Landarmenanstalt – Fürsorgeheim – psychiatrische Klinik: Streifzüge durch 100 Jahre Geschichte und Gegenwart

KBO ISAR AMPER KLINIKUM Landarmenanstaltvon Kbo-Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen an der Vils (Hrsg.)
Bildungswerk Irsee, Impulse Band 17, Grizeto Verlag, Irsee, 2021, 227 Seiten, broschiert, 15,80 €, ISBN 978-3-9821217-3-4

 

Beim kbo-Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen (Vils), einer akademischen Lehreinrichtung der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München, handelt es sich heute um eine Vollversorgungsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo) in Taufkirchen im oberbayerischen Landkreis Erding (vgl. https://kbo-iak.de). Das Krankenhaus, das seit 1987 auch eine Berufsfachschule für Pflege des Bezirks Oberbayern beheimatet, teilt sich in die Fachbereiche Allgemeinpsychiatrie I (mit je einer geschlossenen und offenen Akutstation, sowie der neuropsychiatrischen Station mit dem Huntington-Zentrum Süd), Allgemeinpsychiatrie II (mit einer offenen Psychotherapiestation, je einer offenen und geschlossenen Station für Suchtkranke und zwei gerontopsychiatrischen Stationen) und die forensische Frauenabteilung auf.

Anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens im Jahre 2021 – im Mai 1921 war der erste „Pflegling“, wie damals Patienten genannt wurden, in der damaligen Landesarmenanstalt aufgenommen worden – gab die weit über die Stadtgrenzen hinaus bedeutende Einrichtung die Schrift „Landarmenanstalt – Fürsorgeheim – psychiatrische Klinik. Streifzüge durch 100 Jahre Geschichte und Gegenwart“ heraus, in der drei Autoren ein Jahrhundert psychiatrische Gesundheitsversorgung in Taufkirchen an der Vils erkunden. Sie zeichnen dabei die bewegte Geschichte einer Einrichtung nach, die in der Weimarer Republik vom damaligen Landarmenverband Oberbayern gegründet wurde und sehr bald zu einem Fürsorgeheim mit „Arbeitszwangshäftlingen“ mutierte.

Neben einem Geleit- und Grußwort von Josef Mederer (Bezirkstagspräsident von Oberbayern) und Stefan Haberl (Erster Bürgermeister von Taufkirchen) (S. 7 – 12) enthält das Buch auch ein Vorwort von Geschäftsführer Franz Podechtl, Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Peter Brieger, stellvertretende Pflegedirektorin Brigitta Wermuth und Standortleiter Rudolf Dengler in dem sie zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung betonen, dass aller aktuellen Erfolge zum Trotz nicht vergessen werden darf, dass die Verbrechen der NS-Diktatur auch heute noch spür- und sichtbar sind: „Die Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels unserer Klinikgeschichte ist ein hohes Gut, dem wir uns als Direktorium verpflichtet haben“ (S. 9).

Das mit einigen Schwarzweiß-Abbildungen illustrierte Buch, das als Band 17 in der vom Bildungswerk Irsee (https://bildungswerk-irsee.de) herausgegebenen Schriftenreihe „Impulse“ erscheint, gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil (S. 12 – 195), der zugleich der mit großem Abstand umfangreichste ist, stellt der Historiker und Psychiatriepfleger Christian Pfleger – gestützt auch Archivalien, unter anderem aus dem Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv München sowie den Staatsarchiven München und Nürnberg – die Geschichte der Anstalt in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus vor. Drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918), mitten hinein in die heftigen politischen Auseinandersetzungen und die beginnende wirtschaftliche Katastrophe der Weimarer Republik, hatte die Landesarmenanstalt ihre Pforte geöffnet. Auch wenn bereits 1924 der Name der Einrichtung in Landesfürsorgeanstalt geändert wurde, blieben die Aufgaben doch gleich: stationär ausgerichtete und arrangierte Hilfserbringung für unterstützungsbedürftige Menschen. Der Bedarf war hoch: Neben der Fürsorgepflicht gegenüber den sogenannten Landarmen – Notleidende ohne Unterstützungswohnsitz – trug man die Verantwortung für die Gewährleistung und Ausführung der Anstaltspflege, welche sich auf „hilfsbedürftige Geisteskranke, Geistesschwache, Blöde, Epileptische, Blinde, Taubstumme, Krüppelhafte und unheilbare, abschreckend oder ansteckend kranke Sieche“ bezog. Wie der Autor zeigt, verkörperte die damalige Landesfürsorgeanstalt „eine multifunktionelle anstaltliche Mischform aus Pflege- und Altenheim, aus Obdachlosenasyl und Armenhaus, aus Siechenanstalt und Hospiz“, in der die „erforderliche Versorgung garantiert, notwendige Pflege geleistet und auferlegte Verwahrung verbürgt“ (S. 23) wurden. Bei aller Vielfalt der Biografien und Leidensformate hätten sich die „Pfleglinge“ simplifizierend und grobmaschig zwei maßgeblichen Gruppen zuordnen lassen: den „Siechen und den Geistesschwachen“. Neben typisch geistigen und körperlichen Alterskrankheiten wie Folgeerscheinungen der Arteriosklerose, die häufig eine Aufnahme legitimiert hätten, seien oftmals auch Menschen mit Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates und damit einhergehender Arbeitsunfähigkeit – zeitspezifisch in der Regel als „Krüppel“ bezeichnet – anstaltspflegebedürftig geworden.

