Annett Büttner, Pierre Pfütsch (Hrsg.)
Geschichte chirurgischer Assistenzberufe
von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart
Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2020, broschiert, 284 Seiten, 39,95 €, ISBN 978-3-86321-527-9
Seit einigen Jahrzehnten unterliegt die Krankenpflege in Deutschland einer zunehmenden Akademisierung und Professionalisierung, was mit Prozessen von Spezialisierung und Differenzierung einhergeht. Ein inzwischen sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung ist die Schaffung neuer Berufsgruppen in der chirurgischen Assistenz und ihre Organisation, wie beispielsweise der 2014 gegründete Deutsche Berufsverband Operationstechnischer Assistenten. Während für das sich in der Pflege zunehmend ethisch und historisch reflektierte Handeln die neuere Pflegegeschichte eine Reihe wichtiger Beiträge bereitstellt, etwa über die Entwicklung der Krankenpflege zu einer staatlich anerkannten Tätigkeit im 19. und 20. Jahrhundert, die Entwicklung der konfessionellen Krankenpflege, die Kriegskrankenpflege, die Reform der Krankenpflege nach 1945 oder den Alltag in der Krankenpflege, und darüber hinaus als Nachschlagewerk auch auf das (bisher) neun Bände umfassende „Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte. ‚Who was who in nursing history‘“ zurückgegriffen werden kann, fehlen bislang historische Studien zu bestimmten Tätigkeitsfeldern. Die hier bestehende Forschungslücke möchten Annett Büttner und Pierre Pfütsch mit dem von ihnen herausgegebenen Buch „Geschichte chirurgischer Assistenzberufe von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart“ füllen.
Die Historikerin und Archivarin Dr. phil. Annett Büttner, die neben ihrer Tätigkeit als Lehrbeauftragte der Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf auch die „Geschichtsagentur Kaiserswerth“ (www.geschichte-in-kaiserswerth.de) betreibt, hat zur Geschichte der Krankenpflege bereits zahlreiche Publikationen vorgelegt. Neben den beiden Monografien „Die konfessionelle Kriegskrankenpflege im 19. Jahrhundert“
(Stuttgart 2013)1 und die „Diakonissenanstalt Dresden 1844 – 2014“ (Essen 2014)2 sei hier etwa auf ihren Beitrag „Konflikte beim Austritt von Diakonissen aus der Schwesternschaft“ in der Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege“ (2015)3 hingewiesen.
Zu den Forschungsschwerpunkten des Historikers Dr. phil. Pierre Pfütsch, der als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart arbeitet und dabei auch die renommierte Zeitschrift „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“ redaktionell betreut, gehören die Präventions- und Geschlechtergeschichte, die Zeitgeschichte der Medizin sowie die Geschichte medizinischer Berufe. Hierzu veröffentlichte er unter anderem (zusammen mit Sylvelyn Hähner-Rombach) den Band „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945. Ein Lehr- und Studienbuch“ (Frankfurt am Main 2018)4 und (zusammen mit Christoph Schwamm) den Beitrag „Männer in der Pflege. Ein historischer Blick auf aktuelle Debatten“ in der Fachzeitschrift „Dr. med. Mabuse“ (2020)5.
Mit ihrem Buch, das sie der viel zu früh verstorbenen Medizin- und Pflegehistorikerin Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach (1959-2019) gewidmet haben, richtet sich das Herausgeberteam sowohl an Studierende, Lehrende und Praktiker*innen im Bereich der Pflege, insbesondere der chirurgischen Assistenz, als auch an Pflege- und Medizinhistoriker*innen. In ihrer Einführung weisen Annett Büttner und Pierre Pfütsch zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung darauf hin, dass bewusst darauf verzichtet wurde, „größere theoretische Rahmungen vorzunehmen und geschichtswissenschaftliche Fachdiskurse zu bedienen. Vielmehr soll es darum gehen, einen ersten Überblick zu schaffen und weitere Forschungen anzuregen“ (S. 10) beziehungsweise, wie es an anderer Stelle heißt, „den langwierigen historischen Weg, den auch die chirurgische Assistenz in Deutschland bisher zurückgelegt hat, zu erhellen“ (S. 13).
Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil vereint sieben Beiträgen von ausgewiesenen Expert*innen aus Theorie und Praxis, in denen die historische Entwicklung der chirurgischen Assistenzberufe von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart nachgezeichnet wird, wobei sich die Betrachtungen im Wesentlichen auf den deutschsprachigen Raum beschränken. Die Darstellung, die sich an der Schnittstelle zwischen Medizin und Pflege bewegt, setzt mit den mittelalterlichen Handwerkschirurgen ein, die als Vorgänger der heutigen professionellen chirurgischen Assistenzberufe gelten können. Sie waren, wie der Historiker Dr. Marcel Korge vom Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften an der Universität Leipzig in seinem Beitrag „Die Assistenten und Assistentinnen der frühneuzeitlichen Handwerkschirurgen“ (S. 15-55) hervorhebt, im Mittelalter und der Frühen Neuzeit die Heilergruppe schlechthin, die sich um chirurgische Eingriffe bemühte. Auch wenn es durchaus Personen gab, so der Autor, die den Handwerkschirurgen bei seiner Tätigkeit unterstützten, so sei dieses Assistieren längst noch nicht institutionalisiert gewesen. Darüber hinaus habe es auf dem Heilermarkt mit Badern, Barbieren, Wundärzten und Feldscheren noch weitere Anbieter geben.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte im Bereich der Chirurgie dann allmählich ein Veränderungsprozess ein, der maßgeblich durch die gelehrten, an Universitäten ausgebildeten Ärzte vorangetrieben wurde. Hierdurch verloren Wundärzte, Barbiere und Handwerkschirurgen nach und nach ihre Aufgabenbereiche an die Ärzteschaft. Da es aber weiterhin Bedarf gerade bei kleineren chirurgischen Eingriffen gab, entstand der Beruf der Heilgehilfen, wie die Medizinpädagog*innen und Pflegehistoriker*innen Horst-Peter Wolff und Jutta Wolff in ihrem (hier erneut abgedruckten) Beitrag „Chirurgiegehilfen und Wundärzte“ (S. 57-63)6 aufzeigen.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Hilfe bei Operationen nach und nach von Krankenpflegerinnen übernommen, was laut Annett Büttner und Pierre Pfütsch in ihrem Beitrag „Die Entwicklung der chirurgischen Assistenz im 19. Jahrhundert“ (S. 65-94) durch mehrere Faktoren begünstigt wurde. Einerseits habe sich die Ausbildung in der Krankenpflege im 19. Jahrhundert maßgeblich verbessert, andererseits habe die Medizin wichtige Fortschritte gemacht und immer mehr Operationen durchgeführt. Schließlich habe sich auch die Medizintechnik rasant weiterentwickelt, sodass die Handhabung immer neuer Geräte und Instrumente durch entsprechend gut ausgebildetes Personal beherrscht werden musste.
Von zentraler Bedeutung für die operationstechnische Praxis war die Frage nach der Betäubung, wobei die Narkose bis in die 1950er Jahre in der Hand der Pflegenden lag. Mit der Etablierung der medizinischen Fachrichtung Anästhesie wurde dann das Narkotisieren von einer pflegerischen zu einer medizinischen Tätigkeit umgedeutet, wie Prof. Dr. Karen Nolte, Professorin und Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Heidelberg in ihrem Beitrag „Narkoseschwestern – ‚Schwesternnarkose‘ in Deutschland“ (S. 95-118) darlegt und geschlechtsspezifisch interpretiert.
Aus den überwiegend in der Praxis angelernten Pflegerinnen und Pflegern entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Operationsschwester, deren Aufgaben und Ausbildung Bettina Schmitz, Fachgesundheits- und Krankenpflegerin für den Operationsdienst und Pflegepädagogin (B.A.) bei der Kaiserswerther Diakonie, in ihrem Beitrag „Von der ‚chirurgischen Schwester‘ zur ‚Operationsschwester‘“ (S. 119-146) behandelt. Wie die Autorin dabei feststellt, haben sich die in der Literatur beschriebenen charakteristischen Eigenschaften einer Operationsschwester in den letzten 100 Jahren nicht verändert, während sich die Arbeitsgebiete und die Ausbildung sehr divergent entwickelten. So sei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine spezielle Weiterbildung für den Operationsdienst auf der Basis von Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) angeboten worden, um den gestiegenen Anforderungen an eine Operationsschwester gerecht zu werden, ohne dass jedoch eine bundeseinheitliche gesetzliche Regelung zustande kam.
In ihrem Beitrag „Vom OP-Fachpfleger zum Operationstechnischen Assistenten“ (S. 147-162) zeichnet Natalie Wulf, Operationstechnische Assistentin und Pflegepädagogin (B.A.) am Niels Stensen Bildungszentrum in Osnabrück, die Entwicklung vom OP-Fachpfleger zum Operationstechnischen Assistenten nach, wobei sie insbesondere die Rolle der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in der Weiterentwicklung der chirurgischen Assistenz aufzeigt. Demnach initiierte die DKG nicht nur in den 1970er Jahren mit ihren Empfehlungen für die Weiterbildung zu Fachkrankenpflegern für den Operationsdienst das Berufsfeld des OP-Pflegers, sondern auch 20 Jahre später den Beruf des Operationstechnischen Assistenten.
In ihrem Beitrag „Die Akademisierung der chirurgischen Assistenz“ (S. 163-180) beleuchtet Johanna Türk, (B.sc.) Medizinische Assistenz – Chirurgie an der LVR-Klinik für Orthopädie in Viersen, die gegenwärtig Fahrt aufnehmende Akademisierung der chirurgischen Assistenz, wobei ihre Ausführungen nicht nur in die Gegenwart, sondern auch in die Zukunft weisen. Anhand der Diskussion um die Substitution und Delegation ärztlicher Leistungen macht sie deutlich, dass eine Akademisierung von nichtärztlichem Personal oft in die Hoheitsrechte der Ärzteschaft hineinreicht und daher kontrovers gesehen wird.
Im zweiten Teil des Buches sind elf „Quellen“ (S. 181-283) dokumentiert, die den Zeitraum vom 17. bis 20. Jahrhundert umfassen. Zu ihnen gehören etwa die „Zunftordnung der Leipziger Barbiere von 1640“, Unterrichtsmaterialien um 1840 aus dem Diakonissenmutterhaus Kaiserswerth, Auszüge aus dem „Handbuch für Heilgehülfen…“ von Friedrich Wilhelm Ravoth (1853), dem „Handbuch der Krankenwartung“ von Carl Emil Gedike (1854), den Büchern „Die Krankenpflege im Frieden und im Kriege…“ von Paul Rupprecht (1902), „Die Krankenpflege in der Chirurgie“ von Hendrik Arnoud Laan (1909) und „Der chirurgische Operationssaal“ von Franziska Berthold (1935), die „Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft für die Weiterbildung zur Fachkrankenschwester bzw. zum Fachkrankenpfleger“ (1971), die „Deutsche Krankenhausgesellschaft – Empfehlung zur Weiterbildung für Krankenpflegekräfte im Operationsdienst“ (1979) sowie die „Deutsche Krankenhausgesellschaft – Empfehlung zur Ausbildung und Prüfung von Operationstechnischen Assistentinnen / Assistenten“ (1996).
Die bereitgestellten Dokumente, auf die sich auch die Autor*innen in ihren Beiträgen beziehen, sollen, so die Herausgeber*innen, einerseits die Leserschaft zur weiteren eigenen Auseinandersetzung mit bestimmten Themen anregen und andererseits Studierenden der Pflegeberufe einen ersten Einstieg zur Arbeit mit Primärquellen bieten. Zur kritischen Auseinandersetzung gerade mit den älteren „Quellen“ wären ein paar Informationen über die zitierten Personen und ihren zeitgenössischen Hintergrund hilfreich gewesen; im Falle von Carl Emil Gedike (1797-1867), Friedrich Wilhelm Ravoth (1816-1878) und Paul Rupprecht (1846-1920) hätte man sich zumindest einen kurzen Hinweis auf die Einträge im „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte“ gewünscht.
Sieht man von diesem Punkt einmal hab, bietet das von Annett Büttner und Pierre Pfütsch herausgegebene Buch nicht nur einen gelungenen Überblick über die Geschichte der chirurgischen Assistenzberufe, sondern auch – aufgrund der bereitgestellten „Quellen“ – die Möglichkeit zur eigenen und weitergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema.
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
1 Vgl. die Besprechung des Rezensenten unter: www.socialnet.de/rezensionen/16407.php [03.04.2014].
2 Vgl. die Besprechung des Rezensenten unter: www.socialnet.de/rezensionen/16973.php [06.06.2014].
3 Vgl. Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 4. Jg., Ausgabe 1-2015, S. 25-32.
4 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 7. Jg., Ausgabe 2-2018, S. 93-95 [auch online unter: https://www.pflege-wissenschaft.info/nachrichten/rubriken/rezensionen//nachrichten/rubriken/rezensionen/81-pflegejournal/journal-info/rezensionen/11987-entwicklungen-in-der-krankenpflege-und-in-anderen-gesundheitsberufen-nach-1945 [16.10.2018].
5 Vgl. Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe, 45. Jg., 2020, Nr. 244, S. 46-48.
6 Vgl. Horst-Peter Wolff / Jutta Wolff: Krankenpflege. Einführung in das Studium ihrer Geschichte. Frankfurt am Main 2008, S. 107-112.

Annett Büttner, Pierre Pfütsch (Hrsg.)
Florian Bruns, Fritz Dross, Christina Vanja (Hrsg.)
Petra Betzien