Den Opfern ihre Namen geben (Rezension)

Den Opfern ihre Namen geben (Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation (Hrsg.))

Verlag Klemm + Oelschläger. Münster (Westfalen), 2011, 255 S., 22,00 €, ISBN 978-3-86281-033-8

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Der Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation (vgl. www.ak-nseuthanasie.de), in dem sich seit mehr als 25 Jahren haupt- und nebenamtliche Forscher/innen unterschiedlicher Fachrichtungen - Krankenpflegekräfte, Ärzte, Theologen, Historiker, Juristen, Pädagogen, Psychologen, Soziologen und Fachjournalisten - für die Aufarbeitung der Erbgesundheits- und "Euthanasie"-Verbrechen einsetzen, veranstaltete seine Frühjahrstagung 2011 vom 13. bis 15. Mai im Kloster Irsee bei Kaufbeuren. Das Themenspektrum der Tagung war breit gefächert und reichte von neuen Erkenntnissen aus der regionalen Forschung über die Auseinandersetzung mit den aktuellen politischen Diskussionen zur Präimplantationsdiagnostik und zur Umgestaltung der Berliner Tiergartenstraße 4 zu einem Informations- und Gedenkort bis hin zur Frage der Nennung der Namen der "Euthanasie"-Opfer in der Öffentlichkeit. Weiter spielten ganz verschiedene Formen des Gedenkens und der historischen Wissensvermittlung eine Rolle.

Das hier vorzustellende Buch, das die Beiträge der besagten Tagung dokumentiert, enthält nach einem Vorwort (S. 9-12) - untergliedert in vier Kapitel - die folgenden Beiträge:
I. Der Tagungsort: Kloster Irsee

  • Stefan Raueiser: Kloster Irsee: Vom Reichsstift über die Kreis-Irrenanstalt zum Schwäbischen Bildungszentrum (S. 15-32)
  • Michael von Cranach: Die Auseinandersetzung mit den Krankenmorden in Kaufbeuren-Irsee - 1945 bis heute. Ein persönlicher Bericht (S. 33-44)
  • Petra Schweizer-Martinschek: Tbc-Versuche an behinderten Kindern in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee 1942-1944 (S. 45-58)

II. Historisch-politische Verantwortung: Tiergartenstraße 4 in Berlin / Präimplantationsdiagnostik

  • Gerrit Hohendorf (Berichterstatter): Informations- und Gedenkort Tiergartenstraße 4 in Berlin - Der Appell des Arbeitskreises vom 14. Juni 2010 und die Stellungnahme vom 8. Dezember 2010 (S. 61-66)
  • Appell zur Errichtung eines zentralen Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie" in Berlin (S. 67-69)
  • Stellungnahme zur Errichtung eines zentralen Informations- und Gedenkortes für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie" in der Berliner Tiergartenstraße 4 (S. 70-75)
  • Michael Wunder: Aktuelle bioethische Diskurse und die Frage, ob wir mit der Geschichte lernen können. Präimplantationsdiagnostik (PID) - Stand der Diskussion und Perspektiven (S. 75-102))
  • Gerrit Hohendorf (Berichterstatter): Die Diskussion zur Präimplantationsdiagnostik (PID) im Arbeitskreis (S. 103-105)
  • Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik (S. 106-110)

III. Den Opfern ihre Namen geben

  • Michael von Cranach: Ein Plädoyer für die Veröffentlichung der Namen der Opfer der Krankenmorde 1939 bis 1945 (S. 113-114)
  • Paul Weindling: Menschenversuche und "Euthanasie" - das Zitieren von Namen, historische Aufarbeitung und Gedenken (S. 115-131)
  • Margit Ksoll-Marcon: Zugangsregelungen zu Archivgut gemäß den Archivgesetzen des Bundes und der Länder (S. 133-140)

IV. Erinnerungskultur: regionale Forschungen und Initiativen

  • Isabella Ruhland: Der Gedenkort Irsee-Kaufbeuren - Nationalsozialistische "Euthanasie" und Zwangssterilisation in der bildenden Kunst nach 1945 (S. 143-164)
  • Karl-Horst Marquart: Untersuchung über Stuttgarter Opfer der NS-"Kindereuthanasie" (S. 165-174)
  • Elke Martin: Die Stuttgarter Opfer der Krankenmorde in den Jahren 1940 und 1941 (S. 175-179)
  • Julia Koch: Die "Kinderfachabteilung" in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar: zwei Lebensgeschichten (S. 181-199)
  • Lutz Kaelber: Gedenken an die NS-"Kindereuthanasie" - zwei Fallbeispiele (Eichberg, Kalmenhof) und allgemeine Folgerungen (S. 201-232)
  • Harald Jenner: NS-Forschung in der Populärliteratur (S. 233-238)
  • Irene Leitner, Michael Bossle: Der nächste Schritt: Wissen vermitteln BerufsbildMenschenbild - ein Vertiefungsprogramm für Gesundheits- und Pflegeberufe (S. 239-250)

Die drei Beiträge des ersten Kapitels berichten nicht nur über das Spannungsfeld der Erinnerungskultur in Kloster Irsee, sondern bieten auch in Text und Bild erschreckende Einblicke in die Nachtseite des Hauses, das seit dreißig Jahren als Bildungs-, Tagungs- und Kulturzentrum des Bezirks Schwaben eine neue, würdige Nutzung gefunden hat und dem Bildungswerk aller sieben bayerischen Bezirke (vgl. www.bildungswerk-irsee.de) Heimat bietet.

Unter dem Hinweis auf die "Historisch-politische Verantwortung" wird im zweiten Kapitel zunächst der zähe politische Entscheidungsprozess zur Umgestaltung der Tiergartenstraße in Berlin geschildert sowie erstmals der Appell und die Stellungnahme des Arbeitskreises zur Errichtung eines zentralen Informations- und Gedenkortes für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie" aus dem Jahr 2010 dokumentiert. Neben einer umfassenden Einführung in den Stand der medizinischen Grundlagen und der bioethischen Debatten zur Präimplantationstechnik (PID) wird auch hier die sich daraus entwickelte Stellungnahme des Arbeitskreises zur PID dokumentiert, die an alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages geschickt wurde. Mit diesem Dokument (der "Irseer Stellungnahme") setzt der Arbeitskreis die Tradition der "Grafenecker Erklärung" aus dem Jahre 1995 zum Schutz von nicht einwilligungsfähigen Personen in der biomedizinischen Forschung (vgl. www.fuente.de/bioethik/grfneck1.htm) fort und bezieht - vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung von Rassenhygiene, Zwangssterilisation und nationalsozialistischer "Euthanasie" - öffentlich Position.

Die drei Beiträge des dritten Kapitels drehen sich um das Thema, das der genannten Tagung beziehungsweise dem vorliegenden Buch seinen Titel gab: "Den Opfern ihre Namen geben". Hierbei wird aus mehreren Gründen klar für eine eindeutige Identifizierung und Namensnennung auch der "Euthanasie"-Opfer plädiert. Daneben werden die rechtlichen Rahmenbedingungen und Zugangsregelungen zu Archivgut gemäß den Archivgesetzen des Bundes und der Länder vorgestellt und erläutert.

Die sieben Beiträge des vierten Kapitels stellen regionale Forschungsergebnisse zu den nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen in Bayerisch-Schwaben, Oberbayern, Stuttgart und Hessen vor, wobei ein Schwerpunkt auf der "Kindereuthanasie" liegt, beschreiben aber auch die vielfältigen Aspekte des Erinnerns, wobei auch Schlussfolgerungen für die Nutzung und Erweiterung der aktuellen Gedenkkultur vorgestellt werden. In Hinblick auf die Geschichte der Pflege verdient hierbei insbesondere der Beitrag von Irene Leitner und Michael Bossle Beachtung, in dem diese am Beispiel der österreichischen Lern- und Gedenkstätte Schloss Hartheim ein didaktisches Vertiefungsprogramm für Gesundheits- und Pflegeberufe vorstellen. Nach Ansicht der Autor/innen geht es in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit "sehr wohl um historische Faktenvermittlung und um gedenkendes Erinnern, aber ebenso um eine aus der Geschichte resultierende Wertevermittlung und um das Aufwerfen gegenwärtiger Fragestellungen und Lebensweltbezüge" (S. 241). Darauf aufbauend entwickelten sie das Lernprogramm "BerufsbildMenschenbild", ein aus fünf Modulen bestehendes Lehrangebot zu jeweils 90 Minuten, für eine Nachbereitung und eine pflegespezifische Bearbeitung und Vertiefung der Inhalte in der Gedenkstätte. Für die Gruppe der Lehrenden und Lernenden aus dem Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege und anderer sozial-pflegerischer oder auch therapeutischer Berufe sollen damit gezielt Impulse zur Reflexion der eigenen beruflichen Haltung und des Berufsalltags gesetzt sowie ein Spannungsboden vom "historischen Gegenstand" zu "gegenwärtigen Themen" geschaffen werden: "Pflegende sollen - mit dem Fokus auf die eigene Berufsgruppe - zu einer Betrachtung der historischen und aktuellen Bedeutung von Hartheim angeregt werden" (S. 244).

"Den Opfern ihre Namen geben" ist ein überaus lesenswertes Buch zum Thema NS-"Euthanasie"-Verbrechen sowie historisch-politische Verantwortung und Erinnerungskultur, das auch von den Lehrenden und Lernenden der Pflege- und Gesundheitsberufe zur Kenntnis genommen werden sollte.

Dameron Report (Rezension)

Dameron Report (Kepplinger, Brigitte und Irene Leitner (Hrsg.))

Studienverlag Innsbruck, Wien-Bozen, 2012, 318 S., 33,90 €, ISBN 978-3-7065-4947-9

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Schloss Hartheim bei Alkoven in der Nähe von Linz in Oberösterreich (vgl. www.schloss-hartheim.at; www.de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hartheim) war während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft - neben Grafeneck in Gomadingen (Baden-Württemberg), Brandenburg an der Havel (Brandenburg), Sonnenstein in Pirna (Sachsen), Bernburg (Sachsen-Anhalt) und Hadamar bei Limburg (Hessen) - eine der sechs NS-Tötungsanstalten der "Aktion T4", in der von 1940 bis 1944 an die 30.000 Menschen ermordet wurden: Patienten/-innen aus psychiatrischen Anstalten, Bewohner/innen von Behinderteneinrichtungen und Fürsorgeheimen, arbeitsunfähige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter/innen. Die Tötungen erfolgten mit Kohlenmonoxid (vgl. www.de.wikipedia.org/wiki/NS-Tötungsanstalt_Hartheim.

Seit 1995 arbeitet ein Verein die neuere Geschichte von Schloss Hartheim auf. Im Jahr 1997 wurde begonnen, das denkmalgeschützte Gebäude zu restaurieren und eine Ausstellung zum Thema "Wert des Lebens" zu gestalten. Am 7. Mai 2003 wurde dann der "Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim" gemeinsam mit der Ausstellung "Wert des Lebens" eröffnet. Ausstellung und Gedenkstätte bilden heute ein Forum für aktuelle und historische Fragen. Dazu werden pädagogische und politische Bildungsangebote im schulischen und außerschulischen Bereich, in der Jugend- und Erwachsenenbildung und in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Basis der Bildungsangebote ist die wissenschaftliche und pädagogische Arbeit in Kooperation mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen und mit NS-Gedenkstätten, insbesondere den Euthanasie-Gedenkstätten in Deutschland.

Eines der wichtigsten Dokumente zur Erhellung der Verbrechen, die in Schloss Hartheim während der NS-Zeit gegangen wurden, ist der sogenannte "Dameron Report", der nun - mehr als 60 Jahre nach den Geschehnissen - in einer kommentierten Edition der Öffentlichkeit vorliegt. Der von der Historikerin Andrea Kammerhofer bearbeitete Band wird von der Soziologin Dr. Brigitte Kepplinger vom Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz und der Historikerin Irene Leitner, Leiterin des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim, herausgegeben und erscheint als Band 1 der Schriftenreihe "Historische Texte des Lern- und Gedenkorts Hartheim".

Das War Crimes Investigating Team No. 6824 der U.S. Army unter der Leitung von Major Charles H. Dameron war im Juni und Juli 1945 in Hartheim tätig, um Beweismittel für die Nachkriegsprozesse der Alliierten zu sichern. Der Abschlussbericht ihrer Untersuchungen galt lange als verschollen, erst 2002 wurde er in den National Archives and Records Administration (NARA), Washington DC, von Andrea Kammerhofer wieder entdeckt. Das Dokument umfasst die detaillierte Beschreibung des Schlosses, ergänzt durch eine Reihe von Fotos, die den Zustand im Juli 1945 dokumentieren, sowie die ausführlichen Befragungen der Zeugen/-innen, die das Team in und um Hartheim ausfindig machen konnte. Ergänzt wird der Bericht durch einen ausführlichen Bildteil mit Fotos aus dem privaten Besitz der Zeugen/-innen, die zum größten Teil aus der Zeit der "Aktion T4" stammen. In seiner Geschlossenheit bildet dieser Bestand an Fotografien ein einzigartiges Dokument des Alltags in der Tötungsanstalt, das in dieser Weise für keinen anderen der sechs NS-Euthanasieorte existiert. Das zeitgeschichtlich bedeutende Dokument war bereits Ausgangspunkt mehrerer Projekte zur Täterforschung, die von dem Soziologen Hartmut Reese, seit 2004 Leiter des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim, initiiert wurden und an denen er bis zu seinem Tod im Jahr 2007 wesentlich Anteil hatte.

Zur Intention und Bedeutung der von ihnen herausgegebenen Publikation schreiben Brigitte Kepplinger und Irene Leitner im Vorwort: "Der Dameron-Report ist aufgrund seiner einzigartigen Zusammenstellung aus Zeugenaussagen, Vernehmungsprotokollen und Fotos von großer Bedeutung für die NS-Euthanasieforschung. Durch seine Veröffentlichung wird dieses Schlüsseldokument nun einer breiten, interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht" (S. 10).

Der Quellenedition vorangestellt ist ein Beitrag von Brigitte Kepplinger und Hartmut Reese, indem sie unter der Überschrift "Massenmord als Arbeitsprozess" (S. 11-22) über die Organisation beziehungsweise die sozialen und technischen Funktionszusammenhänge der Tötungsanstalt Hartheim informieren. Ihren Ausführungen zufolge begann nach der Abwicklung der nötigen Formalitäten - die "Landesanstalt Hartheim" wurde im Wege eines Pachtvertrags an die "Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege" abgetreten - und der anderweitigen Unterbringung der Bewohner/innen der Betreuungseinrichtung Ende März 1940 die bauliche Adaptierung der Liegenschaft für den neuen Verwendungszweck. Dabei wurde im Erdgeschoss des Schlosses in einem Flügel auch die "Tötungsstrecke" eingerichtet. Diese bestand aus einem Auskleideraum für Frauen und Männer, dem sogenannten Aufnahmeraum (in dem die Opfer dem Arzt vorgeführt wurden) mit abgeteilter Fotoecke, der Gaskammer, einem Raum für die technischen Installationen, dem Leichenraum und dem Krematoriumsraum. Wie die Autoren/-innen zeigen, arbeiteten in der Tötungsanstalt Hartheim während der Zeit der "Aktion T4" gleichzeitig 70 Personen, wobei die meisten auch im Schloss wohnten. Während ein Teil des Personals auf Anordnung der Zentraldienststelle aus Berlin und aus anderen Tötungsanstalten stammte, kamen die übrigen Angestellten aus der Region beziehungsweise aus Österreich: Bürokräfte, Handwerker, Busfahrer, Fotografen, sogenannte "Brenner", deren Aufgabe die Beseitigung der Leichname war, und Pfleger/innen. Leitende Prämisse des Verwaltungshandelns sei unterdessen "die umfassende Geheimhaltung" der Todesumstände der Opfer gewesen. Die Kernkompetenz der Verwaltungsabteilung habe dabei im Aufbau einer "fiktiven Realität" bestanden: Abgabeanstalten, Kostenträger und Angehörigen gegenüber sei die Geschichte eines natürlichen Todes der betreffenden Person konstruiert worden.

In der "Logistik des Massenmords" fiel die Tötung der Opfer - konkret die Bedienung des Gashahns - in den Aufgabenbereich eines Arztes. Gleichwohl kam bei dem Geschehen, woran Brigitte Kepplinger und Hartmut Reese keinerlei Zweifel lassen, auch dem Pflegepersonal eine große Bedeutung zu. Dieses hatte unter anderem die Opfer zu entkleiden, dem diensthabenden Arzt vorzuführen, auf der Brust mit einer fortlaufenden Nummer zu stempeln und schließlich in die Gaskammer zu bringen. Dieser Raum mit einer Größe von etwa 25 Quadratmeter war wie ein Brausebad eingerichtet. Eine Pflegerin schildert die dadurch intendierte Täuschung wie folgt: "Wenn sie [die Patienten/-innen] ansprechbar waren, sagte man [gemeint ist das Pflegepersonal] ihnen, sie würden gebadet. Viele freuten sich auf das Baden, auch wenn sie sonst nichts erfassten" (S. 15).

Nach Darstellung der Autoren/-innen wurde die Tötung der Opfer als Arbeitsprozess definiert und organisiert, analog zu den Abläufen eines Industriebetriebes. Eine Konsequenz habe dabei in der Erzeugung moralischer Indifferenz bestanden: "Die Aufteilung der Tötung auf viele verschiedene Schritte, die von jeweils verschiedenen Personen realisiert wurden, erlaubte es den Beteiligten, ihren Beitrag zum Gesamtergebnis als nicht entscheidend zu definieren und damit eine moralische Entlastung zu erreichen" (S. 16).

Alle Beteiligten seien "intensiv und hautnah" mit dem Tötungsprozess konfrontiert gewesen, auch wenn die Intensität ihrer Teilhabe unterschiedlich war. Bemerkenswert ist, dass es sich den erhaltenen Informationen zufolge bei den Beteiligten um "ganz normale Leute" (S. 19) handelte. So seien etwa im Oktober 1940 elf Pfleger/innen aus der Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien in Ybbs nach Hartheim dienstverpflichtet worden, von denen keine/r Mitglied der NSDAP war. Bemerkenswert ist für Brigitte Kepplinger und Hartmut Reese, dass von den Beschäftigten, nach ihrer Konfrontation mit dem Ablauf des Tötungsprozesses, lediglich eine Person um Entlassung beziehungsweise Versetzung ersuchte: Der Pfleger Franz Sitter "verlangte um sofortige Enthebung von der Dienstverpflichtung, als er Einblick gewonnen hatte, um was es eigentlich ging" (S. 19). Daraufhin wurde er nach Ybbs zurückgeschickt und bald darauf zur Wehrmacht eingezogen; er überlebte und war auch nach 1945 weiterhin als Pfleger tätig.

Günter Bischof vom Center Austria - Center for Austrian Culture and Commerce an der Universität New Orleans steuerte unter der Überschrift "Ein bescheidener Gigant" (S. 23-30) zu dem Band einen Nachruf auf Charles H. Dameron (1914-2002) bei. Darin skizziert er den Lebensweg von Dameron, seine Tätigkeit im War Investgating Team No. 6824 der U.S. Army in Hartheim und nicht zuletzt seine Ehrung am 21. März 2001 mit dem Silbernen Ehrenkreuz für Kultur und Wissenschaft durch die österreichische Regierung.

Mit aufgenommen wurde in die Darstellung auch ein Brief von Charles Dameron an seine Eltern (S. 31-37), in dem er am 22. November 1945 eine Einschätzung seiner Arbeit wiedergibt.

Andrea Kammerhofer hat zu der Edition eine Einleitung verfasst (S. 39-64), in der sie zunächst auf die Bedeutung der Quelle für die Forschung hinweist. Da nahezu alle Unterlagen aus der NS-Zeit, die für eine Rekonstruktion der Vorgänge in Hartheim einerseits und für die Opferforschung andererseits hilfreich gewesen wären, Anfang 1945 vernichtet worden sind, sei die Forschung über die Tötungsanstalt Hartheim bis vor wenigen Jahren auf die Unterlagen der Nachkriegsprozesse und die oftmals nicht zur Gänze erhaltenen Unterlagen der Heil- und Pflegeanstalten beziehungsweise der Abgabeanstalten angewiesen gewesen. Von daher sei der Bericht des Untersuchungsteams für Kriegsverbrechen (War Crimes Investigating Team, WCIT) Nr. 6824 unter der Leitung von Major Charles H. Dameron "eine zentrale Quelle für die Hartheimforschung und darüber hinaus ein bemerkenswertes Dokument für die Euthanasieforschung zur NS-Zeit wie allgemein für die Zeitgeschichte des Landes" (S. 39).

Insgesamt betrachtet bietet der "Dameron Report" detailreiche Angaben über die örtlichen Gegebenheiten, das Personal von Hartheim und der "T4"-Zentrale in Berlin, die Abläufe und tödliche Routine im Schloss während der Zeit des Nationalsozialismus. Das Dokument einschließlich des dazu gehörenden Fotobestandes ist dabei umso bedeutender, als von den NS-Funktionsträgern in den letzten Kriegsmonaten nahezu das gesamte Akten- und Fotomaterial vernichtet wurde. Die Veröffentlichung des Dokuments ist sehr zu begrüßen, können uns die Ergebnisse der Befragung von Zeugen/-innen, die Damerons Team durchführte, doch dabei helfen, die Motivation der Täter/innen und das soziale System der Tötungsanstalt adäquater einzuschätzen.

Illustrierte Geschichte der Medizin (Rezension)

Illustrierte Geschichte der Medizin (Eckart, Wolfgang U.)

Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg, 2011, 2. Aufl., 384 S., 49,95 €, ISBN 978-3-642-20097-7

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Gesundheit und Krankheit, Leben und Sterben haben die Menschen zu allen Zeiten beschäftigt. So waren bereits unsere Vorfahren der Ur- und Frühgeschichte von zahlreichen Krankheiten gepeinigt, die auch uns heute noch zu schaffen machen - von der Arthrose bis hin zur Karies. Nicht umsonst ist die Medizin eine der ältesten Wissenschaften, die stets von besonderer Bedeutung für jeden Einzelnen war und ist. Die moderne westliche Medizin unserer Zeit hat ihre wesentliche Gestalt freilich erst in den vergangenen 200 Jahren gewonnen.

Mit seiner "Illustrierten Geschichte der Medizin" gewährt Wolfgang U. Eckart, Professor für Geschichte der Medizin und Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg, tiefe Einblicke in die faszinierende Entwicklung dieser Wissenschaft. Dabei bietet der Autor, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Medizin im europäischen Kolonialismus, Ärztliche Mission, Medizin und Krieg sowie die Medizin im Nationalsozialismus zählen, einen ebenso kurzweiligen wie fundierten Überblick über die Meilensteine der Medizin, eingebunden in den zeitlichen Kontext. Übersichtlich untergliedert in 14 Kapitel, an deren Beginn jeweils eine Zeitleiste steht mit den wichtigsten Daten und Ereignissen, beginnt der Gang seiner Darstellung mit einer Zusammenfassung der alten Medizin von der europäischen Antike bis zum Vorabend der Französischen Revolution, bevor er die Entwicklungslinien der neuen Klinischen Medizin, den Umgang der Medizin mit bedrohlichen Seuchen des 19. und 20. Jahrhunderts, die Entstehung der Laboratoriumsmedizin und die Entfaltung alternativer Präventions- und Therapiewege als Reaktion auf sie verfolgt. In der Klinischen Medizin trägt Wolfgang U. Eckart den dramatischen Veränderungen in der Chirurgie und der Liberalisierung des Umgangs mit den an Geist und Seele Leidenden ebenso Rechnung wie der diagnostischen und stofftherapeutischen Revolution seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Hervorzuheben ist, dass er auch die Schattenseiten der modernen Medizin in Krieg und Diktatur nicht ausspart, sondern in einzelnen Kapiteln genauso in den Blick nimmt wie die Fragen medizinischer Ethik, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute die moralische Debatte moderner Medizin bestimmen.

Im Einzelnen gliedert sich das Buch in die folgenden Kapitel:

  • Konzepte, Dogmen, Krankheitsbilder - Die Medizin bis zur Frühen Neuzeit (S. 1-31)
  • Revolution und Medizin - Der Einzug des naturwissenschaftlichen Denkens in Klinik und Labor (S. 33-56)
  • Gegen die Giftmischer und Aderlasser - Naturheilkunde, Homöopathie und die Blüte der sanften Medizin (S. 57-75)
  • Asiatische Hydra, Weiße Pest und Gottes Strafe - Volkskrankheiten und Seuchen (S. 77-103)
  • Von Körperzellen und Mikroben - Zellularpathologie und Bakteriologie / Virologie als neue Leitwissenschaften der Medizin (S. 105-136)
  • Mit dem Messer zum Organ - Chirurgen bahnen neue Wege (S. 137-161)
  • Von Irren und Ärzten - Ketten, Hirne, Analysen (S. 163-194)
  • Kranke, Ströme, Strahlenfelder - Medizin und Elektrizität um 1900 (S. 195-210)
  • Medizin und Diktatur - Deutschland, 1933-1945 (S. 211-240)
  • Von Solferino bis Kabul - Krieg, medizinischer Fortschritt und die Ambivalenz der Moderne" (S. 241-276)
  • Vermessen, durchleuchtet und analysiert - Die diagnostische Durchdringung des Menschen (S. 277-302)
  • Vom Serum zur chemischen Substanz - Die Revolution der pharmakochemischen Therapie (S. 303-320)
  • Leben, Krankheit, Sterben - Ethische Herausforderungen (S. 321-343)
  • Internationale Medizin und globale Verantwortung - Armut, Krankheit, ferne Kriege (S. 345-353).

Während das Buch durchgehend mit insgesamt 325 Abbildungen, die überwiegende Zahl davon in Farbe, reichlich illustriert ist, beschreibt eine Vielzahl kurzer Exkurse den Fortschritt vor dem historischen Hintergrund. Ergänzt wird die Darstellung durch ein eher knapp gehaltenes Literaturverzeichnis (S. 355-358), in dem man sich neben der "Geschichte der Medizin und der Krankenpflege" (Eduard Seidler) wenigstens einen Hinweis auf das "Biografische Lexikon zur Pflegegeschichte" (Horst-Peter Wolff / Hubert Kolling) gewünscht hätte, ein Personenverzeichnis (S. 359-365) und ein Sachverzeichnis (S. 366-374), das die Begriffe "Krankenpflege" und "Kriegskrankenpflege" vermissen lässt.

Zur Bedeutung und Intention seiner Veröffentlichung schreibt der Autor im Vorwort: "Dieses Buch will weder medizinhistorisches Hand- noch Lehrbuch sein und es erhebt keinen Anspruch auf Berücksichtigung aller Strömungen, Entwicklungen oder Einzelergebnisse in der Medizin der letzten 200 Jahre. Es will in historischer Perspektive lediglich in einfachen Linien die wesentlichen Züge einer Disziplin nachzeichnen, die heute in ihrer Vielfalt und technischen Ausdifferenzierung kaum mehr überschaubar ist. [...] Medizin ist eine lebendige Wissenschaft und lebt geradezu von der Dynamik ihrer Wandlungen. Dieser Dynamik und ihren Auswirkungen in den letzten zwei Jahrhunderten auf wenigen hundert Seiten nachzugehen, ist ein gewagtes Unterfangen und zwingt den Betrachter in eine Perspektive der Vogelschau. Dabei müssen notgedrungen Details in den Konturen der Landschaft verschwinden. Hierfür sei der detailgewohnte Leser um Verzeihung gebeten. Wenn es stattdessen aber gelungen sein sollte, in historischer Perspektive Konturen einer Medizin zu zeichnen, in deren Wirkungsfeld wir stehen und so das weiterführende Interesse am Detail zu wecken, wäre ein zentrales Anliegen dieser Darstellung erreicht" (S. V und VI).

Der an der Geschichte der Krankenpflege interessierte Leserschaft sei zur Lektüre insbesondere das zehnte Kapitel "Von Solferino bis Kabul - Krieg, medizinischer Fortschritt und die Ambivalenz der Moderne" (S. 241-276) empfohlen. Darin finden sich Informationen und Hinweise etwa über das Wirken von Florence Nightingale (1820-1910), Jean-Henry Dunant (1828-1910) und die Entstehung des Roten Kreuzes sowie die Krankenpflege in den verschiedenen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts. Namentliche Erwähnung findet hierbei Mathilde von Horn (1875-1943), die Generaloberin des Badischen Frauenvereins vom Roten Kreuz, die sich 1918 in ausgedehnten Visitationsreisen um das Schicksal der in Russland kriegsgefangenen deutschen Soldaten bemühte. In Hinblick auf das Wirken des Roten Kreuzes und dessen Krankenschwestern während der NS-Zeit schreibt Wolfgang U. Eckart: "Unter Leitung seines Präsidenten, des SA- und NSDAP-Mitglieds Carl-Eduard (Herzog) von Sachsen-Coburg und Gotha (1884-1954) und des SS-Mannes und geschäftsführenden Präsidenten des DRK, Ernst Grawitz (1899-1945), waren das Rote Kreuz und seine Schwesternschaft tief ins nationalsozialistische Unrechtssystem verstrickt und bis 1945 im Grunde eine straff durchorganisierte Unterorganisation der SS" (S. 274).

Nach nur etwas mehr als einem halben Jahr liegt nun, Dank der "erfreulich positiven Resonanz, die diese Illustrierte Geschichte der Medizin beim Lesepublikum gefunden hat", so der Autor in seinem Vorwort, eine zweite Auflage vor. Genaugenommen handelt es sich hierbei jedoch lediglich um einen Nachdruck, dem ein "Errata" beigefügt wurde. Die achtseitige Beilage enthält dabei Hinweise auf Textkorrekturen für insgesamt 28 Seiten und ein überarbeitetes Personenverzeichnis (während das Buch selbst das nicht aktualisierte Verzeichnis der ersten Auflage enthält). Jeder Autor mag sich wohl freuen, wenn sein Buch binnen eines Jahres eine Neuauflage erfährt. Im vorliegenden Fall entsteht beim unbeteiligten Leser jedoch der Eindruck, dass hier etwas übers Knie gebrochen wurde. Ob und inwiefern dieses Phänomen vielleicht der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen (vgl. www.de.wikipedia.org/wiki/Exzellenzinitiative) - beziehungsweise der Bedeutung, die in diesem Zusammenhang dem Umfang der Publikationslisten der entsprechenden Hochschullehrer zukommt - geschuldet ist, darüber kann nur spekuliert werden. In jedem Fall hätte ich mir als Käufer des Buches, für das es immerhin knapp 50 Euro hinzublättern gilt, eine wirkliche Neuauflage mit den eingearbeiteten Korrekturen gewünscht. Sieht man von den zuvor genannten Punkten ab, hat Wolfgang U. Eckart ein gelungenes Buch vorgelegt, das man immer wieder gerne zur Hand nehmen mag, um darin etwas über die Meilensteine der Medizingeschichte zu erfahren.