Medizin, Gesellschaft und Geschichte – Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Band 39

medizin gesellschaft geschichte band 39Marion Baschin (Hrsg.)
Medizin, Gesellschaft und Geschichte 
Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Band 39

Redaktion: Pierre Pfütsch, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2021, broschiert, 313 Seiten, 48,20 €, ISBN 978-3-515-13124-7

Das vom Institut für Geschichte der Medizin (IGM) der Robert Bosch Stiftung (RBS) in Stuttgart herausgegebene Jahrbuch „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“ (MedGG) bietet ein im deutschen Sprachraum einzigartiges Forum für interdisziplinäre Ansätze, deren gemeinsamer Kern das breite Spektrum einer Sozialgeschichte der Medizin ist, die auch alternative Heilweisen mit einschließt: Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln werden darin historische Aspekte von Gesundheit und Krankheit beleuchtet. Dabei gibt die Reihe, zu der ergänzend – in derselben thematischen Diversität – die Beihefte mit Monographien und Sammelbänden erscheinen, über die Medizin-, Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte hinaus auch Beiträgen aus den Kulturwissenschaften und der Soziologie bis hin zur Kunstgeschichte Raum.

Nachdem der langjährige Institutsleiter des IGM, der Medizinhistoriker Prof. Dr. Dr. h.c. Robert Jütte, der den Aufbau und die Gestaltung der MedGG lange Jahre maßgeblich bestimmt hat, in den Ruhestand verabschiedet wurde, übernahm die Herausgeberschaft mit dem vorliegenden Band 39 (2021) Dr. phil. Marion Baschin, die nach ihrem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Stuttgart 2009/2010 mit der Arbeit „Wer lässt sich von einem Homöopathen behandeln? Die Patienten des Clemens Maria Franz von Bönninghausen (1785–1864)“1 promovierte. Anschließend bearbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des IGM der RBS verschiedene Drittmittelprojekte, absolvierte das Referendariat für den höheren Archivdienst am Landesarchiv Baden-Württemberg und an der Archivschule Marburg und übernahm schließlich – in der Nachfolge von Prof. Dr. Martin Dinges – im Juni 2020 die Leitung des IGM als Gesamtarchiv der Robert Bosch Stiftung und ihren Einrichtungen.

Die Redaktion von MedGG liegt unterdessen weiterhin in Händen des Historikers Dr. phil. Pierre Pfütsch, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Präventions- und Geschlechtergeschichte, die Zeitgeschichte der Medizin sowie die Geschichte medizinischer Berufe gehören. Hierzu veröffentlichte er unter anderem (zusammen mit Sylvelyn Hähner-Rombach) den Band „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945. Ein Lehr- und Studienbuch“ (Frankfurt am Main 2018)2 und gab 2020 (gemeinsam mit Annett Büttner) den Band „Geschichte chirurgischer Assistenzberufe von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart“ (Frankfurt am Main 2020) heraus.3

In ihrem Editorial weist Marion Baschin darauf hin, dass Robert Bosch (1861 – 1942) seine privaten finanziellen Mittel und Interessen in vielen, auch unterschiedlichen Themenbereichen gewinnbringend für die Gesellschaft einsetzte. Gleichwohl habe sein Engagement ganz besonders der Medizin und Gesundheitsfragen gegolten, wobei er sich für eine Verbindung verschiedener therapeutischer Ansätze ausgesprochen habe. Diesem Interesse sei das IGM besonders verpflichtet. Zur Bedeutung und Intention der aktuellen Ausgabe des Jahrbuchs hält sie sodann wörtlich fest: „Mit den Schlagworten ‚Medizin, Gesellschaft und Geschichte‘ kann das Erbe Boschs in historischer Perspektive abgebildet werden. Die vorgestellten Beiträge stehen daher für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Robert Boschs und zeigen deren Relevanz für aktuelle Fragen“ (S. 7).

