Florence NightingaleMaría Isabel Sánchez Vegara – Illustriert von Kelsey Garrity-Riley, aus dem Englischen von Silke Kleemann

Insel Verlag, Berlin, 2024, 32 Seiten, Halbleinen, 15,00 €, ISBN 978-3-458-64405-7

 

Sie ist nicht nur in ihrem Heimatland England und darüber hinaus in Europa, sondern vermutlich weltweit die berühmteste Krankenschwester: Florence Nightingale (1820-1910), die als „The Lady with the Lamp“ („Die Dame mit der Lampe“) und „Heldin des Dienstes“, so der Untertitel einer Monographie aus dem Jahre 2005, vor allem aber als „Pionierin“ und „Wegbereiterin der modernen Krankenpflege“ in die Geschichtsbücher einging. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass trotz einer Vielzahl bereits über sie vorliegender Arbeiten, seien sie nun wissenschaftlicher oder populärer Natur, immer wieder neue hinzukommen. Die jüngste Veröffentlichung fällt dabei insofern aus dem Rahmen, als sie nicht für Erwachsene, sondern für Kleinkinder gedacht ist. Dementsprechend erscheint das Bilder-Lesebuch der spanischen Kinderbuchautorin María Isabel Sánchez Vegara in der Reihe „Little People, Big Dreams“, die – inzwischen schon mehr als hundert Titel umfassend – von den beeindruckenden Lebensgeschichten bedeutender Menschen erzählt. Jede dieser Persönlichkeiten, darunter weltbekannte Namen wie Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder Mozart, hat Unvorstellbares erreicht. Dabei begann alles, als sie noch klein waren: mit großen Träumen, so auch bei Florence Nightingale.

So erzählt das vorliegende, aus dem Englischen von Silke Kleemann übersetzte und von Kelsey Garrity-Riley illustrierte Kinderbuch „Florence Nightingale“ in einfachen Sätzen und auf wenigen Seiten ihre Lebensgeschichte, wie sie als Tochter wohlhabender Eltern in Florenz (daher der Name Florence) geboren wurde, eine gute Erziehung erhielt, statt zu heiraten sich „bei Pastor Fliedner und seinen Diakonissen in Kaiserswerth in der Krankenpflege“ ausbilden ließ, um anderen Menschen zu helfen, 1853 während des Krimkriegs (von 1853 bis 1856) mit einer „Gruppe von 38 freiwilligen Krankenschwestern, darunter viele tapfere Nonnen“ nach Konstantinopel aufbrach, „um den Soldaten geduldig, gewissenhaft und stets freundlich beizustehen“, dabei die mangelnde Hygiene in den Militärlazaretten anprangerte und damit letztlich eine Revolution im Gesundheitswesen auslöste, schließlich zurück in England „eine Schule für künftige Krankenschwestern“ einrichtete, wodurch „die Krankenpflege zu einem respektierten Beruf“ wurde. Jedes Jahr im Mai, am Geburtstag der kleinen Florence, so der abschließende Hinweis der Autorin, werde auf der ganzen Welt der Internationale Tag der Pflegenden gefeiert: „Zu Ehren der Begründerin der modernen Krankenpflege und all der Krankenschwestern und -pfleger, die jeden Tag für unser aller Wohl tätig sind.“

„Florence Nightingale“ ist ein sehr ansprechend gestaltetes Büchlein, das ideal zum Vorlesen für Kleinkinder geeignet ist, indem es auf wenigen Seiten – in knapp 30 Sätzen – die gesamte Lebensgeschichte der bedeutenden Krankenschwester in leicht verständlicher Sprache nacherzählt. Zugleich bieten die durchgehend ganzseitigen Illustrationen vielfältige Möglichkeiten für Erklärungen beziehungsweise vertiefende Gespräche. Die Pflegeberufe, die bekanntlich unter chronischem Personalmangel leiden, können sich glücklich schätzen und stolz darauf sein, dass in der Reihe „Little People, Big Dreams“ nun auch eine Vertreterin ihres Berufsstandes vertreten ist. Wenn die Lektüre bei der ins Auge gefassten Zielgruppe vielleicht zu einem positiven Image der Pflegeberufe beiträgt, dürfte das eine gute Sache sein.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Marie Simon Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch Französischen Kriege 1870 71Thomas Klemp (Hrsg.)

(Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 12) AVM – Akademische Verlagsgemeinschaft München,  München, 2024, 362 Seiten, broschiert, 34,00 €, ISBN 978-3-95477-177-6

 

Sie war eine außergewöhnliche Frau ihrer Zeit, Marie Simon (1824-1877), die in zwei Kriegen unermüdlich verwundete und kranke Soldaten auf den Schlachtfeldern umsorgte und verpflegte. Als junge Frau brachte sie sich selbst pflegerische Kenntnisse bei, hospitierte im Diakonissenkrankenhaus in Dresden und in der Universitätsklinik in Leipzig, bevor sie nach ihrer zweiten Ehe 1853 mit ihrem Ehemann in Dresden ein Spitzen- und Weißwarengeschäft betrieb. Während des Preußisch-Österreichischen Krieges im Sommer 1866 suchte sie die Schlachtfelder in Böhmen auf; von Kronprinzessin Carola von Sachsen (1833-1907) wurde sie ins Direktorium des im September 1867 als Frauenverein des Roten Kreuzes in Dresden gegründeten Albert-Vereins berufen. Während ihrem Einsatz im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 schrieb sie Briefe und Tagebuchblätter, die sie 1872 unter der Überschrift „Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege“ im renommierten Leipziger Verlag F. A. Brockhaus veröffentlichte. 

Den 200. Geburtstag von Marie Simon im Jahr 2024 nahm das Sächsische Rote Kreuz zum Anlass für ein Gedenkjahr, um die vergessene Heldin der humanitären Hilfe posthum zu würdigen. In diesem Zusammenhang wurde ihr zu Ehren unter anderem im sächsischen Rot-Kreuz-Museum in Beierfeld eine Sonderausstellung mit dem Titel „Kriegsschwestern – Frauen im Krieg“ eröffnet, in ihrem Geburtsort Doberschau durch den Landesfrauenrat ein Denkmal eingeweiht und die Tagung „Krankenhauspflege in Kriegs- und Friedenszeiten aus historischer Perspektive“ der Sektion Historische Pflegeforschung der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e. V. (DGP) und des DRK-Landesverbands in Dresden veranstaltet. Darüber hinaus wurde in der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e. V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von Petra Liebner, Rainer Schlösser, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Schriftenreihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“, die damit zwölf Bände umfasst, ihr Buch „Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch-Französischen Kriege 1870-71“ von 1872 neu aufgelegt.

Für die Herausgabe der aktuellen Veröffentlichung zeichnet sich Thomas Klemp (Jahrgang 1951) verantwortlich, der von 1984 bis 2018 als Jurist im Generalsekretariat des DRK und in den Landesverbänden Hessen und Sachsen tätig war. Zentrale Themen, mit denen er sich vor allem beschäftigt, sind das humanitäre Völkerrecht, die Grundsätze der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung sowie die Geschichte des Roten Kreuzes.

Peter S. Kaul, Präsident des DRK-Landesverbands Sachsen, hat zu dem Buch ein Grußwort (S. 11-12) beigesteuert, in dem er die Arbeit und Verdienste von Marie Simon würdigt, die beharrlich dafür gekämpft habe, die Krankenpflege zu professionalisieren und als Beruf für Frauen zu etablieren. Seines Erachtens ist es „schlicht nicht zu verstehen, warum diese beeindruckende Gründungsmutter des Roten Kreuzes, die zu Lebzeiten in Sachsen und Deutschland überaus populär ist, im 20. Jahrhundert in Vergessenheit“ geriet. Im Hinblick auf die Bedeutung und Intention des vorliegenden Buches hält er sodann wörtlich fest: „Diese Edition ist eine überaus spannende und lehrreiche Lektüre. Rotkreuzschwestern wird einiges von dem, was Marie Simon an Konflikten und Hindernissen in der humanitären Hilfe beschreibt, bekannt vorkommen. Marie Simons erfrischend energischer Umgang damit macht Mut“ (S. 12).

Zur vorliegenden Edition, mit der „eine vergessene Vorkämpferin des Roten Kreuzes wieder in Erinnerung gebracht werden“ (S. 13) soll, hat der Herausgeber eine ausführliche Einleitung (S. 13-36) verfasst. Darin stellt er in kurzen Abschnitten das Königreich Sachsen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor, beleuchtet die Entstehung des Roten Kreuzes in Sachsen sowie die Gründung des Albertvereins am 14. September 1867, und nimmt schließlich das Sanitätswesen und das Wirken der Albertinerinnen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in den Blick. Im Hinblick auf Marie Simon beziehungsweise die Entstehung ihres Buches bemerkt Thomas Klemp: „Beim Schreiben denkt sie nicht an eine spätere Veröffentlichung; ihre Schilderungen sind frisch und lebendig, ihre Wertungen stark und ohne diplomatische Rücksichtnahme. Sie schreibt selbstkritisch in der steten Sorge, nicht genug Kraft zu haben und zu versagen; immer wieder hat sie Zweifel, ob sie das Richtige tut“ (S. 27).

Über den Inhalt des Buches hält der Herausgeber sodann fest: „Im Vordergrund von Marie Simons Texten steht die Beschreibung der Mühsal des Einsatzes in Frankreich: unklare Aufträge, unfähige Vorgesetzte, Mangel an Hilfsgütern, Unterkünften und Transportmitteln, vor allem das schier erdrückende Leiden der Verwundeten und Kranken: zu Beginn des Feldzugs sommerlich brütende Hitze, tagelanger Regen und später Frost. Täglich muss improvisiert und organisiert werden: Pferdefuhrwerke und Eisenbahnen, Kochgeschirr und Lebensmittel, Räume für die Kranken und Verwundeten; das alles in einer feindseligen Umgebung, in der sie von der französischen Bevölkerung, die unter der deutschen Besatzung leidet, kaum Hilfe erwarten kann. Marie Simon erweist sich als zupackende, kluge und mutige Frau“. Wie Thomas Klemp weiter berichtet, setzte die geschulte Kauffrau in der Praxis klare Regeln für die Auswahl der Vorräte, die Lagerung und die Warenkontrolle. Viel Energie habe sie auch auf die Auswahl und die Anleitung des Personals verwenden müssen. Mit „nüchternem Improvisationstalent“ habe sie Hindernisse überwunden und für ein geordnetes Arbeitsumfeld gesorgt: „Unseriösen Helfern verbietet sie die Verwendung des Rotkreuzzeichens, nimmt ihnen die Armbinde ab und lässt sie nach Hause schicken“ (S. 28).

Angesichts ihres schier unermüdlichen Wirkens bilanziert der Herausgeber ernüchternd: „Zu Lebzeiten ist Marie Simon populär, hoch anerkannt und eine gefragte Ratgeberin. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wird sie unsichtbar. In der Historiographie des Deutschen Roten Kreuzes, das ihr seine ersten Erfolge zu verdanken hat, wird sie gründlich vergessen“ (S. 33). 

Im Anschluss an eine Zeittafel (S. 37-42) – sie reicht von 1824, dem Geburtsjahr von Marie Simon, bis zum Jahr 2022, in dem die Grabstelle von ihr auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof restauriert wird und der DRK-Landesverband Sachsen sowie sächsische DRK-Kreisverbände damit beginnen, Sitzungsräume und Einrichtungen nach Marie Simon zu benennen – folgt der eindrucksvolle Originaltext der „Briefe und Tagebuchblätter von Marie Simon“ (S. 43-338), der hier in moderner Schrift und mit Anmerkungen sowie zeitgenössischen Illustrationen wiedergegeben wird. Ergänzend hierzu folgen „Zwölf Berichte von Zeitgenossen“ (S. 339-354), die wichtige Facetten ihres Wirkens beschreiben und eindrücklich verdeutlichen, welche Bedeutung Marie Simon zu ihrer Zeit hatte und welch hohes Ansehen sie einst genoss. Ergänzt wird die gelungene Darstellung durch ein „Personenregister“ (S. 355-30) und einen Abbildungsnachweis (S. 361-362).

Die Veröffentlichung ist sehr zu begrüßen, indem Marie Simon nicht nur als „vergessene Vorkämpferin des Roten Kreuzes wieder in Erinnerung gebracht“ wird, sondern das für die Geschichte der Kriegskrankenpflege wichtige zeithistorische Dokument nun für die wissenschaftliche Forschung wie für die breite Öffentlichkeit leicht zugänglich ist. Kann man nur hoffen, dass in derselben Reihe möglichst bald auch das von Marie Simon vorgelegte Krankenpflegelehrbuch „Die Krankenpflege, theoretische und praktische Anweisungen“ (Leipzig 1876) in Neuauflage herausgegeben wird.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

die rolle der pflege in der ns zeit taschenbuchPierre Pfütsch (Hrsg.)

(Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beiheft 83). Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2024, 398 Seiten, broschiert, 68,00 €, ISBN 978-3-515-13218-3

 

In der Geschichte der Krankenpflege kommt der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933-1945) insofern eine besondere Bedeutung zu, als in dieser Zeit das Wohl des Volkes über das Wohlergehen des Einzelnen gestellt wurde. Dabei schloss die ideologische, strukturelle und personelle Entwicklung der beruflichen Krankenpflege im NS-Staat die aktive Beteiligung der Pflegefachkräfte an den systematischen Krankenmorden ein. Vor diesem Hintergrund hat heute nicht nur in der psychiatrischen Pflege, sondern auch in allen anderen Bereichen der Pflege und der Pflegepädagogik, die Frage nach dem individuellen Verständnis von Gesundheit und Krankheit und der Eigenverantwortung der Pflegekräfte eine zentrale berufsethische Bedeutung.

Aufbauend auf die bislang vorliegenden Veröffentlichungen zur Geschichte der Pflege in der NS-Zeit, wobei erste Arbeiten in den 1980er Jahren vor allem durch die Krankenschwester und spätere Hochschullehrerin Prof. Dr. Hilde Steppe (1947-1999) entstanden, präsentiert der vorliegende Sammelband, worauf der Untertitel verweist, „Neue Perspektiven, Forschungen und Quellen“ zum Thema. Die interdisziplinär ausgerichteten Beiträge gehen dabei unter anderem der Frage nach, welche Funktion Pflege generell in der NS-Ära besaß und welches berufliche Selbstverständnis dem zugrunde lag. Wie sah die standespolitische Vertretung aus und wie fügte diese sich in die NS-Strukturen ein? Wie war der Umgang mit jüdischen Kolleg:innen?

Darüber hinaus geht es um die Rolle der Pflegenden im Kontext von medizinischen Verbrechen in Konzentrationslagern, Heil- und Pflegeanstalten und (psychiatrischen) Kliniken: waren sie nur ausführende Organe oder besaßen sie auch Handlungsspielräume? Und wenn ja, wie sahen diese konkret aus? Ferner wird auch die Zeit nach 1945 in den Blick genommen und danach gefragt, welche Bedeutung eine mögliche NS-Vergangenheit für die Pflegerinnen und Pfleger nach 1945 hatten, ob sich eher Kontinuitäten oder Brüche zeigten und ob eine Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen im Kreis der Pflegenden stattfand?

Für die Herausgabe des Bandes, der auf einer Tagung der „German Association for the History of Nursing“ („Deutsche Gesellschaft für Pflegegeschichte“) beruht, die im Jahr 2021 in der sächsischen Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein stattfand, zeichnet sich der promovierte Historiker Dr. Pierre Pfütsch verantwortlich, der seit 2015 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung (Stuttgart) arbeitet, wobei ihm seit 2019 auch die Redaktion der renommierten, von Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Robert Jütte gegründeten und heute von Dr. phil. Marion Baschin herausgegebenen Schriftenreihe „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“ obliegt.

