Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz (Weidert, Sabine )Mabuse Verlag, Frankfurt, 2007. 156 Seiten. 24,00 €, ISBN 978-3-938304-79-2Rezension von: Sven Lind |
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Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die Diplomarbeit einer Krankenschwester und Sozialarbeiterin, die als Mitarbeitern der Pflegedienstleitung des Universitätsklinikums in Bochum tätig ist.
Zu Beginn ihrer Ausführungen stellt die Autorin eine Befragung von Pflegenden der chirurgischen Station eines Krankenhauses mit dem Ergebnis vor, dass die Pflegenden mit den Demenzkranken in ihrem Verhalten im Rahmen einer Krankenhausstation völlig überfordert sind. Denn das Krankenhaus ist in keiner Weise auf die Verhaltensweisen und Bedürfnisse dieser Patientengruppe eingestellt.
Im Anschluss hieran entwickelt die Autorin ein Kommunikationskonzept, das auf der Leiblichkeit, des Körperlichen, basiert. Hierbei stellt sie die verschiedenen Konzepte und Ansätze der so genannten „Leibphilosophie“ vor (Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz, Thomas Fuchs und Gernot Böhme) vor, die von der Annahme ausgehen, dass der Leib als Körper unabhängig vom Hirn „Leiberfahrungen“ sammeln kann und somit auch über ein „Leibgedächtnis“ verfügt. Im Kontext dieses Gedankengebäude entfaltet Weidert Sichtweisen und Zugangswege zu Schmerz und Kommunikation bei Demenzkranken, die ihrer Meinung nach weiterführender sind als die Wissensbestände naturwissenschaftlicher Disziplinen (Seite 85).
Weitere Bausteine ihres Konzeptes bestehen aus der „Atmosphäre“ und der „neuen Ästhetik“. Hierbei handelt es sich um Dimensionen, die die Gefühle und Stimmungen im Rahmen einer „leiblichen Kommunikation“ oder „leiblichen Resonanzfähigkeit“ zu erklären vermag (Seite 96f).
Bei einer kritischen Würdigung dieser Ausführungen muss vorab festgestellt werden, dass das Konstrukt eines „Leibgedächtnisses“ unabhängig vom zentralen Nervensystem, quasi als ein eigenständiges und zusätzliches Erkenntnisorgan des Menschen blanker Unsinn ist. Am Beispiel der „Leibphilosophie“ zeigt sich recht deutlich, dass, wenn die Philosophie an die Stelle naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gesetzt wird, diese nur allzu leicht zur Gedankenspielerei wird. Wer die Erkenntnisse der Biologie und der Neurowissenschaften bewusst negiert, der begibt sich auf eine Ebene der Welterfassung, die durch empirische Zugangswege nicht zu erschließen ist und damit auch nicht mehr vermittelbar ist. In der Demenzpflege, die auf tägliche Erfahrungen im Umgang mit den Betroffenen fundiert, können derart vorwissenschaftliche Zugangswege keinen Nutzen bringen.
