Das Leipziger Diakonissenhaus – Die Geschichte einer Schwesternschaft und ihres Krankenhauses

Das Leipziger Diakonissenhaus – Die Geschichte einer Schwesternschaft und ihres KrankenhausesFruzsina Müller

Leipziger Universitätsverlag, Leipzig, 2023, 263 Seiten, Festeinband, 32,00 €, ISBN 978-3-96023-481-4

 

Das Evangelische Diakonissenkrankenhaus in Leipzig- Lindenau ist eine Klinik mit Tradition, die ihre Patientinnen und Patienten im Sinne des evangelisch-diakonischen Auftrags bis heute versorgt. Aus dem Gedanken heraus menschliche Not zu lindern, war es die Initiative von Geheimrat Oscar Pank (1838- 1926), Superintendent an der Thomaskirche, 1891 das Leipziger Diakonissenhaus – heute Evangelisch-Lutherisches Diakonissenhaus Leipzig e. V. (https://www. dh-leipzig.eu/) – zu gründen. Sein Ziel war es, die Pflegestationen der Kirchengemeinde der Stadt mit Diakonissen eines eigenen Mutterhauses zu besetzen, nachdem diesen Dienst bis dahin Diakonissen der bereits 1844 gegründeten Dresdner Diakonissenanstalt leisteten. 1900 konnte der Mutterhausneubau als Heimstatt der Diakonissen bezogen werden. Dem unmittelbar daneben erbauten Diakonissenkrankenhaus, das im selben Jahr feierlich eröffnet werden konnte, kam unterdessen eine wichtige Rolle in der Gesundheitsversorgung der stark industrialisierten und dicht besiedelten westlichen Stadtgebiete zu. Mit Beginn der stationären Krankenpflege wurde zugleich die poliklinische Arbeit aufgenommen, ebenso die theoretische Krankenpflegeausbildung, die 1925 die staatliche Anerkennung erhielt. Alsbald wirkte eine Vielzahl Leipziger Diakonissen auch in zahlreichen weiteren Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Sachsens, neben der Universitäts-Augenklinik auch in den Krankenhäusern in Borna, Colditz, Döbeln, Grimma, Hartmannsdorf, Mügeln, Rochlitz, Waldheim und Zschopau.

2016 wurde mit einem „Denk- und Dankjahr“ die Gründung des Evangelisch-Lutherischen Diakonissenhauses in Leipzig vor 125 Jahren gefeiert. Neben einer historischen Ausstellung, bei der es sich zugleich um die erste wissenschaftliche Annäherung an die Geschichte des Hauses handelte, erschien zu diesem Jubiläum auch die Festschrift „Treu im Glauben, barmherzig im Handeln“, die das Geschehene noch einmal Revue passieren lässt. Zugleich gab der Vorstand des Diakonievereins Leipzig e. V. anlässlich des Gründungsjubiläums bei der Kuratorin der Ausstellung ein Forschungsprojekt in Auftrag, das sich zum Ziel setzte, die Geschichte des Leipziger Diakonissenhauses nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu erforschen. Dabei war es ein wichtiges Anliegen, die historische Entwicklung des Hauses in einen gesamtgesellschaftlichen, sozialen und stadtgeschichtlichen Kontext zu rücken. Als Ergebnis liegt nun das 263 Seiten umfassende Buch „Das Leipziger Diakonissenhaus. Die Geschichte einer Schwesternschaft und ihres Krankenhauses“ vor.

Verfasst wurde die Untersuchung, die tiefe und vielfältige Einblicke in die bewegte Geschichte einer Institution erlaubt, die für die Leipziger Stadtentwicklung, insbesondere im Gesundheitssektor, prägend war, von Fruzsina Müller, die 1981 in Budapest (Ungarn) geboren wurde, dort und in Leipzig Germanistik und Journalistik studierte und 2016 am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig mit der Dissertation „Jeanssozialismus. Konsum und Mode im staatssozialistischen Ungarn“ (Göttingen 2017) promovierte. Während sie aktuell zu Krankenpfleger:innen mit Migrationserfahrung forscht, setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Initiativkreises „Riebeckstraße 63 e. V.“ seit mehreren Jahren für einen Gedenkort für die ehemalige Städtische Arbeitsanstalt in Leipzig ein.

Zur Bedeutung und Intention ihrer Publikation, die schwerpunktmäßig die Zeit von 1891 bis 1989 umfasst, während die Entwicklung von 1990 bis 2022 separat in einem chronologischen Anhang aufgezeigt wird, schreibt die Autorin im Nachwort: „Die vorliegende Studie ist das Ergebnis eines vierjährigen intensiven Forschungsprojektes. Sie ist keine Chronik im Sinne einer Aufzählung von Ereignissen und Würdigung von Personen. Vielmehr ist sie eine wissenschaftliche Studie, die relevante Fragen stellt und diese anhand der auffindbaren Quellen und im Kontext der bisherigen Forschungsergebnisse beantwortet. […] Zur Zielgruppe zählen neben ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Expertinnen und Experten der Mutterhausforschung eine breite, interessierte Öffentlichkeit, die die spezifische Kultur der Diakonissen, ihren Pflegeanspruch, ihre Lebensweise, ihr Mutterhaus und ihr Krankenhaus im Wandel der Zeit verstehen wollen“ (S. 237).

Nach der Einführung „Über dieses Buch“ (S. 9-15) mit Hinweisen zum Forschungsstand und Aufbau gliedert sich die Veröffentlichung in vier thematische Blöcke mit chronologischen Unterthemen.

Im ersten Block „Die Grundlagen der Diakonissentradition“ (S. 17-30) steht der Diakonieverein Leipzig im Mittelpunkt: die Strukturen, die Finanzierung, die Netzwerke und das Verhältnis des Vereins zum Staat und zur Landeskirche. Gefragt wird außerdem nach der Haltung des jeweiligen Hausvorstands in den sich wandelnden politischen Systemen.

Im zweiten Block „Die Schwesternschaft als Berufsgruppe und evangelische Lebensgemeinschaft“ (S. 31- 114) geht es um die Frage, welche Frauen ins Mutterhaus eingetreten und warum manche – nicht wenige – auch wieder ausgetreten sind, wie sich ihr Lebensweg gestaltete, welche Tätigkeiten die Frauen konkret in den mehr als 90 Einrichtungen ausübten, über die sich ihr Einsatzbereich zeitweise erstreckte, woher die dafür benötigten finanziellen Mittel kamen und welche Rolle das Diakonissenhaus und ihr christlich geprägtes Krankenhaus in der Zeit des Nationalsozialismus und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) spielte?

Der dritte Block „Der Trägerverein als Arbeitgeber und Netzwerker“ (S. 115-170) blickt auf die Krankenpflegeausbildung im Diakonissenhaus, die nach den ersten Jahren, in denen die praktische Ausbildung im städtischen Krankenhaus St. Jakob erfolgte, vom Diakonissenhaus übernommen und später auch staatlich anerkannt wurde.

Im Zentrum des vierten Blocks „Krankenhaus und Ärzteschaft zwischen Heilen und politischem Handeln“ (S. 171-216) stehen das Krankenhaus und die Tätigkeit der Ärzte und später auch der dort arbeitenden Ärztinnen.

Nach dem „Fazit“ (S. 217-225), in dem die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst sind, wird die Darstellung durch einen Anhang (S. 227-263) ergänzt, der neben einer kurzen Chronik – die über die medizinischen, gesellschaftsrechtlichen, personellen und baulichen Entwicklungen des Diakonissenhauses und Diakonissenkrankenhauses Leipzig von 1990 bis 2022 informiert – auch ein Abkürzungsverzeichnis, ein kombiniertes Literatur- und Archivalienverzeichnis sowie ein (nicht zuletzt im Hinblick auf weitergehende Forschungen sehr hilfreiches) Namensregister umfasst.

In ihrer Darstellung betrachtet Fruzsina Müller die einzelnen Epochen unter dem Blickwinkel der Stadtgeschichte, der Diakoniegeschichte, der Geschlechtergeschichte und insbesondere der Krankenhaus- und Pflegegeschichte. Hierbei behandelt sie die konkreten Aufgabenfelder der Pflegenden, ihre Arbeit und Hilfsmittel, ihre Ausbildung und ihr Krankheitsverständnis. Zugleich untersucht sie, wie die Krankenschwestern in der Pflegeschule ausgebildet wurden und welche Auswirkungen die staatliche Anerkennung der Ausbildung auf die Lehrinhalte hatte.

Der Gründung und Entwicklung des evangelischen Diakonissenkrankenhauses geht die Autorin vor allem aus krankenhausgeschichtlicher Perspektive nach und fragt danach, wie sich das Verhältnis zwischen den Ärzten und dem Arbeitgeber Diakonissenhaus gestaltete, welche medizinischen und ethischen Entwicklungen berücksichtigt oder abgelehnt wurden, wie sich das Krankenhaus finanzierte und welche Rolle es in der Gesundheitsversorgung der Stadt Leipzig spielte? Einzelne Personen – darunter eine Diakonisse, die Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde wurde und eine andere, die als Operationsassistentin bei Zwangssterilisierungen mitwirkte – stellt sie ausführlicher vor, entweder weil diese das Haus auf besondere Weise prägten oder weil ihre Biografien und Karrieren exemplarisch für andere Angehörige des Hauses stehen.

Bei ihren Ausführungen stützt Fruzsina Müller sich primär auf Unterlagen im Leipziger Diakonissenhaus, die den Zeitraum von der Gründerzeit bis in die Gegenwart umfassen, darunter Satzungen und ihre Änderungen, Korrespondenzen der Hausvorstände, Sitzungsprotokolle des Vorstands und des Schwesternrates, finanzielle Unterlagen und Personalakten. Um Lücken zu füllen – so wurden nach Angaben der Autorin offensichtlich Akten aus der nationalsozialistischen Zeit gezielt entfernt – beziehungsweise neue Perspektiven zu gewinnen nutzte sie Bestände weiterer Archive, darunter der Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth/Düsseldorf, das Archiv für Diakonie und Entwicklung (ADE) in Berlin, das Ephoralarchiv in Leipzig, das Landeskirchenarchiv in Dresden, das Archiv des Diakonischen Werks der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Radebeul, das Archiv der Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale und mehrere Archive von Kirchengemeinden. Ergänzend hierzu führte sie Gespräche mit Diakonissen und (ehemaligen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses.

Laut dem Buchrückentext versteht sich das vorliegende Buch, das durch zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen aus dem Archiv des Leipziger Diakonissenhauses anschaulich und lebendig ergänzt wird, als „eine Hommage auf die Hunderte von Frauen, die insgesamt 130 Jahre lang im Dienst des Diakonissenhauses standen, professionelle Kranken- und Gesundheitspflege betrieben, Kinder betreuten, sich um alte Menschen kümmerten, Pflegeausbildung anboten, bei Operationen assistierten und sogar nach Brasilien ausgesandt wurden.“

Aufgrund ihrer intensiven Recherchen konnte Fruzsina Müller zahlreiche neue Erkenntnisse zur Geschichte der Leipziger Schwesternschaft und ihres Krankenhauses zusammentragen, die sie zu einem ebenso lebendigen wie wissenschaftlich profunden Gesamtbild zusammengefügt hat. Wie sie dabei zeigen kann, trug die Tätigkeit der Leipziger Diakonissen, die innerhalb der Kaiserswerther Mutterhausdiakonie von Beginn an weitgehend selbstständig agierten, maßgeblich zur Linderung der sozialen Missstände im Leipzig des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts bei – paradoxerweise gerade im damaligen „gottlosen“ Arbeitervorort Lindenau. Während durch die rückläufigen Zahlen der Diakonissen die Arbeit der Gemeindepflege an die Sozialstationen überging, wurde das Leipziger Diakonissenkrankenhaus 1995 in die juristische Eigenständigkeit einer gemeinnützigen GmbH überführt.

Das denkmalgeschützte Gebäude „Mutterhaus“, das nach wie vor die geistliche Heimstatt der Diakonissenschwesternschaft ist, wurde nach grundlegender Sanierung 1998 der Zweckbestimmung „Betreutes Seniorenwohnen“ übergeben.

Mit der aktuellen Studie von Fruzsina Müller über „Das Leipziger Diakonissenhaus“ liegt nun, nach der bereits vor zehn Jahren erschienenen Monografie über die „Diakonissenanstalt Dresden 1844-2014“ (Essen 2014), die von der Düsseldorfer Pflegehistorikerin Dr. Anett Büttner im Auftrag des Vorstands der Ev.-Luth. Diakonissenanstalt Dresden e. V. verfasst wurde (vgl. die Besprechung des Rezensenten in: https://www.socialnet. de/rezensionen/16973.php), eine zweite wissenschaftliche Abhandlung über ein Diakonissenmutterhaus in Sachsen vor.

Die Arbeit, die einen hervorragenden Überblick über die Geschichte der Leipziger Schwesternschaft und ihres Krankenhauses bietet, verfügt über einen soliden Anmerkungsapparat, bei dem man sich lediglich noch zu den erwähnten beziehungsweise zitierten, für die Pflegegeschichte bedeutenden Personen Ruth Felgentreff (1924-2014), Caroline Fliedner (1811-1892), Friederike Fliedner (1800-1842), Theodor Fliedner (1800-1864), Sylvelyn Hähner-Rombach (1959-2019), Hans Harmsen (1899-1989), Agnes Karll (1868-1927), Auguste Mohrmann (1891-1967) und Hilde Steppe (1947-1999) Hinweise auf die entsprechenden Einträge im „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“ gewünscht hätte. Unabhängig hiervon, kann die spannend zu lesende Veröffentlichung allen empfohlen werden, die sich für Leipziger Stadt- und Diakoniegeschichte, ebenso wie die Pflege- und Krankenhausgeschichte interessieren. Im Hinblick auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit Diakonissenhäusern in Ostdeutschland, die bisher vergleichsweise wenig im Fokus standen, schließt die vorliegende Studie eine Lücke.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Im Wirbel der Zeiten – Das Leben der Anna (Prinzessin) Schwarzenberg

Im Wirbel der Zeiten – Das Leben der Anna (Prinzessin) SchwarzenbergMaria Theodora Freifrau von dem Bottlenberg-Landsberg

Wbg Academic Verlag, Darmstadt, 2021, 188 Seiten, Festeinband, 28,00 €, ISBN 978-3-534-40462-9

 

Sie trug im Laufe ihres Lebens mehrere Namen, die sie zum Teil selbst wählte, die ihr aber auch aufgezwungen wurden. Die Rede ist von Anna (Prinzessin) Schwarzenberg, die mit ihrem Zwillingsbruder Edmund Schwarzenberg (1897-1932) am 23. September 1897 im Schloss Frauenberg, dem heutigen Schloss Hluboká, in der Stadt Hluboká nad Vltavou, im damaligen Böhmen (heute im Süden Tschechiens), als Tochter des aus Wien stammenden Fürsten Jan (Johann) Nepomuk Schwarzenberg (1860- 1938) und seiner Ehefrau, Fürstin Therese Gräfin von Trauttmansdorff-Weinsberg (1870-1945), geboren und auf den Namen Anna Maria Benedicta Huberta Vincenzia getauft wurde. Ihr „Geburtshaus“, das wunderschön eingerichtet war und neben einer Fülle von repräsentativen Räumen auch mehrere Bäder und Wasserklosetts besaß, dient heute als Gästehaus für wichtige Staatsbesucher der Tschechischen Republik.

Den Schwarzenbergs gehörte im damaligen Böhmen der größte land- und forstwirtschaftliche Betrieb, aber auch Besitzungen in Österreich und Bayern. Zum Grundbesitz gehörten neben Wäldern und Feldern auch mehrere Schlösser, Brauereien, Fischteiche und Sägewerke. Dabei waren ihre Eltern im damaligen Böhmen, ebenso wie in Österreich und in Süddeutschland, nicht nur im Adel hoch angesehen, wie zwei kleine Kanonen am Eingang ihres Schlosses zeigen, die einst ein Geschenk des damaligen Großindustriellen Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870-1950) in Essen waren und zeigen, dass es durchaus adlige Familien gab, die den Austausch mit der neu aufkommenden Industrie pflegten.

Denjenigen, die sich für die Geschichte der Krankenpflege interessieren, dürfte Anna Schwarzenberg unterdessen keine Unbekannte sein, gehörte sie doch zu jenen Personen, die nicht nur den Pflegeberuf erlernten und darin arbeiteten, sondern sich auch – zum Wohle aller Pflegenden – besonders engagierten und etwas bewegten. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich ein entsprechender Eintrag über sie bereits im ersten Band des „Biographischen Lexikons zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“ (Berlin, Wiesbaden 1997) findet.

Maria Theodora von dem Bottlenberg-Landsberg (Jahrgang 1930), die nach ihrem Studium der Germanistik und Neueren Geschichte als Referentin in der Erwachsenenbildung tätig war und diverse Schriften zum Thema Deutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus veröffentlichte, hat unlängst den Lebensweg und das Wirken von Anna (Prinzessin) Schwarzenberg ausführlich erforscht und ihre Ergebnisse im Wbg Academic Verlag – Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt 2021) veröffentlicht. Bei ihren Ausführungen stützt sie sich insbesondere auf Unterlagen diverser Archive, darunter das Schwarzenberg`sche Familienarchiv Murau (Steiermark), das Archiv Rudolfinerhaus Wien und das Deutsche Literaturarchiv (DLA) Marbach. Obwohl im Mittelpunkt der Darstellung ihre Tante – eine ältere Schwester ihrer Mutter – steht, der die Autorin, wie sie einleitend schreibt, „viel verdankt“ (S. 9), ist es ihr beim Verfassen erstaunlich gut gelungen, die für eine solche Arbeit nötige Distanz zu wahren.

Der Buchtitel „Im Wirbel der Zeiten“ ist treffend gewählt, da von dem Bottlenberg-Landsberg den Lebensweg und das Schaffen von Anna (Prinzessin) Schwarzenberg von deren Geburt bis zu ihrem Tod akribisch vor dem Hintergrund der jeweils gesellschaftspolitischen Entwicklungen – von der Monarchie und der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis hin zur Demokratie – nachzeichnet. Wie sie dabei eindrucksvoll zeigt, verlief deren Leben sicher anders, als es sich ihr Umfeld für sie gedacht hatte, indem sich die ehemalige Prinzessin – trotz ihrer aristokratisch geprägten Kindheit und Jugend – für eine Ausbildung zur Krankenschwester entschied. Am 28. Februar 1921 begann Anna Schwarzenberg im Alter von 24 Jahren, sicherlich als eine der ältesten Schwesternschülerinnen, mit ihrer Ausbildung im Rudolfinerhaus in Wien, wo 1882 auf Betreiben des deutsch-österreichischen Chirurgen Dr. med. Theodor Billroth (1829-1894) die erste Krankenpflegeschule in Österreich gegründet worden war. Oberin war dort zur damaligen Zeit die aus der Schweiz stammende Schwester Dominika, eigentlich Alice Pietzcker (1887-1976).

Was Anna Schwarzenberg dazu bewog und was den Entschluss, Krankenschwester zu werden, in ihr geweckt hatte, ist nach Angaben der Autorin nicht explizit überliefert. Eine Erklärung liefert jedoch ihre langjährige Freundin, die polnische Kunsthistorikerin Karolina Lanckorońska (1898-2002), die später (1954) in einem Nachruf schrieb: „Die Triebfeder zu ihrem Entschluss [Krankenschwester zu werden] war ganz einfach: eine seltene Einfühlungsgabe in das menschliche Leid und das Bedürfnis, diesen Gefühlen durch die Tat Ausdruck zu geben“ (S. 25). Ihr ganzes weitere Leben sollte dem nach unter dem Versuch stehen, „den Gefühlen, die wahrgenommenes menschliches Leid wecken, tatkräftige Hilfe folgen zu lassen“ (S. 26).

Nachdem sie ihr Staatsexamen abgelegt hatte, arbeite Anna Schwarzenberg zunächst im Rudolfinerhaus als Säuglingsschwester, um dann – ausgestattet mit einem Stipendium – 1926 in London ein Jahr lang am „Bedford College and Royal College of Nursing“ den „Course for Nurse Administrators and Teachers in Schools of Nursing“ zu besuchen. Nach einem anschließenden Studienjahr in Amerika kehrte sie 1928 nach Wien ins Rudolfinerhaus zurück, leitete ein Jahr lang als Oberschwester die Entbindungsstation, um danach fünf Jahre lang als Oberin im 1843 eröffneten Kinderkrankenhaus Sankt Anna in Graz zu wirken, wo sie zugleich auch die angeschlossene Krankenpflegeschule leitete.

Im Jahre 1934 wurde Anna Schwarzenberg, in der Nachfolge der dänischen Krankenschwester Christine Reimann (1888-1979), als Generalsekretärin des „International Council of Nurses“ (ICN), dem „Weltbund der Krankenschwestern und Krankenpfleger“, in Genf berufen. Nach Ansicht ihrer Biographin dürfte für ihre Wahl ausschlaggebend gewesen sein, dass Schwarzenberg über umfangreiche Sprachkenntnisse verfügte und, wie alle Mitglieder ihrer Familie, auch die Schweizer Staatsangehörigkeit hatte. Zur Unterstützung für die mitunter ausufernden Büroarbeiten, zu der auch die Herausgabe der Verbandszeitung „International Nursing Review“ gehörte, deren Artikel in Englisch, Französisch und Deutsch erschienen, standen der Generalsekretärin – die in dieser Funktion nach entsprechenden Umzügen des ICN auch in London und New York lebte – drei Mitarbeiterinnen zur Verfügung.

Nachdem sich Anna Schwarzenberg 1948 zur Ruhe gesetzt hatte, ließ sie sich in Vermont (Bundesstaat im Nordosten der USA) nieder, wo inzwischen auch ihr ältester Bruder Adolph Schwarzenberg (1890-1950) lebte. Im Jahre 1953 kehrte sie, nachdem bei ihr Magenkrebs festgestellt worden war, schwerkrank aus Amerika nach Wien ins Rudolfinerhaus zurück, um sich dort – einer leider erfolglosen – Operation zu unterziehen. Anna Schwarzenberg starb am 11. Januar 1954 in Authal, einer Streusiedlung in der Marktgemeinde Pölstal im Bezirk Murtal, in der Steiermark.

Mit ihrem Buch „Im Wirbel der Zeiten“ hat Maria Theodora von dem Bottlenberg-Landsberg das Bild einer couragierten Frau gezeichnet, die in Monarchie, Diktatur und Demokratie immer wieder ihren Platz neu finden musste. Eingebettet in die wechselvolle Geschichte des ICN wird deutlich, dass Anna Schwarzenberg, die schon früh die Bedeutung der Akademisierung der Pflege erkannte, viel für die Entwicklung der Pflegenden tat und als Generalsekretärin des ICN die Organisation vorantrieb. Die gelungene Veröffentlichung ist dabei umso lesenswerter, als die Autorin ihre Darstellung immer wieder vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen lässt.

Dem Buch ist eine weite Verbreitung insbesondere unter den Pflegefachfrauen und -männern zu wünschen, indem es – abgesehen von den biographischen Angaben – ganz allgemein auch positive Impulse zur Berufsidentität vermittelt. Für gewöhnlich werden entsprechende Publikationen jedoch nur von einem ganz kleinen Prozentsatz der Pflegenden überhaupt wahrgenommen und von noch viel weniger gelesen. Generell spielen die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der Geschichte der Krankenpflege gegenwärtig, was sehr zu bedauern ist, sowohl in der Ausbildung als auch in der Lehre und Forschung – woran auch die Akademisierung der Pflege kaum etwas änderte – kaum noch eine Rolle.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Die Theorie der Seuche – Krankheitskonzepte und Pestbewältigung im Mittelalter

Die Theorie der SeucheKatharina Wolff

Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2021, 445 Seiten, Festeinband, 80,00 €, ISBN 978-3-515-12969-5

 

Im Mittelpunkt des vorliegenden Buches von Katharina Wolff steht die Untersuchung von rund 30 süddeutschen Pestschriften sowie Quellen der Städte Nürnberg, Augsburg und München zur praktischen Umsetzung von Krankheitstheorien im individuellen Lebensbereich bzw. im städtischen Kollektiv. Entstanden ist die beeindruckende Arbeit, deren Drucklegung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder – EXC 212 gefördert wurde, im Rahmen ihrer im Sommersemester 2019 von der Philosophischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angenommenen Dissertation.

Die Autorin legte zunächst das Staatsexamen als Medizinisch- technische Laboratoriumsassistentin (MTLA) am Max von Pettenkofer-Institut für Hygiene und medizinische Mikrobiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) ab, um nach kurzer Berufstätigkeit ein Studium der Geschichtswissenschaften an der LMU München aufzunehmen, das sie mit dem Magister Artium abschloss. Anschließend war sie von 2014 bis 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster Religion & Politik der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster im Projekt „‚Höhere Gewalt‘ und öffentliche Ordnung. Politik im Zeichen der Pest“, wobei sie über historische Krankheitskonzepte und deren Umsetzung im individuellen und kollektiven Lebensbereich forschte.

Über Seuchen im Allgemeinen und über die Pest im Besonderen liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor, die sich zumeist – einem deskriptiven Ansatz folgend – mit den Auswirkungen auf die Gesellschaft beschäftigen, etwa im Hinblick auf den Alltag, die Wirtschafts- und Sozialpolitik oder das Gesundheitswesen. Demgegenüber hat es sich Katharina Wolff zur Aufgabe gemacht, „hinter die Ereignisse blicken“ (S. 30). Dabei geht sie der Frage nach, warum man der Pest so begegnete, wie man es tat. Zentrale Fragen ihrer Arbeit, mit denen sie nicht nur die Theoriebildung der Zeitgenossen über eine Epidemie und ihre Herkunft, sondern auch die Umsetzung solcher Theorien oder Konzepte in der Alltagspraxis berührt, lauten demnach: Welche zeitgenössischen Konzepte für Krankheit, insbesondere für die Pest und andere, in schweren Epidemien verlaufenden Krankheiten gab es? Wie gestaltete sich die individuelle Pestprophylaxe und -therapie, wie sie aus Pestschriften ersichtlich ist? Welche Krankheitskonzepte fanden Eingang in die Maßnahmen gegen die Pest und andere Seuchen (in den drei süddeutschen Städten Nürnberg, Augsburg und München)? Wie können Verbleib und Verdrängung der teils antiken Krankheitskonzepte bis zur Ausbildung der ablösenden, modernen Disziplin der Mikrobiologie im 19. Jahrhundert nachvollzogen werden?

Nach Ansicht der Autorin bot sich die Pest aufgrund ihres europaweiten, wiederkehrenden Auftretens und ihrer verheerenden Auswirkungen auf die Bevölkerung und ihren Alltag, die ihren Niederschlag in zahlreichen Quellen seit Mitte des 14. Jahrhunderts fanden, als Untersuchungsobjekt an, wobei nicht sicher gesagt werden könne, ob es sich in allen Fällen um das gehandelt hat, was heute unter „Pest“ verstanden wird: „Die Frage nach dem Namen einer historischen Seuche, nach ihrem ‚wahren’ Wesen, ist jedoch ein unbefriedigendes und für die vorliegende Studie auch irrelevantes Unterfangen: Zum einen kann häufig nicht geklärt werden, ob es sich ‚wirklich’ um die Pest gehandelt hat, zum anderen erweisen sich für nach geistig-kulturellem Wandel im Nachgang von Seuchen alle Nachrichten über schwere Epidemien als aufschlussreich, also auch solche über z.B. Syphilisfälle“ (S. 30).

Der Zeitraum der vorliegenden, mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestatten Untersuchung beginnt mit dem Auftreten der Pest in den Jahren 1347/48 und endet in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als sich ein Strategiewechsel in der Pestabwehr in den Städten erkennen lässt. Neben der Pest nimmt Katharina Wolff auch Berichte über andere, epidemisch auftretende Krankheiten auf, die Instanzen, Behörden und Chronisten zu Bemerkungen über das Geschehen anregte. Dabei unterscheidet sie „zwei Räume der Pestprophylaxe und -abwehr: Der individuelle, nichtöffentliche, der im häuslichen Bereich zu verorten ist, und den man in der Moderne als ‚privat‘ bezeichnen würde, sowie der kollektive, öffentliche Raum“ (S. 31), die in den Quellen sowohl auf der individuell-nichtöffentlichen als auch auf der kollektiv-öffentlichen Seite repräsentiert seien.

Nach der Einleitung (S. 11-32) mit einem Überblick zur Seuchengeschichte sowie ihren Fragestellungen nähert sich die Autorin im Kapitel „Historische Loimologie“ (S. 33-87) zunächst dem Begriff „Pest“ an, der von der Antike bis weit in die Neuzeit als Sammelbegriff für verschiedene schwere Krankheiten genutzt wurde, die epidemisch auftraten, darunter auch das Antoniusfeuer oder die Syphilis. Unterdessen habe es auf die Frage „Was ist die Pest?“ parallel mehrere gleichsam gültige Antworten gegeben: „Dyskrasie, Miasma, Vergiftung, Gottes Zorn und Strafe, auch göttliche Prüfung oder Treiben des Bösen in der Welt“ (S. 85).

Wie Katharina Wolff im anschließenden Kapitel „Krankheitskonzepte und ihre Rolle im individuellen Pestalltag“ (S. 88-111) darlegt, gab es hinsichtlich der Strategien gegen die Pest nicht nur „eine große Vielfalt an Deutungen und Konzepten“, sondern auch innerhalb der einzelnen Systematiken „eine gewisse Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten“ (S. 110).

Die Akzeptanz ihrer zuvor dargelegten Konzepte für die Pest im öffentlichen Raum überprüft die Autorin sodann am Beispiel der Städte Nürnberg, Augsburg und München (S. 112-224). Wie sie dabei zeigen kann, verlief der Umgang mit der Pest im Untersuchungszeitraum in drei Stufen: Zunächst befassten sich die Stadtherrschaften mit allen Themen und Räumen, die von der Pest betroffen waren, wobei man Aktionen und Erlasse punktuell anordnete. In der zweiten Stufe wurden professionelle Expertisen durch Ärzte eingeholt, während es in der letzten Stufe, die sich zwischen dem Ende des 15. und der Mitte des 16. Jahrhunderts vollzog, um Prävention, Verstetigung und Multilateralität ging. Mit der Herausgabe entsprechender Ordnungen traten die Ratsregimenter „als Kollektoren und Distributoren von Spezialwissen auf, das gleichzeitig mit rechtsverbindlichen und strafbewehrten Verordnungen zur Umsetzung versehen wurde“ (S. 222).

In ihrer kurzen Darstellung der Geschichte der Mikrobiologie (S. 225-271) weist Katharina Wolff schließlich darauf hin, dass allen Konzepten, Antworten und Evidenzen zum Trotz die Seuche weiterhin eine dräuende Bedrohung bleibt, die in großem Maße von menschlichen Verhalten abhängig ist: Medikamente müssten korrekt eingenommen, Impfungen durchgeführt, Kondome benutzt, Prophylaxen berücksichtigt und hygienische Einrichtungen aufrechterhalten werden – kurzum: „Seuche ist etwas, das man tut“ (S. 270).

Aufgrund ihrer Untersuchung konstatiert die Autorin in ihrem Gesamtresümee: „Krankheiten befallen Individuen, Seuchen befallen Gesellschaften“ (S. 272). Ohne den Menschen mit seiner Kultur und Gesellschaft, der einem Mikroorganismus ein Vehikel bietet, könnten Seuchen nicht entstehen. Im Hinblick auf die Einschätzung der zeitgenössischen Pestkonzepte betont Katharina Wolff vor allem die große Optionenvielfalt: „Der große Gewinn zahlreicher Antworten auf die Frage nach einer Seuche bestand in der Optionenvielfalt zu deren Bekämpfung“ (S. 273). Die consolatio, der Trost, der aus der Vielfalt der Krankheitskonzepte gewonnen werden konnte, habe darin bestanden, dass sie Ordnung in das Chaos der wiederkehrenden Epidemien brachten. Aufgrund der neuen Anforderungen, die der Schwarze Tod mit sich brachte, hätten die Ärzte, die bisher vor allem in der Individualmedizin, mit einzelnen Personen in deren privatem Bereich befasst waren, „eine neue Rolle als öffentlich tätige Expertenkultur“ (S. 274) eröffnet. Zugleich hätten sich im Untersuchungszeitraum die städtischen Strategien gegen die Pest gewandelt, und zwar „von der punktuell entschiedenen Krisenintervention zur planvollen, vorausschauenden Seuchenprävention“ (S. 274).

Nach einem „Ausblick“ (S. 276-299), unter anderem auf Seuchen und ihre Rollen heute, wird die Darstellung durch einen umfangreichen „Anhang“ (S. 300-415) ergänzt, der neben vier Schwarzweißabbildungen eine umfangreiche Tabelle enthält, in der 31 Pestschriften aus Nürnberg, Augsburg und München differenziert ausgewertet werden.

Insgesamt betrachtet hat die Autorin, basierend auf einer breiten Materialbasis, mit ihrer übersichtlich gegliederten Arbeit beziehungsweise medizinhistorischen Betrachtung der Krankheitskonzepte und Pestbewältigung im Mittelalter einen bedeutenden Beitrag zur Seuchengeschichte vorgelegt.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling