Tödliche Konflikte (Zoglauer, Thomas)Omega Verlag, Stuttgart, 2007, 320 S., 22,90 €, ISBN 978-3-933722-14-0Rezension von: Paul-Werner Schreiner |
|
Medizinisches Handeln spielt sich sehr oft an der Grenze zwischen Leben und Tod ab. Die Meisten der in diesem Bereich Tätigen sehen sich immer wieder ethischen Konflikten ausgesetzt und sie müssen sehr oft die Erfahrung machen, dass diese Konflikte nicht immer oder vielleicht nur selten in einer Weise lösbar sind, die kein ungutes Gefühl hinterlässt. Sehr oft geht es bei diesen Entscheidungen um Menschenleben - ob diese gerettet werden können oder nicht. Nun würde in diesen Fällen niemand von "tödlichen Konflikten" sprechen - vielleicht noch am ehesten in der Notfallmedizin, wo gelegentlich entschieden werden muss, ein Menschenleben zu opfern, um einen oder mehrere Menschen zu retten (Triage).
In dem vorliegenden Buch geht es um solche Konflikte - nicht nur oder speziell in der Medizin. Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Cottbus. Er schreibt im Vorwort: "Der Schwerpunkt dieses Buches bildet die Untersuchung von Normenkonflikten, bei denen es um Leben und Tod geht. Im gegebenen Rahmen können lediglich einzelne Fallbeispiele herausgegriffen werden, um an ihnen die ethische Reflexion und Urteilsbildung zu üben, in der Hoffnung, damit eine Hilfestellung bei der Bewältigung moralischer Konflikte zu bieten."
Die Beispiele, an denen die ethische Problematik von Entscheidungen an der Grenze zwischen Leben und Tod erörtert werden, sind:
- Leben retten - um jeden Preis? Ethische Aspekte der Folterdebatte
- Darf man Unschuldige töten? Das Luftsicherheitsgesetz
- Moralische Konflikte mit Flugzeugen und Straßenbahnen
- Schiffbruch und andere Katastrophen
- Medizinische Entscheidungen am Ende des Lebens
- Haben menschliche Embryonen ein echt auf Leben
- Töten im Krieg
- Kann Terrorismus moralisch gerechtfertigt sein?
In diesen Beispielen geht es stets darum, dass der Handelnde zwischen zwei Alternativen entscheiden muss, bei denen - gleich wie er handelt - stets ein Mensch zu Schaden kommt. Es sind dies Dilemmata. Solche Situationen - so der Autor - "zeigen die Grenzen ethischer Rationalität auf, indem sie uns bewusst machen, dass nicht jeder Konflikt eindeutig durch die Anwendung universeller Regeln auf Einzelfälle gelöst werden kann." (S.9) Und an anderer Stelle schreibt Zoglauer: "Wir leben nicht in einem Ideenhimmel, allzu oft kommt uns das Leben als Hölle vor. Aus einem Normenkonflikt kommt man nicht mit weißer Weste heraus. Selbst wenn man das kleinere Übel wählt, ist die Handlung immer noch ein Übel, bei der man sich die Hände schmutzig macht." (S.17)
Der Philosoph stellt in einer auch für einen philosophisch nicht besonders vorgebildeten Leser gut verständlichen Sprache die Argumentation, nach der sich das Handeln stets an festen Prinzipien zu orientieren hat, der am Handlungsergebnis orientierten Argumentation (Utilitarismus) gegenüber. Und er stellt den moralischen Rationalismus vor, dem zufolge es moralische Konflikte eigentlich nicht gibt, weil es ein widerspruchsfreies System von Normen gibt; die Handlungsbegründungen müssen dabei gegeneinander abgewogen werden, sodass sich letzten Endes ein Grund als der bessere herausstellt. Zoglauer zeigt die Grenzen dieser ethischen Argumentationen auf und präferiert die Methode des Überlegungsgleichgewichts, die auf John Rawls zurückgeht. Im letzten Abschnitt des Buches "Über den Umgang mit Normenkonflikten in der Ethik" wird diese ausführlich vorgestellt. Es spielen dabei die moralischen Intuitionen eine große Rolle. Der Kulturbezug von Moral und damit verbunden der Begriff des moralischen Relativismus werden hier diskutiert. Das letzte Kapitel ist mit "Minimalmoral" überschrieben. Der Autor geht davon aus, dass "die Methode des Überlegungsgleichgewichts einen Kernbereich der Moral als universell ausweisen" kann. Normenkonflikte lassen sich damit nicht immer lösen: Der Mensch ist beständig mit Konflikten konfrontiert. Er ist permanent dazu verurteilt, zwischen Alternativen zu wählen, deren Folgen nicht selten unüberschaubar und unkalkulierbar sind. Dennoch ist ihm die Verantwortung für sein Handeln auferlegt. Wie ein Schiffbrüchiger versucht er, den Planken ethischer Prinzipien Halt zu finden. Die Planken mögen ihn vor dem Untergang bewahren. Aber er wird nie das rettende Ufer erreichen und festen Grund unter den Füßen zu bekommen."
So endet das Buch nicht mit einem gut anwendbaren Ergebnis. Die Lektüre ist aber überaus lohnend - auch und vielleicht gerade für im Bereich der Medizin Tätigen, selbst wenn die beschriebenen Konflikte nur zum Teil diesen Bereich betreffen. Über die Grenzen ethischer Argumentation zu wissen, bewahrt davor, zu glauben, dass es da und dort behauptete klare Lösungen für Konfliktsituationen gibt.
Allein dies würde vielleicht schon manchen Konflikt entschärfen.
