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Stefan Schomann, Petra Liebner (Hrsg.)

„Der schwierige Weg zu neuen Ufern“
Die Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften

(Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 17).
AVM – Akademische Verlagsgesellschaft, München, 2026, Paperback, 472 Seiten, 39,00 €, ISBN 978-3-95477-189-9

Das Deutsche Rote Kreuz e. V. (DRK), nach den Genfer Abkommen die nationale Rotkreuz-Gesellschaft in Deutschland und als solche Teil der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung mit Hauptsitz in Berlin-Lichterfelde, ist einer der großen Wohlfahrtsverbände in Deutschland. Der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege hilft Menschen in Krisen und Notlagen, sowohl national als auch international, indem er humanitäre Hilfe leistet, den Zivil- und Katastrophenschutz übernimmt und soziale Dienste wie Erste Hilfe, Blutspendedienst, Alten-, Kinder- und Familienhilfe anbietet und zudem weltweit in Katastrophengebieten unterstützt sowie Wiederaufbauprojekte fördert und die internationale Rotkreuz-Bewegung repräsentiert (https://www.drk.de/das-drk/).

Nach dem Zeiten Weltkrieg (1939-1945) waren infolge der Teilung Deutschlands zwei Rotkreuzgesellschaften entstanden, das DRK in der Bundesrepublik Deutschland und das DRK in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die beiden Gesellschaften entwickelten sich sehr unterschiedlich, wobei insbesondere politische Einwirkungen auf das DRK der DDR von Einfluss waren und die Zusammenarbeit sehr erschwerten und auf wenige Arbeitsbereiche beschränkten. Unterdessen bedeuteten die Ereignisse von 1989/90 einen weltgeschichtlichen Wendepunkt, der insbesondere in Deutschland eine grundlegend neue Situation herbeiführte. Davon betroffen war auch das Rote Kreuz, bei dem sich die beiden seit den 1950er Jahren bestehenden nationalen Gesellschaften binnen kürzester Zeit einander annähern mussten. Mit dem Vertrag über die Herstellung der Einheit des DRK vom 8. November 1990 und dem am 6. Oktober 1990 gefassten Beschluss der Hauptversammlung über die Auflösung des DRK der DDR zum 31. Dezember 1990 endete dessen Geschichte als Dachverband der Rotkreuzorganisationen in der DDR; die zuvor neugegründeten DRK-Landesverbände Berlin (Ost), Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen blieben jedoch bestehen. Auf einer gemeinsamen Bundesversammlung des DRK am 9. November 1990 wurden diese neuen Landesverbände mit Wirkung zum 1. Januar 1991 in das Deutsche Rote Kreuz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen.

Anlässlich des Jubiläums der Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der beiden Rotkreuzgesellschaften im Jahr 2025 erschien in der Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“ der Sammelband „Der schwierige Weg zu neuen Ufern“, in dem sich zahlreiche Autor:innen aus Ost und West mit der Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften auseinandersetzen beziehungsweise über ihre damaligen Erfahrungen und Erlebnisse berichten. Für die Herausgabe des Buches zeichnen sich Stefan Schomann und Petra Liebner verantwortlich.

Der in Berlin lebende Germanist Stefan Schomann (Jahrgang 1962) arbeitet als Autor und Journalist (https://www.stefanschomann.de/startseite), wobei er sich mit der Arbeit und Geschichte des DRK bereits seit längerem intensiv beschäftigt. So veröffentlichte er zum 150. Jubiläum des Roten Kreuzes 2013 das Buch „Im Zeichen der Menschlichkeit. Geschichte und Gegenwart des Deutschen Roten Kreuzes“, in dem er in Bild und Wort die Geschichte des DRK von den Anfängen im 19. Jahrhundert durch die Zeiten der Weltkriege und der deutschen Teilung hindurch bis in die Gegenwart schildert. Gemeinsam mit Petra Liebner und Hans-Christian Bresgott gab er 2021 mit „Vielfalt in Einheit. 100 Jahre DRK-Dachverband – Rotkreuzler erzählen“ einen umfangreichen Quellenband zur Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes heraus. Ferner ist Stefan Schomann Mitherausgeber der Bände 7, 8, 10 und 13 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e.V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von Andrea Brinckmann, Petra Liebner, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“.

Dr. Petra Liebner (Jahrgang 1965) leitet als wissenschaftliche Referentin die „Historische Kommission“ im DRK-Generalsekretariat in Berlin. 1999 promovierte sie an der Universität Bonn mit einer Arbeit über „Paul Tillich und der Council for a Democratic Germany (1933 bis 1945)“ (Frankfurt am Main 2001), 2021 gab sie (gemeinsam mit Stefan Schomann und Hans-Christian Bresgott) mit „Vielfalt in Einheit. 100 Jahre DRK-Dachverband – Rotkreuzler erzählen“ einen umfangreichen Quellenband zur Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes heraus. Ferner ist sie Mitherausgeberin der Bände 5 und 7 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e.V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von ihr sowie Andrea Brinckmann, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“.

Nach „Grußwort“ (S. 9-11) und „Vorbemerkung der Herausgeber“ (S. 13-17) gliedert sich das 470 Seiten umfassende Buch in die drei Teile „Dokumente“ (19-70), „Aufsätze“ (S. 71-358) und „Zeitzeugenberichte“ (S. 359-465).

Gerda Hasselfeldt, die Präsidentin des DRK, hat zu dem Buch ein Grußwort beigesteuert, in dem sie an die Zeit der Wende, den „turbulenten Herbst 1989“, und die damit verbundene Wiedervereinigung der beiden nationalen Rotkreuzgesellschaften erinnert. Während der gesamten Umbruchzeit sei das Rote Kreuz in Ost und West „ein bedeutender Akteur“ gewesen, egal ob in den Botschaften in Prag und Budapest, beim Bahnhofsdienst in Dresden oder beim Ansturm auf die Grenzübergänge in Berlin und entlang der innerdeutschen Grenze. Mit der vorliegenden Publikation sei die Hoffnung verbunden, „zumindest nachträglich noch zu einem besseren wechselseitigen Verständnis beitragen zu können“ (S. 10).

In ihrer „Vorbemerkung“ skizzieren die Herausgeber kurz die Zusammenführung der beiden großen nationalen Hilfsgesellschaften, die vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf schließlich am 1. Mai 1991 anerkannt wurde, um darauf hinzuweisen, dass generell die Vereinigung im Osten deutlich kritischer gesehen wurde als im Westen, wo die Veränderungen überschaubarer geblieben und die gewohnten Abläufe in der Regel nicht hinterfragt worden seien. Der Verband hätte erst lernen müssen, den unterschiedlichen Realitäten Rechnung zu tragen. Dabei hätten sich viele Erfolgs- und manche Misserfolgsgeschichten ereignet, die im vorliegenden Band nachgezeichnet würden. Dessen Titel verdanke sich Christoph Brückner und stelle eine kleine Hommage an einen der wichtigsten Protagonisten der Vereinigung dar. Mit einer Mischung aus historischen Untersuchungen und Originaltönen von Beteiligten verbinden Stefan Schomann und Petra Liebner die Hoffnung, „ein tieferes Verständnis und eine lebendige Vorstellung unserer eigenen Geschichte zu gewinnen“ (S. 14).

Laut den Herausgebern waren die hier versammelten Autorinnen und Autoren im September 2024 einem Aufruf zur Einreichung wissenschaftlicher Artikel gefolgt. So sei ein Querschnitt zustande gekommen, der zentrale Fragen des Vereinigungsprozesses schlaglichtartig beleuchte: die Aufbruchstimmung in der Wendezeit, das Zustandekommen des Einigungsvertrages, den Aufbau der neuen Landesverbände, das personelle Zusammenwachsen. Darüber hinaus würden Spezialthemen beleuchtet, die auch innerhalb des Verbandes kaum geläufig wären, etwa die Fusion der Suchdienste oder die Problematik der Rückübertragung von Grundstücken. Da Geschichte sich freilich nicht nur in Akten und Dokumenten spiegele, sondern auch in Objekten, in Erzählungen und Medien aller Art, würden weitere Artikel davon berichten, wie der Umgang mit ihnen im Roten Kreuz gepflegt wird: in der Archivarbeit, in den Rotkreuzmuseen, in zahlreichen Publikationen und nicht zuletzt durch das systematisch und langfristig angelegte Zeitzeugenprojekt. Manche der hier vorgestellten Erinnerungen setzten bewusst schon ein paar Jahre vor der Wendezeit ein, um die damaligen Verhältnisse zu vergegenwärtigen. Mehre Darstellungen stammten von Rotkreuzlerinnen und Rotkreuzlern, die beruflich und privat eine neue Heimat im jeweils anderen Landesteil fanden. In jedem Fall möchte der vorliegende Band „eine kritische Bestandsaufnahme vorlegen, der Selbstverständigung dienen und zu mehr Respekt in beiden Richtungen auffordern. Er wird sicher nicht das letzte Wort bleiben, will vielmehr ausdrücklich zu weiterer Beschäftigung einladen, will besonders die jüngere Generation animieren, die darin angeschlagenen Themen zu vertiefen und zu vervollständigen“ (S. 16).

Im ersten Teil „Dokumente“, der drei Beiträge umfasst, kommen zunächst die beiden prägenden Persönlichkeiten in der Umbruchszeit zu Wort, Botho Prinz Sayn-Wittgenstein-Hohenstein (1927-2008), seines Zeichens damaliger Präsident des DRK, und sein Pendant auf Seiten des DRK in der DDR und anschließend Vizepräsident des gesamtdeutschen Roten Kreuzes: Prof. Dr. Christoph Brückner (1929-2019).

In seinem Beitrag „Ein historisches Ereignis für das Deutsche Rote Kreuz“ (S. 21-35) betont Botho Prinz Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, dass das DRK in den jungen Bundesländern, dem wegen der Staatsnähe in den vorangegangenen Jahre „manche Vorbehalte entgegengebracht wurden und welches zeitweise auch aus ideologischen Gründen der Zusammenarbeit mit dem Arbeiter-Samariter-Bund den Vorzug gab, […] sehr bald durch zielgerichtete und intensive Arbeit an die Tradition früherer Jahre anknüpfen und sich eine Vertrauensbasis in der Bevölkerung erarbeiten“ (S. 28) können.

Demgegenüber hebt Prof. Dr. Christoph Brückner in seinem Beitrag „Der schwierige Weg zu neuen Ufern“ (S. 37-54) hervor, dass im Ganzen die Zusammenarbeit „von Anfang an sehr vertrauensvoll“ war und, trotz beständig hoher Anforderungen, auch Freude machte und Erfolgserlebnisse mit sich brachte. Wenn er sich frage, ob alles richtig war, was gemacht wurde, kämen ihm „so manche Zweifel“. Wörtlich hält er sodann weiter fest: Doch eigentlich können wir recht zufrieden sein. Wir waren immer bestrebt, für unsere Landesverbände das Beste zu erreichen, ihren Bestand so gut wie möglich zu sichern und so dem gesamten Deutschen roten Kreuz einen Dienst zu erweisen, von dem wir annehmen, dass er ein guter war“ (S. 49).

Im Mittelpunkt des dritten Beitrags (S. 55-70) steht mit Dr. oec. Rolf Leonhardt (1934-2019) ein weiterer Protagonist der Wendezeit, der bereits seit 1954 hauptamtlich im DRK der DDR tätig gewesen war und dann ab 1989 als dessen stellvertretender Generalsekretär wirkte. Seine unveröffentlichten Erinnerungen hat Thomas Klemp aufbewahrt und einige wesentliche Passagen daraus zusammengestellt.

Der zweite Teil „Aufsätze“ umfasst 15 wissenschaftliche Beiträge von 17 Autor:innen, darunter auch Darstellungen von Personen in langjähriger leitender Funktion, die sich zentralen Aufgabengebieten des Roten Kreuzes und damit exemplarischen Themen der Vereinigungsgeschichte widmen. Zunächst rekapituliert Andrea Brinckmann die wesentlichen Stationen auf dem Weg zur Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften (S. 73-98), bevor Alina Krug und Andreas Jüttemann am Beispiel von Berlin und Brandenburg den Werdegang zweier Landesverbände vorstellen (S. 99-142) und Harald-Albert Swik über seine Arbeit als Berater des Bonner Generalsekretariats hinsichtlich der im Aufbau begriffenen Landesverbände im Osten berichtet (S. 142-148).

In einem weiteren Beitrag berichtet Andrea Brinckmann von Ereignissen, Entwicklungen und dem individuellen Erleben (S. 149-186), bevor Susanne Pohl Auszüge ihres Tagebuchs aus der unmittelbaren Wendezeit vorstellt (S. 186-192), Kristina Gunne die Geschichte der Suchdienste in beiden deutschen Staaten beleuchtet (S. 193-230) und Marina Hovannesjan über ihre Arbeit beim gesamtdeutschen DRK-Suchdienst erzählt (S. 230-239). Während Thomas Klemp (S. 241-251) und Olaf Jantzen (S. 251-256) ihre „Erkundungen in Zeiten des Wandels“ schildern, berichtet Lena Rudeck über Personalfragen (S. 257-283), Olaf Kübling über die damaligen Aktivitäten in einem Ortsverein und Kreisverband bei Leipzig (S. 283-287) sowie Rainer Schlösser (S. 289-303) und André Uebe (S. 303-307) über die Arbeit der Rotkreuzmuseen. Schließlich gewähren Jessica Drews und Stefanie Knebelspieß Einblicke in die einschlägigen Bestände des Archivs im DRK-Generalsekretariat (S. 309-331), während Thomas Klemp den Kampf um die Restitution der alten Liegenschaften des Roten Kreuzes in Ostdeutschland schildert (S. 331-348) und Annette Strauß ein vorläufiges Fazit der „Erfolgsgeschichte“ der Vereinigung beider Hilfsgesellschaften zieht (S. 349-358).

In der „Wendezeit“ von 1989/90, die mit der größten Bevölkerungsverschiebung seit dem Zweiten Weltkrieg einherging, indem weit über hunderttausend Menschen der DDR den Rücken kehrten, waren sowohl das westdeutsche Rote Kreuz als auch das Rote Kreuz der DDR massiv gefordert. Im dritten Teil „Zeitzeugenberichte“ zeichnen 13 Personen – Manfred Blum (S. 361-368), Hannelore Geberhardt (S. 369-375), Max Pößnecker (S. 377-385), Hartmut Jacobi (S. 387-391), Günter Döbler (S. 393-401), Johann Wilhelm Römer (S. 403-413), Katrin Gillmann-Bäsell (S. 415-419), Ralf Bloß (S. 421-426), Bernd Döveling (S. 427-431), Wolfgang George (S. 433-436), Heidemarie Förster-Maciol (S. 437-447), Johannes-Martin Hoffmann (S. 449-458) und Wolfgang Reitsch (S. 459-465) – die Ereignisse der damaligen Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln und in den unterschiedlichsten Lebensbereichen nach. Viele dieser Berichte basieren dabei auf dem großangelegten Zeitzeugenprojekt (https://www.drk.de/zeitzeugen/drk-zeitzeugenprojekt/), welches das DRK seit 2016 bundesweit und quer durch seine Arbeitsfelder und Gliederungen realisiert.

Bereits in der Vergangenheit hat das Deutsche Roten Kreuz sich mit der Vereinigung der beiden Rotkreuzgesellschaften intensiv auseinandergesetzt und hierzu die Schriften „Der Zukunft zugewandt. Die Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften. Gedanken und Erinnerungen an die Vereinigung vor 10 Jahren“ (Bonn 2000), „Zwei Gesellschaften – ein Gedanke. Erinnerungen an DRK-Arbeit in Ost und West 1945-1990“ (Berlin 2006) und „Das Rote Kreuz in Ost und West. Zum 25jährigen Jubiläum der Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften“ (Berlin 2015) herausgegeben. Es ist sehr zu begrüßen, dass das DRK mit dem vorliegenden Band seine begonnene Arbeit fortgesetzt hat, ging doch der Einigungsprozesses – so euphorisch die Stimmung anfangs auch war – nicht ohne Widersprüche vonstatten, nicht ohne den schmerzlichen Verlust von Illusionen und Idealen. Das spannend zu lesende und mit zahlreichen Schwarzweiß-Abbildungen illustrierte Buch gewährt hierzu, fünfunddreißig Jahre nach Unterzeichnung des Einigungsvertrages, nicht nur tiefe Einblicke aus wissenschaftlicher Sicht, sondern lässt auch zahlreiche Beteiligte aus den verschiedenen Gliederungen und Arbeitsebenen des Roten Kreuzes zu Wort kommen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

1 Vgl. die Besprechung des Rezensenten unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/15826.php [16.01.2025].

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