Das Jahrbuch gliedert sich traditionell in zwei Teile. Die Beiträge im ersten Teil („Zur Sozialgeschichte der Medizin“) konzentrieren sich auf die jüngere Geschichte, wobei vier von ihnen aus Forschungsprojekten stammen, die das IGM bis 2020 förderte: Nina Grabe untersucht die Geschichte jüdischer Altersheime in der Nachkriegszeit in Westdeutschland (S. 11 – 56); Martin Dinges betrachtet den Zusammenhang von Arbeit auf die Lebenserwartung von Männern (S. 57 – 92); Sebastian Wenger beleuchtet den Umgang mit gehörlosen Jugendlichen in der Gewerblichen Berufsschule für Gehörlose der Paulinenpflege Winnenden von 1945 bis 1980 (S. 93 – 126); Christine Hartig analysiert Medikamentenversuche in Niedersachsen in den 1950er bis 1970er Jahren (S. 127 – 168); Timo Bonengel erörtert die Entwicklung von Suchttherapien in den USA von 1915 bis 1980 (S. 169 – 207) und Karl-Heinz Reuband befasst sich mit dem Verhalten der Bevölkerung während der EHEC-Pandemie von 2011 (S. 209 – 238).

Die ausführliche Vorstellung aller Beiträge würde den Rahmen der vorliegenden Besprechung sprengen. Von daher sei hier lediglich, da er für die Leserschaft der „Geschichte der Gesundheitsberufe“ von besonderem Interesse sein dürfte, auf den Beitrag von Nina Grabe „Jüdische Altersheime in Westdeutschland“ näher eingegangen.

Die Autorin, die bereits unter anderem die Studien „Die stationäre Versorgung alter Menschen in Niedersachsen 1945 – 1975“ (Stuttgart 2016)4 und „Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und ‚heimatloser Ausländer‘ in Westdeutschland“ (Stuttgart 2020) veröffentlichte, bietet anhand der exemplarisch ausgewählten, 1948 beziehungsweise 1953 eröffneten Häuser in Essen-Werden und Hannover einen Überblick über die Lage der nach Kriegsende in Westdeutschland eingerichteten jüdischen Altersheime. Dabei geht sie unter anderem der Frage nach, welche Gruppe der überlebenden Juden in diesen Heimen Aufnahme fand, aus welchem Grund diese Menschen freiwillig in Deutschland verblieben, wie die gesundheitliche Situation der alten Menschen und das Heimmilieu aussahen und inwieweit sich der Alltag in einer jüdischen beziehungsweise von NS-Opfern bewohnten Einrichtung von demjenigen in anderen deutschen Altersheimen unterschied. Der Beitrag ist dabei umso bedeutender, als sich die Veröffentlichungen zur Geschichte der jüdischen Kranken- und Altenpflege vorwiegend auf die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) beschränken und die stationäre Versorgung der nach 1945 in Westdeutschland lebenden älteren Juden bislang mit Ausnahme regionaler Forschungsprojekte nur wenig Beachtung fand.

Wie Nina Grabe zeigt, handelte es sich bei den Bewohnern der in ihrer Studie untersuchten jüdischen Heime ausschließlich um Juden deutscher Herkunft, darunter die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager sowie Personen, die im Untergrund beziehungsweise in einem Versteck ihrer Ermordung entgangen waren. Hinzu seien „Rückwanderer“ gekommen, also aus dem Exil zurückkehrende Juden, die ihre Deportation durch eine frühzeitige Flucht ins Ausland verhindert hatten, die Mitte der 1950er Jahre in vielen jüdischen Altersheimen sogar den Großteil der Bewohner stellten. Die meisten jüdischen Überlebenden hätten unter körperlichen und psychischen Beschwerden gelitten, die nicht nur auf ihr hohes Lebensalter zurückzuführen waren, sondern auch im Zusammenhang mit ihrer Verfolgungsgeschichte beziehungsweise ihrer Lagerhaft standen.

Der pflegerische Alltag in den jüdischen Altersheimen unterlag – wie in den christlichen Häusern, so die Autorin, einer mehr oder weniger starken religiösen Prägung, je nachdem, ob es sich um ein liberal oder ein streng rituell geführtes Haus handelte. Selbst wenn eine hohe Anzahl von Altersheimen keine pflegebedürftigen alten Menschen aufnahm, hätten sie nur selten auf krankenpflegerisch ausgebildetes Personal verzichtet. Obwohl sich die Anwerbung von Pflegepersonal innerhalb des gesamten Untersuchungszeitraums als extrem schwierig gestaltete, hätten die Heime in Hannover und Essen-Werden mindestens eine qualifizierte Pflegerin beschäftigt, bei der es sich fast immer um eine examinierte und zumeist jüdische Krankenschwester handelte: „Gemäß der jüdischen Pflegeethik, die sich in ihren Grundzügen nur wenig von der christlichen Pflegetradition unterschied, wurde die pflegerische Betreuung ausschließlich von weiblichem Personal übernommen. Die wenigen männlichen Mitarbeiter waren v. a. als Hausmeister, in der Verwaltung sowie in den Heimvorständen tätig“ (S. 49).

Der zweite Teil („Zur Geschichte der Homöopathie und alternativer Heilweisen“) vereint drei Beiträge zur Geschichte komplementärer Heilweisen und des Pluralismus in der Medizin: Motzi Eklöf beschreibt die Geschichte des von Per Olof Zetterling gestifteten Legats, um Vorlesungen über die Homöopathie an der Universität von Uppsala zu fördern (S. 241 – 262); Alice Kuzniar verdeutlicht die Verbindung zwischen Literatur und Homöopathie, indem sie den Einfluss von Clemens von Bönninghausen’s Methodik auf die Gedichte Annette von Droste-Hülshoffs analysiert (S. 263 – 289) und Andreas Weigl untersucht die Nutzung und Akzeptanz von Komplementärmedizin anhand der Meinungsforschung in den Jahren von 1970 bis 2010 (S. 291 – 313).

Mit der vorliegenden Ausgabe ist es dem Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung wiederum gelungen, ein lesenswertes Jahrbuch vorzulegen. Sicherlich werden es – über den Wissenschaftsdiskurs hinaus – alle gerne zur Hand nehmen, die sich für die Sozialgeschichte der Medizin sowie die Geschichte der Homöopathie und alternativer Heilweisen interessieren.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling


 1 Vgl. die Besprechung des Rezensenten unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/10740.php [04.02.2011].

2 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 7. Jg., Ausgabe 2-2018, S. 93 – 95; auch online unter: https://www.pflege-wissenschaft.info/nachrichten/rubriken/rezensionen//nachrichten/rubriken/rezensionen/81-pflegejournal/journal-info/rezensionen/11987-entwicklungen-in-der-krankenpflege-und-in-anderen-gesundheitsberufen-nach-1945 [16.10.2018].

3 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Gesundheitsberufe. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 10. Jg., Ausgabe 2-2021, S. 92 – 94; auch online unter: https://www.zeitschrift-pflegewissenschaft.de/content/nachrichten/datenbanken/rezensionen

4 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 6. Jg., Ausgabe 1-2017, S. 58 – 60; auch online unter: https://www.zeitschrift-pflegewissenschaft.de/content/nachrichten/datenbanken/rezensionen

„… es muß deshalb die Anstalt selbst in gewissem Sinne als ein Universalmittel bezeichnet werden.“

es muß deshalb die Anstalt selbst in gewissem Sinne als ein Universalmittel bezeichnet werden psychiatrie irseeGerald Dobler
„… es muß deshalb die Anstalt selbst in gewissem Sinne als ein Universalmittel bezeichnet werden.“
Theorie und Praxis der Behandlung in der psychiatrischen Anstalt Irsee zwischen 1849 und 1876.

Für das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags herausgegeben von Stefan Raueiser und Maike Rotzoll
(Impulse, Band 16), Grizeto Verlag, Irsee 2020, kartoniert, 182 Seiten, 13,80 €, ISBN 978-3-9821217-1-0

