Seelen - Spiegel - Bilder (Rezension)

Seelen - Spiegel - Bilder (Schmid, Ursula)

 

Schlütersche, Hannover, 2011, 88 Seiten, 24 SW-Fotos, 14,95 €, ISBN 978-3-89993-284-3

Rezension von: Dr. Sven Lind

22 Gedichte sind von der Autorin, die seit 1995 als gerontopsychiatrische Fachkraft in einem Altenheim in der Betreuung Demenzkranker arbeitet, in diesem Gedichtband zusammengestellt worden. Die Gedichte thematisieren die Symptomatik Demenzkranker im mittelschweren Stadium, das allmähliche Zerbrechen der Person-Umwelt-Passung. Furcht, Unsicherheit, Desorientierung und weitere Aspekte des Erlebens eines ständig fortschreitenden und unausweichlichen Abbauprozesses beschreibt die Autorin in Form eines fiktiven Rollenwechsels. Konkret bedeutet das, dass sie, die nicht Demenzkranke, versucht, sich das Erleben der Erkrankung in ihren Gedichten vorzustellen. Sie schreibt somit aus der vermeintlichen Sicht einer Demenzkranken. Dieses Vorgehen kann im Rahmen der künstlerischen Freiheit hingenommen werden. Es bleibt jedoch zu fragen, ob diese Darstellungsweise das alltägliche Verarbeiten der inneren und äußeren Reizgefüge in seiner Vielschichtigkeit widerzuspiegeln vermag. Kann man sich konkret in einen Menschen hineinversetzen, dessen geistigen und emotionalen Fähigkeiten schwinden? Der nicht mehr über die kognitiven Kompetenzen verfügt, diese krankhaften Veränderungen zu reflektieren? Kann man die "fremde Welt der Demenz", der Untertitel des Bandes, in ihrer spezifischen Eigentümlichkeit denn überhaupt erfassen?

Der Rezensent fühlt sich verpflichtet, diese kritischen Fragen zu stellen. Es gilt vor, häufig schon subkulturellen Ausgestaltungen der Thematik Demenz in fast allen Medien zu warnen. Demenz ist eine Erkrankung, die in einer alternden Gesellschaft häufiger anzutreffen ist, genauso wie zum Beispiel die anderen chronischen und degenerativen Erkrankungen des Alters. Etwas mehr Nüchternheit zu diesem Gegenstandsbereich des krankhaften geistigen Abbaus scheint angebracht, sonst gerät man in die Gefilde einer Erbauungsliteratur. Die Demenzkranken, die unmittelbar Betroffenen, benötigen angemessene Pflege und Betreuung. Das sollte im Mittelpunkt stehen, hier muss nach Ansicht des Rezensenten noch viel geleistet werden. Alles Weitere besitzt nachrangige Bedeutung.