Klinische Ethik (Vollmann, Jochen et. al. (Hrsg.))Campus Verlag, Frankfurt, 2009, 304 S., 34,90 €, ISBN 978-3-593-39052-9Rezension von: Paul-Werner Schreiner |
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Ethische Fragestellungen im Bereich der Gesundheitsversorgung haben im letzten halben Jahrhundert enorm an Bedeutung gewonnen. Dies schlägt sich in der Anzahl der Publikationen (Bücher und Zeitschriften), Veranstaltungen und Verlautbarungen nieder. Ebenso Ausdruck davon ist eine große Begriffsvielfalt - medizinische Ethik, ärztliche Ethik, Ethik in der Medizin, Ethik der Gesundheitsberufe u.v.a.m. An den medizinischen Fakultäten wurden Lehrstühle für medizinische Ethik eingerichtet oder es führt zumindest ein Lehrstuhl den Begriff "Ethik" in seiner Bezeichnung. Ethik wurde auch zum Vehikel der Professionalisierung; weil die Ärzte schon immer eine - vermeintlich - eigene Ethik hatten, worunter in erster Linie die in der hippokratischen Eidesformel überkommenen Verhaltensmaßregeln des guten Arztes verstanden wurden, mussten auch die anderen in diesem Bereich tätigen Berufsgruppen eine eigene Ethik formulieren - Pflegeethik, Ethik der Altenpflege usw. Und schließlich wurden neben den gesetzlich vorgesehenen Ethikkommissionen bei den Landesärztekammern und den Universitätskliniken private (kommerzielle) Ethikkommissionen und von Berufsverbänden Ethikkommissionen (DBfK) gegründet.
Nun erscheint ein Buch "Klinische Ethik" - womit, so ist der kritische Betrachter auf den ersten Blick geneigt zu denken, nur den erwähnten Begrifflichkeiten ein weiterer hinzugefügt wird. Zunächst: In dem vorliegenden Buch sind ausgewählte Beiträge dokumentiert, die im Rahmen der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin 2008 in Bochum gehalten wurden; die Tagung stand unter dem Titel "Klinische Ethik".
Die Herausgeber stellen den Beiträgen "eine programmatische Einleitung" voran. Darin wird die die Entwicklung der medizinischen Ethik von dem ernsthaften Nachdenken von Klinikern über das eigene Handeln zu einer eigenständigen akademischen Disziplin beschrieben. Parallel dazu, so die Herausgeber, hätten ethische Fragen in der Praxis an Bedeutung gewonnen. Zwei Themenbereiche hätten sich daraus ergeben - zum einen die Ethikberatung sowie als Voraussetzung dafür die empirische Medizinethik, die den Beratern für ihre Tätigkeit die relevanten Informationen und Daten zur Verfügung stellt.
In den Beiträgen des ersten Buchteiles werden Aspekte der Ethikberatung aufgegriffen. Es werden neben einer systematischen Übersicht die Formen und Strukturen der Ethikberatung beschrieben und Erfahrungen berichtet. Dem Bedarf an Ethikberatung in der stationären Altenpflege ist ein eigener Beitrag gewidmet; ebenso der Qualifizierung zur Ethikberatung.
Im zweiten Buchteil werden Themenfelder "klinischer Ethik" aufgegriffen: Nicht-invasive pränatale Diagnostik, Das präoperative Aufklärungsgespräch, Patientenverfügungen und ihre Rolle im Arzt-Patienten-Verhältnis sowie Sedierung am Lebensende.
Der dritte Buchteil ist der empirischen Ethik gewidmet. In einem Beitrag werden Sinn und Grenzen einer empirischen Ethik ausgelotet und in einem anderen am Beispiel der Schmerztherapie das Verhältnis von Ethik und Empirie beleuchtet.
Im vierten Buchteil werden in zwei Beiträgen Aspekte des Arzt-Patienten-Verhältnisses und des Selbstverständnisses der Heilberufe aufgriffen.
Im Anhang ist die Stellungnahme der zentralen Kommission der Bundesärztekammer zur Ethikberatung in der klinischen Medizin dokumentiert.
Alles in allem: Die Beiträge sind lesenswert. Vor allem die Ausführungen zu einer empirischen Ethik zeigen neue Aspekte auf. Ansonsten ist nicht zu erkennen, inwieweit die "klinische Ethik" über das hinausgeht, was auch bisher unter "medizinischer Ethik" subsumiert wurde. Vor allem würde man bei einer "klinischen Ethik" erwarten, dass der Multiprofessionalität des klinischen Geschehens Rechnung getragen wird.
