Zwischen Tun und Lassen (Rezension)

Zwischen Tun und Lassen (Geisler, Linus)

Mabuse-Verlag, Frankfurt, 2008, 256 S., ISBN: 9783938304594

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Der Autor des vorliegenden Buches war von 1976 bis 1999 Chefarzt einer Medizinischen Klinik und später Sachverständiger der Enquete-Kommissionen "Recht und Ethik der modernen Medizin" des Deutschen Bundestages.

Er setzt sich in dem vorliegenden Buch in - vermutlich nicht am Stück entstandenen und auch nicht notwendig am Stück zu lesenden - Essays mit der Situation und den Tendenzen - Visionen - der aktuellen Gesundheitsversorgung auseinander. Themen sind:

  • Reproduktionsmedizin
  • Stammzellenforschung
  • Der gute Arzt
  • (Verteilungs-)Gerechtigkeit
  • Sterbebegleitung/-hilfe
  • Spiritualität in der Medizin
  • Menschenbilder
  • Wohl und Wille - Autonomie und Fürsorge
  • Wie viel Fortschritt verträgt der Mensch?
  • Wissen und Nichtwissen.
  • Die Ausführungen sind überaus lesenswert. Den Grundtenor artikuliert der Autor gleich zu Beginn im ersten Satz des den Essays vorangestellten Prologs: "Ein Unbehagen, eine verstörende Beklemmung befällt den Beobachter des Feldes der Biomedizin, dessen Grenzen kaum mehr auszumachen sind." (S.9) Wer mit wachem Verstand die Entwicklung der Medizin - der Rezensent benutzt hier bewusst nicht den tendenziösen Kampfbegriff "Biomedizin", aus dem dann der im Untertitel des Buches verwendete Terminus "bioethisch" abgeleitet wird - verfolgt, wird die gut recherchierten Ausführungen mit Gewinn lesen.

    Gleichwohl bleibt auch bei dem, der das Geschehen ähnlich wie der Autor kritisch verfolgt, ein Unbehagen zurück; es stellen sich Fragen:

    • Vor allem bei den Ausführungen zur Stammzellenforschung kommt man nicht umhin, festzustellen, dass es historisch ähnliche Argumentationsmuster immer wieder gegeben hat. Im Kontext der - ggf. experimentellen - Entwicklung von Therapien wurde immer wieder das Schlimmste orakelt - ein noch nicht so lange zurückliegendes Beispiel wäre die Organtransplantation. Irgendwann waren die Therapien dann Standard - das Nicht-Gewähren ist dann stets himmelschreiendes Unrecht; die Frage der Modalitäten der Organspende ist dafür ein wunderbares Beispiel. Insofern haftet den berechtigt kritischen Fragen zur Stammzellenforschung auch etwas A-Historisches an. Man hätte sich gewünscht, dass der Autor einmal darüber reflektiert, wo die Medizin heute stünde, wenn sich Forscher immer so verhalten hätte, wie er es von den Stammzellenforschern erwartet. Man ist da immer wieder an den klugen Physiologen Hans-Jürgen Bretschneider erinnert, der in einer Podiumsdiskussion einmal sagte, dass viele Probleme nicht bestünden, wenn man die Eizellen in der Frau lassen würde - dies sei aber keine reelle Option. Was man in den Ausführungen von Geisler in diesem Zusammenhang vermisst, ist eine Aussage darüber, auf welche künftigen Therapien zu verzichten sei.
    • Noch im Prolog findet sich ein zwar richtiger, aber dennoch problematischer Satz: "So misslingt der modernen Medizin immer mehr ein konsistentes Menschenbild." Hier wäre doch kritisch zu fragen, ob eine Disziplin, die sich verschiedener naturwissenschaftlicher Theorien bedient, aber, wenn überhaupt, nur rudimentär über eine eigene Wissenschaftstheorie verfügt, dazu berufen ist, ein gesellschaftlich handlungsleitendes Menschenbild zu entwerfen. Hier wäre doch das zu reflektieren, was Alfons Labisch unter der medizinischen Deutungsmacht in unserer Gesellschaft beschrieben hat, und es wäre an Dieter Lenzen zu erinnern, der gezeigt hat, dass Ärzte in unserer Gesellschaft eine Funktion übernehmen bzw. diese ihnen angedient wird, die in vergangenen Gesellschaften Priestern zugeschrieben wurde. Und es wäre hier ein Gedanke darauf zu verschwenden, dass Ärzte hier nicht nur Opfer sind, sondern an diesem Geschehen, der Medikalisierung vieler sozialer Bereiche, vortrefflich verdienen.
    • Die Ausführungen zur Rolle des Arztes scheinen irgendwie wenig zumindest mit der klinischen Realität zu tun zu haben. Dass es in der klinischen Realität keinen behandelnden Arzt, sondern nur eine Fülle von Spezialisten gibt, die irgendwelche Detailfunktionen im Auge haben, findet keine Erwähnung, ebenso wenig die Tatsache, dass der gute alte Hausarzt eine aussterbende Spezies sein dürfte. Die Umschreibung des guten Arztes (S.116) - "Vielleicht ist es sinnvoll, den guten Arzt einfach als den Arzt zu beschreiben, den wir Ärzte uns selbst wünschen, wenn wir krank geworden sind und Hilfe brauchen." - mutet hier doch etwas arg naiv an. Hier wären ganz andere Fragen zu stellen. Dies betrifft auch die Klage über das nicht mehr so üppige Einkommen der Ärzte - man könnte doch einmal darüber nachdenken, weshalb diejenigen, die die mit Abstand - selbstverständlich nicht selbst finanzierte - teuerste Ausbildung genießen, später weit über proportional verdienen müssen.
    • Es ließen sich noch weitere kritische Fragen anfügen. Insgesamt bleibt kritisch anzumerken, dass das ausschließliche Lamentieren über die aktuellen Exzesse biomedizinischen Treibens insofern einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, als die Konsequenzen daraus nicht gezogen werden. Dies muss ein im Ruhestand befindlicher Mediziner natürlich auch nicht mehr zwingend tun. Die Konsequenz der Ausführungen in diesem Buch wäre ein offensiver Diskurs über die Begrenzung ärztlichen Agierens; dieser wird aber noch nicht einmal Ansatz geführt - und man hätte zu manchen Stellen gern einmal Mitarbeiter aus der von dem Autor geleiteten Klinik befragt.

    Auch wenn aus Sicht des Rezensenten der Autor mit seinen Ausführungen unter dem Gesichtspunkt einer ethischen Reflexion auf halber Strecke stehen bleibt, sei abschließend noch ein positiver Aspekt hervorgehoben. Das Kapitel "Wohl und Wille", in dem es um den Respekt vor der Selbstbestimmung und der Notwendigkeit der Fürsorge geht, hebt sich wohlwollend von vergleichbaren Ausführungen, in denen das Prinzip der Autonomie abgelehnt wird, ab. Linus Geisler entwirft hier das Konzept einer "gestützten Autonomie", die umsetzbar erscheint.

    Medizingeschichte (Rezension)

    Medizingeschichte (Eckart, Wolfgang Uwe und Robert Jütte)

    Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien, 2007, 378 S., 19,90 €, ISBN 978-3-412-12406-9

    Rezension von: Dr. Hubert Kolling

    Medizingeschichte, die Lehre von den historischen Entwicklungen der Medizin, einschließlich der Biographie von Personen, die Einfluss auf die Medizin ihrer Zeit ausübten (vgl. www.de.wikipedia.org/wiki/Medingeschichte [17.03.2011]), ist seit einigen Jahren nicht nur Pflichtfach (neben Theorie und Ethik) im Curriculum des Medizinstudiums an deutschen Universitäten, sondern auch bedeutendes Element im Kanon der übrigen wissenschaftshistorischen Disziplinen. Darüber hinaus haben aber auch andere akademische Fächer - darunter die allgemeine Geschichts- und Literaturwissenschaft, die Theologie, die Philosophie, die historische Rechtswissenschaft und die Volkskunde - die Geschichte der Heilkunde (mitunter um eine Geschichte der Gesundheit erweitert) in ihrer jeweils kulturgebundenen Ausprägung sowie wegen ihrer Kulturgrenzen überschreitenden Konzept- und Praxisvielfalt als unverzichtbares Forschungsthema von herausragender kultur-, gesellschafts- und politikwissenschaftlicher Relevanz für sich entdeckt. Umso erstaunlicher ist daher, dass lange Zeit keine neuere methodische Handreichung zum Einstieg ins Studium und in die Forschung zur Verfügung stand. Der letzte Versuch einer "Einführung in die Medizinhistorik" - ein Werk des Mainzer Medizinhistorikers Prof. Dr. Walter Artelt (1906-1976) - mit dem Ziel, die Methoden und Themenvielfalt des Faches zu vermitteln, stammt aus dem Jahre 1949. Ausgehend von diesem Desiderat haben die beiden Medizinhistoriker Wolfgang Uwe Eckart und Robert Jütte im Jahre 2007 ihr Studienbuch "Medizingeschichte" veröffentlicht.

    Prof. Dr. Wolfgang Uwe Eckart (Jahrgang 1952), Studium der Medizin, Geschichte und Philosophie in Münster / Westfalen, Approbation als Arzt 1977, Promotion zum Dr. med. 1978, Habilitation für Geschichte der Medizin 1986, von 1988 bis 1992 Professor für Geschichte der Medizin und Direktor der Abteilung Geschichte der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, ist seit 1992 Professor für Geschichte der Medizin und Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Eckart, unter anderem von 1994 bis 1997 Mitarbeiter in der Kommission "Geomedizin" der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und von 1996 bis 1998 Präsident der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte, veröffentlichte eine Vielzahl von Monographien und Beiträge zur Medizingeschichte. Er ist Herausgeber der "Hannoversche Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften", der "Neuere Medizin- und Wissenschaftsgeschichte - Quellen und Studien" und (mit Dietrich von Engelhardt) der "Schriftenreihe zur Geschichte der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte".

    Prof. Dr. Robert Jütte (Jahrgang 1954) lehrt seit 1991 an der Universität Stuttgart. Nach seiner Promotion an der Universität Münster 1982 und Habilitation an der Universität Bielefeld 1989 war er von 1983 bis 1989 Professor für deutsche Geschichte an der Universität Haifa / Israel. Seit 1990 ist er Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Jütte, unter anderem Mitglied des Vorstands des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer und Vorsitzender der Vereinigung für jüdische Studien e. V., veröffentlichte eine Vielzahl von Monographien und Beiträge zur Medizingeschichte. Er ist Herausgeber der Reihe "Medizin, Gesellschaft und Geschichte" und Mitherausgeber der Zeitschrift "Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden".

    Zu den Inhalten und der Bedeutung des vorliegenden Buches schreiben die Autoren im Vorwort: "Das vorliegende Werk, das zum Eigenstudium und besonders zum Einsatz in Einführungsveranstaltungen gedacht ist, stellt […] den Versuch dar, die wesentlichen Voraussetzungen und Grundkenntnisse zum Studium der Medizingeschichte und für Forschungen auf diesem Gebiet zu vermitteln. Das geschieht sowohl unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands als auch mit Blick auf die Wege der Forschung. Dabei werden grundlegende Aspekte der allgemeinen Methodik des historischen und wissenschaftsgeschichtlichen Arbeitens ebenso thematisiert wie Besonderheiten der Medizinhistorik, die es als eigenständiges Fach erst seit etwa 100 Jahren gibt" (S. 8).
    Der in fünf Teile sehr übersichtlich untergliederte Band zeigt den folgenden Aufbau:

  • 1 Einführung
  • 2 Quellen, Literatur, Hilfsmittel und Forschungseinrichtungen
  • 3 Methoden und theoretische Ansätze
  • 4 Grenzgebiete und Nachbardisziplinen
  • 5 Medizinhistorische Grundbegriffe.
  • Der Anhang eine Übersicht über Medizinhistorische Zeitschriften (Auswahl), ein Sach- sowie ein Namensregister.

    In der "Einführung" wird unter anderem auf die Aufgaben und generelle Bedeutung der Medizingeschichte sowie auf die Geschichte dieser Disziplin eingegangen (Medizingeschichte: Aspekte, Aufgaben, Arbeitsweisen; Exkurs: Geschichte der Medizingeschichtsschreibung). Im zweiten Teil werden "Quellen, Literatur, Hilfsmittel und Forschungseinrichtungen" (darunter gedruckte und ungedruckte Quellen und deren Zitierweisen, Oral History, medizinhistorische Gesamtdarstellungen, Bibliographien, Nachschlagewerke und Enzyklopädien, Fachbibliotheken und Medizinhistorische Institute, Archive mit medizin- und wissenschaftshistorisch relevanten Beständen, Nachschlagewerke und Enzyklopädien) vorgestellt. Daran anschließend werden im dritten Teil verschiedene "Methoden und theoretische Ansätze" (Wissenschaftsgeschichte, Ideengeschichte, Sozialgeschichte, Historische Anthropologie, Patientengeschichte, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Körpergeschichte, Biographie und Prosopografie, Historische Demographie) jeweils knapp skizziert. Danach richtet sich der Blick im vierten Teil auf die "Grenzgebiete und Nachbardisziplinen", wozu die Pharmaziegeschichte, Technikgeschichte, Ethnomedizin, Volkskundliche Gesundheitsforschung, Medizinethik, Pflegegeschichte, Geschichte der Alternativen Medizin und die Geschichte der Zahnmedizin gehören. Im fünften Teil werden schließlich "Medizinhistorische Grundbegriffe" (Medikalisierung, Professionalisierung, Nosologie, Pathografie, retrospektive Diagnose, Medikale Kultur / Volksmedizin, Schulmedizin und medizinische Schulen, Periodisierung), die in der modernen Medizingeschichtsschreibung immer wieder an zentraler Stelle auftauchen, dargestellt und kritisch hinterfragt. Zur Vertiefung des präsentierten methodischen und theoretischen Grundwissens finden sich am Ende von jedem Kapitel umfangreiche bibliographische Angaben und Internetadressen. Ergänzt wird die Darstellung durch einen "Anhang", der eine Auswahl der wichtigsten medizinhistorisch relevanten Zeitschriften (darunter auch solche, die ihr Erscheinen bereits eingestellt haben) enthält, ebenso wie ein zur Orientierung sehr hilfreiches Sachregister und Namensregister.

    Alle Inhalte des Buches näher vorzustellen, würde den Rahmen der vorliegenden Besprechung sprengen. Da die Rezension in einer (auch online erscheinenden) Fachzeitschrift erscheint, die sich primär an Pflegepersonen wendet, sei daher wenigstens das Kapitel "Pflegegeschichte" (S. 286-295) genauer betrachtet. Unter Hinweis auf den 6. Internationalen Kongress zur Geschichte der Pflege, der unter dem Motto "Wider die Geschichtslosigkeit der Pflege" im Jahre 2004 in Wien stattfand, weisen Wolfgang Uwe Eckart und Robert Jütte zunächst darauf hin, dass die Geschichte der Krankenpflege, zumindest im deutschsprachigen Raum, immer noch Legitimationsprobleme hat. Deswegen wäre und sei die Geschichte der Krankenpflege - von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen - "bis heute häufig als kompensatorische Geschichtsschreibung angelegt worden" (S. 286). In diesem Falle diene also die historische Darstellung einerseits dazu, die Benachteiligung von Frauen im Berufsalltag und die immer noch nicht überwundenen Konflikte mit den (lange Zeit meist männlichen) Ärzten aufzuzeigen, und andererseits die Leistungen einer im Schatten der Medizingeschichte stehenden Berufsgruppe entsprechend zu würdigen. Wenngleich es hierzulande noch erhebliche Forschungslücken gäbe, könne von "einer Geschichtslosigkeit der deutschen Krankenpflege" aber "längst keine Rede mehr" (S. 286) sein.

    Unter der Überschrift "Einführungen und Überblicksdarstellungen" skizzieren die Autoren sodann wichtige Werke der Pflegegeschichte, angefangen von der vierbändigen Gesamtdarstellung von Adelaide M. Nutting und Lavinia L. Dock "A History of Nursing" (1907 bis 1912), die von Agnes Karll (1868-1927), der Gründerin und Vorsitzenden der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands, ins Deutsche übersetzt wurde, über die Arbeiten beziehungsweise Krankenpflegelehrbücher von Heinrich Haeser (1811-1887), Paul Sick (1836-1900) und Eduard Dietrich (1860-1947) bis hin zu dem von Eduard Seilers vorgelegtem Standardwerk "Geschichte der Pflege des kranken Menschen" (1966), das mittlerweile mehrfach überarbeitet und mit Karl-Heinz Leven als Co-Autor unter dem Titel "Geschichte der Medizin und der Krankenpflege, in siebter Auflage (2003) vorliegt. Darin seien, wenngleich nicht einem konsequent sozialhistorischen Ansatz verpflichtet, "zum ersten Mal die standesgeschichtliche Perspektive aufgebrochen und der gemeinsame Beitrag von Ärzten und Krankenschwestern zur Pflege des kranken Menschen herausgearbeitet" (S. 287) worden. Zu den wichtigsten deutschsprachigen Lehrbüchern zur Geschichte der Krankenpflege, die seit den 1990er Jahren erschienen sind, gehört nach Ansicht von Wolfgang Uwe Eckart und Robert Jütte die Überblicksdarstellung "Geschichte der Krankenpflege" (2004) von Horst-Peter Wolff und Jutta Wolff, wenngleich diese außerhalb der professionellen Medizingeschichtsschreibung entstanden sei. Horst-Peter Wolff sei außerdem Herausgeber eines (dreibändigen) "Biographischen Lexikons zur Pflegegeschichte" - "ein wichtiges Nachschlagewerk" (S. 288), wie die Autoren völlig zu Recht bemerken. Hierzu sei der Hinweis gestattet, dass Horst-Peter Wolff die Herausgebertätigkeit inzwischen an den Pflegehistoriker Hubert Kolling abgetreten hat, der 2008 den vierten Band veröffentlichte; Band 5 wird 2011 im Verlag hpsmedia (Hungen) erscheinen, Band 6 ist für 2012 in Vorbereitung.

    Unter der Überschrift "Alte und neue Forschungsfelder" weisen Uwe Eckart und Robert Jütte sodann darauf hin, dass in den letzten beiden Jahrzehnten - nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und in Österreich - zahlreiche Studien zur Professionalisierung der Krankenpflege veröffentlicht wurden. Dagegen hätten andere Aspekte der Historischen Pflegeforschung - darunter beispielsweise Untersuchungen über Kriegskrankenpflege, die religiösen Besonderheiten innerhalb des Professionalisierungsprozesses in der Krankenpflege, die Beteiligung von Schwestern und Krankenpflegern an Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der Pflegealltag in einem totalitären Staat, der Alltag der Krankenschwestern im 19. Jahrhundert, die Geschichte der Kolonialmedizin aus der Perspektive der Krankenpflege, die häusliche Krankenpflege, die Rolle der Pflege in der Sozialpolitik - bislang nur wenig oder gar keine Beachtung gefunden. Ein grundsätzliches Problem sei zudem, dass in der Historischen Pflegeforschung die Krankenpflege "vor allem unter dem Aspekt der Berufstätigkeit von Frauen gesehen" werde: "Es herrscht die These vor, dass sich die professionelle Krankenpflege im 19. Jahrhundert entsprechend der damals herrschenden geschlechtsspezifischen Rollenzuweisung entwickelt habe. Durch diese Entwicklung seien die weiblichen Pflegekräfte zu untergeordneten Gehilfinnen einer lange Zeit fast ausschließlich männlichen Ärzteschaft geworden - mit allen sozialen und finanziellen Nachteilen" (S. 291). Da die Pflegegeschichtsschreibung häufig immer noch im Bann einer Frauengeschichte stehe, die den "Opfer-Aspekt" in den Vordergrund rückt und die Erkenntnisse der Gender Studies weitgehend ignoriert sowie vielfach noch kompensatorische Züge trägt, zumal nur wenige Männer sich bislang auf dem Gebiet der Historischen Pflegeforschung betätigten, bleibe "nur zu wünschen, dass sich auch die Männergeschichte, die von einer sozialen Konstruktion des Geschlechts ausgeht, der Krankenpflege unter diesem Gesichtspunkt annimmt" (S. 291).

    Abschließend richten die Autoren ihren Blick auf die "Institutionalisierung der Historischen Pflegeforschung". Demnach hatte die Geschichte der Krankenpflege lange Zeit keine institutionelle Anbindung, weder in der Medizingeschichte noch in anderen historischen Disziplinen. Diese Situation habe sich inzwischen aber "gebessert" (S. 292). Mit Blick auf Deutschland führen sie hierbei die seit 1995 an der Fachhochschule in Frankfurt am Main eingerichtete Dokumentationsstelle (Hilde-Steppe-Archiv), die vorausgegangene Gründung einer Sektion Historische Pflegeforschung im Deutschen Verein (jetzt: Deutsche Gesellschaft) für Pflegewissenschaft und das seit 2004 bestehende Engagement für die Pflegegeschichte am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung an. Unerwähnt bleibt hierbei freilich, dass es trotz des sehr stark forcierten Akademisierungsprozesses im Bereich der Pflege im Verlauf der letzten 20 Jahre mit der Einrichtung zahlreicher Studiengänge an Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland bis heute keinen einzigen Lehrstuhl für Historische Pflegeforschung gibt. Das Interesse an der eigenen Berufsgeschichte ist dabei scheinbar auch an der Basis gering, indem entsprechende Arbeiten zur Pflegegeschichte lediglich in Mikroauflagen erscheinen und daher für Buchverlage - unter ökonomischen Gesichtspunkten - völlig uninteressant sind. Eine entsprechende Veröffentlichung ohne hohes Sponsoring ist dabei nahezu aussichtslos, in jedem Fall aber ein äußerst schwieriges Unterfangen. So konnte beispielsweise der 3. Band des erwähnten "Biographischen Lexikons zur Pflegegeschichte" erst in Druck gehen, nachdem der Herausgeber einen Teil der hierfür anfallenden Kosten übernahm; ähnlich verhielt es sich mit dem 4. Band, der erst aufgrund der Förderung vonseiten der Robert Bosch Stiftung erschien. Keine Frage, dass hierbei die jeweiligen Herausgeber auch noch dazu verpflichtet waren, kostenlos ein druckfertiges Layout selbst zu erstellen.

    Wie in der Medizingeschichte gehört es zu den Aufgaben der Historischen Pflegeforschung die Erforschung der Biographien von Personen, die Einfluss auf die Pflege in ihrer Zeit ausübten. Hierzu hat etwa der Rezensent in den letzten Jahren eine Reihe von Arbeiten (Monographien, Buch- und Zeitschriftenbeiträge) veröffentlicht, von denen - in Ergänzung zu der in der Bibliographie des Kapitels Pflegegeschichte angegebenen Literatur (S. 293-295) -nachfolgend einige vorgestellt seien:

  • "Gott hilft Dir, aber rudern musst Du selbst". Dr. Viola Riederer Freiin von Paar zu Schönau (1903-1996), die Gründerin und Ehrenvorsitzende des Katholischen Berufsverbandes für Pflegeberufe. Herausgegeben vom Katholischen Berufsverband für Pflegeberufe e. V., Regensburg. Regensburg 2003.
  • "Echte Krankenpflege ist hingebender, selbstloser Dienst...". Michael Fischer (1887-1948), ein bedeutender Mitgestalter der katholischen Krankenpflege in Deutschland (Reihe Wissenschaft, Bd. 83). Frankfurt am Main 2004.
  • Krankenpfleger, Gewerkschafter und Fachbuchautor Franz Bauer (1898-1969). Herausgegeben vom Sonneberger Museums- und Geschichtsverein e. V. (Sonneberger Geschichtsblätter, Band 4). Sonneberg 2008.
  • "Die Pflege des gesunden und kranken Kindes". Der Euthanasie-Arzt Werner Catel (1894-1983) und sein Lehrbuch für Säuglingspflegerinnen und Kinderkrankenschwestern. In: Grundmann, Kornelia / Sahmland, Irmtraut (Hrsg.): Concertino. Ensemble aus Kultur- und Medizingeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Gerhard Aumüller (Schriften der Universitätsbibliothek Marburg, Band 131). Marburg 2008, S. 190-205.
  • Helene Dorette Maximiliane Freiin von Dungern (1865-1935) - Wohltäterin. In: Staffelsteiner Lebensbilder. Zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Staffelstein herausgegeben von Günter Dippold und Alfred Meixner (Staffelsteiner Schriften, Bd. 11). Staffelstein 2000, S. 181-185.
  • "Einer der hervorragendsten Vorkämpfer für die Verbesserung der Lebenslage des Krankenpflege-, Massage- und Badepersonals..." - Paul Levy (1886-1958). In: Brennpunkt Gesundheit. Mitgliederzeitschrift für BiG - Gewerkschaft für Beschäftigte im Gesundheitswesen, Ausgabe 2 / 2003, S. 10-11.
  • Dr. Gustav Feldmann (1872-1947) - ein Wegbereiter der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. In: Der Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 16. Jg., Nr. 87, Dezember 2001, S. 19-24.
  • "Der Beruf und die ganze Diakonissensache sind mir auch jetzt noch lieb und werth und werden es stets bleiben." Die wechselvolle Lebensgeschichte der Diakonisse Adelheid Louise Bandau. In: Pflegegeschichte online [www.pflegegeschichte.de], Nr. 3, 3. Jg., Juni 2001, S. 1-21, jetzt: www.pflegegeschichte.de/pgoul_6_01.pdf [17.03.2011].
  • Eva Hedwig Justin (1909-1966). Eine Krankenschwester und ihr "Beitrag zur Klärung der Asozialenfrage". In: Dr. med. Mabuse. Zeitschrift im Gesundheitswesen, 25. Jg., Nr. 124, März / April 2000, S. 48-50.
  • Dr. Gustav Feldmann (1872-1947) - ein Förderer der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. In: Pflege. Die wissenschaftliche Zeitschrift für Pflegeberufe, 13. Jg., Heft 5, Oktober 2000, S. 339-345.
  • Maria Anna Hodel (Schwester Angelina) 1884-1954. Eine (fast) vergessene Frau der Krankenpflege. In: Pflegemagazin. Zeitschrift für den gesamten Pflegebereich, 1. Jg., Heft 6, Dezember 2000, S. 26-29.
  • Zurück zur "Medizingeschichte" von Wolfgang Uwe Eckart und Robert Jütte, die mit der vorliegenden Veröffentlichung eine insgesamt betrachtet äußerst gelungene Arbeitshilfe vorgelegt haben, die einen hohen praktischen Nutzen hat. Sie bietet ihrer Leserschaft - allen voran Studierenden der Human- und Zahnmedizin sowie der Pharmazie, aber auch der Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften - eine systematische, methodische und informative Einführung in die gesamte Bandbreite der Medizingeschichte, die zugleich auch Hilfsmittel und Werkzeuge benennt sowie Fähigkeiten wissenschaftlichen Arbeitens auf diesem Gebiet vermittelt. Ein solches Buch hat man lange Zeit vergebens gesucht.

    Naturheilkunde kompakt (Rezension)

    Naturheilkunde kompakt (Schön, Johannes)

    Maudrich, Wien, 2010, 200 S., 19,90 €, ISBN 978-3-85175-918-1

    Rezension von: Sylvia Schiliing

    Das vorliegende Buch vermittelt ein solides Grundwissen über die gebräuchlichsten Naturheilverfahren. Die Ausführungen sind leicht verständlich; sie sind vor allem für Laien geschrieben und mit gutem Bildmaterial zur Veranschaulichung versehen. Sie stellen eine sehr gute Orientierungshilfe zum Herausfinden der jeweils passenden Therapie dar und bieten ausreichende Erläuterungen, was diese jeweils bewirken kann und bei welchen Krankheitsbildern welche Therapien angezeigt sind.

    Sehr interessant ist auch nach jedem in Geschichte und Wirkung unterteilten Kapitel der Hinweis auf weiterführende Literatur.

    Es ist insgesamt ein gutes Buch zum Schnuppern in der Naturheilkunde und eventuell, um den Wunsch nach mehr zu wecken.