Die Alltagsrealität der Elisabethinnen aus dem Kloster Azlburg (vgl. http://kloster-azlburg.de), in deren Hände der Landarmenrat die Leitung der Anstalt gelegt hatte, war nach Darstellung des Autors beherrscht vom streng kalkulierten und akkurat bemessenen Einsatz der begrenzten Personalressourcen im Angesicht einer Ansammlung von Dienstobliegenheiten: „Die Arbeitsbedingungen waren nicht nur mühevoll und anstrengend, die Schwestern waren einer beträchtlichen Gesundheitsgefährdung ausgesetzt. Mehrfach wurde bei einigen von ihnen durch den Anstaltsarzt der Verdacht der Schwindsucht diagnostiziert. Der Dienst am Nächsten verlangte den Schwestern viel Hingabe- und Opferbereitschaft ab“ (S. 27).

In der weiteren Darstellung nehmen sodann die Aufarbeitung der Verstrickungen in die NS-Erbgesundheitspolitik und die „Euthanasie“-Morde breiten Raum ein, die in der Vorgänger-Publikation „60 Jahre Bezirkskrankenhaus Taufkirchen (Vils)“ von 1981 noch nicht im Blick waren. Danach wurden, neben 51 Taufkirchener „Pfleglingen“ – 30 Männer und 21 Frauen –, die aufgrund des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 der Zwangssterilisation zum Opfer fielen (S. 102), am 21. Oktober 1940  94 „Pfleglinge“, 37 Männer und 57 Frauen, aus der damaligen Landesfürsorgeanstalt Taufkirchen (Vils) im Rahmen der „Aktion T4“ – dem systematischen Massenmord an mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland von 1940 bis 1941 unter Leitung der Zentraldienststelle T4 in Berlin (Tiergartenstraße 4) – gegen ihren Willen in die damalige Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar (bei München) gebracht (S. 114). 68 dieser Menschen wurden am 25. Februar 1941 in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz (Oberösterreich) deportiert und dort ermordet (S. 193 – 194), weil die Nationalsozialisten sie als „Ballast“ und „unwertes Leben“ betrachteten. Weitere zehn „Pfleglinge“ starben in den sogenannten „Hungerhäusern“ in Eglfing-Haar einen grausamen Tod (S. 195). Wie in zahlreichen anderen psychiatrischen Einrichtungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) die Schicksale der Opfer aus Taufkirchen ignoriert, während die Täter unbehelligt weiterleben konnten.

Der zweite Teil des Buches (S. 199 – 223), der die Anstalt in der Zeit nach 1945 in den Blick nimmt, besteht aus zwei Beiträgen. Darin berichten aus erfahrungsgesättigter Zeitzeugen-Perspektive der ehemalige ärztliche Direktor Prof. Dr. Matthias Dose (1992 – 2014) und der Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit des kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München, Henner Lüttecke, über den – bedingt durch die Psychiatrie-Enquête und die Reformen in der psychiatrischen Versorgung seit Mitte der 1970er Jahre – Aufstieg der Einrichtung zu einem renommierten, modernen psychiatrischen Fachkrankenhaus, das nicht nur durch das einzigartige, 1998 gegründete Huntington-Zentrum Süd besondere Reputation genießt. Wie im ersten Teil wurde auch hier auf einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat mit Belegen und weiterführen Hinweisen verzichtet.

Wenngleich Jubiläen bekanntlich immer wieder Anlass bieten, auf Vergangenes zurückzublicken und historische Ereignisse als Teil der eigenen Geschichte, der eigenen Identität zu begreifen und gegenwärtig zu machen sowie das Geschaffene für die Nachwelt zu dokumentieren, verzichten viele Institutionen, Firmen oder Vereine – scheinbar aus fehlendem historischem Bewusstsein oder unter Verweis auf die dabei anfallenden Kosten – auf entsprechende Publikationen. Nicht so das kbo-Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen an der Vils. Die von ihm anlässlich seines runden Jubiläums unter der Überschrift „Landarmenanstalt – Fürsorgeheim – psychiatrische Klinik“ herausgegebenen „Streifzüge durch 100 Jahre Geschichte und Gegenwart“ gewähren tiefe Einblicke in die wechselvolle medizinische und pflegerische Versorgung der Einrichtung, wobei (erstmals) auch das traurigste Kapitel – das Geschehen während der NS-Zeit – in den Blick genommen wurde.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Beelitzer Heilstätten – Sammelrezension

Die Beelitz-Heilstätten, die zwischen 1898 und 1930 vor den Toren Berlins auf zirka 200 Hektar vorrangig für rund 1.200 lungenkranke Patient*innen entstanden, sind bis heute unter medizin-, pflege-, architektur- und kulturhistorischen Gesichtspunkten hochinteressant. Dementsprechend liegen über den einstigen Krankenhauskomplex zahlreiche Publikationen vor, von denen nachfolgend vier neuere Arbeiten vorgestellt seien.

 
pawlikPeter R. Pawlik, Irene Krause
Beelitz-Heilstätten
Heilpalast – Lost Place – Neue Stadt
Mit einem einleitenden Aufsatz von Falk Jaeger, Beiträgen von Axel Hinrich Murken, Elke Seidel sowie Fotografien von Reinhard Görner

Geymüller Verlag für Architektur, Aachen, Berlin, 2021,  2., durchgesehene und korrigierte Auflage, 317 Seiten, Hardcover, 39,- €, ISBN 978-3-943164-52-7

Im Jahre 2020 erschien der großformatige Band „Beelitz-Heilstätten. Heilpalast – Lost Place – Neue Stadt“, der die Medizin-, Entwicklungs- und Baugeschichte der Beelitz-Heilstätten ausführlich und mit vielen Details erzählt. Verfasst wurde das umfangreiche Werk, von dem bereits ein Jahr später eine zweite, durchgesehene und korrigierte Auflage erschien, von Dr. Ing. Peter R. Pawlik (Jahrgang 1946), freischaffender Krankenhausarchitekt sowie Verfasser zahlreicher Publikationen und Vorträge im In- und Ausland zu aktuellen und historischen Themen im Krankenhausbau, und Irene Krause (Jahrgang 1956), die als selbständige Gästeführerin in Beelitz-Heilstätten, Potsdam und Beelitz tätig ist.

Nach einem einleitenden Aufsatz von Dr. Falk Jaeger (Jahrgang 1950), Architekt und Bauhistoriker, in dem er unter der Überschrift „Ein verwunschener Ort“ (S. 9 – 13) die jüngere Geschichte und Entwicklung der ehemaligen Beelitzer Heilstätten skizziert, gibt Peter R. Rawlik eine Einführung zur Geschichte der „Tuberkulose“ (S. 15 – 20), bevor Dr. med. und Dr. phil. Axel Hinrich Murken, (Jahrgang 1937), von 1981 bis 2003 ordentlicher Professor für Geschichte der Medizin und des Krankenhauswesens an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und Autor zahlreicher Bücher und Publikationen zur Medizin-, Krankenhaus- und Kunstgeschichte, die Geschichte der Lungensanatorien und ihre Therapien (S. 23 – 41) vorstellt.

