Anders trauern (Rezension)

Anders trauern ( Heppenheimer,Hans und Ingo Sperl (Hrsg.))

Kreuz Verlag, Stuttgart, 2012, 299 S., 19,99 €, ISBN 978-3-451-61059-2

Rezension von: Dr. Hubert Kolling

Wie geht man in Behinderteneinrichtungen und Altenheimen damit um, wenn ein Mitbewohner stirbt? Was kann Menschen mit geistiger Behinderung zugemutet werden, die Familienmitglieder verloren haben? Wie sollte man ihnen den Tod mitteilen und ihre Trauer begleiten? Sind sie überhaupt fähig zu trauern?

Fragen über Fragen. Und Situationen, in denen sich die Betreuenden oft unsicher fühlen oder nicht so recht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Zumindest ging es so den rund 1.350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Mariaberg e.V., einem diakonischen Träger für soziale Dienste in Baden-Württemberg mit Angeboten für Menschen mit Behinderung und sozialer Benachteiligung vom Kindes- bis zum Seniorenalter, in dessen Einrichtungen - in den Landkreisen Sigmaringen, Reutlingen, Zollernalb, Alb-Donau und Stuttgart gelegen - über 2.700 Menschen betreut werden (vgl. www.mariaberg.de). Die Situation sollte sich freilich grundlegend ändern und zwar im Verlauf des bundesweit einmaligen Projekts "Entwicklung einer Trauerkultur in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung am Beispiel Mariaberg", das von der Robert Bosch Stiftung (Stuttgart) drei Jahre lang (von 2008 bis 2011) gefördert wurde. Auf der Grundlage der dabei gesammelten Erfahrungen haben nun die beiden Pfarrer Hans Heppenheimer und Dr. Ingo Sperl das vorliegende Buch "Anders trauern" herausgegeben, in dem sie - so der treffende Untertitel - "Neue Wege des Trauerns für Menschen mit geistiger Behinderung" aufzeigen.

Hans Heppenheimer (Jahrgang 1953), der als Pfarrer und Dipl.-Sozialpädagoge von Mariaberg e.V. das besagte Projekt leitete, veröffentlichte bereits eine Reihe von Beiträgen, unter anderem in dem vom Diakonischen Werk in Württemberg herausgegebenen Buch "Christliche Spiritualität gemeinsam leben und feiern. Praxishandbuch zur inklusiven Arbeit in Diakonie und Gemeinde" (Stuttgart 2007), ebenso wie die Schriften "Würde ist spürbar. Abschiedsreden für Menschen mit geistiger Behinderung" (Norderstedt 2008) und (mit Ingo Sperl) "Emotionale Kompetenz und Trauer bei Menschen mit geistiger Behinderung" (Stuttgart 2011).

Ingo Sperl (Jahrgang 1952) ist Gründer verschiedener Hospizinitiativen und Gemeindepfarrer in Auenwald (Rems-Murr-Kreis). Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören unter anderem "Begrabt mich bei meinen Vätern. Eindrücke zu Trauer und Abschiednehmen in biblischen Texten" (Tübingen 1995), "Ein Horizont der Hoffnung. Hilfen auf dem Weg der Trauer" (Stuttgart 1996), (mit Daniela Tausch) "Das letzte tun - mit Toten umgehen" (Bad Boll 1997), (mit Gisela Suli?eanu) "Die Totenklage in Rumänien. Musikethnologische und psychologische Studien" (Münster 1998), "Die Kunst und Fähigkeit zu trauern. Dargestellt am Beispiel der rumänischen Totenklagen" (Egelsbach 2000) und "Die Fülle meiner Jahre. Ein Wegbegleiter in der Zeit des Älterwerdens" (Stuttgart 2003).

Neben den beiden Herausgebern haben an dem Buch mit Christine Dehlinger, Irmgard Ebert, Thomas Felder, Andrea Gölz, Ursula Grasel, Gabriele Hirn, Claudia Höschle, Angelika Janssen, Dr. Martin Jochheim, Sigrid Klimbingat, Axel Klöss-Fleischmann, Sabine Knupfer, Margret Kopp, Michael Kramer, Rosemarie Krüttli, Barbara Mäurer, Sylvia von Nordheim, Christel Renner, Regina Schaumann und Cornelia Zeul weitere 20 Personen mitgewirkt. Ihre Beiträge basieren auf den zahlreichen Studientagen und Vorträgen, die im Rahmen des Projektes zur "Entwicklung einer Trauerkultur ..." stattfanden.

In ihrem Vorwort weisen die Herausgeber darauf hin, dass sie ein Buch von ganz verschiedenen Autorinnen und Autoren vorlegen, weil der Zugang zur Trauer der Menschen mit geistiger Behinderung von ganz verschiedenen Richtungen erfolgen könne. Es sei aber immer ein emotionaler Akt. Wörtlich halten sie hierzu fest: "Es geht um den Ausdruck der Gefühle, den die Menschen in den Einrichtungen durch ihre verbale Einschränkung nicht immer in Worten leisten können. Deshalb haben wir diese kreativen Wege gesucht. Wir wollen von den überwältigenden Erfahrungen, die wir mit diesen kreativen Zugängen gemacht haben, in diesem Buch berichten. Der Weg über die Texte der Fachleute, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen, schien uns dafür geeignet zu sein" (S. 12).
Insgesamt zeigt das Buch eine Vielzahl kreativer Zugänge zum Thema Trauerarbeit auf, von Märchen über musizieren und malen bis hin zum Theaterspielen, mit deren Hilfe der Trauer von Menschen mit geistiger Behinderung eine bisher nicht gewährte Wertschätzung und Beachtung entgegen gebracht werden kann. Anhand der Texte kann die Leserschaft zugleich nachvollziehen, wie sich die Trauerkultur in Mariaberg verändert und hat und so letztlich auch für viele andere Einrichtungen der Behindertenhilfe zum Anstoß wurde, sich diesem Thema zu stellen.

"Anders trauern" richtet sich zunächst an alle, die in irgendeiner Form haupt- oder nebenberuflich in der Behindertenarbeit tätig sind. Darüber hinaus ist die Veröffentlichung aber auch für alle anderen Menschen lesenswert, weil jeder im Laufe seines Lebens immer wieder mit dem Thema in Berührung kommt. Egal ob es sich dabei um den Tod eines nahen Angehörigen oder um das Zurücklassen von Vertrautem, wie den Wechsel des Wohn- oder Arbeitsplatzes oder das Ende einer Freundschaft handelt.