Dekubitus und Dekubitusprophylaxe<br> Verstehen - verhindern - verändern (Rezension)

Dekubitus und Dekubitusprophylaxe
Verstehen - verhindern - verändern (Phillips, Jenny)

Verlag Hans Huber, 2001 232 +IV S., 16 Abb., 24 Tab., 39,80 DM - ISBN: 3-456-83324-5

Rezension von: Klaus-Dieter Neander

Das 1997 von der englischen Krankenschwester vorgelegte Buch ist zum Selbststudium pädagogisch so aufbereitet, daß es verschiedene Lernstufen vorgibt, Lernziele und Tests zur Selbstüberprüfung beinhaltet. Englischen Kolleginnen und Kollegen soll damit die Möglichkeit gegeben werden, Teile der Pflicht-Pflegeweiterbildung im Selbststudium zu Hause zu absolvieren. In Deutschland ist die regelmäßige Weiterbildung für Pflegekräfte bisher nicht vorgeschrieben. Ob das pädagogische Konzept dieses Buches den selbstgestellten Ansprüchen zur qualitativen Weiterbildung genügt, kann ich nicht beurteilen, habe aber insofern meine Zweifel, als der fachwissenschaftliche Anspruch des Buches in vielen Dingen nicht erreicht wird.

Das Buch hat eine deutschsprachige Bearbeitung durch den Kollegen Gerhard Schröder erfahren, der ja in der Dekubitusszene kein Unbekannter ist. Leider ist nicht zu erkennen, wo Herr Schröder das Buch auf die deutsche Situation hin angepaßt hat - es wäre gut und nützlich, wenn der Leser nachvollziehen könnte, wo die deutsche Ausgabe von der englischen abweicht. Dies ist schon insofern ärgerlich, als z.B. die verschiedenen Fachvereinigungen der Dekubitusspezialisten, die es in England und USA gibt, benannt und deren Aufgaben und Tätigkeiten umrissen werden, aber gerade auf die Darstellung der deutschen Gruppierungen verzichtet wird. Dem Leser wird die Möglichkeit gegeben, sich mit den internationalen Gruppierungen auseinander zu setzen - hilfreich wäre es gewesen, hätte man z.B. die Adressen oder E-mail-Adressen angegeben, um die Möglichkeit der Kontaktaufnahme zu erleichtern. Zudem wirkt es mehr als störend, wenn Herr Schröder in seinen "Anmerkungen des deutschen Herausgebers" auf die von ihm inszenierten Aktivitäten in Wiesbaden hinweist, die zum Abschluß "Pflegeexpertin / Pflegeexperte Dekubitus" führt. Diese Aktivitäten sind berufspolitisch nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern nicht die einzigen Aktivitäten dieser Art in Deutschland, so daß es fair gewesen wäre, auch Konkurrenzangebote zumindest zu benennen.

Im Vorwort schreibt die Autorin: "Noch ist man sich über die Bedeutung der verschiedenen Einflußfaktoren, der Art und Dauer des einwirkenden Druckes und deren Auswirkungen auf die Entstehung und Prävention des Dekubitus nicht im klaren" - und für diesen wesentlichen Satz muß man heute dankbar sein, denn gerade die deutsche Beschäftigung mit dem Thema hat sich in den letzten Jahren sehr auf die Frage der Druckentlastung zur Dekubitusprophylaxe konzentriert und andere Faktoren noch nicht ausreichend berücksichtigt.

In einem Buch aus England, das übersetzt wurde, Hinweise auf die sprachlichen Probleme zu finden, wie denn nun den Plural von Dekubitus zu benennen ist (Dekubiti oder Dekubitusulcera) verwundert ein bißchen, das Ergebnis dieser kurzen Diskussion auch: es geht nicht um die sprachliche Gegenüberstellung von Dekubiti oder Ulcera, sondern um die Frage, ob "Dekubiti" oder "Dekubitus" (wo bei die vierte Silbe lang ausgesprochen wird, wie: dekubituus). Zu dieser sprachwissenschaftlichen Diskussion gibt es schon längere Diskussionsbeiträge, die m.E. aber seit dem Essay von Leffmann in der Zeitschrift "Altenpflege" abschließend geklärt sind.

Auch dieses Buch liefert keine neuen Erkenntnisse über die Wirkung von Urin auf die Haut und die immer wieder postulierte Bedeutung der Dekubitusentstehung: es wird wiederholt die Behauptung aufgestellt, Urin würde die Haut mazerieren und damit das Problem der Dekubitusentstehung verstärken - Literaturbelege fehlen dazu allerdings.

Die Mähr von Schädigung der Haut durch Franzbranntwein und Ölen wird hier einmal mehr breitgetreten, ohne daß es dazu substantielle Belege gäbe - bzw. Belege, die nachweisen, daß Franzbranntwein die Haut nicht schädigt, werden in der deutschen Bearbeitung nicht erwähnt. Es ist ein Unterschied, ob " ... keine der aufgetragenen Substanzen ( ... ) eine Verringerung der Inzidenz von Dekubitus aufgezeigt (hat)", wie aus dem auch ins Deutsche übersetzten Buch von Walsh & Ford zitiert wird, oder ob diese Substanzen selbst schädigend wirken, wie erneut unterstellt wird. Die Studie von Norton, die im Text erwähnt wird und belegen soll, daß Alkohol (wohlgemerkt: nicht Franzbranntwein!) etwas mit der Entstehung des Dekubitus zu tun hat, wird leider nicht als Literaturquelle benannt.

Auf den Seiten 45 und 69 des Buches wird auf den Fingertest zur "Diagnostik des Dekubitus im Stadium der Hautrötung" verwiesen: "Nach der Druckentlastung drückt man die rote Geweberegion mit der Fingerspitze ein. Bleibt dann die Haut infolge des Eindrückens rot - statt der üblichen Weißfärbung - so deutet dies auf eine Gewebeschädigung hin und prophylaktische Maßnahmen sind dringend erforderlich." Es wird zwar versprochen, daß auf Seite 69 f. erläutert wird, wie sich dieser diagnostische Hinweis erklären läßt, leider wird das Versprechen nicht oder zumindest nicht ausreichend gehalten: angeblich ist die pathophysiologische Erläuterung in der Tatsache begründet, daß das Lymphsystem in dem Stadium geschädigt ist, überzeugende Literaturstellen oder Belege finden sich in dem Buch jedoch leider nicht.

Gut gelungen ist die Darstellung und Beschreibung der Begriffe Prävalenz und Inzidenz, die sich im pflegewissenschaftlichen Sprachgebrauch erst langsam durchsetzen und deren Definition nicht Jedem ausreichend bekannt sind. Die Erläuterungen dazu sind gut und verständlich.

Ein sehr kurzer Abschnitt skizziert Überlegungen zur "Lebensqualität der Patienten und pflegenden Angehörigen", ein Aspekt der gerade auch bei der Versorgung mit Pflegehilfsmitteln und bei der Therapie nicht zu kurz kommen sollte.

Im Unterschied zu den deutschsprachigen Publikationen zum Thema "Dekubitusprophylaxe" wird in diesem Buch ausführlich über die Rolle des Lymphsystems bei der Entstehung des Dekubitus beschrieben und über die Wirkung der Scherkräfte diskutiert. Die pathophysiologischen Überlegungen dazu sind interessant, wenn auch nicht bis ins Letzte belegt - die Literaturliste ist dazu eher dürftig.

Der Nationale Dekubitusstandard Deutschland weist darauf hin, daß Schaffelle für die Prophylaxe nicht geeignet sind, das Buch deutet an, daß Schaffelle zwar nicht druckentlastend wirken, sie jedoch die Scherkräfte reduzieren. Dieser Einschätzung ist zuzustimmen.

Wie in allen Fachbüchern und Aufsätzen geht die Autorin auch der Frage der Effektivität von Hautpflege nach und sie weißt darauf hin, daß die Hautpflege zum Schutz der Haut vor Urin bei Inkontinenz dienen mag, jedoch die Ursache eines Dekubitus damit nicht angegangen werden kann.

Die Scherkraftreduzierung durch Folienverbände wird in diesem Buch postuliert, ohne dass dafür irgendwelche Belege gebracht würden ... man könnte weitere Beispiele dafür bringen, wie in diesem Buch fachlich abgesicherte Erkenntnisse als solche dargestellt werden und gleichzeitig unterschiedliche Behauptungen ohne jegliche fachliche Begründung "eingestreut" werden.

Das Buch beschäftigt sich ausführlich mit unterschiedlichen "Schätzskalen" und mit der Problematik der Anwendung, geht auf weitere Faktoren der Dekubitusentstehung, streift kurz die Ernährungsproblematik - kurz, alle wichtigen Aspekte wurden erwähnt.

Das Thema "Prophylaxe" wird im Kapitel 7 abgehandelt, wobei sich die Empfehlungen ausschließlich auf Lagerungshilfsmittel beziehen, was im Widerspruch zu den von der Autorin diskutierten Entstehungsursachen steht. Die Lagerungshilfsmittel werden in "druckreduzierende" und "druckentlastende Lagerungshilfsmittel" klassifiziert und erstaunlich ist, daß in der zweiten Kategorie einerseits Wechseldruckmatratzen und Airwave-Systeme unterschieden werden, wobei jeder weiß (und der Text des Buches dies auch selbst darstellt), daß Airwave-Systeme auch Wechseldruckmatratzen sind. Bei dem eiligen Leser könnte der Eindruck entstehen, als seien Wechseldruckmatratzen und Airwave-Systeme grundsätzlich unterschiedlich zu bewerten - das ist sicher nicht so gemeint, verwirrt aber.

Der Rest des Kapitels beschäftigt sich mit der "Rolle der klinischen Fachkrankenschwester", "Schulungsmaßnahmen" für unterschiedliche Berufsgruppen, "Entlassungsplanung" und der Entwicklung von "Standards".

Das Kapitel 8 beschäftigt sich mit der Behandlung und dem Management des Dekubitus, Neuigkeiten werden allerdings nicht genannt bzw. nur angedeutet. Ein Unterkapitel beschäftigt sich mit "Staatlichen Restriktionen in der ambulanten Gesundheitsversorgung", es gibt sicherlich einen interessanten Einblick in das britische Gesundheitswesen. Kapitel 9 bearbeitet unter dem Titel "Besondere Aspekte zum Dekubitus" Abschnitte wie "Ethik und Recht", "Einfluß von Ressourcen und Bedarfsplanung" und Überlegungen zur "Umsetzung von Veränderungen". Kapitel 10 stellt Fallstudien vor und im Kapitel 11 werden Themen wie "Nationale Leitlinien", "Verschreibung von Wundverbänden durch spezielle Krankenschwestern" u.a. bearbeitet.

Das Buch mit seinen 229 Seiten stellt keine wirkliche Bereicherung für die Diskussion zur Dekubitusprophylaxe und -therapie dar. Wenige Details des Buches sind sehr gut beschrieben und auch für den deutschen Sprachraum nützlich. Doch wirkliche Neuigkeiten sind dem Buch nur unter dem Gesichtspunkt des interkulturellen Vergleichs zu entnehmen, wenn es den Leser oder die Leserin interessiert, wie bestimmte Fragestellungen in England angegangen werden. Für die Praxis bietet das Buch nichts, was nicht bereits in den auf dem deutschen Buchmarkt vorhandenen Fachbüchern teilweise genauer und ausführlicher beschrieben worden wäre. Einige fachliche Mängel lassen zusätzlich den Eindruck entstehen, daß das Orginalbuch von bestimmten Unternehmen cofinanziert wurde.

Das Buch kann also Pflegewissenschaftlern empfohlen werden, die fachwissenschaftliche Aussagen von lose eingestreuten Behauptungen unterscheiden können und die nicht direkt praktische Anleitungen für die tägliche Praxis erwarten. Für den Praktiker ist das Buch allerdings kaum von praktischem Nutzen.