
Volkmar Schön (Hrsg.)
„Heute Zirkuszelt, morgen Raumschiff“
Lebensgeschichten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz
(Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 14)
AVM – Akademische Verlagsgesellschaft, München, 2025, Paperback, 447 Seiten, 37,00 €, ISBN 978-3-95477-188-2
Am 27. Mai 1925 vom Hauptvorstand des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Berlin mit der Vision gegründet, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, Verantwortung zu übernehmen, sich sozial zu engagieren und wichtige Kompetenzen zu erwerben, konnte das Deutsche Jugendrotkreuz (JRK) – heute einer der größten Jugendorganisationen Deutschlands – 2025 sein 100-jähriges Bestehen feiern. Die rund 160.000 Mitglieder des Vereins im Alter von sechs bis 27 Jahren engagieren sich auch nach einem Jahrhundert für eine Gesellschaft des Miteinanders, für Gesundheit, Umwelt, Frieden und internationale Verständigung (https://jugendrotkreuz.de/).
Anlässlich des Jubiläums veröffentlichte die Bundesgeschäftsstelle Jugendrotkreuz beim Deutschen Roten Kreuz e.V. (Berlin) die nicht zuletzt für junge Menschen ansprechend gestaltete, 83 Seiten umfassende Broschüre „100 Jahre Jugendrotkreuz 1925-2025“ (Redaktion: Marcel Bösel und Katharina Fabian) und zwar im Druck als auch online (https://jugendrotkreuz.de/fileadmin/user_upload/Grundlegende_Publikationen/Weitere/100_Jahre_Jugendrotkreuz_Jubilaeum.pdf). Ebenso wurde von der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Rotkreuz-Museen in Kooperation mit dem JRK und dem DRK-Generalsekretariat eine aus 20 Text-Bild-Tafeln sowie Mitmach-Stationen und Mitmach-Elementen bestehende Wanderausstellung erarbeitet, in der die historische Entwicklung von ihren Anfängen bis heute nachgezeichnet wird (https://www.drk.de/geschichte/100-jahre-jrk-wanderausstellung/). Schließlich erschien als Band 14 der Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“ das vorliegende Buch „Heute Zirkuszelt, morgen Raumschiff“, das neben Fachbeiträgen vor allem eine Vielzahl von „Lebensgeschichten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz“ präsentiert.
Für die Herausgabe der Veröffentlichung zeichnet der promovierte Archäologe Volkmar Schön (Jahrgang 1957) verantwortlich, der seit Kindertagen nicht nur leidenschaftlicher Historiker, sondern auch „Rotkreuzler“ ist. Als langjähriges Mitglied, seit 2006 auch Vizepräsident des Deutschen Roten Kreuzes, ist er unter anderem (Mit-)Herausgeber der Bände 2, 3, 5, 6, 8, 10 und 15 der im Auftrag des DRK e.V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von ihm sowie Petra Liebner und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“. Jüngst veröffentlichte Volkmar Schön die beiden Schriften „Eine Idee nimmt Fahrt auf. Das Rote Kreuz in Hamburg zur Zeit des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866“ (München 2025) und „Das Rote Kreuz in Hamburg. Historische Orte“ (Hamburg 2025).
Das rund 450 Seiten starke Buch, das durch zahlreiche, zum Teil ganzseitige zeitgenössische Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustriert wird, gliedert sich in zwei Teile. Während der erste Teil (S. 9-99) ein Geleitwort und drei Fachbeiträge vereint, werden im zweiten Teil (S. 103-443) die Berichte von Zeitzeug:innen wiedergegeben.
Dr. Rudolf Seiters, Ehrenpräsident des Deutschen Roten Kreuzes, hat zu der Publikation ein Geleitwort beigesteuert in dem er darauf hinweist, dass das Jugendrotkreuz als eigenverantwortlicher Kinder- und Jugendverband im Roten Kreuz „eine wertvolle Arbeit für die junge Generation“ (S. 9) leistet.
Zunächst führt der Herausgeber in zwei Fachbeiträgen in das Thema ein, wobei er „Das Jugendrotkreuz auf der internationalen Ebene“ (S. 11-18) und „Die Entstehung des Jugendrotkreuzes in Deutschland“ (S. 19-48) in den Blick nimmt. Wie er hierbei zeigt, begann die Jugendarbeit im DRK bereits um 1900, bevor sich dann Mitte der 1920er Jahre – angeregt durch ähnliche Bestrebungen in Australien, Nordamerika und einigen europäischen Ländern – ein eigenständiges Jugendrotkreuz formierte. Nach dem Debakel des Ersten Weltkriegs (1814-1918) habe dieses einerseits der Jugend Sinngebung und Orientierung geboten, andererseits für Deutschland auch als ein Medium zur Integration in die Weltgemeinschaft gedient, insbesondere über die neu geschaffene Liga der Rotkreuzgesellschaften. Umso fataler sei dann die Gleichschaltung und baldige Abschaffung der Rotkreuzjugend durch das nationalsozialistische Regime gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) habe die Jugendarbeit im Verband erfolgreich wieder aufgebaut werden können, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung in Ost und West. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften im wiedervereinigten Deutschland sei auch ein gesonderter Prozess der Vereinigung des Jugendrotkreuzes mit dem Ziel verbunden gewesen, ein neues Deutsches Jugendrotkreuz zu schaffen.
Nach Darstellung von Volkmar Schön gelingt es dem Jugendrotkreuz heutzutage insgesamt, einerseits die von Anfang an bestehenden Grundbotschaften im Kern zu erhalten, wenn auch sprachlich an die veränderte Zeit angepasst, und sich andererseits auch aktuellen Themen zu widmen, auf das sich veränderte Umfeld adäquat zu reagieren und dem Anspruch der Selbstverantwortung des Jugendverbandes gerecht zu werden. Wörtlich führt er hierzu sodann weiter aus: „So ist das Deutsche Jugendrotkreuz auch nach einhundert Jahren noch ein wichtiger Botschafter und Akteur der Menschlichkeit, ein lohnenswertes Betätigungsfeld für engagierte junge Menschen und ein unverzichtbarer Teil des Deutschen Roten Kreuzes sowie der weltweiten Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung“ (S. 48).
In dem sich anschließenden Beitrag „Eine Zeitschrift, die immer besser werden will“ (S. 49-99), stellt der Journalist Stefan Schomann, der sich mit der Arbeit des DRK bereits seit längerem intensiv beschäftigt und beispielsweise zum 150. Jubiläum des Roten Kreuzes 2013 das Buch „Im Zeichen der Menschlichkeit. Geschichte und Gegenwart des Deutschen Roten Kreuzes“ veröffentlichte, einen kleinen Querschnitt durch zehn Jahrgänge der „Deutschen Jugend“ vor. Anhand von Originalbeiträgen vermittelt er dabei anschaulich das breite thematische und formale Spektrum der Zeitschrift mit der es dem Roten Kreuz gelungen sei, „eine pädagogische wie künstlerisch hochwertige Zeitschrift für junge Leute zu entwickeln und zugleich eine Marktlücke in der damaligen Medienlandschaft zu füllen“ (S. 52).
Im zweiten Teil des Buches erzählen annähernd fünfzig Zeitzeug:innen, die in beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften und später im vereinigten DRK aktiv waren, von ihren Werdegängen, die sie schon früh ins Rote Kreuz geführt haben, wo sie dann alsbald auch selbst in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingebunden waren. Die einzelnen Texte, deren Bogen von 1958 bis 2009 reicht, sind chronologisch nach dem Jahr geordnet, in dem ihre Verfasser:innen ins JRK und / oder ins DRK eintraten. Auch wenn die Organisationsstrukturen wie auch das Selbstverständnis der Jugendarbeit in West und Ost zwangsläufig verschieden waren, seien die jeweiligen Zeitzeugenberichte, so der Herausgeber, hier gleichberechtigt behandelt worden. Sie stammen demnach aus allen Regionen Deutschlands, lassen ehren- wie auch hauptamtliche Tätigkeiten Revue passieren, und spiegeln die jeweiligen persönlichen Neigungen ebenso wider wie die Vielfalt des Roten Kreuzes.
Einleitend wird darauf hingewiesen, dass es sich bei den „Erinnerungen“ bewusst nicht um eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Jugendrotkreuzes handelt. Zu ihrer Bedeutung und Intention heißt es sodann: „Sie sollen vielmehr vermitteln, was diese Menschen bewogen hat, sich dem Roten Kreuz anzuschließen und dort in der Regel über viele Jahre, meist sogar Jahrzehnte aktiv mitzuarbeiten. Dabei war es uns wichtig, dass sowohl positive als auch weniger erfreuliche Erlebnisse und Erfahrungen offen zur Sprache kommen“ (S. 104). In diesem Sinne möchte die Darstellung einen lebendigen Eindruck davon vermitteln, dass es sich beim DRK um eine Organisation handelt, in der die unterschiedlichsten Menschen ihren Platz finden, anderen helfen und dabei gleichzeitig viel Freude haben können.
Wie sich beim Lesen des Buches zeigt, findet sich der gewählte Buchtitel „Heute Zirkuszelt, morgen Raumschiff“ auch als Überschrift eines Zeitzeugen-Beitrags wieder (S. 309-314), in dem Michael Dreuw und Carsten Müntjes über ihr Engagement im Jugendrotkreuz in Nordrhein und die Bedeutung des Jugendrotkreuz-Hauses in Bad Münstereifel berichten. Nach Ansicht der Autoren spielt(e) dieses Haus für die Entwicklung und die Kultur des Jugendrotkreuzes eine große Rolle. Entscheidend sei dabei gewesen, dass dort Veranstaltungen stattfanden, die man so nirgends anders hätte machen können: „Für Kindergruppentreffen oder andere Großveranstaltungen wurde die Turnhalle zu einem Zirkuszelt, die Eingangshalle zu einem Raumschiff oder der Tagungsraum zu einer Felshöhle – so etwas kan man nur in eigenen Räumlichkeiten verwirklichen“ (S. 311). Mit viel Kreativität und Einfallsreichtum sei das Haus immer wieder aufs Neue verwandelt worden und entsprechend beliebt seien die Veranstaltungen gewesen.
Insgesamt betrachtet nimmt das Zeitzeugenbuch zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Jugendrotkreuzes seine Leserschaft mit auf eine spannende Reise durch ein Jahrhundert voller Erlebnisse, Engagement und Gemeinschaftssinn. Neben den Fachbeiträgen, die einen gelungenen Überblick über die Entstehung und Geschichte der Organisation vermitteln, bieten dabei vor allem die ganz persönlichen Geschichten und Erfahrungen aus verschiedenen Jahrzehnten ein lebendiges Bild der vielfältigen Entwicklung und Arbeit des JRK.
Die spannend zu lesenden „Lebensgeschichten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz“ zeigen zugleich, dass die aktive Jugendarbeit eine wichtige Säule ist, um frühzeitig junge Menschen an einen Verein oder Verband zu binden und diese langfristig an Aufgaben und Funktionen heranzuführen. So wie es ausschaut, ist das DRK in dieser Hinsicht auf einem guten Weg und braucht sich um seine Zukunft einstweilen keine größeren Sorgen zu machen.
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
1 Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Gesundheitsberufe. Historisches Fachmagazin für Pflege- und Gesundheitsberufe, 14. Jg., Ausgabe 2-2025, Seite 88-90. Auch online unter: https://zeitschrift-geschichte.de/content/component/content/article/12589-eine-idee-nimmt-fahrt-auf-das-rote-kreuz-in-hamburg-zur-zeit-des-preu%C3%9Fisch-%C3%B6sterreichischen-krieges-1866?catid=81&Itemid=1119 [16.01.2025].
2 Vgl. die Besprechung des Rezensenten unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/15826.php [16.01.2025].
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