt. Da in Ravensbrück das originäre Ziel der Krankenversorgung ausschließlich in der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit bestand, „waren die Häftlinge praktisch dehumanisiert und vergleichbar mit seelenlosen Arbeitsapparaturen, deren Reparaturwürdigkeit festgestellt wurde, oder die entsorgt wurden, wenn sich das nicht mehr lohnte“ (S. 547).

Die Untersuchung von Petra Betzien lässt keinen Zweifel daran, „dass Krankenschwestern in der Zeit des Nationalsozialismus eine einmalige Aufwertung erhielten, die ihnen eine Teilhabe an der Macht über Menschen ermöglichte. Diese Macht im positiven Sinn zu nutzen oder zu missbrauchen, lag in den Häftlingsrevieren in der persönlichen Entscheidung jeder einzelnen Krankenschwester. Dass die Entscheidung möglich war, das traditionelle Berufsethos auszuüben, die christlichen humanistischen Werte dem Handeln als Maßstab anzulegen, belegen“, so die Autorin „die Ausnahmen einiger weniger mutiger Krankenschwestern in Ravensbrück, Hersbruck, Ausschwitz und auch in den besetzten osteuropäischen Staaten, die nicht nur hinsahen, sondern auch in eigener Entscheidung gegen die offiziellen Vorgaben und Anweisungen handelten“ (S. 561). Unterdessen beriefen sich alle angeklagten Krankenschwestern während ihres Prozesses auf ihre Gehorsamspflicht den Ärzten gegenüber und schoben die (nun von ihnen anerkannte) Schuld an den von ihnen begangenen Verbrechen einfach weiter oder bestritten sie schlicht.

Das rund 600 Seiten starke Buch verfügt über einen soliden Anmerkungsapparat mit gut 2.400 Fußnoten, die neben Quellenbelegen immer wieder auch weiterführende Hinweise enthalten, wodurch einzelne Aspekte leicht vertiefend betrachtet werden können. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang lediglich auch ein Hinweis auf das bisher im Umfang von neun Bänden vorliegende, von Horst-Peter Wolff (Bände 1-3) und Hubert Kolling (Bände 4-9) herausgegebene „Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte“ gewesen, das Einträge zu etlichen in der Arbeit erwähnten beziehungsweise zitierten Personen enthält, so zu Pia Bauer (1871-1954), Katharina (Käthe) Elisabeth Böttger (1895-1996), Marie Cauer (1861-1950), Johann Friedrich Dieffenbach (1792-1847), Theodor Fliedner (1800-1864), Gertrude Wilhelmine (Gerda) Ganzer (1907-1996), Karl Eduard August Hermann Genzken (1885-1957), Sylvelyn Hähner-Rombach (1959-2019), Erich Hilgenfeldt (1897-1945), Ernst Grawitz (1899-1945), Hans Harmsen (1899-1989), Hermann Jensen (1895-1946), Agnes Karll (1868-1927), Liselotte Katscher (1915-2012), Lisbeth Krzok (1909-1979), Franz Anton Mai (1742-1814), Elisabeth Marschall (1886-1947), Vera Salvequart (1919-1947), Christian Ludwig Schweickard (1746-1825), Hilde Steppe (1947-1999), Anna Sticker (1902-1995), Elisabeth Storp (1864-1941), Georg Streiter (1884-1945), Marie Stromberger (1898-1957) und Joachim von Winterfeldt-Menkin (1865-1945).

Sieht man hiervon einmal ab, hat die Autorin eine pflegehistorische bedeutsame Arbeit vorgelegt, die eine lang konstatierte Forschungslücke schließt, indem die Tätigkeit der Krankenschwestern in den Häftlingsrevieren der Konzentrationslager bisher noch völlig unzureichend erforscht und bekannt war. Zu dem umfangreichen Buch, das in keiner Bibliothek des Gesundheitswesens fehlen sollte, hat Prof. Dr. med. Eva-Maria Ulmer, emeritierte Hochschullehrerin der Frankfurt University of Applied Sciences, ein Grußwort beigesteuert, in dem sie unter anderem schreibt: „Diesem verdienstvollen Buch wünsche ich eine breite Leserschaft und viele Diskussionen. Es sei all jenen empfohlen, die nicht nur die Glanzseite der Pflegegeschichte sehen wollen, sondern die auch bereit sind, sich mit den Schattenseiten der Pflege auseinander zu setzen. Vielleicht können wir gerade daraus lernen“ (S. 8). Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

Das Buch von Petra Betzien, das sie „all jenen (Häftlings-)Pflegekräften in der Zeit des Nationalsozialismus widmet, die mutig und imstande waren, die menschenverachtenden Forderungen einer NS-Rassenideologie beim Dienst an ihren Patientinnen und Patienten zu verweigern und zu unterlaufen“, erscheint im kula Verlag in Frankfurt am Main als Band 1 der neuen Schriftenreihe „Pflegegeschichte“. Die Bände der Reihe, mit denen der Fachverlag für Ethnologie und Kulturwissenschaften zur „Stärkung des Berufsbewusstseins in der Pflege beitragen“ möchte, sollen dabei – ganz im Sinne der Frankfurter Pflegehistorikerin Hilde Steppe – Zusammenhänge verdeutlichen, Entwicklungsprozesse aufzeigen und Erkenntnisse für Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Von daher darf man hier schon jetzt auf die weitere Veröffentlichungen gespannt sein.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling