Bildungskonzepte der Krankenpflege in der Weimarer Republik (Rezension)

Bildungskonzepte der Krankenpflege in der Weimarer Republik (Gaida, Ulrike)

Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2011, 346 S., kartoniert, 51,00 €, ISBN 978-3-515-09783-3

Rezension von: Dr. des. Annett Büttner

Gab es in der Weimarer Republik ein spezifisch evangelisches Bildungskonzept für Krankenschwestern? Dieser Frage geht Ulrike Gaida in ihrer Dissertation am Beispiel des Evangelischen Diakonievereins (Berlin-Zehlendorf) nach. Die Arbeit entstand am Institut für Medizingeschichte der Robert-Bosch-Stiftung Stuttgart. Als Historikerin und Mitglied der Zehlendorfer Schwesternschaft vereint die Autorin in ihrer Person die besten Voraussetzungen zur Untersuchung dieses Themas.

Durch die intensive Auswertung der Archivüberlieferung des Diakonievereins kann die Autorin die eingangs gestellte Frage mit einem klaren Nein beantworten. Dies ist um so interessanter, als der Verein und seine Schwestern seit der Gründung im Jahr 1894 die berufliche Aus- und Weiterbildung als eines ihrer Hauptanliegen betrachteten. Dennoch gab es offensichtlich wenig Interesse an einer Formalisierung der Krankenpflegeausbildung. Ihre konkrete Ausgestaltung lag im Ermessen jedes einzelnen Seminars und wich hinsichtlich der Ausbildungsdauer und der Inhalte stark voneinander ab. Erst 1931 wurde ein verbindlicher Lehrplan für die Krankenpflegeschulen erarbeitet. Im Vordergrund standen auch in der Weimarer Republik noch das Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Konzept der "geistigen Mütterlichkeit" und eine hohe ideelle Auffassung des Schwesternberufs.

Die Arbeit bietet jedoch weit mehr, als der Titel suggeriert. Die Autorin rekapituliert nicht nur die Bildungsgänge der einzelnen Schwesternschulen, sondern erstellt eine Kollektivbiografie der Diakonieschwesternschaft, in der sie die soziale und geografische Herkunft, den bisherigen Bildungsgang und den Gesundheitszustand ihrer Mitglieder herausarbeitet. Im Unterschied zu den Diakonissenmutterhäusern entstammte die Mehrzahl der Diakonieschwestern einem bürgerlichen Elternhaus und hatten einen Lyzeumsabschluss vorzuweisen. Problematisch war für die Schwesternschaft und insbesondere für die vereinseigene Altersfürsorge die mit sechs Jahren relativ kurze Dauer der durchschnittlichen Mitgliedschaft. Ein Fünftel verließ den Beruf nach der Eheschließung. Dies entsprach durchaus den Intentionen des Gründers des Diakonievereins, Pastor Friedrich Zimmer, der die Pflegeausbildung als gute Voraussetzung für eine spätere Ehe ansah. Rund ein Drittel der Schwestern, die den Diakonieverein verlassen hatten, waren als "ungeeignet" eingeschätzt worden. An dieser Stelle konnte die Autorin dann doch eine Konstante in der Diakonieschwesternschaft ausmachen: die hohen Ansprüche an die moralische und fachliche Integrität ihrer Mitglieder. Die Frage nach typischen beruflichen Werdegängen evangelischer Krankenschwestern beantwortete sie mit einem klaren Ja. Die Haupteigenschaft einer Schwester bestand in der "Treue" zum Diakonieverein und ihrem jeweiligen Arbeitgeber, dem sie häufig ein ganzes Berufsleben lang dienten. Weiter zählten dazu der bereits erwähnte bildungsbürgerliche Hintergrund und ein überdurchschnittliches Interesse an beruflicher Aus- und Weiterbildung. Dieses hohe Bildungsideal wurde auch in den typischen Erwerbsbiografien der Schwestern deutlich. Die breite Grundausbildung sollte zu einem weit gefächerten Aufgabengebiet befähigen und die Übernahme von Leitungs- und Verwaltungsaufgaben lag im ausdrücklichen Interesse des Diakonievereins. Weiterführende Examina in Nachbardisziplinen wie Geburtshilfe oder Gemeindepflege waren erwünscht.

Ulrike Gaida stellt ihre flüssig geschriebene und damit gut lesbare Analyse der Diakonieschwesternschaft in den gesellschaftlichen Kontext der Weimarer Republik und leistet dadurch nicht nur einen Beitrag zur Pflegegeschichte, sondern auch zur Geschlechter- und Sozialgeschichte dieser Periode. Vergleichbare Arbeiten über die Diakonissenmutterhäuser, die katholischen und weltlichen Schwesternschaften wären durchaus wünschenswert.