
Volkmar Schön
Das Rote Kreuz in Hamburg
Historische Orte
Ellert & Richter Verlag, Hamburg, 2025, Paperback, 272 Seiten, 16,00 €, ISBN 978-3-8319-0897-4
Das Rote Kreuz und der Rote Halbmond stehen in über 190 Ländern der Welt wie keine anderen Organisationen für unparteiliche und unabhängige Hilfe für Menschen in Not. Dabei sind die Organisationen nicht nur international von Bedeutung, indem sie auch unverzichtbare Aufgaben in unserer Gesellschaft übernehmen. So ist das Rote Kreuz beispielsweise in Hamburg als Wohlfahrts- und Hilfsorganisation seit über 160 Jahren fest verwurzelt, gegründet und getragen von freiwilligem Engagement. Mit ihrem Aufruf vom 2. Februar 1864 zur Pflege verwundeter Soldaten im Deutsch-Dänischen Krieg und der Bitte um Spenden hatten zwölf Hamburger Kaufleute zugleich den Grundstein für das Rote Kreuz in Hamburg gelegt. Heute setzen sich allein in der Hansestadt mehr als 1.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sowie rund 4.000 hauptamtliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die Aufgaben des Roten Kreuzes ein.
In dem hier anzuzeigenden Buch „Das Rote Kreuz in Hamburg“ stellt Volkmar Schön in Wort und Bild aktuelle Orte sowie fast vergessene Wirkungsstätten des Roten Kreuzes in Hamburg vor. Der Autor (Jahrgang 1957) ist promovierter Archäologe und seit Kindertagen nicht nur leidenschaftlicher Historiker, sondern auch „Rotkreuzler“. Als langjähriges Mitglied, seit 2006 auch Vizepräsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), ist er unter anderem (Mit-)Herausgeber der Bände 2, 3, 5, 6, 8 und 10 der im Auftrag des DRK e.V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von ihm sowie Petra Liebner und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“. Jüngst veröffentlichte Volkmar Schön die Schriften „Eine Idee nimmt Fahrt auf. Das Rote Kreuz in Hamburg zur Zeit des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866“ (München 2025) und „Heute Zirkuszelt, morgen Raumschiff. Lebensgeschichten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz“ (München 2025).
Dr. Michael Labe, Präsident vom DRK Landesverband Hamburg e.V., hat zu dem Buch ein Grußwort beigesteuert, in dem er kurz die Geschichte des DRK Hamburg skizziert. Zur Bedeutung der Veröffentlichung hält er sodann wörtlich festhält: „Dieses historisch fundierte Buch ist einzigartig und lädt als praktischer Stadtführer anschaulich dazu ein, die Vergangenheit Hamburgs und des Hamburger Roten Kreuzes aus einer neuen, ungewohnten Perspektive zu entdecken. Dabei sind die Spuren, die das Rote Kreuz in unserer Stadt hinterlassen hat, nach wie vor aktuell“ (S. 7).
In seiner Einleitung macht der Autor darauf aufmerksam, dass sich an zahlreichen Orten heutzutage die Verknüpfungen mit dem früheren Roten Kreuz nicht mehr einfach erkennen lassen, weil die Gebäude abgerissen oder im Krieg zerstört wurden. Dennoch sei es möglich, viele der damaligen Aktivitäten und Persönlichkeiten des Roten Kreuzes in Hamburg mit historischen Gebäuden, Denkmälern sowie Straßennamen im Stadtbild in Verbindung zu bringen. Diese stünden somit symbolisch für besondere Ereignisse in der Hamburger Stadtgeschichte, in denen das Rote Kreuz im Einsatz war, für spezifische frühe Hilfsangebote des Roten Kreuzes oder für Gruppierungen des Roten Kreuzes, die diesen Verband und seine Arbeit geprägt haben. Zur Bedeutung und Intention seines Buches schreibt Volkmar Schön sodann: „Die vorliegende Übersicht soll auf diese Orte der Erinnerung aufmerksam machen, bei denen bisweilen gar nicht mehr bekannt ist, dass eine Verknüpfung mit dem Roten Kreuz in Hamburg besteht. So wird es vielleicht gelingen, diese Zusammenhänge und die weit zurückreichende historische Verbundenheit des örtlichen Roten Kreuzes mit seiner Stadt Hamburg wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen“ (S. 9).
In dem durchgehend reichlich mit zeitgenössischen Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierten Buch werden gut 60 historische Orte zum Roten Kreuz in Hamburg – aufgeteilt in acht Regionen – vorgestellt, darunter beispielsweise die ehemalige „Sanitätswache Hamburger Hauptbahnhof“, das Atlantic Hotel (Alarmquartier des Hamburger Roten Kreuzes für die Fahrer des Krankentransports während des Ersten Weltkriegs 1914-1918), die Ferdinandstraße 75 (ehemalige Geschäftsstelle des „Ausschusses für Deutsche Kriegsgefangene des Hamburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz“ im Ersten Weltkrieg), das Alsterhaus (Textilzentrale des Hamburger Roten Kreuzes nach dem Weiten Weltkrieg 1939-1945), der Hamburger Hof (Koordinierungsstelle des ersten friedensmäßigen Auslandseinsatzes der deutschen Rotkreuzgeschichte), der Neue Wall 44 (Geschäftsstelle des „Hamburger Landesvereins vom Roten Kreuz“), die Hamburger Börse & Handelskammer (Sitz des „Comité zur Pflege von Verwundeten und Kranken“ im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864), der Schlachthof (die größte, vom Hamburger Roten Kreuz betriebene Küche Europas nach dem Zweiten Weltkrieg), die Sanitätswarte Heiligengeistfeld, das „Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin“ (Ausbildungsort für die Krankenschwestern des Frauenvereins für die Krankenpflege in den Kolonien und Unterkunft der Hamburger Sanitätskolonne im Ersten Weltkrieg), das ehemalige Vereinshospital des „Vaterländischen-Frauen-Hülfs-Vereins Hamburg“, die Feldbrunnenstraße 5 und 7 (ehemalige Hauptgeschäftsstelle des „Hamburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz), das ehemalige Kolonnenhaus der „Sanitätskolonne vom Roten Kreuz zu Altona“, die „Ruhestätte der Schwestern des Helenenstifts“ und „Blumenau 20“ (ehemaliger Sitz des „DRK-Kreisverbands Hamburg-Mitte“).
Die „Erinnerungsorte an Persönlichkeiten der Hamburger Rotkreuzgeschichte“ (S. 186-245) sind einem eigenen Kapitel vorbehalten. Im Hinblick darauf, dass die gut 30 vorgestellten Orte in erster Linie Männern gewidmet sind, weist der Autor darauf hin, dass insbesondere in der Friedensarbeit es nur wenige Jahre nach Gründung des Roten Kreuzes zunächst und vor allem Frauen waren, die sich hilfsbedürftigen Menschen in der Stadt zuwandten und zahlreiche soziale Einrichtungen durch persönliches Handanlegen betrieben. Dennoch habe es öffentliche Anerkennung, zum Beispiel durch die Benennung von Straßen, in erster Linie für die Männer in Leitungsfunktionen gegeben, die zugleich oftmals auch politische und leitende Funktionen in der Wirtschaft innehatten. Selbst die Grabstellen seien vorrangig den Männern als damalige so genannte Familienoberhäupter gewidmet: „Daher finden sich nicht die Namen schon früh hochengagierter Frauen wie Minna Plambeck, Susanne Gräfin von Oeynhausen oder Dora Ausschläger vom ‚Vaterländischen Frauen-Hilfsverein’ des Roten Kreuzes in Hamburg und schon gar nicht die der zahlreichen kleineren örtlichen Frauenvereine aus den damals noch eigenständigen Gemeinden im Stadtbild wieder. Ehrungen wie bei Helene Donner vom ‚Vaterländischen Frauenverein Altona I’ und Hedwig von Schlichting vom ‚Schwesternverein der Hamburgischen Staatskrankenanstalten’ waren und sind leider die Ausnahme“ (S. 188).
In einem weiteren Kapitel beschäftigt Volkmar Schön sich schließlich mit der „Vereinsgeschichte der Hamburger Rotkreuzorganisationen“ (S. 246-265), wobei er die Entwicklung von dem am 17. Oktober 1864 gegründeten „Verein zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger“ zum „Hamburgischen Landesverein vom Roten Kreuz“ von den Anfängen bis in die Gegenwart – in der hier gebotenen Kürze – nachzeichnet. Zur Sprache bringt der Autor dabei auch, jeweils mit Blick auf Hamburg, die am 28. Mai 1886 gegründete „Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege vom Roten Kreuz“, die am 26. Januar 1884 initiierten „Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz“, die 1903 gegründeten „Samaritervereine vom Roten Kreuz“, die 1866 gebildeten „Vaterländischen Frauenvereine vom Roten Kreuz“, den „Schwesternverein der Hamburgischen Staatskrankenanstalten“ vom 1. April 1895 und den „Deutschen Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien“ aus den 1890er Jahren.
In seiner Darstellung, die durch einen Beitrag über die „Grundsätze des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes in Hamburg und der Welt“ (S. 266-267) ergänzt wird, beleuchtet Volkmar Schön unterdessen nicht nur historische Orte zur Geschichte des Roten Kreuzes in Hamburg, sondern nimmt auch die Gegenwart in den Blick in den Blick, indem er Tipps für weitere Sehenswürdigkeiten in der Nähe gibt. Insofern ist sein lesenswertes Buch nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Rotkreuz- und Sozialgeschichte Hamburgs, sondern auch ein praktischer Stadtführer.
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
1 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Gesundheitsberufe. Historisches Fachmagazin für Pflege- und Gesundheitsberufe, 14. Jg., Ausgabe 2-2025, Seite 88-90.
2 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Gesundheitsberufe. Historisches Fachmagazin für Pflege- und Gesundheitsberufe, 15. Jg., Ausgabe 1-2026, Seite 43-45.
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