Tödliche Konflikte (Rezension)

Tödliche Konflikte (Zoglauer, Thomas)

Omega Verlag, Stuttgart, 2007, 320 S., 22,90 €, ISBN 978-3-933722-14-0

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Medizinisches Handeln spielt sich sehr oft an der Grenze zwischen Leben und Tod ab. Die Meisten der in diesem Bereich Tätigen sehen sich immer wieder ethischen Konflikten ausgesetzt und sie müssen sehr oft die Erfahrung machen, dass diese Konflikte nicht immer oder vielleicht nur selten in einer Weise lösbar sind, die kein ungutes Gefühl hinterlässt. Sehr oft geht es bei diesen Entscheidungen um Menschenleben - ob diese gerettet werden können oder nicht. Nun würde in diesen Fällen niemand von "tödlichen Konflikten" sprechen - vielleicht noch am ehesten in der Notfallmedizin, wo gelegentlich entschieden werden muss, ein Menschenleben zu opfern, um einen oder mehrere Menschen zu retten (Triage).

In dem vorliegenden Buch geht es um solche Konflikte - nicht nur oder speziell in der Medizin. Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Cottbus. Er schreibt im Vorwort: "Der Schwerpunkt dieses Buches bildet die Untersuchung von Normenkonflikten, bei denen es um Leben und Tod geht. … Im gegebenen Rahmen können lediglich einzelne Fallbeispiele herausgegriffen werden, um an ihnen die ethische Reflexion und Urteilsbildung zu üben, in der Hoffnung, damit eine Hilfestellung bei der Bewältigung moralischer Konflikte zu bieten."

Die Beispiele, an denen die ethische Problematik von Entscheidungen an der Grenze zwischen Leben und Tod erörtert werden, sind:

  • Leben retten - um jeden Preis? Ethische Aspekte der Folterdebatte
  • Darf man Unschuldige töten? Das Luftsicherheitsgesetz
  • Moralische Konflikte mit Flugzeugen und Straßenbahnen
  • Schiffbruch und andere Katastrophen
  • Medizinische Entscheidungen am Ende des Lebens
  • Haben menschliche Embryonen ein echt auf Leben
  • Töten im Krieg
  • Kann Terrorismus moralisch gerechtfertigt sein?

In diesen Beispielen geht es stets darum, dass der Handelnde zwischen zwei Alternativen entscheiden muss, bei denen - gleich wie er handelt - stets ein Mensch zu Schaden kommt. Es sind dies Dilemmata. Solche Situationen - so der Autor - "zeigen die Grenzen ethischer Rationalität auf, indem sie uns bewusst machen, dass nicht jeder Konflikt eindeutig durch die Anwendung universeller Regeln auf Einzelfälle gelöst werden kann." (S.9) Und an anderer Stelle schreibt Zoglauer: "Wir leben nicht in einem Ideenhimmel, allzu oft kommt uns das Leben als Hölle vor. Aus einem Normenkonflikt kommt man nicht mit weißer Weste heraus. Selbst wenn man das kleinere Übel wählt, ist die Handlung immer noch ein Übel, bei der man sich die Hände schmutzig macht." (S.17)

Der Philosoph stellt in einer auch für einen philosophisch nicht besonders vorgebildeten Leser gut verständlichen Sprache die Argumentation, nach der sich das Handeln stets an festen Prinzipien zu orientieren hat, der am Handlungsergebnis orientierten Argumentation (Utilitarismus) gegenüber. Und er stellt den moralischen Rationalismus vor, dem zufolge es moralische Konflikte eigentlich nicht gibt, weil es ein widerspruchsfreies System von Normen gibt; die Handlungsbegründungen müssen dabei gegeneinander abgewogen werden, sodass sich letzten Endes ein Grund als der bessere herausstellt. Zoglauer zeigt die Grenzen dieser ethischen Argumentationen auf und präferiert die Methode des Überlegungsgleichgewichts, die auf John Rawls zurückgeht. Im letzten Abschnitt des Buches "Über den Umgang mit Normenkonflikten in der Ethik" wird diese ausführlich vorgestellt. Es spielen dabei die moralischen Intuitionen eine große Rolle. Der Kulturbezug von Moral und damit verbunden der Begriff des moralischen Relativismus werden hier diskutiert. Das letzte Kapitel ist mit "Minimalmoral" überschrieben. Der Autor geht davon aus, dass "die Methode des Überlegungsgleichgewichts … einen Kernbereich der Moral als universell ausweisen" kann. Normenkonflikte lassen sich damit nicht immer lösen: Der Mensch ist beständig mit Konflikten konfrontiert. Er ist permanent dazu verurteilt, zwischen Alternativen zu wählen, deren Folgen nicht selten unüberschaubar und unkalkulierbar sind. Dennoch ist ihm die Verantwortung für sein Handeln auferlegt. Wie ein Schiffbrüchiger versucht er, den Planken ethischer Prinzipien Halt zu finden. Die Planken mögen ihn vor dem Untergang bewahren. Aber er wird nie das rettende Ufer erreichen und festen Grund unter den Füßen zu bekommen."

So endet das Buch nicht mit einem gut anwendbaren Ergebnis. Die Lektüre ist aber überaus lohnend - auch und vielleicht gerade für im Bereich der Medizin Tätigen, selbst wenn die beschriebenen Konflikte nur zum Teil diesen Bereich betreffen. Über die Grenzen ethischer Argumentation zu wissen, bewahrt davor, zu glauben, dass es da und dort behauptete klare Lösungen für Konfliktsituationen gibt.

Allein dies würde vielleicht schon manchen Konflikt entschärfen.

Professionalität in der Sozialen Arbeit (Rezension)

Professionalität in der Sozialen Arbeit (Becker-Lenz, Roland et al.(Hrsg.))

VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2009, 2. Aufl., 352 S., 39,95 €, ISBN 978-3-531-16079-5

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Im deutschsprachigen Raum gibt es seit Jahren eine kontrovers geführte Diskussion über unterschiedliche Positionen zur Professionalisierung und Professionalität Sozialer Arbeit. Die Frage, was Professionalität in der Sozialen Arbeit bedeutet, wird dabei nicht einheitlich beantwortet. Im Gegenteil liegen theoretische Ansätze und Ergebnisse der empirischen Forschung vor, welche zu unterschiedlichen und miteinander zum Teil in Widerspruch stehenden Bestimmungen von Professionalität in der Sozialen Arbeit gelangen. Gleichzeitig differenzieren die Einschätzungen hinsichtlich des Professionalisierungsstandes der Sozialen Arbeit, wobei in Hinblick auf eine fortschreitende Professionalisierung - und zwar hinsichtlich der Praxis, der Forschung, der Ausbildung und der Supervision der Sozialen Arbeit - unterschiedliche Aspekte als relevant erachtet werden.

Der von Roland Becker-Lenz, Stefan Busse, Gudrun Ehlert und Silke Müller herausgegebene Sammelband "Professionalität in der Sozialen Arbeit" stellt entsprechende Debatten in Einzelbeiträgen dar. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht dabei die Frage, welche Bedeutung diese für die Theoriebildung, die Praxis sowie die Aus- und Fortbildung Sozialer Arbeit hatten und haben. Die Beiträge gehen auf eine dreitägige Arbeitstagung zurück, die im Frühjahr 2008 in Olten (Schweiz) stattfand und in Kooperation zwischen der Fachhochschule Nordwestschweiz / Hochschule für Soziale Arbeit (Schweiz), und der Hochschule Mittweida, Fachbereich Soziale Arbeit (Deutschland), organisiert wurde.

Ein paar Angaben zum Herausgebergremium: Dr. phil. Roland Becker-Lenz (Jahrgang 1963), Diplom-Soziologe und Diplom-Sozialarbeiter, ist Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz / Hochschule für Soziale Arbeit. Er veröffentlichte unter anderem (mit Silke Müller) "Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen eines Professionsideals" (Bern 2008), "Eigeninteresse und Gemeinwohlbindung im Freiwilligen Sozialen Jahr. Adoleszenzkrisenbewältigung und sittliche Vergemeinschaftung als Motivation von freiwilligen" (Bern 2004). Dr. rer. nat. Stefan Busse (Jahrgang 1957), Diplom-Psychologe, ist Professor am Fachbereich Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida / Rosswein. Er veröffentlichte unter anderem "Psychologie in der DDR. Die Verteidigung der Wissenschaft und die Formung der Subjekte" (Weinheim 2004). Dr. phil. Gudrun Ehlert (Jahrgang 1958), Einzelhandelskauffrau, Diplom-Sozialarbeiterin / Sozialpädagogin (FH) und Diplom-Sozialwissenschaftlerin, ist Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida / Rosswein. Sie veröffentlichte unter anderem (mit H. Funk) den Beitrag "Strukturelle Aspekte der Profession im Geschlechterverhältnis", in: Birgit Bütow (Hrsg.): "Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert" (Opladen 2008). Diplom-Soziologin Silke Müller (Jahrgang 1977) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Nordwestschweiz / Hochschule für Soziale Arbeit. Sie veröffentlichte unter anderem (mit Roland Becker-Lenz) den Beitrag "Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen eines Professionsideals" (Bern 2009).

Der Sammelband vereint neben der Einleitung "Was bedeutet Professionalität in der Sozialen Arbeit?" (S. 9-17) seitens der Herausgeber insgesamt 16 Beiträge, die entsprechend des deutschsprachigen Fachdiskurses grob drei thematischen Schwerpunkten zugeordnet sind:

Entwicklungslinien und theoretische Fundierungen von Professionalität in der Sozialen Arbeit

  • Silvia Staub-Bernasconi: Der Professionalisierungsdiskurs zur Sozialen Arbeit (SA / SP) im deutschsprachigen Kontext im Spiegel internationaler Ausbildungsstandards. Soziale Arbeit - eine verspätete Profession? (S. 21-45)
  • Werner Obrecht: Die Struktur professionellen Wissens. Ein integrativer Beitrag zur Theorie der Professionalisierung (S. 47-72)
  • Klaus Kraimer: Soziale Arbeit im Modus autonomer Erfahrungsbildung - Überlegungen im Anschluss an modellbildende Paradigmen zur Professionalisierung (S. 73-88)
  • Bernd Dewe: Reflexive Sozialarbeit im Spannungsfeld von evidenzbasierter Praxis und demokratischer Rationalität - Plädoyer für die handlungslogische Entfaltung reflexiver Professionalität (S. 89-109)

Die vier Beiträge verbindet die Frage nach dem Status der Sozialen Arbeit als Profession vor allem mit ihrer gesellschaftlichen Funktionsbestimmung. Er bezieht die Beiträge auf "Entwicklungslinien und theoretische Fundierungen von Professionalität in der Sozialen Arbeit". Der Referenzraum sind hier zum einen Modelle der Professionstheorie mit ihren mehr oder weniger eindeutigen Kriterien des "ob" von Professionalität, zum anderen bereits Fragen des "Wie" professionellen Handelns.

Professionalität in der Strukturlogik von Arbeitsbeziehungen und institutionellen Kontexten Sozialer Arbeit

  • Ulrich Oevermann: Die Problematik der Strukturlogik des Arbeitsbündnisses und der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung in einer professionalisierten Praxis von Sozialarbeit (S. 113-142)
  • Annegret Wigger: Der Aufbau eines Arbeitsbündnisses in Zwangskontexten - professionstheoretische Überlegungen im Licht verschiedener Fallstudien (S. 143-158)
  • Gaby Lenz: Potentiale und Risiken der Professionalitätsentwicklung in der Praxis Sozialen Arbeit - Am Beispiel der Qualitätsentwicklung von Beratung im Zwangskontext Schwangerenkonfliktberatung (S. 159-173)
  • Stefan Köngeter: Professionalität in den Erziehungshilfen (S. 175-191)

Die vier Beiträge im zweiten Themenschwerpunkt betrachten Professionalität vor allem in Hinblick auf die "Strukturlogik von Arbeitsbeziehungen und institutionellen Kontexten Sozialer Arbeit". Während in der soziologischen Professionstheorie, zumindest in den Positionen der strukturtheoretischen Professionstheorie und der interaktionistischen Professionstheorie viele inhaltliche Übereinstimmungen in der Konzeption eines Arbeitsbündnisses beziehungsweise eines Vertrauenskontaktes bestehen, wird im Fachdiskurs der Sozialen Arbeit dieses Thema kontrovers diskutiert. Hierbei geht es insbesondere um die Frage, inwieweit sich soziales beziehungsweise sozialarbeiterisches Handeln (allein) nach dem Modell des "dyadischen Arbeitsbündnisses" konzeptualisieren lässt und welche Funktion hier unterschiedliche Kontexte sozialarbeiterischer Praxis spielen.

