Frauendiakonie und Krankenpflege (Götzelmann, Arnd et al. (Hrsg.))Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2009, 180 S., 16,00 €, ISBN 978-3-8253-5588-3Rezension von: Dr. Hubert Kolling |
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Aus dem 1859 gegründeten Diakonissenhaus in Speyer hat sich im Laufe der
Zeit mit dem Unternehmen "Diakonissen Speyer-Mannheim" eine bedeutende
Einrichtung im Sozial- und Gesundheitswesen entwickelt, das - mit fast 3.500
hauptamtlich Mitarbeitenden und einigen hundert Ehrenamtlichen - in der Pfalz,
im Saarland und in Baden Krankenhäuser, Altenzentren, Einrichtungen der
Kinder- und Jugendhilfe und für Menschen mit Assistenzbedarf, ein stationäres
Hospiz und Schulen betreibt.
Angeregt durch ein Forschungsprojekt in Kaiserswerth, das in dem Buch "Kosmos
Diakonissenmutterhaus. Geschichte und Gedächtnis einer protestantischen
Frauengemeinschaft" 2005 von Ute Gause und Cordula Lissner publiziert wurde,
haben im Vorfeld zum 150-jährigen Jubiläum der Diakonissen in Speyer
(und dem 125-jährigen Jubiläum der Diakonissen in Mannheim) im Jahre
2009 Studierende der ehemaligen Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen (heute:
Fachbereich IV Sozial- und Gesundheitswesen der Fachhochschule Ludwigshafen)
mit ihren Dozenten ein ähnliches Forschungsprojekt gestartet, in dessen
Mittelpunkt ein Ausschnitt aus der Geschichte dieser Mutterhäuser, ihrer
Schwestern und deren Arbeit steht. Der Schwerpunkt des Projektes lag dabei im
Bereich Pflege, während andere Aspekte der vielfältigen Tätigkeit
von Diakonissen - solche waren und sind nicht nur als Krankenschwestern, sondern
auch als Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, Fürsorgerinnen und Lehrerinnen
tätig - ausgespart blieben. In dem hier vorzustellenden Buch, das als Band
37 der "Veröffentlichungen des Diakoniewissenschaftlichen Instituts
an der Universität Heidelberg" erschien, werden einige Ergebnisse
des Forschungsprojektes dokumentiert, die im Rahmen einer Fachtagung unter dem
Titel "Im Gespräch mit Diakonissen aus Speyer" am 26. November
2007 in ähnlicher Form vorgetragen wurden.
Für die Herausgabe des Buches zeichnen sich Arnd Götzelmann, Karl-Heinz
Sahmel und Andreas-Eva Schwarz verantwortlich. Während der evangelische
Pfarrer Arnd Götzelmann und der Diplom-Pädagoge Karl-Heinz Sahmel
Hochschullehrer am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Fachhochschule
Ludwigshafen für Diakonik, Ethik und Sozialmanagement beziehungsweise Pflegepädagogik
und Pflegewissenschaft sind, ist die Diplom-Pflegepädagogin Andrea-Eva
Schwarz Angestellte an der Akademie für Gesundheitsberufe Heidelberg und
Honorardozentin an verschiedenen Pflegeschulen.
Neben den Herausgebern haben acht weitere aus der Krankenpflege stammende Autorinnen
und Autoren, die an dem Projekt beteiligt waren, Beiträge beigesteuert,
die zumeist auf ihren Diplomarbeiten mit einschlägigen Themen beruhen.
Die Veröffentlichung möchte, wie die Herausgeber in ihrem Vorwort
schreiben, "ein multidisziplinärer Beitrag zur Geschichte und Gegenwart
der Diakonissenbewegung sein und einen Ausschnitt von dem dokumentieren, was
die so genannte weibliche Diakonie ausmacht" (S. 10). Damit beabsichtigen
sie zugleich angesichts einer Situation, in der Nachwuchs für das Diakonissenamt
ausbleibt, auch für zukünftige Generationen etwas festhalten und sichtbar
zu machen von der Bedeutung der Diakonissen und ihrer Arbeit in Krankenpflege,
Erziehung und Gemeindearbeit.
Grundlage der Untersuchung bilden zahlreiche Interviews ("Oral History"),
die zwischen 2005 und 2008 mit Diakonissen in Speyer geführt und anschließend
ausgewertet wurden. Im Mittelpunkt des Interesses standen hierbei vor allem
Fragen nach der Rolle der Frau, der Bedeutung beruflicher Sozialisation und
dem Stellenwert von religiösen Handlungen sowie die Bedeutung von Leitbildern.
Die vorliegende Publikation stellt dabei insbesondere die drei folgenden Teilprojekte
vor:
Die Bedeutung der Pflegeausbildung und der Wandel des Pflegeverständnisses
Diakonissen in der "Gemeindepflege"
Von der Gemeindeschwester zur Sozialstation.
Ein weiteres Teilprojekt lautete "Dienen im Wandel der Zeit", in
dem versucht wurde, biographische Rekonstruktionen mit dem Begriff des "Dienens"
in Verbindung zu setzen.
Entsprechend diesem Rahmen beschäftigen sich die Beiträge des vorliegenden
Bandes - neben Hinweisen zur Entstehung und zum Verlauf des Forschungsprojektes
"Diakonissen Speyer" sowie kulturwissenschaftlichen Methoden und einigen
historischen Anmerkungen zu den Diakonissenhäusern in Kaiserswerth und
Speyer - mit der Bedeutung der Pflegeausbildung und dem Wandel des Pflegeverständnisses,
mit Diakonissen in der Gemeindekrankenpflege und dem Übergang von der Gemeindeschwester
zur Sozialstation. Beachtenswert erscheinen hierbei die - leider vom Umfang
her etwas sehr knapp ausgefallenen - Ausführungen zur Zukunft der Pflegeausbildung
in Trägerschaft der Diakonie, bei denen es abschließend heißt:
"Die Orientierung an einem christlichen Menschenbild kann sowohl der Ausbildung
als auch der Pflege ein besonderes Profil geben. Ist den diakonischen Träger
die Bedeutung der Pflegeausbildung für sein spezifisches Profil bewusst,
hat die Institution Gesundheits- und Krankenpflegeschule weiterhin eine große
Zukunft" (S. 150).
Insgesamt betrachtet beinhaltet der schmale Band zahlreiche interessante Ergebnisse
zur jüngeren Geschichte der Frauendiakonie und Krankenpflege. So können
etwa die Untersuchungsergebnisse in der von Jutta Schmidt vorgelegten Studie
für Kaiserswerth "Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert"
(Frankfurt am Main 1998) zeigen, "dass für die Frauen aus dem Mittelstand
meist erst eine soziale Abstiegsgefährdung und die Notwendigkeit, für
den eigenen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, vorliegen musste, um den Schritt
ins Mutterhaus zu begründen" und dass "viele Frauen aus klein-
und unterbürgerlichen Schichten die Chance zur Bildung, Ausbildung und
die Schutzfunktion des Mutterhauses" suchten, aufgrund der vorliegenden
Untersuchung für Speyer präzisiert werden. Beispielsweise stellten
im Diakonissenhaus Speyer die Frauen aus klein- und unterbürgerlichen Schichten
von Beginn an die Majorität aller Diakonissen dar. Während es auch
in Speyer nicht mehrheitlich gelungen war, "Töchter des Mittelstandes"
zu werben, spiegelte sich die ländliche Struktur der Pfalz in der sozialen
Herkunft der Diakonissen wieder. So fanden sich insbesondere die erwünschten
Töchter von Lehrern und Pfarrern äußerst selten unter Speyerer
Diakonissen.
Ein ganz anderes Ergebnis der Datenauswertung zeigt etwa, dass die Diakonissen
schon vor der so genannten "Ganzheitlichkeitsdebatte" in den 1990er
Jahren ein umfassendes Menschenbild hatten und auch ohne viele Theoriestunden
und normative, den Handlungsspielraum einschränkende Auflagen, "professionell"
pflegten. Die Diakonissen hätten, so die Autoren, den heute im Rahmen der
Professionalisierungsdebatte thematisierten Aspekt der "Sorge" als
genuin pflegerische Aufgabe betrachtet. Das intuitive Handeln sei aus ihrer
Sicht nicht von der analytischen Fachkompetenz zu lösen.
Die Entwicklung von Diakonissen und Diakonischen Schwesternschaften in der
Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren,
wurde bislang noch nicht zusammenfassend monografisch erfasst. Insofern ist
das mit historischen Dokumenten und Fotos reich illustrierte Buch ein wichtiger
Beitrag, der die entsprechende Lücke in der Geschichtsschreibung der neuzeitlichen
Pflege etwas verkleinert. Wer sich für Frauendiakonie und die evangelische
Krankenpflege interessiert, wird das Buch in jedem Fall mit Freude zur Hand
nehmen.