Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“ ()Rezension von: Paul-Werner Schreiner |
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In der Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“ werden Tagungen und Fachveranstaltungen zum Problembereich der Gewaltanwendung im Bereich der Versorgung alter Menschen dokumentiert sowie entsprechende wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Einige der Bände sind auf www.pflegethemen.de besprochen worden. Inzwischen sind die Bände 17 und 18 erschienen, die hier vorgestellt werden sollen
Bäsch, Elisabeth
Mein Partner ist mir entrückt, mein Partner ist ver…rückt
Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“, Band 17
Mabuse-Verlag, Frankfurt 2009, 102 S, 19,90 €, ISBN 978-3-940529-53-4
Dieser fällt etwas aus dem Rahmen der bisher in dieser Reihe erschienenen Publikationen heraus. Er beschreibt eindrücklich und anschaulich die Schwierigkeiten, die in einer Paarbeziehung auftreten, in welcher einer an Demenz erkrankt ist. Die Autorin ist Sozialpädagogin und Trauerbegleiterin; sie arbeitet in einem Sozial-Therapeutischen Dient und leitet die „Sonare Trauer- und Lebensbegleitung“ in der Nähe von Köln.
Die Autorin beschreibt – in vielen Zitaten – die Veränderungen, die sich ganz normal im Alter, z.B. durch Berentung, für die Paarbeziehung ergeben; Vieles muss neu gefunden, entwickelt werden. Und dann kommt diese Veränderung beim Partner hinzu; einer muss plötzlich alleine Entscheidungen treffen. Vielfach entsteht das Bedürfnis, die Veränderungen des Partners, vor der Umwelt zu kaschieren. Die Probleme werden nicht beschönigt, die entstehenden Ängste werden beschrieben, aber es werden auch Möglichkeiten aufgezeigt, mit dieser veränderten Situation umzugehen, wozu selbstverständlich auch gehört, Trauerarbeit zu leisten. Ein Kapitel enthält Arbeitsblätter für den Betroffenen persönlich.
Auch wenn sich das Büchlein in erster Linie an Betroffene wendet, kann es doch auch professionell Begleitenden Einblicke in eine nicht ohne Weiteres zugängliche Welt geben.
Brandt, Kirsten
Soziale Frühwarnsysteme zur Gewaltprävention in häuslichen Altenpflegearrangements
Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“, Band 18
Mabuse-Verlag, Frankfurt 2009, 154 S, 19,90 €, ISBN 978-3-940529-82-4
Gewalt gegen alte und hilfebedürftige Menschen – sei es in Pflegebeziehungen oder in Einrichtungen der Altenhilfe – ist inzwischen zumindest in Fachkreisen angemessen diskutiertes Thema. Die Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“ hat nicht unwesentlich dazu beigetragen. Gewalt im häuslichen Bereich ist dagegen, obwohl die gleiche Personengruppe betroffen ist, ein nach wie vor ein Thema, das kaum thematisiert wird.
Dafür gibt es sicherlich mehrere Gründe:
• Der Kenntnisstand ist gering – die Dunkelziffer ist erheblich. Wo keine Hilfe von außen hinzugezogen wird, weiß man letztlich überhaupt nichts. Und da, wo professionelle Dienste involviert sind, haben die Mitarbeiter der in den häuslichen Bereich kommenden professionellen Pflegedienste zwar mitunter eine Ahnung davon, dass etwas nicht stimmt, sie können es aber in der Regel nicht belegen.
• Hinzu kommt, dass die im häuslichen Bereich Tätigen in vielerlei Hinsicht Kompromisse eingehen müssen, was dazu führt, dass sie sich sehr oft, gemessen an fachlichen Standards, in einer Grauzone bewegen und Vieles hinnehmen (müssen).
• Dies wird noch durch den wirtschaftlich bedingten Zeitdruck, unter dem die im häuslichen Bereich Tätigen arbeiten müssen, verstärkt.
• Ferner ist zu bedenken, dass die Pflegedienste – ob nun privat angeboten oder institutionell – um ihre Kundschaft buhlen müssen, um zu überleben. Da dürfte der Drang, einem Verdacht auf Misshandlungen nachzugehen, bei den Trägern nicht sonderlich ausgeprägt sein.
• Schließlich muss vermutet werden, dass auch auf der gesellschaftlichen Ebene deshalb kein besonders ausgeprägtes Interesse an diesem Thema besteht, weil eine unschöne Schattenseite der sozialpolitische Devise „ambulant vor stationär“ diskutiert werden müsste, was einerseits aus wirtschaftlichen Gründen – dazu dürfte vielfach auch für manche Angehörigen zutreffen – und andererseits aus ideologischen Gründen nicht gewollt wird.
Während hinsichtlich der Gewalt gegen alte und hilfebedürftige Menschen im häuslichen Bereich noch eine weitgehende Tabuisierung zu konstatieren ist, wurde diese hinsichtlich der Gewalt gegen andere Personengruppen in den letzten Jahren mehr und mehr aufgebrochen – Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen, in Ehen. Es wurden Konzepte zur Gewaltprävention und Hilfeprogramme entwickelt und implementiert.
In dem vorliegenden Buch wird nach einer Einführung in das Thema zunächst die Bedeutung häuslicher Altenpflegearrangements beschrieben. Daran anschließend wird der in der Untersuchung verwendete Gewaltbegriff entfaltet und die Formen der Gewalt der Gewalt gegen alte Menschen im häuslichen Bereich beschrieben. Dabei wird die in diesen familiären Pflegesituationen aufbrechenden persönlichen Beziehungsprobleme und Rollenkonflikte eingegangen. Sachgerecht wird festgestellt, dass sich nicht immer klare Bedingungsfaktoren herausstellen lassen. Unerwähnt bleibt leider, dass lang schwelende Beziehungsprobleme – wenn überhaupt – nicht immer lösbar sind, vor allem angesichts dessen, dass bei Menschen im nicht selten soziale Verhaltensfilter wegfallen und sich vorher im Alltag kompensierte problematische Verhaltensweisen in Reinkultur auftreten, was wiederum nicht aufhebbar ist.
Im vierten Kapitel wird das in Deutschland bestehende Altenhilfesystem beschrieben, dabei u.a. auch das Modellprojekt „Gewalt gegen Ältere im persönlichen Nahraum“. Das soziale Frühwarnsystem in der Kinder- und Jugendhilfe ist Thema des fünften Kapitels. Im sechsten Kapitel werden dann die Möglichkeiten der Übertragung dieser Frühwarnsysteme auf häusliche Altenpflegearrangements ausgelotet. Ziel der Ausführungen – so die Autorin in der Einleitung – „ist es nicht, ein für die Praxis anschlussfähiges Konzept zu erstellen, sondern Impulse zu geben und auf Möglichkeiten hinzuweisen“.
Das Buch ist lesenswert. Man sollte aber die Einschränkung der Autorin im Hinterkopf behalten. Um wirksam präventiv gegen Gewalt in familiären Pflegesettings vorzugehen, müsste nämlich zum einen sehr viel ausführlicher die oben angerissene Problematik, dass in vielerlei Hinsicht kein wirkliches Interesse an diesem Thema besteht, erörtert werden. Zum anderen müsste das sozialpolitische Dogma „ambulant vor stationär“ vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Erwartungen an die junge Generation – Mobilität, zeitliche Flexibilität usw. – kritisch diskutiert werden. Es müsste ferner einmal sorgfältig überprüft werden, ob mit dieser sozialpolitischen Leitvorstellung nicht auf Formen des Zusammenlebens Bezug genommen wird, die zum einen vielleicht auch in der Vergangenheit gar nicht so ideal waren und denen zum anderen in der heutigen Zeit Gegebenheiten wie Wohnraumsituation entgegenstehen. Schließlich gehört dazu auch, anzuerkennen, dass Phänomene wie Überforderung, Überlastung und soziale Isolation bei familiär Pflegenden nicht Probleme der Betroffenen, sondern Folge von sozialpolitischen Entscheidungen sind, die auch von den Betroffenen nicht gelöst werden können.