Professionalität im Bereich von professionellem Habitus und Persönlichkeit, Biografie, Wissen, Kompetenzen, Qualifizierung

  • Roland Becker-Lenz, Silke Müller: Die Notwendigkeit von wissenschaftlichem Wissen und die Bedeutung eines professionellen Habitus für die Berufspraxis der Sozialen arbeit (S. 195-221)
  • Karl Friedrich Bohler: Berufsethische Elemente von Professionalität in der Jugendhilfe (S. 223-238)
  • Hans Thiersch: Authentizität (S. 239-253)
  • Thomas Harmsen: Konstruktionsprinzipien gelingender Professionalität (S. 255-264)
  • Peter Schallberger: Diagnostik und handlungsleitende Individuationsmodelle in der Heimerziehung. Empirische Befunde im Lichte der Professionalisierungsdebatte (S. 265-286)
  • Gerhard Riemann: Der Beitrag interaktionistischer Fallanalysen professionellen Handelns zur sozialwissenschaftlichen Fundierung und Selbstkritik der Sozialen Arbeit (S. 287-305)
  • Gunther Graßhoff, Cornelia Schweppe: Biographie und Professionalität in der Sozialpädagogik (S. 307-318)
  • Stefan Busse, Gudrun Ehlert: Studieren neben dem Beruf als langfristige Professionalisierungschance (S. 319-343).

Der dritte Themenschwerpunkt verankert schließlich mit acht Beiträgen "Professionalität im Bereich von professionellem Habitus und Persönlichkeit, Biografie, Wissen, Kompetenzen, Qualifizierung". Hierbei geht es unter anderem um die Notwendigkeit von wissenschaftlichem Wissen, berufsethische Elemente, Authentizität, Konstruktionsprinzipien, Diagnostik und handlungsleitende Individuationsmodelle sowie interaktionistische Fallanalysen.

Insgesamt betrachtet spiegelt der Band die Bandbreite und Heterogenität der im Fachdiskurs vertretenen Positionen wieder. Dank der Veröffentlichung sind diese nun, ebenso wie die auf der Tagung geführten Diskussionen, für eine interessierte Öffentlichkeit transparent und leicht zugänglich. Die Lektüre des sehr stark theorieorientierten Buches ist insbesondere für diejenigen von Bedeutung, die sich einen aktuellen Überblick über den derzeitigen Diskussionsstand bezüglich der unterschiedliche Positionen zur Professionalisierung und Professionalität Sozialer Arbeit verschaffen möchten.

Burnout und Stress in Pflegeberufen (Rezension)

Burnout und Stress in Pflegeberufen (Manfred Domnowski)

Brigitte Kunz Verlag 2010, 3., akt. Aufl., 164 S., 19,95 €, ISBN: 978-3-89993-755-8

Rezension von: Irmgard Hofmann

Die Zahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Überlastung hat in den letzten zehn Jahren dramatisch zugenommen. Unübersehbar nehmen Überlastungssymptome, Stress- und Burnoutphänomene sowie depressive Krankheitsbilder zu.

Der Diplompädagoge Domnowski schlägt zur Reduktion bzw. zum Abbau von Stress und Burnout sowohl eine pädagogische wie eine entwicklungsorientierte (im Sinne von Mental-Training) Intervention vor.

Wie ist das Buch aufgebaut? Im ersten Teil wird die Geschichte der Entwicklung der Pflege-berufe bemüht, zwar kurz, aber in diesem Zusammenhang überflüssig. In Teil zwei werden die "Wege zum Helfen" aufgezeigt. Die Aufschlüsselung ist zutreffend. Dagegen zeigt die kritiklose Übernahme eines Zitats aus Fenglers "Helfen macht müde", nämlich "Helferinnen und Helfer müssen sich also nicht nur in das Fühlen des Klienten hineinversetzen können, sondern auch … den Bezugsrahmen des Klienten vollständig erfassen. Der Anspruch geht dahin, ihn in seiner Ganzheit zu verstehen und ihn dies auch spüren zu lassen." (S.21) welches Bild der Autor selbst von der Aufgabe von Helferberufen hat. Es ist ein Bild der Idealisierung und programmierten Überforderung, das nur wenig mit Professionalität zu tun hat.

Kapitel drei beschäftigt sich mit dem Phänomen des Burnout und seiner Pathogenese. Be-schrieben werden Altruismus sowie das "Helfersyndrom" infolge "narzisstischer Bedürftig-keit" (S. 32). Diesem Kapitel zufolge wäre Burnout pathogenetisch praktisch ausschließlich die Folge eines ausgeprägten Helfersyndroms als Ergebnis eines frühkindlichen Mangels an Anerkennung. Strukturelle, gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen scheinen mit Burnout nichts zu tun zu haben. Damit stellt sich die Frage, warum Burnoutphänomene vor allem in den letzten drei Jahrzehnten so drastisch zugenommen haben? Folgt man Domnowskis Logik, dann liegt das an einer wachsenden Zahl von Kindern, die im frühen Kindesalter keine Aner-kennung bekommen haben. Dabei blendet er aus, dass Burnout längst auch in Berufen vor-kommt, die keineswegs als "Helfersyndrom"-verdächtig gelten.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den Belastungsfaktoren in Helferberufen. Hier werden objektive Belastungsfaktoren mit teilweise bereits fortgeschrittenen Burnoutsymptomen bunt gemischt. Es scheint mir bezeichnend, dass der Autor unter dem Kapitel 4.1 Selbstbelastung ("Belastungsfaktoren, deren Ursachen im Helfer selbst wurzeln") den in der Pflege unver-meidlichen Schichtdienst, den Umgang mit herausfordernder Klientel sowie Personalmangel aufführt. So problematisch einzelne Helferinnen sich im Alltag verhalten mögen, aber institu-tionelle und gesellschaftliche Faktoren unter der Überschrift "Selbstbelastung" zu subsumie-ren, ist schlicht zynisch. Die Zeichen beruflicher Deformation, ja sie gibt es in zahlreicher Form, aber als Symptome eines fortgeschrittenen Burnout-Stadiums.

In Kapitel fünf wird ausführlich über Stress referiert und darauf hingewiesen, dass ein be-stimmter Typus (Typ A) offenbar deutlich weniger belastbar ist als der Typ B. Auch die Nähe zwischen Stress-Symptomatik und Symptomen des Burnouts wird aufgezeigt bzw. sie werden als praktisch identisch dargestellt. Ein Zusammenhang zwischen Dauerstress und Burnout ist tatsächlich nachweisbar, auch sind viele Symptome identisch, allerdings weisen Burnoutver-lauf und -symptomatik einige Besonderheiten auf, die mit Stress nicht mehr erklärt werden können. Zur Überwindung von Stress-Symptomen wird zutreffend darauf hingewiesen, dass "Opferverhalten" vermieden werden soll, das gilt sicher auch für Burnout. Opferverhalten verweist darauf, alles mit sich geschehen zu lassen, statt die Dinge selbst in die Hand zu neh-men und damit gezielt Einfluss zu nehmen.

Besonders problematisch ist das sechste Kapitel. Während vorher noch vom Opferverhalten abgeraten wird, wird es hier explizit gefördert. Der Autor hat keine Hemmungen, der Mutter während der Schwangerschaft die Verantwortung dafür zu übertragen, wenn Menschen später wenig stressresistent sind. Diese wären somit alle Opfer von - ja so scheint es gemeint zu sein, - von verantwortungslosen Müttern. Allerdings hat er keine Idee, wie eine werdende Mutter ihren eigenen Stress überwinden soll, insbesondere bei ungewollter Schwangerschaft oder sonstigen Schicksalsschlägen. In diesem Kapitel wird monokausal argumentiert und das löst angesichts eindeutiger Schuldzuweisung doch größte Fragezeichen und Ärger aus.

Kapitel sieben beschäftigt sich mit den verschiedenen Definitionen von Burnout sowie dessen Ursachen und Verlauf. Es sind darin die Erkenntnisse der Burnoutforschung zusammenge-fasst, wie sie sich im Verlauf der letzten 30 Jahre zeigen. Domnowski stellt des Weiteren einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Burnout her und bezieht sich darauf, dass die Konzentrationsstörungen bei Burnout z. B. durch einen Mangel an Mineralstoffen etc. herrüh-ren. Eine etwas gewagte These, auch wenn unbestritten ist, dass gutes Essen und Trinken die Lebensqualität erhöhen kann.

Das achte Kapitel widmet sich der "pädagogischen Intervention". Darunter wird "ein Bündel von Tätigkeiten [verstanden], die, unter Berücksichtigung der individuellen und jeweiligen Lernerfahrungen, -motivationen, -fähigkeiten, -behinderungen, Lebenssituationen und deren Hintergründe, Arbeitstechniken und Hilfeleistungssysteme entwickeln sollen, die nicht nur einen Weiterbildungscharakter haben, sondern darüber hinaus Angebot und Bewältigung kri-tischer Lebensereignisse bieten"(115). Da der Autor die Hauptursache in frühkindlichen Er-fahrungen sieht, liegt sein Schwerpunkt auf der Erziehung "Der wirkungsvollste Schutz gegen physische und psychische Schäden sind und bleiben vorbeugende Maßnahmen im Sinne einer festen Basis zur Menschwerdung" (116).

Für die bereits betroffenen Personen empfiehlt er - in Anlehnung an Fengler - das Instrument der Psychohygiene, das gewissermaßen als Copingstrategie entwickelt und eingesetzt werden kann. Im Rahmen der Psychohygiene werden diverse Einzelmaßnahmen dargestellt, die sicher alle dazu beitragen können, einer Burnoutsymptomatik sinnvoll zu begegnen. Leider fehlt ein Hinweis auf einen ganz wesentlichen Faktor, nämlich, dass die Betroffenen lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, autonom zu werden, statt sich dirigieren zu lassen.
Obgleich der Autor im ganzen Buch erkennen lässt, dass er Stress und Burnout für ein über-wiegend Persönlichkeitsbedingtes, individuelles Erleben hält, zeigt er in kurzer Form auch "organisationsorientierte Interventionen" (129) auf. Dazu zählen Supervision und soziale Un-terstützungssysteme.

Im neunten Kapitel geht es um "entwicklungsorientierte Intervention" (135). Eingeführt wird hier in das sog. "Mental-Training", das heißt "den eigenen Geist, die eigene Psyche so zu trainieren, dass die Handlungskompetenz und die Handlungsfähigkeit allgemein sowie aufga-benbezogen erhöht, verbessert, erweitert und stabilisiert wird." Trainiert wird dabei die Visua-lisierung von positiven Entwicklungsmöglichkeiten; die bildhafte Vorstellung erleichtert es, konkrete Strategien zu entwickeln, um sie dann im eigenen Leben umzusetzen.

Das Buch löste in der Rezensentin sehr widersprüchliche Reaktionen aus. Zwischen "das kann doch nicht wahr sein" und "manches ist recht gut beschrieben" bewegten sich Gedanken und Gefühle. Der nahezu ausschließliche Fokus auf persönlichkeitsbedingte Ursachen, am liebsten erklärt mit frühkindlichen Erfahrungen, erscheint einseitig und recht problematisch. Gesell-schafts- und wirtschaftspolitische Einflüsse werden weitgehend ausgeblendet, mit dem Er-gebnis, dass sich der stress- und burnoutgefährdete Mensch noch mehr Stress macht, um her-auszufinden, warum denn jetzt ausgerechnet er Stress so schlecht verkraftet. Einerseits fördert der Autor durchaus ein idealistisches Helferbild, andererseits empfiehlt er Realitätssinn - nur ein Beispiel für manche Widersprüchlichkeit.

Insofern ist das Buch trotz einiger guter Ansätze nicht zu empfehlen.