Die Kreis-Irrenanstalt Irsee“ des Kreises Schwaben und Neuburg, Vorläufer des Bezirks Schwaben, öffnete am 1. September 1849 nach fast 20-jähriger Planungs- und Bauzeit in den Räumen des säkularisierten Benediktinerklosters Irsee ihre Pforten. Die Einrichtung, die – nach Erlangen 1846 – die zweite zeitgenössisch-moderne sychiatrie Bayerns und die erste Bezirkseinrichtung in Bayerisch Schwaben überhaupt war, diente bis 1972 als Heil- und Pflegeanstalt, bevor sie vor 40 Jahren – nach einer vorausgegangenen, vom Bezirk Schwaben getragenen Generalsanierung von 1974 bis 1981 – als Tagungs-, Bildungs- und Kulturzentrum eine neue Aufgabe erhielt. Das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags in Irsee nimmt dabei in der bayerischen Bildungslandschaft eine herausragende Stellung ein, gibt es doch kein zweites Fort- und Weiterbildungsinstitut im Freistaat, ja in der Bundesrepublik, das sich so konsequent auf die Fachbereiche Psychiatrie, Neurologie und überörtliche Sozialhilfe spezialisiert hat.

Sich seiner historischen Bedeutung und Verantwortung bewusst, bietet die Einrichtung nicht nur regelmäßig ein breites Kursangebot und eine Vielzahl von Seminaren für Ärzte, Psychologen und therapeutische Dienste sowie Pflegende an, sie verantwortet auch eine eigene, sehr beachtliche Schriftenreihe, die programmatisch „IMPULSE“ heißt, in der sie Forschungsergebnisse zur mehr als 120-jährigen Psychiatrie- und Anstaltsgeschichte des säkularisierten Klosters Irsee facettenreich darlegt und dokumentiert. Der jüngst erschienene Band 16 der Reihe beschäftigt sich so mit den Behandlungsmethoden in der „Kreis-Irrenanstalt Irsee“ von ihrer Gründung 1849 bis zur Eröffnung des Neubaus der Heilanstalt Kaufbeuren 1876 (wodurch Irsee zur Zweigstelle und Pflegeanstalt wurde und seither nicht mehr über das volle Spektrum an Patient*innen und damit auch der Behandlungsmethoden verfügte). Von besonderem Interesse sind dabei die Ausstattung der Anstalt unter den ersten beiden Ärztlichen Leitern Friedrich Wilhelm Hagen und Johann Michael Kiderle, der Alltag der Patient*innen sowie die Theorie und Praxis ihrer Behandlung. Herzstück der Darstellung bilden ausgewählte Fallbeispiele von Patient*innen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, Konfessionen und mit ganz unterschiedlichen Diagnosen und Patient*innenkarrieren, die anhand der historischen Krankengeschichten mit ausführlichen Originalzitaten
vorgestellt werden.

Verfasst wurde der für das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags von Dr. theol. Stefan Raueiser und Prof. Dr. med. Maike Rotzoll herausgegebene Band von dem Historiker Dr. phil. Gerald Dobler, dem die Einrichtung bestens vertraut ist, hat er zu ihr doch schon die Studien „Von Irsee nach Kaufbeuren. Die Erweiterungsplanungen der Kreisirrenanstalt Irsee ab 1865 bis zum Neubau der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1872“ (Irsee 2013)1, „Warum Irsee? Die Gründungsgeschichte der Kreis-Irrenanstalt Irsee vom Ende der 1820er Jahre bis zur Eröffnung 1849 und ihr Ausbau bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts“ (Irsee 2014)2 und „Was wird aus Irsee? Die Geschichte der Psychiatrie in Irsee – von der Eröffnung des Neubaus in Kaufbeuren 1876 bis zur Schließung der Irseer Anstalt im Jahre 1972“
(Irsee 2016) vorgelegt.

Franz Löffler, Präsident des Bayerischen Bezirketags, hat zu dem Buch ein Geleitwort beigesteuert, in dem er darauf hinweist, dass bei der Eröffnung der „Kreis-Irrenanstalt Irsee“ am 1. September 1849 bereits die drei Grundsätze „Non restraint“, „open door“ und „Therapie statt Verwahrung“, nach denen die Anstalt geführt werden sollte, in der Diskussion waren. Bei diesen Leitgedanken, die in der deutschen Psychiatrie zum Teil erst Jahrzehnte später umgesetzt worden seien, habe es nicht nur immer wieder Rückschläge gegeben, sie würden uns auch noch heute beschäftigen: „Möglichst auf Zwangsmittel im Umgang mit Patientinnen und Patienten verzichten, möglichst wenig ‚beschützend’, stattdessen umfassend ‚offen’ zu arbeiten, und die Psychiatrie nicht als ein Ort gesellschaftlicher Disziplinierung zu missbrauchen, sondern als Ort individueller Therapie und personenzentrierter Behandlung
zu verstehen“ (S. 8).

