Barbara Bojack

Lehmanns Media Verlag, Berlin, 2024, Broschur, 205 Seiten, 16,95 €, ISBN: 978-3-96543-502-5

Unter denjenigen, die heute ein Medizinstudium beginnen, ist der Anteil an Frauen höher als der von Männern. Dies ist relativ neu, war Frauen doch über lange Zeit der Zugang zum Studium generell verwehrt. Als sie dann schließlich doch Medizin studieren durften, war es häufig ein steiniger Weg bis zu ihrem Einstieg ins Berufsleben. Was einzelne „Pionierinnen der Medizin“ – ab dem 20. Jahrhundert bis heute – erlebt haben, wie ihr beruflicher und privater Lebensweg aussah, möchte das vorliegende Buch auf Basis von Interviews mit Ärztinnen nachzeichnen.

Verfasst wurde das Buch von Barbara Bojack, die nach dem Studium der Medizin in Tübingen dort auch 1985 mit einer Arbeit über „Die Ureterozele im Kindesalter“ zum Dr. med. promovierte und 1993 Fachärztin für Urologie wurde. Nach Tätigkeit in Kliniken, im öffentlichen Gesundheitswesen und im Strafvollzug arbeitet sie seit 1997 in eigener Praxis als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin in der hessischen Universitätsstadt Gießen, wobei sie „das Wohl ihrer Patienten in den Mittelpunkt des Handelns“
(http://www.psychotherapie-bojack.de) stellt.

Die Autorin, die seit 2002 auch eine Lehrtätigkeit an der Universität Eichstätt im Bereich Sozialmedizin und seit 2008 als Honorarprofessorin an der Universidad Buenos Aires (medizinische Fakultät) wahrnimmt, ist seit 2015 in der Soziologie habilitiert. Ihr Forschungsschwerpunkt, zu dem sie zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge veröffentlichte (http://www.psychotherapie-bojack.de/index.php/publikationen), ist Gewalt in verschiedenen Bereichen.

Der schmale Band gliedert sich in fünf Kapitel. Im Anschluss an eine „Historische Einführung“ (S. 7-11), „Konzept und Überlegungen zu den Interviews“ (S. 13-15) sowie Hinweise zum „Forschungsstand“ (S. 17-18) und „Umsetzung“ (S. 19-20), folgen 13 „Lebensgeschichten“ (S. 21-185) und ein „Schlusswort“ (S. 187-189). Ergänzt wird die Darstellung durch einen „Anhang“ (S. 191-204) mit kurzen Ausführungen, etwa zur Methodik, Interviewführung und Transkription.

Die historische Einführung zur Entwicklung der Beteiligung von Frauen am Studium und im Beruf als Ärztin sowie das vorgestellte Konzept zu den Interviews fallen mit knapp vier und zwei Seiten nicht nur sehr bescheiden aus, sondern beruhen größtenteils auch auf veralteten Daten. Nicht zuletzt zur Einordnung der präsentierten Lebensgeschichten hätte man sich hier sowohl ausführlichere als auch aktuelle Informationen gewünscht. So waren beispielsweise im Wintersemester 2021/2022 in Deutschland insgesamt 105.275 Studierende im Fach Humanmedizin eingeschrieben, von denen etwa zwei Drittel (67.149) der Studienanfänger:innen Frauen waren. Zum Vergleich: Im Jahr 2008/2009 war nur knapp die Hälfte (48.644) der neuen Studierenden weiblich. Nach Angaben der Bundesärztekammer ist auch der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärzt:innen 2021 weiter angestiegen und zwar auf 48,5 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 1991 betrug der Frauenanteil unter den berufstätigen Ärzt:innen noch 33,6 Prozent, also nur rund ein Drittel.

Auch den Forschungsstand zu Biographien von Ärzt:innen legt Barbara Bojack mit gut einer Seite wiederum sehr bescheiden dar. Es gäbe zwar „diverse Zusammenstellungen von weiblichen Lebensläufen“, ein großer Teil sei aber unveröffentlicht und ruhe in – von der Autorin leider nicht namentlich genannten – Archiven. Von daher sei es notwendig, „weibliche Biografien in der Medizin zu erheben und sie dann auszuwerten. Hier könnten Hinweise enthalten sein, wie es dazu kommt, dass Frauen in diesem Berufsbereich zwar vertreten sind, jedoch nicht in höheren Positionen“ (S. 18).

Bei ihren Hinweisen zur Interviewführung und Transkription stellt Barbara Bojack fest, dass die Darstellung der Interviews „intensiv und aufschlussreich“ sei, weshalb „auf die Analyse verzichtet“ werde; diese könnten aber jederzeit angeschlossen werden unter Zuhilfenahme des Gesamtinterviews. Die anschließend vorgestellten Transkripte der Interviews seien chronologisch angeordnet: „Dadurch entsteht eine Sicht auf Lebensläufe von Ärztinnen im Zeitverlauf und die veränderten Situationen, denen sie sich anzupassen und zu stellen hatten und haben“ (S. 20).

Im Schlusswort macht die Autorin darauf aufmerksam, dass es sich bei den Frauen, mit denen sie die Interviews führte, „um eine besondere Selektion“ handelt: „Alle Kolleginnen sind besonders engagiert, haben ihren Beruf als Berufung gewählt, sind ihren individuellen Weg gegangen. Sie sind humorvoll und zuversichtlich, nahmen auch Umwege in Kauf. Sie alle bekleiden verschiedene Rollen und wurden diesen gerecht“ (S. 187).

Aufgrund des Forschungsstands hat die Forderung von Barbara Bojack nach Erhebung und Auswertung von weiblichen Biografien in der Medizin sicherlich ihre Berechtigung. Es stellt sich natürlich die Frage, warum sie nicht die Gelegenheit ergriffen und im Rahmen ihres Buchprojekts die Aufgabe gelöst hat. So stellt die Autorin zwar einige Fragestellungen zur Auswertung der Interviews vor, beantwortet diese aber nicht. Zudem zeigt die Veröffentlichung eine Reihe methodischer Mängel, indem nirgends Kriterien zur Auswahl der interviewten Personen, zum Ziel der Erhebung, zum Ort und Zeit der Interviews bis hin zur „Überarbeitung“ (S. 205), die die erhobenen Daten durch den Physik- und Biologielehrer Joachim Mietusch erfahren haben, benannt werden. Warum die Namen aller Interviewten, die heute scheinbar in Hessen beziehungsweise dem Großraum Gießen zu Hause sind, anonymisiert wurden, bleibt ebenfalls unklar. Bei einigen von ihnen, das sei nebenbei bemerkt, ist es übrigens aufgrund bestimmter Angaben ein leichtes, den Namen mit Hilfe diverser Such-Maschinen in Erfahrung zu bringen. Schließlich ist zu beanstanden, dass das Buch zwar ein Literaturverzeichnis enthält, sich dort aber lediglich 17 „Anmerkungen“ finden, während die in Harvard-Zitierweise (Kurzbeleg mit Angabe von Namen und Jahreszahl) benutzte „Literatur“ nicht verzeichnet ist.

Sieht man hiervon einmal ab, sind die einzelnen Lebensgeschichten durchaus spannend, interessant und lesenswert, auch wenn es hierzu keine systematische Analyse und Auswertung gibt. Unterdessen dürften die darin immer wieder zu findenden Aussagen zur Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts, auch wenn in den präsentierten Texten zuweilen ein anderer Eindruck erweckt wird, nicht nur ein Problem von Medizinstudentinnen und Ärztinnen gewesen sein. Eine Beurteilung der Situation unter heutigen Gesichtspunkten ohne Berücksichtigung der zeitgenössischen Verhältnisse muss zwangsläufig zu kurz fassen und zu anderen Ergebnissen führen.

Wer also ein Buch mit Lebensgeschichten von Ärztinnen im 20. und 21. Jahrhundert lesen möchte, wird an dem „Ärztinnenbuch“ beziehungsweise den „Pionierinnen der Medizin“ seine Freude haben. Wer die Veröffentlichung jedoch in der Hoffnung zur Hand nimmt, eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema zu lesen, wird eher enttäuscht sein.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Rainer Schlösser, Stefan Schomann (Hrsg.)

(Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 13) AVM – Akademische Verlagsgemeinschaft München, München, 2024, 322 Seiten, broschiert, 37,00 €, ISBN 978-3-95477-179-0

Er dauerte fünf Jahre und endete 1959: Der erste humanitäre Auslandseinsatz des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945). Im Frühjahr 1954 hatte in Busan in Südkorea ein Krankenhaus seine Tore geöffnet, das bald Geschichte schrieb. Im Auftrag der Bundesregierung – die Entscheidung darüber gab Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967) bereits im April 1953 in Washington bei seinem ersten Besuch in den Vereinigten Staaten bekannt – stellte das DRK nach mehrmonatigen Vorbereitungen in der Hafenstadt vom 17. Mai 1954 bis zum 31. März 1959 die medizinische und pflegerische Versorgung der notleidenden Bevölkerung nach Ende des verheerenden Koreakrieges (1950-1953) sicher. Für das Deutsche Rote Kreuz sollte es einer der aufwendigsten Missionen seines Bestehens überhaupt werden. Zunächst als Feldlazarett im Koreakrieg gedacht, wurde es alsbald für die zivile Nutzung umgewidmet und leistete einen gewichtigen Beitrag zum Wiederaufbau des zerstörten Landes. Im Laufe von knapp fünf Jahren wurden dort mehr als 21.500 Patient:innen stationär und rund eine Viertelmillion Menschen ambulant behandelt, viele davon Kriegsflüchtlinge, darunter viele Arme und Bedürftige. Unter schwierigsten Bedingungen retteten dabei deutsche Ärzte und Rotkreuzschwestern Leben, brachten Kinder auf die Welt, pflegten Kranke und Verwundete und bildeten koreanische Schwestern und Fachärzte aus.

Deutschland unterstützte mit dem Krankenhaus den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung Südkoreas. Die Mission sollte nicht nur „einen Teil des Dankes abtragen, den das deutsche dem amerikanischen Volk für die mitmenschliche Hilfe in den ersten Nachkriegsjahren schuldet“, sondern – wenige Jahre nach Ende der NS-Herrschaft – auch dazu beitragen, verlorenes Vertrauen in die im Verlauf des Nürnberger Ärzteprozesses, der vom 9. Dezember 1946 bis 20. April 1947 stattfand, schwer in Misskredit geratene deutsche Ärzteschaft zurückzugewinnen.

In einer Zeit, in der es anfangs in beiden Landesteilen kaum ein funktionierendes Hospital mehr gab, trug das DRK-Krankenhaus in Busan wesentlich zur körperlichen und seelischen Gesundung der leidgeprüften Nation bei. Dennoch geriet dieser Langzeiteinsatz des DRK weitgehend in Vergessenheit und erfuhr erst in den letzten Jahren eine Neubewertung und Würdigung, insbesondere von koreanischer Seite. Nachdem das Deutsches Rotes Kreuz 2018 das Busan gewidmete, von Hans-Christian Bresgott, Hellmut Giebel, Anja Martin, Na Dong-Wook und Stefan Schomann verfasste Themenjournal „Hilfe in der Not. Das deutsche Krankenhaus in Busan“ in der Reihe „inform. Das Magazin des DRK“ veröffentlichte, um an das DRK-Krankenhaus in der vom Koreakrieg verwüsteten süd-koreanischen Hafenstadt Busan zu erinnern und zugleich aus verschiedenen Blickwinkeln einen seiner langwierigsten und schwierigsten Auslandseinsätze zu würdigen (vgl. die Rezension des Verfassers in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe, 8. Jg., Ausgabe 1-2019, S. 51-52), gaben jüngst Stefan Schomann und Rainer Schlösser das umfangreiche Buch „‚Sie haben uns im Herzen Mut gegeben‘. Das DRK-Krankenhaus in Busan, Korea, 1954-59“ als Band 13 der „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“ heraus.

Der in Berlin lebende Germanist Stefan Schomann arbeitet als Autor und Journalist (https://www.stefanschomann.de/startseite), wobei er sich mit der Arbeit des DRK bereits seit längerem intensiv beschäftigt. So veröffentlichte er zum 150. Jubiläum des Roten Kreuzes 2013 das Buch „Im Zeichen der Menschlichkeit. Geschichte und Gegenwart des Deutschen Roten Kreuzes“ (vgl. die Rezension des Verfassers unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/15826.php), in dem er in Bild und Wort die Geschichte des DRK von den Anfängen im 19. Jahrhundert durch die Zeiten der Weltkriege und der deutschen Teilung hindurch bis in die Gegenwart schildert. Ferner ist er Mitherausgeber der Bände 7, 8 und 10 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e. V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von Petra Liebner, Rainer Schlösser, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“.

Prof. Dr. Rainer Schlösser aus Luckenwalde (Kreisstadt des Landkreises Teltow-Fläming in Brandenburg) war bis zu seiner Emeritierung 2008 Lehrstuhlinhaber für Romanische Sprachwissenschaft (Italienisch und Französisch) an der Universität Jena und leitete 16 Jahre lang (bis 2022) die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Rotkreuz-Museen. eit ielen ahren hrenamtlich im DRK aktiv, unter anderem als Leiter des Rotkreuz-Museums uckenwalde https://www.drk-flaeming-spreewald.de/luckenwalde/rotkreuz-museum.html), veröffentlichte er zahlreiche Beiträge zur nationalen und internationalen Rotkreuzgeschichte, wobei er auch regelmäßig Beiträge für den „Rotkreuzblog“ des Landesverbandes Brandenburg e. V. (https://blog.drk-brandenburg.de/author/rainer-schloesser/) verfasst.

In ihrer Vorbemerkung (S. 9-11) weisen die Herausgeber darauf hin, dass der Einsatz in Busan, wenngleich einer der längsten und aufwendigsten in der Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes überhaupt, sowohl innerhalb des DRK wie auch in der deutschen Öffentlichkeit, „gelinde gesagt, stiefmütterlich behandelt“ wurde. So sei es der koreanischen Seite vorbehalten geblieben, dieses bedeutende Kapitel koreanisch-deutscher Geschichte wiederzuentdecken: 2016 erarbeitete das koreanische Kulturzentrum in Berlin eine umfangreiche, auch künstlerisch inspirierende Ausstellung zum Thema, 2017 ehrte die Botschaft der Republik Korea in Deutschland eine Reihe von Veteranen des DRK-Krankenhauses und 2018 fand in Seoul eine militärgeschichtliche Tagung statt, auf die hin Deutschland in die Gruppe jener Staaten aufgenommen wurde, die Südkorea in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit mit medizinischer Hilfe beigestanden hatten. Zugleich habe dieser deutsche Beitrag auch in Museen wie der Kriegsgedenkstätte in Seoul oder dem Gedenkfriedhof der Vereinten Nationen in Busan einen prominenten Platz erhalten. Nach der Einweihung eines Denkmals im Garten des Berliner Generalsekretariats des DRK im Mai 2024 und einer der Mission in Busan gewidmeten Sonderausstellung der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg in Luckenwalde, möchte die vorliegende Veröffentlichung dazu beitragen, so Stefan Schomann und Rainer Schlösser, eine der aufwendigsten Friedensmissionen in der nunmehr hundertsechzigjährigen Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes in Deutschland zu vergegenwärtigen.

Das Buch, für das viele neue Text- und Bildquellen erschlossen werden konnten, gliedert sich in vier Bereiche, die insgesamt 24 Beiträge von 10 Autor:innen aus Deutschland und Korea vereinen, darunter historische Berichte und Erinnerungen von Zeitzeugen.

Im Mittelpunkt der fünf Beiträge, die im ersten Bereich „Essays“ (S. 15-114) versammelt sind, stehen die Einrichtung und der Arbeitsalltag des DRK-Krankenhauses in Busan, der Koreakrieg in der Frühphase des Kalten Krieges, die humanitäre und medizinische Hilfeleistung anderer Staaten (Dänemark, Indien, Italien, Schweden), die Entwicklung von Busan vom Fischerstädtchen zum Welthalfen und eine „Reflexion über ein fast vergessenes Kapitel deutsch-koreanischer Zusammenarbeit“.

Der zweite Bereich dokumentiert „Zeitzeugnisse“ (S. 115-212) über das DRK-Krankenhaus in Busan. Neben zeitgenössischen Veröffentlichungen der Ärzte Dr. Eberhard Daett (1912-2005) und Dr. Herbert Lieske, die 1959 in der Zeitschrift „Deutsches Rotes Kreuz. Zentralorgan des DRK in der Bundesrepublik Deutschland“ erschienen, stehen dabei Briefe von Gertrud Stork von der Badischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz und Hedwig Ebert von der Schwesternschaft Wuppertal-Barmen, die privaten Erinnerungen von Dr. Wolfram Schopp (1921-2004) an seine Zeit in Busan, ebenso wie ein Beitrag des Radioreporters Gerd Ruge, den der Westdeutsche Rundfunk (WDR) am 31. März 1959 anlässlich der Schließung des deutschen Krankenhauses in Busan in der Sendung „Echo des Tages“ brachte.

Im dritten Bereich „Zeitzeugenberichte“ (S. 213-284) kommen zehn Personen, die im DRK-Krankenhaus in Busan mit den unterschiedlichsten Aufgaben und Funktionen betraut waren, mit ihren persönlichen Erinnerungen zu Wort. Die einzelnen Berichte stammen dabei nicht nur von Krankenschwestern, Ärzten, Technikern und Dolmetschern, sondern auch von Patient:innen, Schüler:innen und Angehörigen von Entsandten.

Der abschließende, vierte Bereich „Epilog“ (S. 285-316) dokumentiert vier Abschiedsbriefe aus Busan, würdigt mit Hedwig und Hubert Mayer zwei in Busan wirkende „Helden im Verborgenen“ und stellt als „Orte der Erinnerung“ die an das DRK-Krankenhaus und die Arbeit des DRK in Busan erinnernden Denkmäler in Busan und Berlin vor. Ferner berichtet hier der Journalist Norbert Jachertz unter der Überschrift „Beliebt und unentbehrlich“ über koreanische „Arbeitsmigranten“ in Deutschland.

Insgesamt betrachtet vermittelt das sehr informative, durchgehend mit zahlreichen zeitgenössischen Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierte Buch, das parallel auch auf koreanisch erscheint, ein sehr authentisches Bild von der Arbeit des DRK-Krankenhauses in Busan 1954-1959. Wie die Darstellung anschaulich zeigt, stiftet dieses Krankenhauses auch siebzig Jahre nach seiner Eröffnung eine Brücke zwischen Ost und West. Zugleich bietet es ein lebendiges Beispiel für den Geist und für die Tatkraft des Roten Kreuzes, auch und gerade in schwierigen Zeiten.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

 

Michael Sachs

Max Schmidt-Römhild Verlag, Lübeck, 2024, Broschur, 135 Seiten, 85,00 €, ISBN 978-3-7950-7133-2

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Historie der Medizingeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht dabei die Entwicklung von 1916 bis 1971, von der ersten Vorlesung über Geschichte der Medizin bis zum Dr. Senckenbergischen Institut für Geschichte der Medizin.

Verfasst wurde der schmale Band, der mit Unterstützung der „Prof. Dr. Walter Artelt und Prof. Dr. Edith Heischkel-Artelt Stiftung“ (Frankfurt am Main) gedruckt wurde, von Prof. Dr. med. Michael Sachs, der seit 2021 Kommissarischer Leiter des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der J. W. Goethe-Universität ist. Der Autor, der sich 1995 in Frankfurt als Privatdozent für das Fach Chirurgie (Fachbereich Humanmedizin der J. W. Goethe-Universität) habilitierte, ist Verfasser einer Vielzahl von Buch- und Zeitschriftenbeiträgen. Zu seinen bedeutendsten Monographien gehören die fünfbändige „Geschichte der operativen Chirurgie“ (Heidelberg 2000-2005) und das sieben Bände umfassende „Historische Ärztelexikon für Schlesien. Biographisch-bibliographisches Lexikon schlesischer Ärzte und Wundärzte (Chirurgen)“
(Pfaffenhofen 1997-2024).

In seinem Vorwort macht Michael Sachs darauf aufmerksam, dass in Abhängigkeit vom jeweiligen Zeitgeist das Fach „Geschichte der Medizin“ an den deutschen Universitäten in den vergangenen einhundert Jahren einem starken Wandel unterworfen war und ist. So wie der Name und die Struktur der 1914 gegründeten Universität in Frankfurt am Main und auch des medizinhistorischen Instituts verändert wurden, so sei auch das Studienfach „Geschichte der Medizin“ grundlegend verändert worden. Zur Bedeutung und Intention seiner Schrift hält er sodann wörtlich fest: „Der Verfasser dieser Chronik hat versucht, die wechselvolle Institutsgeschichte auf dem Hintergrund der Universitäts- und Fachgeschichte in Band I zunächst bis 1971
darzustellen“ (S. 5).

Die durch zahlreiche Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierte Darstellung gliedert sich in zehn Kapitel, in denen – gestützt auf Archivalien des Dekanatsarchivs als Depositum im Archiv des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin (SIGEM) und des Universitätsarchivs Frankfurt am Main (UAF) sowie zeitgenössische Veröffentlichungen – die Entwicklung der Medizingeschichte in Frankfurt am Main von ihren Anfängen bis Anfang der 1970er Jahre dezidiert nachgezeichnet wird.

Wie Michael Sachs in Kapitel 1 „Zur Situation der Medizingeschichte an deutschsprachigen Universitäten zur Zeit der Universitätsgründung in Frankfurt am Main 1914“ (S. 7-8) zeigt, war das Studienfach „Geschichte der Medizin“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht Prüfungsgegenstand im Medizinstudium. An den Universitäten des Deutschen Reiches habe es Anfang des 20. Jahrhunderts nur einen einzigen Lehrstuhl für Geschichte der Medizin in einem Institut gegeben, nämlich in Leipzig, wo 1906 das weltweit erste medizinhistorische Institut von der verstorbenen Frau des Wiener Medizinhistorikers Theodor Puschmann (1844-1899) gestiftet wurde.

Wie im Kapitel 2 „Die ersten Vorlesungen über Geschichte der Medizin an der Universität durch Richard Koch (1916-1926)“ (S. 9-22) dargelegt, fand die erste Vorlesung über Geschichte der Medizin an der Universität Frankfurt („unentgeltlich“) im Sommersemester 1916 durch den Internisten Dr. med. Richard Koch (1882-1949) statt. Dessen Versuch, sich 1917 für Geschichte der Medizin zu habilitieren, sollte zunächst scheitern. Erst sein zweiter Versuch 1919/20 sei erfolgreich gewesen, nachdem sich im Vorfeld Prof. Dr. med. Karl Sudhoff (1853-1938) in Leipzig als führender Medizinhistoriker Deutschlands und Inhaber des bislang einzigen Lehrstuhls beim Dekan in Frankfurt für Koch eingesetzt hatte. In Ermangelung von Räumlichkeiten im Universitätsbereich habe dieser seine Vorlesungen über die „Geschichte der Medizin“ und „Einführung in das Studium der Medizin“ in seiner Privatwohnung im Westend abgehalten. Dessen 1924 bei der „Hohen Medizinischen Fakultät“ 1924 gestellter „Antrag auf Gründung eines medizinhistorischen Instituts an der Universität Frankfurt“ sei aber nicht weiterverfolgt worden.

Aufbauend auf Kapitel 3 „Koch erhält einen ‚unbezahlten Lehrauftrag für Geschichte der Medizin‘ und die Anerkennung als ‚Seminar‘ an der Universität Frankfurt (1927)“ (S. 23-26), geht es in Kapitel 4 um „Das ‚Seminar für Geschichte der Medizin‘ (1928-1932)“ (S. 27-34). Wie der Autor zeigt, versuchte Koch – nachdem seine Bemühungen um die Besetzung eines Extraordinariates gescheitert waren – 1930 wenigstens die Umwandlung des unbezahlten in einen bezahlten Lehrauftrag zu erreichen, wobei die Gewährung eines „honorierten Lehrauftrages“ jedoch erst 1931 erfolgen sollte. Nachdem Koch im Mai 1931 schwer erkrankt war, habe er erst am 1. Januar 1933 seine Vorlesungstätigkeit wieder aufnehmen können. Seine am 25. Januar 1933, also nur wenige Tage vor der NS-Machtergreifung, dem seinerzeitigen Dekan Prof. Franz Volhard (1872-1950) gestellte Frage, ob er sein „bisheriges Seminar für Geschichte der Medizin, von jetzt ab seitdem es eigene Räume besitzt und damit arbeitsfähig ist, Institut für Geschichte der Medizin nennen darf“, sei „vorläufig zurückgestellt“ worden.

Kapitel 5 beleuchtet „Die vorläufige ‚Beurlaubung‘ (April 1933) und ‚Entlassung‘ Kochs (September 1933)“ (S. 35-40). Der aus einer jüdischen Familie stammende Koch war von dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ betroffen, welches die Nationalsozialisten am 7. April 1933 mit dem Ziel erlassenen hatten, Juden, Menschen jüdischer Herkunft und politisch unerwünschte Personen aus dem Staatsdienst zu entfernen. Das akademische Wirken von Koch in Frankfurt, dem am 2. September 1933 durch den Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung aufgrund des besagten Gesetzes die Lehrbefugnis entzogen wurde, obwohl er eigentlich kein Beamter war, beruhte – wie Michael Sachs festhält – „auf einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Verbindung einer Trias aus ärztlicher Praxis, Analyse der theoretischen Grundlagen der Heilkunde und Medizingeschichte“ (S. 38).

Im Anschluss an Kapitel 6, in dem es um „Die Auflösung des ‚Seminars für Geschichte der Medizin‘ (1935)“ (S. 41-42) geht, thematisiert Kapitel 7 „Die Gründung eines ‚Instituts für Geschichte der Medizin‘ durch die Dr. Senckenbergische Stiftung und die Berufung Walter Artelts (1938)“ (S. 43-53). Der Autor legt dabei unter anderem die Bedeutung des Frankfurter Arztes
Dr. med. Johann Christian Senckenberg (1707-1772), dem Begründer der heute noch bestehenden Senkenbergischen Stiftung, und dessen Stiftungsbrief hinsichtlich der Gründung eines „Instituts für Geschichte der Medizin“ in Frankfurt dar, ebenso wie die Betrauung von Dr. med. et phil. Walter Artelt 1937 mit einem Lehrauftrag sowie die Umbenennung von „Institut für Geschichte der Medizin“ in „Senckenbergisches Institut für Geschichte der Medizin 1938.

Das Jahr 1939 brachte, was in Kapitel 8 „Das Institut in der Kriegs- und Nachkriegszeit (1939-1949)“ (S. 55-66) thematisiert wird, eine wichtige Aufwertung für das Fach der Medizingeschichte an den deutschen Universitäten, indem erstmals eine Vorlesung „Geschichte der Medizin“ im 2. vorklinischen Semester verpflichtend war. Die neuen Bestimmungen konnten jedoch durch den wenige Monate später beginnenden Zweiten Weltkrieg (1939-1945), so Michael Sachs, „aber kaum umgesetzt werden, da die Lehrbeauftragten bzw. Lehrstuhlinhaber für Medizingeschichte in Deutschland zum großen Teil zur Wehrmacht eingezogen wurden“ (S. 56). Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) sei Artelt, der 1942 zum außerplanmäßigen Professor ernannt worden war, nach Kriegsende zunächst einmal aus dem Universitätsdienst entlassen worden. Von der Frankfurter Spruchkammer 1947 zunächst in die Stufe V („Entlastete“) eingruppiert, sei er nach Einspruch der Militärregierung in die Gruppe IV („Mitläufer“) eingruppiert worden, wenngleich zahlreiche Zeugen schriftliche Erklärungen abgegeben hatten, „dass Artelt sich niemals im Sinne des Nationalsozialismus betätigt oder auch nur geäußert habe“ (S. 62).

Wie in Kapitel 9 „Weitere Entwicklung des Instituts von 1950 bis zur Emeritierung Artelts 1971“ (S. 67-74) ersichtlich, gab es 1950 lediglich an den Universitäten Leipzig, Berlin, München, Bonn, Mainz, Freiburg i.Br. und in Frankfurt am Main medizinhistorische Institute für Geschichte der Medizin, an den anderen deutschen Universitäten lediglich Lehraufträge. Seit Sommersemester 1949 wieder außerplanmäßiger Professor, sei Artelt 1958 zum ordentlichen Professor ernannt worden, wodurch die Universität Frankfurt erstmals einen ordentlichen Lehrstuhl (Ordinariat) für Geschichte der Medizin hatte. Aus Protest gegen die hessische Universitätsreform 1970 habe er im Alter von 64 Jahren seine Emeritierung beantragt, die ihm im August 1971 vom damaligen Hessischen Kultusminister Ludwig von Friedeburg (1924-2010) gewährt worden sei. Über die zeitgenössische Entwicklung, auf Vorschlag der medizinischen Fakultät war Prof. Dr. Günter Mann (1924-1992) vom Hessischen Kultusminister als Nachfolger Artelts berufen worden, hält der Autor fest: „Im Falle des Frankfurter medizinhistorischen Instituts scheint sich die Umstrukturierung nicht bewährt zu haben. Aus den erhaltenen Akten ergibt sich, dass die Professoren Winkelmann und Preiser nicht mit ihrem neuen Kollegen Mann, Kümmel und Seifert harmonisierten“ (S. 72). Mehrfach habe daher 1974 der Dekan eingeschaltet werden müssen.

Das Kapitel 10 „Das Personal des Instituts 1938-1971“ (S. 75-88) bietet schließlich in chronologischer Reihenfolge einen Überblick über das wissenschaftliche Personal des Instituts einschließlich der Bibliothekarinnen und Büro-Angestellten.

Ergänzt wird die mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestatte Arbeit durch vier „Anlagen“: einem tabellarischen Lebenslauf und Publikationsverzeichnis von Prof. Richard Koch (1882-1949) (S. 91-104), einem tabellarischen Lebenslauf und Publikationsverzeichnis von Prof. Walter Artelt (1906-1976) (S. 105-124), einem Überblick über wertvolle alte Drucke zur Geschichte der Medizin aus der Institutsbibliothek (S. 125-132) und einem Verzeichnis der archivalischen Quellen
(S. 133) sowie einem alphabetischen Register der ehemaligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Seminars und später des Instituts für Geschichte der Medizin 1927 bis 1971 (S. 134-135).

Während von dem Medizinhistoriker Prof. Dr. med. et Dr. phil. Udo Benzenhöfer (1957-2021) eine Arbeit über die „Gründungsgeschichte der Medizinischen Fakultät in Frankfurt am Main“ (Münster 2011) bereits seit einiger Zeit vorliegt, gab es bislang keine wissenschaftliche Studie, die über die Entwicklung der Medizingeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main informierte. Dieses Desiderat besteht dank der vorliegenden Arbeit von Michael Sachs jetzt nicht mehr. Da die Veröffentlichung als „Band I“ erschienen ist, darf man schon jetzt auf weitere Arbeiten zu „100 Jahre Medizingeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main“ gespannt sein.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling