Foto: Gesine Brockhoff, die Urgroßnichte Agnes Karlls, übergibt deren Nachlass im Rahmen einer Feierstunde an der Universität Koblenz an Elke Vogel. (c) Universität Koblenz / Christoph Asche
Nachlass von Agnes Karll zu Forschungszwecken der Universität Koblenz übergeben
Der verschollen geglaubte Nachlass von Agnes Karll (1868 - 1927), einer zentralen Person der deutschen Pflegegeschichte, wurde anlässlich ihres 98. Todestags am 12. Februar 2025 von ihrer Urgroßnichte Gesine Brockhoff zu Forschungszwecken feierlich an die Universität Koblenz übergeben.
Das Konvolut besteht aus etwa fünf Kilogramm Briefen von und an Agnes Karll aus der Zeit zwischen 1887 und 1927, die nicht nur die Pflegegeschichte jener Epoche, sondern auch Aspekte der Alltags- und Sozialgeschichte widerspiegeln. Für Fragestellungen der Geschlechtergeschichte versprechen sie zudem wertvolle Aufschlüsse.
Zunächst werden die Schriftstücke von Elke Vogel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Koblenz, chronologisch und thematisch geordnet und ausgewertet. Im Kern soll der Nachlass als eine Grundlage für Vogels geplante Dissertation zum Thema “Die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands im Ersten Weltkrieg” dienen. Darüber hinaus sollen die Dokumente auch in der interdisziplinären Lehre an der Universität Koblenz verwendet werden.
Agnes Karll ist noch wenig bekannt. Die bis heute maßgebende Biographie über Karll stammt aus dem Jahr 1977 und wurde von Anna Sticker verfasst. Diese verdienstvolle Arbeit entspricht allerdings nicht den heute gültigen Anforderungen. So pflegte Sticker beispielsweise einen eher freien Umgang mit ihren Quellen. Auch stellen sich mittlerweile neue Fragen an die Leistung Karlls. Vor diesem Hintergrund arbeitet Elke Vogel zusammen mit ihrer langjährigen Kollegin Dr. phil. Ingeborg Scholz, einer Altenpflegerin und freiberufliche Geisteswissenschaftlerin, an einer umfassenden Neubewertung der Biografie Agnes Karlls.
Der Kontakt mit Familie Brockhoff ermöglicht den Zugriff auf Quellen, die viele bislang unbekannte Facetten des Lebens und Wirkens von Agnes Karll erschließen.
Diejenigen der übergebenen Briefe, die als Liebesbriefe klassifiziert werden können, sollen mit Zustimmung der Nachlassgeberin dem Liebesbriefarchiv an der Universität Koblenz für einschlägige Forschungen zur Verfügung gestellt werden.
Im Anschluss an die wissenschaftliche Auswertung an der Universität Koblenz soll der übrige Nachlass an das Bundesarchiv mit Hauptsitz in Koblenz weitergeben werden.
Zur Person Agnes Karlls
Agnes Karll gründete 1903 in Berlin mit etwa 30 Mitstreiterinnen die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (BO). Schon 1904 war die BO zusammen mit Pflegerinnen aus den USA und Großbritannien Gründungsmitglied des International Council of Nurses (ICN). Agnes Karll leitete den ICN von 1909 bis 1912 und führte 1912 einen vielbeachteten ICN-Kongress mit Teilnehmerinnen aus 23 Ländern im Kölner Gürzenich durch. Zwischendurch übersetzte Agnes Karll das mehrbändige Werk von Mary A. Nutting und Lavinia L. Dock: Geschichte der Krankenpflege: Systeme von Urzeiten bis zur Gründung der ersten englischen und amerikanischen Pflegerinnenschulen, das bis heute als Grundlagenwerk der Pflegegeschichte gilt.
Von September 1914 bis Juli 1916 organisierte die BO für Österreich-Ungarn den Aufbau und die verantwortliche Leitung aller Quarantäneeinrichtungen in Böhmen, Mähren und Schlesien mit insgesamt 100.000 Betten durch rund 1.000 ausgebildete Krankenpflegerinnen aus Deutschland, Schweiz, Holland, Norwegen und Dänemark. Agnes Karll besuchte diese knapp 20 Einrichtungen zusammen mit Agnes Meyer, der Generaloberin mit Arbeitssitz in Wien, Emmy Oser und Maida Lübben regelmäßig persönlich. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war von großer Armut und Not bestimmt und Agnes Karll konnte die BO nur mit Hilfe von Spenden von Pflegenden aus den USA aufrecht erhalten. Persönlich war für sie die Zeit bis zu ihrem Tod 1927 von langer schwerer Krankheit und damit verbundenen starken Schmerzen geprägt; dennoch arbeitete Agnes Karll bis zuletzt.
Nie hat sie die Hoffnung aufgegeben, dass die unermüdliche und vor allem kompetente Arbeit der BO-Schwestern dazu führen würde, dass den Forderungen der BO nach einer besseren Ausbildung der Pflegerinnen endlich Gehör geschenkt würde. Agnes Karll trat schon damals für eine dreijährige Ausbildung ein und war auch eine Pionierin für die akademische Bildung mindestens der Führungskräfte.
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