Pierre Pfütsch veröffentlichte zahlreiche Arbeiten, darunter jüngst „Notfallsanitäter als neuer Beruf im Rettungsdienst. Ein Überblick über Entwicklungen und Tendenzen“ (Wiesbaden 2020). Unter seiner Herausgebertätigkeit erschienen unter anderem (gemeinsam mit Sylvelyn Hähner-Rombach) das Lehr- und Studienbuch „Entwicklungen in der Krankenpflege und in anderen Gesundheitsberufen nach 1945“ (Frankfurt am Main 2018) und die Sammelbände (gemeinsam mit Annett Büttner) „Geschichte chirurgischer Assistenzberufe von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart“ (Frankfurt am Main 2020) und (gemeinsam mit Martin Dinges) „Männlichkeiten in der Frühmoderne. Körper, Gesundheit und Krankheit (1500-1850)“ (Stuttgart 2020).

In seiner Einleitung „Neue Perspektiven auf die Geschichte der Pflege im Nationalsozialismus“ (S. 9-24) weist der Herausgeber darauf hin, dass es in der Pflegegeschichte noch viele Leerstellen gibt, da sie „gegenüber der Medizingeschichte grundsätzlich weniger gut erforscht“ sei. Gegenwärtig ließen sich als zentrale Themen zur Geschichte der Pflege in der NS-Zeit die Organisation der Pflege, die pflegerische Versorgung der Zivilbevölkerung, die Rolle von Pflegenden in den Heil- und Pflegeanstalten, die Pflege in (Konzentrations-) Lagern und die Kriegskrankenpflege ausmachen. Angesichts der Fülle an Themen könne der vorliegende Band nicht konsequent eine Fragestellung verfolgen: „Vielmehr soll er dazu dienen, einen Überblick über gegenwärtige Forschungen zu geben, Anschlussmöglichkeiten aufzuzeigen und im besten Falle sogar neue Untersuchungen anzuregen. Der Band trägt dazu bei, die Entwicklung seit Hilde Steppe zusammenzutragen und damit ein übersichtlicheres Bild zu neueren Forschungen bezüglich der Pflege in der NS-Zeit zu präsentieren“ (S. 18).

Die Publikation, die mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung GmbH (Stuttgart) gedruckt wurde, vereint zwölf Beiträge von Historiker:innen, Medizinhistoriker:innen, Pflegewissenschaftler:innen, Pflegefachpersonen aus der Praxis, Literaturwissenschaftler:innen und auch an der historischen Pflegeforschung Interessierten, die fünf verschiedenen Themenbereichen zugeordnet sind.

Im Mittelpunkt des ersten Bereichs „Pflege, Politik und Religion“, der drei Beiträge vereint, stehen vornehmlich organisatorische Fragestellungen. Unter der Überschrift „Freiwilligkeit der Diakonie im Nationalsozialismus“ (S. 27-56) blickt Elena M. E. Kiesel anhand von drei mitteldeutschen Diakonissenmutterhäusern auf die alltäglichen Veränderungen in deren Gesundheits- und Pflegesystem und wie sie mit der Umgestaltung der Fürsorge- und Wohlfahrtslandschaft umgingen. Demgegenüber setzt Annett Büttner sich in zwei Beiträgen mit der „Errichtung der Verbandsschwesternschaft des Kaiserswerther Verbandes“ (S. 57-86) auseinander und schaut sich den „Umgang mit jüdischen Angehörigen von Diakonissenmutterhäusern in der NS-Zeit“ (S. 87-106) genau an. Hierbei kann sie zeigen, dass der Kaiserswerther Verband trotz tradierter anderer Erzählungen ebenso wie andere Organisationen der Inneren Mission ein integrierter Bestandteil der NS-Sozialpolitik war und die nationalsozialistischen Versuche der Gleichschaltung auf ein breites weltanschauliches Entgegenkommen in Kaiserswerth stießen.

Der zweite Bereich „Pflege und ‚Euthanasie‘“ umfasst ebenfalls drei Beiträge, die sich schwerpunktmäßig mit der Rolle der Pflegenden bei den Patient:innenmorden beschäftigen. Dabei nimmt Marion Voggenreiter „Das Pflegepersonal der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen und die NS-‚Euthanasie‘“ (S. 109-147) in den Blick, Katharina Genz die „Krankenpflege und ‚Kindereuthanasie‘ im Nationalsozialismus am Beispiel der ‚Kinderfachabteilungen‘ Lüneburg und Hamburg“ (S. 149-183) und Stefan Kiefer die umstrittene „Widerstandsgeschichte von Amalie Widmann“ (S. 185-207).

Der dritte Bereich „Pflege in Lagern“ vereint zwei Beiträge. Während Petra Betzien in ihrem Beitrag „Rolle und Selbstverständnis der NS-Krankenschwestern in den Frauen-KZs Lichtenburg, Ravensbrück und Auschwitz“ (S. 211-244) zu dem Ergebnis kommt, dass in den Häftlingsrevieren durchaus begrenzte Möglichkeiten für Krankenschwestern bestanden, Einfluss zu nehmen, zeigt Irina Rebrova in Ihrem Beitrag „Die Rolle des lokalen Pflegepersonals im Zuge der NS-Verbrechen gegen Menschen mit Behinderungen in den besetzten Gebieten Russlands“ (S. 245-270), dass nicht nur die deutschen Besatzungsbehörden  für die Patient:innentötungen in den besetzten Gebieten des Landes Verantwortung trugen, sondern auch  medizinisches und pflegerisches Personal aus den russischen Anstalten in die Tötungen involviert waren.

Der vierte Bereich „Hebammen im Nationalsozialismus“ umfasst zwei Beiträge, die zeigen, dass auch die Berufsgeschichte der Hebammen für die Geschichte der Pflege im Nationalsozialismus nicht irrelevant ist. Ähnlich wie die Krankenpflege erfuhren damals auch die Hebammen als Berufsstand eine Aufwertung. Gleichzeitig wurde ihre Tätigkeit mehr und mehr politisch, indem sie ihre Vertrauensstellung in der Bevölkerung dafür nutzen sollten, Schwangere und ihre Familien im Sinne der NS-Ideologie zu erziehen, weltanschauliche Fragen zu vermitteln, für Kinderreichtum zu werben und eine Akzeptanz der Gesundheitspolitik zu sichern. Vor diesem Hintergrund untersucht Sophia König „Leipziger Hebammen, ihre Betreuungsaufgaben und Beteiligung an der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik“ (S. 273-308) und berichtet Wiebke Lisner über „Geburtshilfe und Reichshebammengesetz als Instrumente des ‚Volkstumskampfes‘ im Warthegau 1939-1945?“ (S. 309-337).

Die beiden Beiträge des fünften Bereichs „Literarische Verarbeitungen“ widmen sich der literarischen Verarbeitung der Pflege im Nationalsozialismus und der nachkriegsgeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Während dabei Anne D. Peiter über „Ärzte, Kranke und ihre Räume in Zeugnissen von Überlebenden des Vernichtungslagers Treblinka“ (S. 341-367) berichtet, stellt Beate Mitzscherlich „Herta Grandts Innenansichten aus der Leipziger Psychiatrie während der ‚Euthanasie‘ im Roman ‚Eine Handvoll Erbarmen‘ (1964)“ (S. 369-398) vor.

Insgesamt betrachtet bietet der vorliegende Sammelband einen hervorragenden Überblick über die thematische Bandbreite der NS-Pflegeforschung und deren aktuellen Stand. Insofern sollte das Buch in Lehre und Forschung dankbar aufgenommen werden.

Für alle am Thema Interessierten sei noch der Hinweis erlaubt, dass inzwischen auch eine Reihe von Täter:innen-Biographien erforscht und im „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte“ (1997-2022) veröffentlicht wurden, darunter beispielsweise die an den „Euthanasie“-Verbrechen unmittelbar beteiligten Krankenpfleger:innen Katharina (Käte) Gumbmann (1898-1985), Irmgard Huber (1901-1974), Heinrich Ruoff (1887-1946), Helene Schürg (1904-1975), Karl Willig (1894-1946) und Minna Zachow (1893-1977).

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling