Leben in Haus 5 - Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren

Düren
 
Knauer, E. (Hrsg.)
Leben in Haus 5
Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren: Zeitzeugen berichten über 1950-1986
Psychiatrie Verlag, Köln, 2018, 159 S., 20,00 €, ISBN 978-3-88414-945-4
 
Nachdem bereits 1825 in Siegburg die erste „Rheinische Irrenanstalt“ eröffnet worden war, bemühte sich der Provinziallandtag der Rheinprovinz um die Errichtung einer Bewahranstalt zur Unterbringung „der irren Verbrecher und verbrecherischen Irren.“ 1897 wurde der Bau einer solchen Einrichtung genehmigt und in Düren im Jahre 1900 als „Pavillon für 48 irre Verbrecher“ fertiggestellt. Dieser beherbergte als sogenanntes „Haus 5“ – mit fast 100 Patienten ständig heillos überbelegt – bis Mitte der 1980er Jahre Patienten, die straffällig wurden und als gemeingefährlich galten.

Das von Dr. med. Erhard Knauer herausgegebene Buch „Leben in Haus 5“ schildert „Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren“ in der Zeit von 1950 bis 1986 und begleitet die gleichnamige Ausstellung im Psychiatriegeschichtlichen Dokumentationszentrum Düren (PDZ). Der Herausgeber, von 1988 bis 2010 ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken Düren (1988-2010) und Autor zahlreicher Beiträge zur Thema Psychiatrische Versorgung und Gerontopsychiatrie, ist Vorsitzender des Psychiatriegeschichtlichen Dokumentationszentrums Düren.

Entstanden ist die Veröffentlichung auf der Grundlage von Interviews, die im Frühjahr 2015 mit acht pflegerischen Mitarbeitern geführt wurden, die in der Zeit von 1950 bis 1986 im Bewahrungshaus in Düren beschäftigt waren. Die mittels Tonträger aufgenommenen Gespräche, die bis zu drei Stunden dauerten und schriftlich erfasst wurden, bildeten zugleich die Grundlage für ein Drehbuch, bei dem im Frühjahr 2016 die Zeitzeugen an authentischen Orten im Haus 5 erneut befragt und dabei von einem Filmteam begleitet wurden.

Der großformatige, mit zahlreichen zeitgenössischen Schwarzweiß- und Farbfotos illustrierte Band gliedert sich in zwei Teile, wobei den Zeitzeugen-Interviews vier Texte zur Veranschaulichung historischer und zeitgeschichtlicher Zusammenhänge vorangestellt sind.
• Dr. Ralf Seidel, Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken Mönchengladbach (1980-2016) und Redakteur der Zeitschrift „Sozialpsychiatrische Nachrichten“ (1980-2016), gibt in seinem Beitrag „Aufbruch in die Moderne“ einen Überblick über die Entwicklung der Psychiatrie zwischen 1900 und 1930 (S. 10-25).
• Thomas Hax-Schoppenhorst, Öffentlichkeits- und Integrationsbeauftragter der LVR-Klinik Düren sowie Dozent an Pflegeschulen, beleuchtet unter der Überschrift „Die Sicherung der Gesellschaft gegen gemeingefährliche Kranke“ die Geschichte der Forensischen Psychiatrie (S. 26-39).
• Dr. Erhard Knauer stellt „Das Bewahrungshaus Düren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (S. 40-55) vor.
• Dr. Horst Wallraff, Historiker und Archivar der Stadt Düren sowie Lehrbeauftragter am Historischen Seminar II der Universität Köln, widmet sich in dem Beitrag „Sicherheitsaspekte und Sensationsstreben“ dem „Haus 5“ in der Dürener Presselandschaft von der Jahrhundertwende bis heute (S. 56-80).

Der zweite Teil des Buches dokumentiert die in elf Kapitel untergliederten Interwies der Zeitzeugen, die sich schwerpunktmäßig zu den Themen „Die Pforte“, „Hierarchie“, „Alltag“, „Eskalation“, „Suchtpatienten“, „Schluckerzelle“, „Elektroschock“, „Bärenzelle“, „Reformdruck“, „Brand in Haus 5“ und „Frauen in Haus 5“ äußerten (S. 81-157). Den bewegenden Berichten, die durchgehend von unwürdigen Verhältnissen und dramatischen Ereignissen erzählen, sind jeweils kurze Einführungstexte von Stefan Jünger vorangestellt. Der Krankenpfleger und Fachkrankenpfleger für psychiatrische Pflege sowie Bildungsreferent an der LVR-Akademie für seelische Gesundheit in Solingen, weist einleitend darauf hin, dass damals wie heute die Pflegenden die größte Berufsgruppe in der Dürener Klinik, sowie auch an anderen forensischen Standorten, sind. Da sie die höchste Kontaktdichte zu den Patienten/-innen hätten, nähmen sie eine besondere Rolle im therapeutischen Prozess ein. Wie der Autor in seinem Beitrag „Macht, Abhängigkeiten und Überlegenheit auf beiden Seiten“ schreibt, befolgte die Pflege „meist kritiklos die ärztlichen Anordnungen. Auch auf der Seite der Pflegekräfte habe sich eine straffe Hierarchie fortgesetzt, „mit der sich die Mitarbeiter untereinander aber auch gegenüber den Patienten abgrenzten“ (S. 98). In seinem „Ausblick“ weist Stefan Jünger darauf hin, dass sich durch die prägenden Veränderungen des Maßregelvollzugs auch die repressive Seite forensischer Einrichtungen reduziert und der sozial-psychiatrische Gedanke in die Köpfe der Verantwortlichen Einzug gehalten habe. Darüber hinaus seien vielfältige bauliche Veränderungen umgesetzt, interdisziplinäre Teams gegründet sowie pflegerische und therapeutische Konzepte verfolgt worden. Schließlich würden mittlerweile Unterbringungsmöglichkeiten auch außerhalb forensischer Mauern existieren, wobei die Pflege auch an diesen Stellen wichtige Positionen besetze. Wörtlich hält er sodann weiter fest: „Die Behandlung und Weiterentwicklung der anvertrauten Menschen steht heute im Mittelpunkt. Allmählich verändert die psychiatrische Pflege ihren Blickwinkel, dieser Wechsel vollzieht sich in Richtung Gesundheitsförderung bzw. Prävention und bewirkt die Erarbeitung zukunftsfähiger Pflegekonzepte. Begriffe wie Recovery und Empowerment gewinnen zunehmend an Bedeutung und eröffnen für die Patienten neue Perspektiven der Entwicklung. Diese inhaltliche Neuorientierung vollziehen Pflegekräfte durch Anpassungen in ihrer Ausbildung und aktuell sowie zukünftig durch die Akademisierung der Pflegeberufe“ (S. 156).

Ulrike Lubek, Direktorin des Landschaftsverbandes Rheinland, hat zu dem Buch ein Grußwort beigesteuert, in dem sie vor dem Vergessen der Psychiatriegeschichte mahnt, da sie uns in vielfacher Hinsicht mahne und Erreichtes verstehen und wertschätzen ließe. Schließlich seien die im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte in der forensischen Psychiatrie entwickelten modernen Behandlungskonzepte und deren Rahmenbedingungen auch aus den in der Geschichte gewonnenen Erfahrungen erwachsen. Sodann schreibt sie zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung wörtlich weiter: „Das Bewusstsein hierüber wird in beeindruckender Weise durch die in der ‚Zeitzeugen‘-Ausstellung zu Worte kommenden Mitarbeitenden geweckt, sie sowohl die belastende, sie an Grenzen bringende Zeit in der alten Forensik als auch die Aufbruchstimmung nach dem Umzug in das forensische Dorf [in Düren im April 1986] erlebt haben. Ihre Schilderungen sind packende und berührende Zeitzeugen-Dokumente-Erinnerungen an eine Zeit, die im Bewusstsein bleiben muss“ (S. 7).

Das Buch „Leben in Haus 5“ ist sehr zu begrüßen, steht die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren doch – zugleich stellvertretend für vergleichbare Einrichtungen – für ein Teilstück psychiatrischer Zeitgeschichte der forensischen Pflege, die bisher noch viel zu wenig erforscht und dokumentiert ist. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass hier Pflegende selbst zu Wort kommen. Sie erzählen ihre Geschichte(n) aus einem persönlichen Blickwinkel, der subjektives Erleben und subjektive Erfahrungen umspannt. Gerade mit Blick auf die in der Vergangenheit von Krisen gekennzeichnete Geschichte der forensischen Psychiatrie kommt ihren Berichten ein hoher Stellenwert zu. In jedem Fall eröffnen sie der Leserschaft tiefe Einblicke in einen bedeutenden Teil der Psychiatriegeschichte und psychiatrischen Krankenpflege (im Rheinland), der – Gott sei Dank – längst überwunden ist.
 
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Nanna Conti (1881-1951)

Conti
 
Peters, A. K.
Nanna Conti (1881-1951)
Eine Biographie der Reichshebammenführerin (Schriftenreihe der Stipendiatinnen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, Band 50)
Lit Verlag, Münster, 2018, 439 S., 44,90 €, ISBN 978-3-643-13985-6
 
Im Jahre 1938 beschlossen die Nationalsozialisten das „Reichshebammengesetz“ (RHG), von dem einige Regelungen bis heute Bestand haben. Maßgeblich daran beteiligt war die „Reichshebammenführerin“, die Säuglingsschwester und Hebamme Nanna Conti. Die positive Bewertung ihrer Rolle bis in die 1980er Jahre durch die deutschen Hebammen und ihre Vernachlässigung in der bisherigen Medizingeschichte war für Anja Katharina Peters (http://www.anja-peters.de/) Anlass, die vorliegende Biographie zu erstellen. Es handelt sich dabei um die redaktionell bearbeitete und um einen Anhang gekürzte Fassung ihrer Dissertation, die sie 2014 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald vorgelegt hatte (Volltext unter: http://ub-ed.ub.uni-greifswald.de/opus/volltexte/2014/1948/pdf/diss_Peters_AnjaKatharina.pdf). Neben der Monografie „Der Geist von Alt-Rehse. Die Hebammenkurse an der Reichsärzteschule 1935-1941“ (Frankfurt am Main 2005) veröffentlichte die Autorin, Kinderkrankenschwester und Diplom-Pflegewirtin (FH), zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge zur Medizin- und Pflegeschichte; zudem hat sie einen „Blog“ auf „www.station24.de“ und twittert unter „@thesismum“ und „@Histnut_Nurse“.

Nach Vorwort und Einleitung gliedert sich das Buch in die folgenden sechs Kapitel, die ihrerseits zahlreiche Unterkapitel und mehrere Exkurse enthalten:
• Methodisches Vorgehen
• Bedingungen
• Berufspolitik
• Strategien und Taktiken
• Konsequenzen
• Zusammenfassung und Fazit.
Ergänzt wird die Darstellung durch ein Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einen Abbildungsteil.

Peters präsentiert Nanna Contis Leben als ein Konzept, als eine Beschreibung dargestellter Ereignisse, wobei sie insbesondere der Frage nach Contis Rolle im Nationalsozialismus und ihrer Verantwortung nachgeht. Den Fokus richtet sie dabei auf die „Bedingungen ihres Handelns, die Interaktion zwischen ihr und anderen Akteurinnen und Akteuren, ihre Strategien und Taktiken und auf die Konsequenzen ihres Handelns für sie selbst und andere“ (S. 12). Zugleich richtet die Autorin ein besonderes Augenmerk auf die sozialen Bezüge Contis – ihre Familie, Weggefährtinnen und -gefährten, Gegnerinnen und Gegner. Im Hinblick auf ihr Forschungsinteresse schreibt sie: „Es ist das Anliegen dieser Arbeit, die verstreuten Fragmente zu Nanna Contis Leben und Handeln zusammenzutragen, einzuordnen, zu deuten und so zur Analyse des Handelns von Hebammen im nationalsozialistischen Deutschen Reich beizutragen“ (S. 13).

Nach Hinweisen auf ihr methodisches Vorgehen stellt Peters zunächst im Kapitel „Bedingungen“ den familiären und weltanschaulichen Referenzrahmen Nanna Contis dar. In chronologischer Abfolge zeichnet sie dabei dezidiert den Weg Contis von ihrem Geburtsort Uelzen bis zu ihrem späteren Lebensmittelpunkt Berlin nach und veranschaulicht zugleich die Einflüsse, die ihr Denken prägten. Darüber hinaus befasst sie sich mit Contis Konzept von Mutterschaft als wesentlichen Bezugspunkt für ihre Tätigkeit als Hebamme und Hebammenfunktionärin sowie mit den Lebensläufen ihrer drei Kinder, die emotional, beruflich und politisch eng mit ihr verbunden waren. In diesem Kontext zeichnet die Autorin schließlich auch die politische Radikalisierung Contis nach, die zeitgleich mit der ihrer Söhne verlief.

Im Mittelpunkt des Kapitels „Berufspolitik“ steht die Tätigkeit Contis im Neupreußischen Hebammenbund, die „Gleichschaltung“, ihre praktische Arbeit nach 1933 sowie Auseinandersetzungen und Kooperationen. In einem Exkurs skizziert Peters sodann die Tätigkeit Contis für den „jüdischen“ Gynäkologen Dr. Bruno Wolff, bevor sie Contis „Zufluchtsort“ Mellensee vorgestellt.

Im umfangreichsten Kapitel „Strategien und Taktiken“ beschäftigt sich die Autorin mit diversen Themenbereichen, die Nanna Contis Arbeit für die Reichsfachschaft Deutscher Hebammen / Reichshebammenschaft prägten oder bisher noch nicht explizit in Bezug auf Nanna Conti untersucht wurden:
• ihre Visitationsberichte
• das Engagement im internationalen Hebammenverband
• ihre Publikationen außerhalb der Hebammenzeitschrift
• ihre Stellungnahmen zur Eugenik
• die Hebammenarbeit in Zusammenhang mit der „Euthanasie“
• ihre Kontakte zum „Lebensborn“
• ihr ausgeprägter Antikatholizismus und ihr Rassismus
• das 1938 erlassene Reichshebammengesetz
• die Eingliederung der österreichischen Hebammen
• die geburtshilfliche Betreuung der Zwangsarbeiterinnen
• die Einbeziehung der Hebammen in die Eroberung Osteuropas
• die Fortbildung der Hebammen in Alt Rehse und Berlin-Neukölln sowie am Tropeninstitut in Hamburg und schließlich die finanzielle Absicherung der Organisation durch Nanna Conti.

In drei Exkursen widmet sich Peters sodann den Schicksalen jüdischer Hebammen, dem Schicksal des jüdischen Arztes Prof. Philipp Schwartz und dem unangepassten Verhalten einer thüringischen Hebamme sowie Nanna Contis direkter und indirekter Beziehung zu diesen Menschen.

Im Kapitel „Konsequenzen“ beschreibt die Autorin nicht nur Nanna Contis Flucht nach Schleswig-Holstein und ihr dortiges Leben nach Ende des Krieges, sondern auch den schwierigen Umgang der Nachkriegsverbände mit ihrer ehemaligen Führerin, die Auswirkungen des Reichshebammengesetzes auf die Situation der Hebammen in der Bundesrepublik Deutschland sowie das materielle Erbe der Hebammenverbände.

Stellten bisherige Arbeiten vor allem die Situation der Hebammen im Nationalsozialismus oder ihrer Berufsorganisation unter Nennung Nanna Contis dar, hat Peters – gestützt auf eine breite Quellenbasis, darunter Quellen aus rund 60 Archiven und eine Vielzahl zeitgenössischer Veröffentlichungen – erstmals diese Situation explizit aus der Person Nanna Contis heraus oder in Hinblick auf sie untersucht. Wie sie hierbei zeigen kann, wuchs Conti in einer protestantisch geprägten, nationalkonservativen preußischen Familie auf, wobei sie als einschneidende Kindheitserlebnisse die Verarmung der Familie, den frühen Tod ihres Bruders und den Umzug in die Schweiz erlebte. Obwohl Nanna Contis Schulbildung der einer bürgerlichen Tochter entsprach, ergriff sie den Beruf der Hebamme, der zwar ein sozialer Abstieg bedeutete, sie aber in die Lage versetzte, ihre Familie zu ernähren.

Für die völkische und antisemitische Grundhaltung Contis während der Weimarer Republik brachte der Machtantritt der NSDAP einen „rasanten Bedeutungszuwachs“. Dabei entsprach ihre Vorstellung von Mutterschaft, wie die Autorin nachweist, voll der eugenischen, nationalen, rassistischen sowie der gesellschaftlichen und propagandistischen Bedeutungszuschreibung des Begriffs im Nationalsozialismus. Nanna Conti teilte und propagierte das ideologisch aufgeladene Mutterbild des Nationalsozialismus aber nicht nur, sondern setzte gleichzeitig eigene Akzente in Fragen der Kindererziehung und auch in Bezug auf die Rolle des Vaters.

Der politische Erfolg von Nanna Conti lässt sich nach Ansicht von Peters vor allem aus der Interaktion mit ihrem Sohn Leonardo Conti erklären. Während Nanna Conti dem aufstrebenden Gesundheitspolitiker Leonardo die Loyalität der Hebammen, einer im Nationalsozialismus umworbenen Berufsgruppe, sicherte, habe Leonardo Conti seiner Mutter den notwendigen Rückhalt in Politik und in großen Teilen widerstrebender Ärzteschaft verschafft, um jahrzehntealte Hebammenforderungen durchzusetzen. Ihre „außerordentlich gute Vernetzung“ habe ihr zudem die Autorität gegeben, den Einheitsverband der Hebammen im Sinne einer Führerorganisation umzugestalten.

Nach Darstellung der Autorin erreichte Nanna Conti den Höhepunkt ihrer Karriere 1938/39 mit der Verabschiedung des Reichshebammengesetztes. Wenngleich sie dabei den „Primat der Hausgeburt“ nicht gesetzlich verankern konnte, hätten ihr Hebammen im In- und Ausland Bewunderung entgegengebracht. Selbst die International Confederation of Midwives (ICM), die unmittelbar nach dem Krieg jeden Kontakt zu ehemaligen Nationalsozialisten ablehnte, habe Nanna Conti bald darauf wieder durch Erwähnung auf Kongressen und als erste Präsidentin geehrt. Über das Geschehen hält Peters fest: „Offensichtlich vernebelte die einzigartige Stellung der Hebammen in Österreich und Deutschland in der Geburtshilfe den Blick auf die im RHG verankerte Ausgrenzung jüdischer und politisch missliebiger Hebammen. Diese Sichtweise änderte sich erst allmählich in den 1990er Jahren, ohne dass dies Konsequenzen gegenüber den Nachkommen verfolgter Hebammen nach sich gezogen hätte. Ähnlich unbekümmert ging der westdeutsche Hebammenverband mit dem wieder erhaltenen NS-Vermögen um, das er im Wesentlichen den Bemühungen Nanna Contis zu verdanken hatte“ (S. 357).

Aufgrund ihrer Arbeit bemängelt die Autorin, dass sich die Hebammenorganisationen im In- und Ausland bisher nicht mit der Frage auseinandergesetzt haben, inwieweit das Gedankengut, das in den maßgeblich von Nanna Conti vorangetriebenen Fortbildungskursen in Alt Rehse, Hamburg, Berlin-Neukölln und in dezentralen Veranstaltungen vermittelt wurde, das Denken und Handeln von Hebammen über 1945 hinaus beeinflusste. Ebenso habe bis heute keine Abgrenzung gegenüber den Führerinnen von Nanna Contis Gnaden stattgefunden, die nach 1945 und bis weit in die Geschichte der alten Bundesrepublik hinein die Geschicke der Hebammenverbände beeinflussten. Eine Diskussion innerhalb der ICM über die Unterstützung der Reichshebammenschaft und die intensive Kooperation auf nationaler und internationaler Ebene sei ebenfalls bisher nicht erfolgt. Zusammenfassend hält Peters fest: „Was immer Nanna Conti in den Jahren zwischen 1933 und 1945 leistete – die umfassende Repräsentanz im In- und Ausland, den erfolgreichen internationalen Kongress in Berlin, die Vertretung der deutschen Hebammen in der IMU, die Arbeit für das RHG – stand unter dem Zeichen des Hakenkreuzes. Ihre Biographie kann somit nur als die einer nationalsozialistischen Funktionsträgerin geschrieben und gelesen werden“ (S. 359).

Alle bisher vorgestellten Porträts Nanna Contis stützen sich vergleichsweise unkritisch auf propagandistisch gefärbte NS-Literatur. Hiervon grenzt sich die profunde, mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestattete Arbeit von Peters deutlich ab. Der Autorin kann man daher zu dieser Arbeit nur gratulieren, zumal es ihr gelungen ist, erstmals den familiären Kontext von Nanna Conti anhand vieler und unvollständiger Quellen zu rekonstruieren. Die Biographie, die den Blick stets über den Tellerrand hinaus richtet und zugleich spannend zu lesen ist, schließt nicht nur eine Lücke in der bisherigen Geschichtsschreibung über Hebammen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern leistet auch einen wertvollen Beitrag zur Beurteilung der Rolle der Frau in der NS-Gesellschaft und zur Begriffsdefinition der „Täterin“. Von daher sollte das Buch, dem ein großer Leserkreis zu wünschen ist, zur Pflichtlektüre für alle angehenden Hebammen gehören.
 
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen

Menschen mit Demenz
 
Holthoff-Detto, V.
Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2018. 214 S., 29,00 €, ISBN-13: 978-3608949476

Die Thematik einer angemessenen Versorgung und Pflege Demenzkranker im Akutkrankenhaus wird seit einigen Jahren vertieft in den Fachkreisen bearbeitet. Konzepte, Orientierungsleitlinien und auch einige Modellstationen sind in diesem Bereich bereits erstellt worden. Die vorliegende Publikation beinhaltet u. a. diesen Versorgungsschwerpunkt. Es handelt sich dabei um die Arbeit einer Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie mit der Zusatzbezeichnung Klinische Geriatrie, die als Chefärztin einer Klinik in Berlin (Hedwigshöhe) arbeitet und parallel an der TU Dresden Gerontopsychiatrie lehrt.

Die Arbeit ist in zwei Teile mit insgesamt 16 Kapiteln einschließlich Anhang untergliedert.
• In Teil 1 (Kommunikation und Setting – Zugang zu Menschen mit Demenz in der Behandlungssituation, Seite 15 - 53) werden konkrete Konfliktsituationen wie die Überforderung Demenzkranker bei der Aufnahme im Krankenhaus beschrieben und hierfür angemessene Umgangsformen beschrieben. Es folgen Ausführungen über die Angehörigenbegleitung in der Akutsituation und die Kommunikation im Behandlungsverlauf. Dies geschieht teils anhand von Fallvignetten und konkreten Hinweisen bei Problemfällen wie dem Ablehnungsverhalten bestimmten Pflegepersonen gegenüber.
• Teil 2 (Strategien der Diagnosestellung und Behandlung, Seite 55 – 193) beinhaltet u. a. die Bereiche Diagnostik, Schmerzerfassung, die palliative Versorgung, rechtliche Aspekte (u. a. Fahrtauglichkeit, Einwilligungsfähigkeit und Vorsorgevollmacht), Rehabilitation und Elemente der Raumanpassung und Milieugestaltung. Den Abschluss bilden Ratschläge zu konkreten Alltagsproblemen wie Reisefähigkeit, fehlende Krankheitseinsicht und Verweigerung der Medikamenteneinnahme, die Verwendung von Kinderspielzeug und die Anredeform (Duzen u. a.).

Demenzkranke im Krankenhaus sind immer noch ein gravierendes Problem sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Erkrankten selbst. Die in diesem Buch angeführten Erfahrungen und Konzepte können als punktuelle Verbesserungsstrategien aufgefasst werden, doch es fehlen übergreifende strukturelle Maßnahmen im Umgang mit dieser Patientengruppe für den Klinikbereich, die bereits in vielen Pflegeheimen seit vielen Jahren sehr wirksam praktiziert werden. Hierbei handelt es sich u. a. um krankheitsangepasste Vereinfachungs- und Kompensationsstrategien teils ähnlich einer Konditionierung in Verbindung mit biografisch gewachsenen Verhaltensmustern und Umgangsstilen.

Eine Rezension von Sven Lind