Geschichte der Gesundheitsberufe · Artikel

Agnes Karlls Verortung in der kaiserzeitlichen Frauenbewegung und die Folgen für ihr Berufsverständnis Eine kritische Literaturanalyse

Dr. Scholz, I.

Geschichte der Gesundheitsberufe · 2026 · Heft 1 · S. 16 bis 23 · DOI 10.3936/docid579176

Abstract

In der bisherigen pflegegeschichtlichen Literatur wurden bestimmte Haltungen der gemäßigten Frauenbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Deutschland sehr kritisch bewertet, insbesondere das Konzept der „geistigen Mütterichkeit“. Der Beitrag zeigt, wie Agnes Karll (1868 – 1927) als Mitbegründerin der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands um 1900 von der Frauenbewegung ihrer Zeit geprägt war und welche Auswirkungen dies auf das berufliche Selbstverständnis hatte, etwa bezogen auf die Unterordnung der Pflege unter die Ärzteschaft. Dafür werden die damaligen intellektuellen Konzepte im Kontext ihrer Zeit untersucht.

Zusammenfassung

Die Analyse von Agnes Karlls Rolle in der kaiserzeitlichen Frauenbewegung zeigt, wie stark ihr Berufsverständnis von dieser Bewegung geprägt war. Karll, die 1903 die „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ (B. O.) gründete, suchte aktiv den Anschluss an die Frauenbewegung, um ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen. Ihre Vernetzung mit anderen Frauenrechtlerinnen und die Publikation in frauenbewegten Organen verdeutlichen ihre aktive Teilnahme. Die Forschung zu Karll hat sich seit der Biografie von Anna Sticker (1984) weiterentwickelt, wobei neuere Ansätze die Verbindungen zwischen Karll und der Frauenbewegung differenzierter betrachten.

Ein zentrales Konzept der Frauenbewegung war die „geistige Mütterlichkeit“, das sowohl als Grundlage für die Legitimation weiblicher Berufe diente als auch zur Unterordnung unter männliche Interessen führte. Kritikerinnen wie Rübenstahl und Bischoff argumentieren, dass dieses Konzept Frauen im Berufsleben benachteiligte. Karll selbst verstand sich als Teil dieser Bewegung, ohne jedoch explizit Stellung zu den ideologischen Grundlagen zu nehmen.

Die Analyse zeigt, dass Karlls Engagement in der Frauenbewegung sowohl traditionelle als auch moderne Elemente ihres Berufsverständnisses prägte. Sie strebte eine Professionalisierung der Pflege an, die sowohl soziale als auch medizinische Aspekte umfasste. Letztlich trugen ihre Bemühungen zur Etablierung eines qualifizierten Pflegeberufs bei, der mit persönlicher Freiheit und einer Abkehr von konfessionellen Bindungen verbunden war.

Schlagwörter

Agnes Karll, Frauenbewegung, Pflegeberufe, B.O.K.D., Geschlechtergeschichte, Sozialgeschichte, bürgerliches Frauenideal, feministische Geschichtsschreibung