In seinem Editorial weist Stefan Raueiser, Leiter des Bildungswerks des Bayerischen Bezirketags und des Schwäbischen Bildungszentrums Kloster Irsee, darauf hin, dass das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags – nach Veröffentlichungen zu den Opfern der nationalsozialistischen Patientenmorde3 und zeitgenössischen Aspekten der psychiatrischen Gesundheitsversorgung im Freistaat – mit der vorliegenden Untersuchung zu Theorie und Praxis der Behandlung in den Anfangsjahren der ersten stationären Psychiatrie in Bayerisch Schwaben „unsicheres Terrain“ betrete, blicke „der aktuelle Band doch zurück auf die Anfänge einer medizinischen Teildisziplin und einer sich institutionalisierenden Gesundheitsfürsorge im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts – in die Zeit der beginnenden Anstaltspsychiatrie […] und damit auf eine Zeit des Tastens und Suchens nach den richtigen Behandlungsmethoden, sowohl in theoretischer als auch in
praktischer Hinsicht“ (S. 11).

Nach der Einleitung (S. 15 – 17) gliedert sich der 180 Seiten starke Band, der durch eine Reihe von Schwarzweißabbildungen – darunter neben Bauplänen, Gebäudeansichten und Schriftstücken auch Bilder von Zwangsmitteln (Zwangsjacke, Zwangsstuhl, Zwangskleid, Zwangsgurte, Zwangshandschuhe und einer Onaniebandage für Knaben) aus dem 19. Jahrhundert – illustriert wird, in die folgenden vier Kapitel: „Die Psychiatrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“
(S. 19 – 34), „Bedingungen und Leben in der Irseer Anstalt“ (S. 35 – 49), „Die Behandlungsmethoden“
(S. 51 – 77) und „Fallbeispiele“ (S. 79 – 111). Die „Schlussbemerkungen“ (S. 113 – 119), Anmerkungen
(S. 121 – 140), Quellen und Literatur (S. 141 – 146) und ein Nachwort („Die Anstalt als Heilmittel und die Entwicklung der Psychiatrie im 19. Jahrhundert“,
S. 147 – 155) von Maike Rotzoll, außerplanmäßige Professorin am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, werden durch einen „Anhang“ (S. 157 – 166) mit einem alphabetischen Personenverzeichnis, einem Verzeichnis psychiatrischer Anstalten in Deutschland und Europa, einer Liste des ärztlichen Personals und der Anstaltslehrer (1849 – 1876) und Publikationslisten von Friedrich Wilhelm Hagen und Michael Kiderle sowie „Dokumente“ (S. 169 – 180), konkret einem Faksimile der Anstaltssatzung von 1850, ergänzt.

Um ein möglichst realistisches, ungeschöntes Bild der Verhältnisse zu bekommen, stützt der Autor sich in seiner Studie neben der Auswertung einschlägiger Publikationen – ausgewählte Werke zur Psychiatriegeschichte aus der jüngeren Zeit und psychiatrische Fachpublikationen des 19. Jahrhunderts, darunter zahlreiche Veröffentlichungen des ersten Ärztlichen Leiters Hagen – insbesondere auf unpublizierte, handschriftliche Jahresberichte und ausgewählte Patientenakten aus dem Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv München und dem Staatsarchiv Augsburg.

Wie Gerald Dobler in seiner Darstellung zeigt, entsprachen die praktizierten Behandlungsmethoden in Irsee zwischen 1849 und 1876 „prinzipiell dem Stand der deutschen Psychiatrie in dieser Zeit“. Hagen war dabei jedoch viel konservativer als bislang vermutet. Bis zum Ende seiner Amtszeit in Irsee hielt er an traditionellen, aus heutiger Sicht zum Teil sehr grausamen Behandlungsmethoden und Disziplinierungen fest: Abduschen mit kaltem Wasser, die Isolierung in Gitterzimmern und im Tobhaus, diverse Zwangsmittel von Zwangsjacke über Zwangsstuhl bis zum Zwangsbett, oder die Einreibungen mit Brechweinsteinsalbe. Erst Kiderle, so der Autor, führte deutlich humanere Prinzipien ein. So vermied er möglichst körperliche Beschränkungen, das sogenannte „Non-restraint-System“, und verzichtete auch sonst weitestgehend auf Disziplinierungen. Er war es auch, der – seiner Zeit voraus – in Irsee wegweisende Versuche zur Etablierung einer „Irrenkolonie“ unternahm, also zur Beschäftigung der Patient*innen außerhalb der Anstalt und damit auch zu ihrer besseren Integration in die normale Lebenswelt.

Wenngleich die vorliegende Arbeit primär medizinhistorisch orientiert ist, enthält sie dennoch auch einige interessante Hinweise für eine stärker an der Pflegegeschichte interessierte Leserschaft. So finden sich im Abschnitt über die Personalausstattung (S. 44 – 45) neben den Informationen zu den Ärzten auch Angaben über das Pflegepersonal, insbesondere zu dessen Arbeitszeiten und den Verhältniszahlen zu den Patient*innen (S. 47 – 48). Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Feststellungen, dass es zur damaligen Zeit für das Pflegepersonal noch keine reguläre Ausbildung gab, vermögende Patient*innen zum Teil über „Privatwärter“ und „Privatwärterinnen“ verfügten und die „Oberwärter“, bei denen es sich allesamt um „approbierte Bader“ handelte, auch als „Sektionsdiener“ fungierten.

Insgesamt betrachtet gewährt Gerald Dobler mit seinem aktuellen Buch sowohl einen hervorragenden Überblick über die Bandbreite der Behandlungsansätze in der psychiatrischen Anstalt Irsee zwischen 1849 und 1876 als auch berührende Einblicke in Einzelschicksale der damaligen Zeit. Die Veröffentlichung, die eine Forschungslücke zur bayerischen Psychiatriegeschichte schließt, ist dabei umso verdienstvoller, als bisher über das Leben in der Anstalt, den (therapeutischen) Alltag der Patient*innen und vor allem über die Behandlungsmethoden, die dort praktiziert wurden, nur Weniges, eher Allgemeines, bekannt war.

Für den Autor besteht unterdessen kein Zweifel daran, dass viele der berührten Problemfelder der Psychiatrie auch heute und in Zukunft noch aktuell sind: „Der Blick auf die lange vergangenen ersten Jahrzehnte der Anstalt Irsee mit ihrer zumindest auf den ersten Blick zum Teil so altertümlichen und fremden, zum Teil aber auch so nahen und aktuellen Lebenswelt kann uns dabei helfen, unser Bewusstsein für diese Probleme und die damit verbundene Verantwortung zu schärfen und wachzuhalten“ (S. 17). Dieser Einschätzung von Gerald Dobler kann der Rezensent nur zustimmen – und dem Buch eine große Leserschaft wünschen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling


 

1 Gerald Dobler: Von Irsee nach Kaufbeuren. Die Erweiterungsplanungen der Kreisirrenanstalt Irsee ab 1865 bis zum Neubau der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1872. Für das Schwäbische Bildungszentrum Irsee herausgegeben von Stefan Raueiser. Irsee 2013. In: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 4. Jg., Ausgabe 1-2015, S. 58 – 59 (gleichzeitig auch online veröffentlicht unter: www.geschichte-der-pflege.info/datenbanken/buchrezensionen/94065-von-irsee-nach-kaufbeuren-die-erweiterungsplanungen-der-kreisirrenanstalt-irsee-ab-1865-bis-zum-neubau-der-heil-und-pflegeanstalt-kaufbeuren-1872 [17.12.2014] und www.pflege-wissenschaft.info/335-pflegejournal/rezensionen/99541-dobler-warum-irsee [26.05.2015]).