Ausführlich zeichnen die Autor*innen sodann die Architekturgeschichte der weitläufigen Anlage nach, wobei sie gestalterische Aspekte ebenso erläutern wie die Logistik und historische Nutzung des Areals. Das Buch, dem auch ein separater Übersichtsplan der gesamten Anlage beigefügt ist, enthält eine Vielzahl bisher unveröffentlichter historischer Abbildungen, ebenso wie aktuelle Fotos des renommierten Fotografen Reinhard Görner, dessen Fotos die besondere Atmosphäre des Ortes besonders greifbar machen.

Ergänzt wird die Darstellung, die ein facettenreiches Bild der ereignisreichen Geschichte der Beelitzer Heilstätten vermittelt, durch einen Beitrag von Dr. med. Elke Seidel (Jahrgang 1948), von 1983 bis 1988 als Kreistuberkuloseärztin Leiterin der Poliklinischen Abteilung für Lungenkrankheiten und Tuberkulose Potsdam, über „Die Bezirksfachklinik für Lungenkrankheiten und Tuberkulose“ (S. 272 – 279), die sich zwischen 1953 und 1998 in dem sogenannten „Eiermannbau“ – benannt nach dem Erbauer, dem Architekten Egon Eiermann (1904 – 1970) – einen überregionalen Ruf erworben hat.

In einem Ausblick machen Peter R. Pawlik und Irene Krause darauf aufmerksam, dass nicht nur der Pioniergeist der Wissenschaftler und Mediziner, die im Kampf gegen die tuberkulose nach langwierigen Versuchen ein Mittel gefunden haben, die Krankheit zu besiegen, zu würdigen ist. Man sollte auch die außerordentlichen geistigen und gestalterischen Leistungen der Baumeister und Architekten nicht vergessen, die historisch betrachtet immer wieder gefordert waren, angemessene Bauformen für die sich stets wandelnden Herausforderungen der Unterbringung von Kranken zu finden. Sodann halten sie zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung wörtlich fest: „Die Beelitz-Heilstätten stellen einen Meilenstein und Höhepunkt der Heilstätten-Bewegung dar. Nie wurde ein größerer zusammenhängender Baukomplex für dieses Klientel errichtet. Sein Erhalt ist von überragender kulturhistorischer Bedeutung und mit diesem Buch soll den Initiatoren und den Architekten ein Denkmal gesetzt werden“ (S. 297).

 


 

böttgerAndreas Böttger, Andreas Jüttemann, Irene Krause
Beelitz-Heilstätten
Vom Sanatorium zum Ausflugsziel (Geschichts- und Erinnerungsorte) 

Orte der Geschichte e. V., Berlin, 2022, 5. Auflage, 92 Seiten, Broschur, 5,- €, ISBN 978-3-946438-00-7

Die von Andreas Böttger (Jahrgang 1975), PD Dr. Andreas Jüttemann (Jahrgang 1985) und Irene Krause (Jahrgang 1956) verfasste Schrift „Beelitz-Heilstätten. Vom Sanatorium zum Ausflugsziel“, die erstmals 2015 erschien und inzwischen in der fünften Auflage vorliegt, wendet sich an die breite Öffentlichkeit. Das kleinformatige Büchlein, das in der Reihe „Geschichts- und Erinnerungsorte“ erscheint, gliedert sich in fünf Haupt- und zahlreiche Unterkapitel, in denen die Geschichte der Heilstätten von 1900 bis heute in knapper Form dargestellt wird. Berichtet wird so über den Bau der Heilstätten, die hygienischen Ansprüche, die Bestandteile der Tuberkulosetherapie und den Patientenalltag in der Lungenheilstätte, die Park- und Gartenanlagen sowie Beelitz im Ersten und Zweiten Weltkrieg. In einzelnen Abschnitten werden sodann auch das Chirurgiegebäude, das Ausweichkrankenhaus, das Ende der Beelitzer Heilstätten als Lungenheilstätten und der Militärstandort Beelitzer Heilstätten 1945 bis 1994 vorgestellt, ebenso wie die gegenwärtige Nutzung, der Baumkronenpfad Beelitz, das Fachkrankenhaus für neurologische Frührehabilitation, das Projekt „Quartier Beelitz-Heilstätten“, das Heizkraftwerk und die Besichtigungsmöglichkeiten. Schließlich gibt es noch Hinweise auf weitere verlassene Heilstätten in Brandenburg (Heilstätte Grabowsee, Hohenlychener Heilanstalten, Lungenheilstätte Cottbus-Kolkwitz), die derzeit eine Umnutzung erfahren.

Das kleine aber feine, durchgehend mit zeitgenössischen und aktuellen Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierte Büchlein ist ideal geeignet für Besucher*innen der Beelitz-Heilstätten, die sich einen ersten Überblick über die Einrichtung und ihre Geschichte verschaffen möchten.

 


 

MielzarjewiczMarc Mielzarjewicz
Lost Places Beelitz-Heilstätten
Mit Textbeiträgen von Martin Heydecke, Übersetzung ins Englische von Maria Meinel und Dieter Engelbrecht

Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 2020, 4. Auflage, 144 Seiten, Hardcover, 19,90 €, ISBN 978-3-89812-652-6

„Lost Places“ oder Orte, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind, erfreuen sich großer Beliebtheit als Fotomotive oder Drehorte, wodurch sie wieder in den kulturellen sowie touristischen Fokus gelangen – so auch die Beelitz-Heilstätten. Bereits im Jahre 2010 veröffentlichte Marc Mielzarjewicz sein Buch „Lost Places Beelitz-Heilstätten“, das nach 2011 und 2014 nun bereits in der vierten Auflage vorliegt. Der Autor (Jahrgang 1971), der seit den 1980er Jahren mit Schwerpunkten Architektur- und Detailfotografie sowie marode Architektur fotografiert und über „Lost Places schon zahlreiche Bildbände (zu Halle / Saale, Leipzig, Chemnitz, Magdeburg und Harz) vorgelegt hat, präsentiert darin rund 100 ganzseitige – einige auch doppelseitige – Schwarzweißfotos, denen einleitend – auf deutsch und auf englisch – ein knapper Abriss zur Geschichte der Beelitz-Heilstätten vorangestellt ist. Die nach dem Abzug der sowjetischen Truppen so hoffnungsvoll begonnenen rettungs- beziehungsweise Sanierungspläne seien mit der Insolvenz der neuen Eigentümergesellschaft ins Stocken geraten. Einiges habe gerettet werden können, anderes liege noch immer im Dornröschenschlaf und warte auf seine Erweckung. Zur Bedeutung und Intention des Buches heißt es dann wörtlich: „Diese schlafenden Kleinode gilt es in diesem Band zu entdecken. In seiner fotokünstlerischen Dokumentation zeigt Marc Mielzarjewicz die Leere, Verlassenheit und den einsetzenden Zerfall der historischen Immobilien, die morbide Schönheit und den Glanz des Vergangenen“ (S. 10).

Zum Männersanatorium (Badehaus), Frauensanatorium, Männer-Lungenheilstätte und Frauen-Lungenheilstätte finden sich jeweils kurze Texte von Martin Heydecke, die von Maria Meinel und Dieter Engelbrecht ins Englische übersetzt wurden. Insgesamt enthält der Band außdrucksstarke Fotos, die eindrucksvoll den morbiden Charme der über Jahrzehnte verfallenen Gebäude zeigt.

 


 

bobergDaniel Boberg
Verlassene Orte in Brandenburg
Die Faszination des Verfalls

Sutton Verlag, Erfurt, 2019, 159 Seiten, Festeinband, 29,99 €, ISBN 978-3-96303-013-0

„Verlassene Orte in Brandenburg. Die Faszination des Verfalls“ ist ein Bildband von Daniel Boberg der dazu einlädt, mit ihm auf Entdeckungstour zu gehen: „Dieser Bildband nimmt dich mit in eine verlassene Welt und zeigt dennoch nur einen kleinen Teil dessen, was man in diesen Objekten zu sehen bekommt“ (S. 7). Der Autor, Software Entwickler und Fotograf, der unter anderem den Blog „pixelgranaten.de“ mit betreibt und bereits Bildbände über „Verlassene Orte“ in Berlin (2018), in Nordrhein-Westfalen (2020), im Ruhrgebiet“ (2021) und in Niedersachsen (2021) veröffentlichte, stellt im vorliegenden Buch stillgelegte Industrieanlagen und vor langer Zeit geschlossene Heilstätten und Sanatorien vor, neben den „Beelitz-Heilstätten“ (S. 120 – 137) auch die „Heilstätte Grabowsee – Volksheilstätte für Tuberkulose“ (S. 8 – 21), das „VEB Kraftfuttermischwerk am Röblinsee“ (S. 22 – 35), das „Heeresbekleidungsamt Bernau“ (S. 36 – 45), die „Landesirrenanstalt Teupitz“ (S. 46 – 59), die „Kaserne Vogelsang“ (S. 60 – 65), das „Pflegeheim Saalower Berg“ (S. 66 – 79), das „Elisabeth-Sanatorium“ (S. 80 – 91), das „ESB-Beschlägewerk Luckenwalde“ (S. 92 – 109), das „NVA-Treib- und Schmierstofflager Niederlehme (S. 110 – 119) und „Wünsdorf“ (S. 138 – 159).

Neben kurzen Einführungstexten zur Geschichte der jeweiligen Gebäude präsentiert der Autor rund 120 brillante Aufnahmen, die den Betrachter fesseln und mit viel Liebe zum Detail die von Mensch und Natur hinterlassenen Spuren der vergangenen Jahrzehnte offenbaren. Die stimmungsvollen Bilder, verdeutlichen zugleich meisterhaft die Vergänglichkeit der Bauwerke.

 

Wer sich für die Vergangenheit der „Beelitzer Heilstätten“ interessiert, kann auf mehre Publikationen zurückgreifen, die mehr oder weniger ausführlich über die Architektur- und Medizingeschichte der einst so bedeutenden Gesundheitseinrichtung vor den Toren Berlins informieren. Was man unterdessen in allen hier vorgestellten Büchern schmerzlich vermisst sind Angaben zum Pflegepersonal, also zu den Frauen und Männern, die für die pflegerische Versorgung der Patient*innen verantwortlich waren. Zum Ausdruck kommt dies deutlich im Personenregister (S. 313 – 314) des Buches von Pawlik und Krause, das zahlreiche Berufsgruppen namentlich auflistet, darunter Ärzte, Architekten, Baumeister, Naturforscher, Politiker, Dichter und Juristen, jedoch keine einzige Pflegeperson. Eine pflegehistorische Studie auf Grundlage von Primärquellen und Gesprächen mit Zeitzeug*innen wäre wünschenswert, steht bisher jedoch noch aus.

 

Eine Sammelrezension von Dr. Hubert Kolling

In Beziehung sein. Palliative Care und christliche Verantwortung. 20 Porträts aus der Schweiz

HOLDER FRANZ In Beziehung seinvon Martina Holder-Franz, Maria Zinsstag

TVZ Theologischer Verlag Zürich, Zürich, 2021, 200 Seiten, Paperback, 21,90 €, ISBN 978-3-290-18428-5

Seit Ende der 1970er-Jahre setzten sich weltweit Personen in Krankenhäusern und Gesundheitsdiensten dafür ein, dass neben ambulanten und stationären Hospizeinrichtungen auch Palliativstationen und ambulante Palliativdienste entstanden. In der Schweiz wurde so 1988 die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung (SGPMP) gegründet, die sich heute „palliative.ch“ (https://www.palliative.ch/de) nennt, deren Mitglieder aus allen Berufsgruppen stammen, die am Krankenbett tätig sind: Pflegende, Ärztinnen und Ärzte, Seelsorger und Seelsorgerinnen, Psychologinnen und Psychologen, Sozialarbeitende, Ernährungsberatende, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Kunsttherapeutinnen und -therapeuten, Freiwillige und weitere Berufsgruppen. Bereits in den Anfängen entstanden nach Vortragsreisen der in den USA wirkenden Schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1926 – 2004) und nach Kontakten zu Cicely Saunders (1918 – 2005) in Großbritannien auch verschiedene Freiwilligengruppen und Initiativen für Palliative Care, die anfangs oft von Einzelnen, ihrer Vision und christlichen Motivation getragen wurden.

Unter dem pragmatischen Titel „In Beziehung sein“ stellen Martina Holder-Franz und Maria Zinsstag im vorliegenden Buch zwanzig Portraits von Frauen und Männern mit christlichem Hintergrund vor, die sich in der Schweiz für Palliative Care von den Anfängen bis heute engagier(t)en: Von den Pionierinnen in den Hospizen der 1970er Jahre bis zu den freiwilligen Mitarbeitenden in der heutigen „community care“, von den Ordensschwestern bis zu den Lehrstuhlbeauftragten. Sie geben Auskunft über ihre Erfahrungen, ihre Beweggründe, über das, was erreicht worden ist, und das, was noch zu tun bleibt. Freiwillige kommen dabei ebenso zu Wort wie jene, die sich in Kirche und Wissenschaft professionell mit Palliative Care befassen.

Die beiden Autorinnen, die seit vielen Jahren im Bereich Begleitungen bei Krankheit und Sterben arbeiten: Martina Holder-Franz (Jahrgang 1967) zuerst im Palliativnetzwerk Schweiz, nun in der Sounders Society in Großbritannien und als Pfarrerin in Riehen sowie Übersetzerin und Herausgeberin der Schriften von Cicely Saunders, Maria Zinsstag (Jahrgang 1959) als Alters- und Pflegeheimseelsorgerin in Basel und Gemeindepfarrerin in Delémont, haben hierzu in den Jahren 2019 und 2020 entsprechende Interviews geführt, die sie hier in Ausschnitten wiedergeben. Zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung, deren Drucklegung von der Widmer-Meyer-Stiftung (https://stiftungen.stiftungschweiz.ch/organisation/widmer-meyer-stiftung) gefördert wurde, schreiben sie einleitend: „Unser Anliegen war es, eine möglichst große Breite dessen zu zeigen, was zu Palliative Care gehört: Die Pionierinnen und Pioniere der ersten Stunde ebenso wie diejenigen, die heute die Bewegung tragen und gestalten, die Fachleute in Pflege, Seelsorge und Wissenschaft ebenso wie die Freiwilligen Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort. […] Bei jedem Gespräch haben wir nach der Motivation, der persönlichen Spiritualität, den Erfahrungen und Entwicklungen wie nach Visionen für die Zukunft gefragt. Die Interviewausschnitte möchten den Lesenden die Möglichkeit geben, sich in die Situation und Spiritualität der einzelnen Personen einzufühlen“ (S. 25).

Zugleich machen Martina Holder-Franz und Maria Zinsstag darauf aufmerksam, dass es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten oft Vertreter*innen von Kirchen waren, die die Netzwerke für Palliative Care in der Schweiz aufgebaut haben. Vor dem Hintergrund, dass das christliche Erbe dieser Bewegung derzeit nur wenig Beachtung findet, möchten sie mit dem vorliegenden Buch dieses Erbe in Erinnerung rufen, verbunden mit der Hoffnung, dass sich auch in Zukunft Menschen rufen und berufen lassen, sich als Christinnen und Christen mit anderen zusammen für die Begleitung Schwerkranker und Sterbender einzusetzen.

Nach kürzeren Geleitworten (S. 9 – 10) von Rita Famos (Präsidentin Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz), Markus Büchel (Bischof Bistum St. Gallen, Römisch-Katholische Kirche Schweiz) und Harald Rein (Bischof Christkatholische Kirche der Schweiz) sowie einem Vorwort (S. 11 – 12) von Andrea Bieler (Professorin für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Basel) geben die Autorinnen zunächst einen kurzen Überblick über die Palliativ- und Hospizbewegung in der Schweiz (S. 27 – 33), bevor sie dann – untergliedert in vier Kapitel – die zwanzig Portraits präsentieren.

Im ersten Kapitel, das unter der Überschrift „Ich hatte das Gefühl, dass sich etwas ändern müsse“ (S. 35 – 85) die Anfänge der Palliative Care in der Schweiz beleuchtet, kommen sechs Personen – Rosette Poletti, Paul und Danielle Beck, Christel Mohler, Luise Thut, Sr. Liliane Juchli (1933 – 2020) sowie Sr. Elisabeth Müggler – zu Wort, die gemeinsam mit anderen innovative Palliativprojekte in der Schweiz lanciert haben. Es ist beeindruckend zu lesen, mit wie viel Einsatz und Risikobereitschaft sie ans Werk gingen und dafür kämpften, dass die Würde von Kranken und Sterbenden erkannt wurde und ins Bewusstsein der Gesellschaft rückte. Während einige der Pionier*innen sich besonders in der Ausbildung engagierten, schufen andere Räume, in denen die Haltung von Palliative Care Gestalt annehmen konnte.

Die vier Interviews – mit Jean-Pierre und Béatrice Monnet, Hans Sollberger, Ruedi Walter sowie Hedi Soder – im zweiten Kapitel „Begleiten braucht oft einfach Zeit und Geduld“ (S. 87 – 109) machen deutlich, in welchem Maß die professionelle Arbeit in der Palliative Care auf freiwilliges Engagement angewiesen ist. Neben Hinweisen auf Angebote für die Aus- und Weiterbildung von Freiwilligen in der Begleitung Schwerkranker und Sterbender belegen die Erfahrungsberichte der Freiwilligen eindrücklich, dass die lokalen Netzwerke oft Orte des Austauschs und der Gemeinschaft sind.

Im dritten Kapitel „Der palliative Weg braucht noch viel Aufklärung“ (S. 111 – 142), in deren Mittelpunkt Caring communities stehen, also Netzwerke, die in einem Dorf oder in einem Stadtteil zum Wohl anderer beitragen, kommen verschiedene Modelle zur Sprache, wie sich in Gegenwart und Zukunft sorgende Gemeinschaft ermöglichen und aufbauen lässt. Die vier hierzu vorgestellten Portraits – von Sr. Beatrice Schweizer, Christoph Vischer, Eva Niedermann und Elisabeth Zahnd – zeigen anschaulich, was einzelne Menschen und Gruppen mit ihrem Ideenreichtum bewirken können.

Im vierten Kapitel „Die ganzheitliche Begleitung interdisziplinär und interprofessionell weiterentwickeln“ (S. 143 – 188) kommen sechs Personen – Lisa Palm, Karin Tschanz, Karin Kaspers-Elekes, Ralph Kunz, Simon Peng-Keller und Phil Larkin – zu Wort, die durch Praxis, Forschung und Lehre die Palliative Care in der Schweiz vorangebracht haben und die Arbeit noch immer aktiv unterstützen. Die hierzu vorgestellten Interviews führen nicht nur vor Augen, dass die ökumenische Ausrichtung und Zusammenarbeit eine Grundvoraussetzung ist, um Palliative Care seitens der Kirchen und kirchlichen Netzwerke zu entwickeln und zu verankern, sondern verdeutlichen auch, welch große Anstrengungen es auch in Zukunft brauchen wird, um den Begleit- und Behandlungsansatz von Palliative Care für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen.

Ergänzt werden die Interviews durch den Beitrag „Füreinander Nächste werden“ (S. 189 – 195), in dem Martina Holder-Franz und Maria Zinsstag – ausgehend vom biblischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukasevangelium 10, 25 – 37) – alle dazu auffordern, „sich rufen zu lassen, anzupacken und ihre Praxis sorgfältig zu reflektieren“ (S. 190). Für die Autorinnen bedeutet dies konkret, bereit zu sein, von anderen zu lernen, die vielleicht säkulär oder mit einer ungewohnten Form der Spiritualität dazukommen und anpacken, und uns mitzufreuen, wenn lebensfördernde Beziehungen entstehen, Kranken und Sterbenden geholfen wird. Angesichts der Tatsache, dass die großen Kirchen kleiner werden und viele Menschen sich nicht mehr in einer christlichen Gemeinschaft verwurzelt sehen sei es wichtig, Palliative Care in ökumenischer Offenheit zu gestalten und voneinander zu lernen: „Christliche Verantwortung in Palliative Care überschreitet konfessionelle und religiöse Grenzen. Sie ist Salz und Hefe für soziale Verantwortung in unserer Gesellschaft“ (S. 194).

Insgesamt betrachtet gewähren die vorgestellten Porträts einen tiefen Einblick in die Palliativgeschichte der Schweiz und regen zugleich an, darüber nachzudenken, wie chronisch kranke und sterbende Menschen heute in christlicher Verantwortung begleitet werden können. Nicht zuletzt deswegen ist dem lesenswerten Buch weit über die Schweiz hinaus eine weite Verbreitung zu wünschen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling