Den Opfern ihre Namen geben (Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation (Hrsg.))Verlag Klemm + Oelschläger. Münster (Westfalen), 2011, 255 S., 22,00 €, ISBN 978-3-86281-033-8Rezension von: Dr. Hubert Kolling |
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Der Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation (vgl. www.ak-nseuthanasie.de), in dem sich seit mehr als 25 Jahren haupt- und nebenamtliche Forscher/innen unterschiedlicher Fachrichtungen - Krankenpflegekräfte, Ärzte, Theologen, Historiker, Juristen, Pädagogen, Psychologen, Soziologen und Fachjournalisten - für die Aufarbeitung der Erbgesundheits- und "Euthanasie"-Verbrechen einsetzen, veranstaltete seine Frühjahrstagung 2011 vom 13. bis 15. Mai im Kloster Irsee bei Kaufbeuren. Das Themenspektrum der Tagung war breit gefächert und reichte von neuen Erkenntnissen aus der regionalen Forschung über die Auseinandersetzung mit den aktuellen politischen Diskussionen zur Präimplantationsdiagnostik und zur Umgestaltung der Berliner Tiergartenstraße 4 zu einem Informations- und Gedenkort bis hin zur Frage der Nennung der Namen der "Euthanasie"-Opfer in der Öffentlichkeit. Weiter spielten ganz verschiedene Formen des Gedenkens und der historischen Wissensvermittlung eine Rolle.
Das hier vorzustellende Buch, das die Beiträge der besagten Tagung dokumentiert,
enthält nach einem Vorwort (S. 9-12) - untergliedert in vier Kapitel -
die folgenden Beiträge:
I. Der Tagungsort: Kloster Irsee
- Stefan Raueiser: Kloster Irsee: Vom Reichsstift über die Kreis-Irrenanstalt zum Schwäbischen Bildungszentrum (S. 15-32)
- Michael von Cranach: Die Auseinandersetzung mit den Krankenmorden in Kaufbeuren-Irsee - 1945 bis heute. Ein persönlicher Bericht (S. 33-44)
- Petra Schweizer-Martinschek: Tbc-Versuche an behinderten Kindern in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee 1942-1944 (S. 45-58)
II. Historisch-politische Verantwortung: Tiergartenstraße 4 in Berlin / Präimplantationsdiagnostik
- Gerrit Hohendorf (Berichterstatter): Informations- und Gedenkort Tiergartenstraße 4 in Berlin - Der Appell des Arbeitskreises vom 14. Juni 2010 und die Stellungnahme vom 8. Dezember 2010 (S. 61-66)
- Appell zur Errichtung eines zentralen Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie" in Berlin (S. 67-69)
- Stellungnahme zur Errichtung eines zentralen Informations- und Gedenkortes für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie" in der Berliner Tiergartenstraße 4 (S. 70-75)
- Michael Wunder: Aktuelle bioethische Diskurse und die Frage, ob wir mit der Geschichte lernen können. Präimplantationsdiagnostik (PID) - Stand der Diskussion und Perspektiven (S. 75-102))
- Gerrit Hohendorf (Berichterstatter): Die Diskussion zur Präimplantationsdiagnostik (PID) im Arbeitskreis (S. 103-105)
- Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik (S. 106-110)
III. Den Opfern ihre Namen geben
- Michael von Cranach: Ein Plädoyer für die Veröffentlichung der Namen der Opfer der Krankenmorde 1939 bis 1945 (S. 113-114)
- Paul Weindling: Menschenversuche und "Euthanasie" - das Zitieren von Namen, historische Aufarbeitung und Gedenken (S. 115-131)
- Margit Ksoll-Marcon: Zugangsregelungen zu Archivgut gemäß den Archivgesetzen des Bundes und der Länder (S. 133-140)
IV. Erinnerungskultur: regionale Forschungen und Initiativen
- Isabella Ruhland: Der Gedenkort Irsee-Kaufbeuren - Nationalsozialistische "Euthanasie" und Zwangssterilisation in der bildenden Kunst nach 1945 (S. 143-164)
- Karl-Horst Marquart: Untersuchung über Stuttgarter Opfer der NS-"Kindereuthanasie" (S. 165-174)
- Elke Martin: Die Stuttgarter Opfer der Krankenmorde in den Jahren 1940 und 1941 (S. 175-179)
- Julia Koch: Die "Kinderfachabteilung" in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar: zwei Lebensgeschichten (S. 181-199)
- Lutz Kaelber: Gedenken an die NS-"Kindereuthanasie" - zwei Fallbeispiele (Eichberg, Kalmenhof) und allgemeine Folgerungen (S. 201-232)
- Harald Jenner: NS-Forschung in der Populärliteratur (S. 233-238)
- Irene Leitner, Michael Bossle: Der nächste Schritt: Wissen vermitteln BerufsbildMenschenbild - ein Vertiefungsprogramm für Gesundheits- und Pflegeberufe (S. 239-250)
Die drei Beiträge des ersten Kapitels berichten nicht nur über das Spannungsfeld der Erinnerungskultur in Kloster Irsee, sondern bieten auch in Text und Bild erschreckende Einblicke in die Nachtseite des Hauses, das seit dreißig Jahren als Bildungs-, Tagungs- und Kulturzentrum des Bezirks Schwaben eine neue, würdige Nutzung gefunden hat und dem Bildungswerk aller sieben bayerischen Bezirke (vgl. www.bildungswerk-irsee.de) Heimat bietet.
Unter dem Hinweis auf die "Historisch-politische Verantwortung" wird im zweiten Kapitel zunächst der zähe politische Entscheidungsprozess zur Umgestaltung der Tiergartenstraße in Berlin geschildert sowie erstmals der Appell und die Stellungnahme des Arbeitskreises zur Errichtung eines zentralen Informations- und Gedenkortes für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie" aus dem Jahr 2010 dokumentiert. Neben einer umfassenden Einführung in den Stand der medizinischen Grundlagen und der bioethischen Debatten zur Präimplantationstechnik (PID) wird auch hier die sich daraus entwickelte Stellungnahme des Arbeitskreises zur PID dokumentiert, die an alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages geschickt wurde. Mit diesem Dokument (der "Irseer Stellungnahme") setzt der Arbeitskreis die Tradition der "Grafenecker Erklärung" aus dem Jahre 1995 zum Schutz von nicht einwilligungsfähigen Personen in der biomedizinischen Forschung (vgl. www.fuente.de/bioethik/grfneck1.htm) fort und bezieht - vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung von Rassenhygiene, Zwangssterilisation und nationalsozialistischer "Euthanasie" - öffentlich Position.
Die drei Beiträge des dritten Kapitels drehen sich um das Thema, das der genannten Tagung beziehungsweise dem vorliegenden Buch seinen Titel gab: "Den Opfern ihre Namen geben". Hierbei wird aus mehreren Gründen klar für eine eindeutige Identifizierung und Namensnennung auch der "Euthanasie"-Opfer plädiert. Daneben werden die rechtlichen Rahmenbedingungen und Zugangsregelungen zu Archivgut gemäß den Archivgesetzen des Bundes und der Länder vorgestellt und erläutert.
Die sieben Beiträge des vierten Kapitels stellen regionale Forschungsergebnisse zu den nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen in Bayerisch-Schwaben, Oberbayern, Stuttgart und Hessen vor, wobei ein Schwerpunkt auf der "Kindereuthanasie" liegt, beschreiben aber auch die vielfältigen Aspekte des Erinnerns, wobei auch Schlussfolgerungen für die Nutzung und Erweiterung der aktuellen Gedenkkultur vorgestellt werden. In Hinblick auf die Geschichte der Pflege verdient hierbei insbesondere der Beitrag von Irene Leitner und Michael Bossle Beachtung, in dem diese am Beispiel der österreichischen Lern- und Gedenkstätte Schloss Hartheim ein didaktisches Vertiefungsprogramm für Gesundheits- und Pflegeberufe vorstellen. Nach Ansicht der Autor/innen geht es in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit "sehr wohl um historische Faktenvermittlung und um gedenkendes Erinnern, aber ebenso um eine aus der Geschichte resultierende Wertevermittlung und um das Aufwerfen gegenwärtiger Fragestellungen und Lebensweltbezüge" (S. 241). Darauf aufbauend entwickelten sie das Lernprogramm "BerufsbildMenschenbild", ein aus fünf Modulen bestehendes Lehrangebot zu jeweils 90 Minuten, für eine Nachbereitung und eine pflegespezifische Bearbeitung und Vertiefung der Inhalte in der Gedenkstätte. Für die Gruppe der Lehrenden und Lernenden aus dem Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege und anderer sozial-pflegerischer oder auch therapeutischer Berufe sollen damit gezielt Impulse zur Reflexion der eigenen beruflichen Haltung und des Berufsalltags gesetzt sowie ein Spannungsboden vom "historischen Gegenstand" zu "gegenwärtigen Themen" geschaffen werden: "Pflegende sollen - mit dem Fokus auf die eigene Berufsgruppe - zu einer Betrachtung der historischen und aktuellen Bedeutung von Hartheim angeregt werden" (S. 244).
"Den Opfern ihre Namen geben" ist ein überaus lesenswertes Buch zum Thema NS-"Euthanasie"-Verbrechen sowie historisch-politische Verantwortung und Erinnerungskultur, das auch von den Lehrenden und Lernenden der Pflege- und Gesundheitsberufe zur Kenntnis genommen werden sollte.