2 Gerald Dobler: Warum Irsee? Die Gründungsgeschichte der Kreis-Irrenanstalt Irsee vom Ende der 1820er Jahre bis zur Eröffnung 1849 und ihr Ausbau bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Für das Schwäbische Bildungszentrum Irsee herausgegeben von Stefan Raueiser. Irsee 2014. In: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 4. Jg., Ausgabe 2-2015, S. 60 – 61 (gleichzeitig auch online veröffentlicht unter: www.pflege-wissenschaft.info/335-pflegejournal/rezensionen/99541-dobler-warum-irsee [01.07.2015]).

3 Vgl. beispielsweise die Arbeiten und entsprechenden Besprechungen des Rezensenten: Magdalene Heuvelmann: „Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen.“ „Geistliche Quellen“ zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee. Für das Bildungswerk des Bayerischen Bezirkstags herausgegeben von Stefan Raueiser und Michael von Cranach (Reihe: Impulse, Band 7). Irsee 2013. In: www.socialnet.de/rezensionen/16412.php [04.04.2014]; Dietmar Schulze: „Auch der ‚Gnadentod‘ ist Mord.“ Der Augsburger Strafprozess über die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Kaufbeuren und Irsee. Für das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags herausgegen von Stefan Raueiser und Thomas Düll (Impulse, Band 15). Irsee 2019. In: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 9. Jg., Ausgabe 2-2020, S. 155 – 157; online unter: In: https://www.pflege-wissenschaft.info/rezension_eintrag.php?document_id=12286 [30.09.2020].

100 Jahre St. Martinus-Krankenhaus Düsseldorf

St. Martinus KrankenhausSt. Martinus-Krankenhaus Düsseldorf (Hrsg.)
100 Jahre St. Martinus-Krankenhaus Düsseldorf

Text: Hans-Dieter Caspers, Fotos: Daniel Poensgen. [Selbstverlag]. Düsseldorf 2019, 72 Seiten, kartoniert, ohne ISBN

„Modernste Technik, erfahrene Ärzte, hochqualifiziertes Pflegepersonal und viel Einfühlungsvermögen: Wir sorgen mit 400 motivierten Menschen für die medizinische Grund- und Regelversorgung in Düsseldorf.“ Die Rede ist vom St. Martinus-Krankenhaus in Düsseldorf (www.martinus-duesseldorf.de), einem modernen Unternehmen für Gesundheitsdienstleistungen, das mit seinen medizinischen Fachabteilungen und Zentren auch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist und einen guten Ruf genießt. Die im Stadtteil Bilk gelegene Einrichtung mit ihren gut 200 Betten, die heute zur DERNBACHER GRUPPE KATHARINA KASPER (www.dernbacher.de) mit mehreren Tausend Mitarbeiter*innen in den Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen an mehr als 130 Standorten gehört, konnte im Jahre 2019 ihren hundertsten Geburtstag feiern.

Anlässlich des Jubiläums gab das am 4. Februar 1919 eröffnete St. Martinus-Krankenhaus Düsseldorf die vorliegende Festschrift heraus, in der auf rund 70 Seiten die wechselvolle Geschichte des Hauses von Hans-Dieter Caspers (Text) und Daniel Poensgen (Fotos) in Wort und Bild nachgezeichnet wird. Zu der mit zahlreichen historischen und aktuellen Schwarzweiß- und Farbaufnahmen ansprechend gestalteten Schrift in Broschürenform hat Stefan Erfurth, der Kaufmännische Direktor der Einrichtung, ein Vorwort geschrieben, in dem er zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung festhält: „Freuen Sie sich auf einen informativ-unterhaltsamen Einblick in die Entstehung und Entwicklung des St. Martinus-Krankenhauses – von der Gründung der Niederlassung durch Katharina Kasper bis zu deren Heiligsprechung am 14. Oktober 2018 in Rom“ (S. 5). Ebenso schreibt Hildegard Kempkes, die Vorsitzende des Vorstands des seit 1992 bestehenden Freundeskreises St. Martinus-Krankenhaus, in ihrem Grußwort: „Mit dieser Chronik besinnen wir uns auf die starken Wurzeln christlichen, ehrenamtlichen und bürgerschaftlichen Engagements, betrachten das Werden und Wachsen unseres St. Martinus-Krankenhauses und arbeiten für eine erfolgreiche Zukunft“ (S. 7).

Wie die Darstellung zeigt, begann die Geschichte des Krankenhauses eigentlich schon 60 Jahre vor seiner Inbetriebnahme mit der Gründung einer Niederlassung, indem am 13. Juli 1859 die ersten drei „Armen Dienstmägde Jesu Christi“ in Begleitung der Generaloberin und Stifterin des Ordens – der am 16. April 1978 von Papst Paul VI. selig- und am 14. Oktober 2018 von Papst Franziskus heiliggesprochenen – Katharina Kasper (1820-1898) aus Dernbach im Westerwald kommend in Bilk eintrafen. Unverzüglich nahmen die Schwestern ihre Aufgabe wahr, nämlich die „Verpflegung und Abwartung armer Kranker“, zu der alsbald auch die Pflege von stationär aufgenommenen Menschen gehörte.

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) trat die Stadt mit der Bitte an den Orden heran, die während des Krieges als Lazarett genutzten Räumlichkeiten im Damenheim des Klosters zu mieten, um darin ein „abseits vom Straßengeräusch“ liegendes Hilfskrankenhaus der Städtischen Krankenanstalten errichten zu können. Die so 1919 eröffnete Einrichtung erhielt nach umfangreichen Bauarbeiten am 13. September 1923 schließlich auch eine Konzession als selbständiges Krankenhaus, dem die Visitation „einen guten bis vorzüglichen baulichen und medizinischen Zustand“ (S. 21) bescheinigte, was sicherlich auch an den dort arbeitenden Menschen lag: neben den Ärzten 25 Schwestern, sechs Dienstmägde, ein Maschinist, ein Gärtner und ein Bote.

Das während des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) permanent Luftangriffen ausgesetzte Krankenhaus entwickelte sich, wie der Autor anschaulich darlegt, im Laufe der Zeit medizinisch und baulich ständig weiter, wobei der Orden die Geschicke seines Hauses ab 1972 mit Bernhard Erfurth (bis 1990 in diesem Amt) in die Hände eines Verwaltungsleiters legte. Hatte bis dato die Pflegeleitung des St. Martinus-Krankenhauses in den Händen der Krankenhausoberin gelegen, trat im Oktober 1980 auch hier ein Umbruch ein, indem die Geschäftsführung mit Karl-Josef Müller (von 1980 bis 2013 in diesem Amt, gefolgt von Benno Schanz und ab 2018 Maike Rost) erstmals einen weltlichen Pflegedirektor verpflichtete.

Bleibt noch der Hinweis, dass sich im Jahre 2014 als Nachfolgeorganisation der Armen Dienstmägde Jesu Christi, in deren Trägerschaft das St. Martinus-Krankenhauses bis dahin stand, die Katharina Kasper ViaSalus GmbH (www.viasalus.de) formierte, deren Struktur und Namensgebung auf die Gründerin der Armen Dienstmägde Jesu Christi – M. Katharina Kasper – zurückgehen. Im Mittelpunkt ihres Wirkens steht dabei bis heute, trotz allem wirtschaftlichen Denken, das tägliche Miteinander und die Sorge um den Nächsten.

Ihrem selbst gesetzten Anspruch, der Leserschaft einen „informativ-unterhaltsamen Einblick in die Entstehung und Entwicklung des St. Martinus-Krankenhauses“ von der Gründung bis zur Gegenwart zu geben, wird die Jubiläumsfestschrift gerecht. Während im Vordergrund der Darstellung die baulichen und medizinischen Leistungen stehen, kommen die Pflege und die Pflegenden – trotz der großen Bedeutung, die sie im Genesungsprozess der Patient*innen haben – eindeutig zu kurz. Von daher sollte auf diesen Aspekt bei nachfolgenden beziehungsweise vergleichbaren Publikationen anderer Krankenhäuser und Kliniken in jedem Fall stärker geachtet werden.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling