"Ich muss nach Hause" (Marshall, Mary und Kate Allan)Verlag Hans Huber, Bern, 2011, 253 S., 29,95 € ISBN 978-3-456-84731-3Rezension von: Sven Lind |
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Ständige Unruhe meist in Gestalt des Herumirrens und des Wanderns ist eine typische Verhaltensweise Demenzkranker im mittelschweren Stadium. Diese Symptomatik ist Ausdruck der zunehmenden Auflösung der Person-Umwelt-Passung: Die Reize der Umwelt und zugleich auch die inneren Reize wie Erinnerungen und Eingebungen können nicht mehr angemessen verarbeitet werden. Die Vermengung der Realität mit Erinnerungssequenzen führt zu verschiedenen Formen der zeitlichen, örtlichen und situativen Desorientierung. Doch auch Fehlwahrnehmungen und Halluzinationen sind Symptome dieses Zerbrechens der Einheit von innerer und äußerer Welt. Das Erleben dieser Dissonanzen führt meist zu einer psychischen Belastung, die sich u. a. auch im ständigen Wandern manifestiert.
In der Demenzpflege wird dieser Symptomatik oft schon mittels Verstetigung und Biografieorientierung bei der Pflege und Betreuung Rechnung getragen. Auch bei der Milieugestaltung und in der Raumstruktur findet dieses Verhalten Berücksichtigung, indem z. B. helle und barrierefreie Wanderwege geschaffen werden und zusätzlich die Ausgänge gesichert werden.
Die vorliegende Veröffentlichung behandelt diese Symptomatik unter vielschichtigen Aspekten, sie besteht aus insgesamt 33 Beiträgen in elf Kapiteln untergliedert, überwiegend verfasst von Pflegenden und Betreuenden aus Schottland, England und Australien. Bei den Herausgeberinnen Mary Marshall und Kate Allan handelt es sich um eine emeritierte Professorin für Sozialarbeit und eine klinische Psychologin der Universität Stirling (Schottland).
Zu Beginn wird eine Reihe von möglichen Gründen für das Wandern angeführt, gefolgt von der Darstellung eines Modells einer Bedürfnisanalyse u. a. anhand von mehreren Fallbeispielen. Anschließend wird auf einige medizinische Aspekte in Gestalt einiger Krankheitsbilder wie Demenz und Depression in Bezug auf das Bewegungsverhalten eingegangen. Es folgen Kapitel, die die Gefahren des Wanderns u. a. in Heimen und Krankenhäusern und mit unterschiedlichen Formen freiheitseinschränkender Maßnahmen thematisieren. Des Weiteren werden therapeutische Programme (u. a. "Geh-Programme") für Demenzkranke in den unterschiedlichen Stadien der Erkrankung beschrieben, wobei auch auf die räumliche Gestaltung in den Heimen und in den Außenbereichen (Garten u. a.) eingegangen wird. Den Abschluss des Buches bildet ein Kapitel des Herausgebers Jürgen Georg über "Ruheloses Umhergehen aus pflegediagnostischer und chronopflegerischer Sicht", das diese Thematik u. a. aus der Sicht der Pflegediagnose, Pflegeplanung und der Pflegeinterventionen auf der Grundlage des Modells von Krohwinkel analysiert.
Die Bewertung dieser Publikation fällt zweischneidig aus. Einerseits wird eine Fülle an Konzepten und Modellen aus Großbritannien dargeboten, die sich jedoch nur begrenzt auf die Verhältnisse in den Pflegeheimen in Deutschland übertragen lassen. Hier wäre eine inhaltliche und fachliche "Übersetzung" im Sinne einer Adaption an die hiesigen Verhältnisse von Vorteil gewesen. Des Weiteren gilt es zu bemängeln, dass den vielen, meist kurzen und facettenartigen Beiträgen der didaktische und strukturierende Orientierungsfaden fehlt. So konnten wichtige Aspekte der körperlichen Unruhe in Gestalt des Wanderns und Suchens nicht auf die wesentlichen Ursachen Furcht und zeitliche und räumliche Desorientierung zurückgeführt werden, die teils durch Pflege, Betreuung und Milieugestaltung positiv zu beeinflussen sind. Ein Fachbuch aus dem Bereich Demenzpflege muss sich immer an dem Ausmaß seiner Praxistauglichkeit und seiner innovativen Impulse messen lassen, andernfalls lohnt sich die Lektüre nicht. Zu diesem Buch lässt sich zusammenfassend sagen, dass es für die Pflegenden in den Heimen nicht genug praktisches Handlungswissen zur konkreten Anwendung enthält.
