Vom reformierten Krankenpflegeverein zur Spitex AG

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Simon Hofstetter

Vom reformierten Krankenpflegeverein zur Spitex AG
Zur neueren Diakoniegeschichte der Deutschschweiz

TVZ, Theologischer Verlag Zürich, Zürich, 2025, Paperback, 299 Seiten, 52,00 €, ISBN: 978-3-290-18730-9

In der Schweiz gibt es gegenwärtig rund 1.100 sogenannte „Spitex-Organisationen“, die in der ambulanten Krankenpflege tätig sind. Sie fördern, unterstützen und ermöglichen mit ihren Dienstleistungen das Wohnen und Leben zu Hause für Menschen aller Altersgruppen, die der Hilfe, Pflege, Betreuung, Begleitung und Beratung bedürfen. „Spitex Schweiz“, der nationale Dachverband von Spitex-Kantonalverbänden und weiteren Organisationen für professionelle Pflege und Unterstützung zu Hause, entstand 1995 aus dem Zusammenschluss der Schweizerischen Vereinigung der Hauspflegeorganisationen (SVHO) und der Schweizerischen Vereinigung der Gemeindekrankenpflege- und Gesundheitspflegeorganisationen (SVGO). Ihren Ursprung haben die meisten Spitexorganisationen unterdessen in konfessionell getragenen – evangelisch-reformierten sowie katholischen – Krankenpflegevereinen, die häufig um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden.

In dem hier vorzustellenden Buch „Vom reformierten Krankenpflegeverein zur Spitex AG“ erläutert der Theologe PD Dr. theol. Simon Hofstetter (Jahrgang 1981), Leiter Kirchenbeziehungen bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und Privatdozent für Diakoniewissenschaft an der Universität Bern, auf der Basis von Fallbeispielen aus der Deutschschweiz den Wandel der reformiert geprägten Krankenpflegevereine zu den zivilgesellschaftlich oder öffentlich-rechtlich getragenen Spitexorganisationen in heutiger Gestalt. Dabei zeigt er nicht nur auf, was sich in welchen Etappen in den vergangenen hundert Jahren im Pflegebereich änderte, sondern stellt auch die damaligen diakonischen Einrichtungen und heutigen professionellen Anbieter auf dem schweizerischen Gesundheitsmarkt vor.

Bei der rund 300 Seiten umfassenden Veröffentlichung, deren Drucklegung vom „Schweizer Nationalfond“ (SNF) und der „Alfred-Jäger-Stiftung für Diakonie“ gefördert wurde, handelt es sich um die von der Theologischen Fakultät der Universität Bern im Herbst 2024 angenommenen Habilitationsschrift des Autors, der bereits unter anderem die Schrift „Das Unsichtbare sichtbar machen. Pflegende Angehörige und der diakonische Auftrag der Kirchen“ (Zürich 2016) veröffentlichte und (gemeinsam mit Esther Gaillard) das Buch „Heim- und Verdingkinder. Die Rolle der reformierten Kirchen im 19. und 20. Jahrhundert“ (Zürich 2017) herausgab.

Vor dem Hintergrund, dass die Spitex-Organisationen sich heute in zivilgesellschaftlicher bzw. öffentlich-rechtlicher Trägerschaft befinden oder privatwirtschaftlich organisiert und nur noch vereinzelt kirchlich getragen sind, untersucht Simon Hofstetter den grundlegenden Wandel in der konfessionell geprägten Trägerschaft der Institutionen der ambulanten Krankenpflege in der Deutschschweiz anhand von zwei Perspektiven. Zunächst geht er spezifisch aus einer Binnenperspektive der Frage nach, wie sich dieser Wandel innerorganisatorisch vollzogen hat, wie die Krankenpflegevereine organisiert waren und welche Veränderungen es hinsichtlich der Beteiligung von Kirchgemeinden gab. In diesem Zusammenhang betrachtet er auch die finanzielle Unterstützung der Krankenpflege durch die Kirchgemeinde und zeigt die Deutungsstrukturen auf, mit denen das kirchliche Engagement in den Krankenpflegevereinen begründet wurde. Schließlich geht er auch der Frage nach, wie Einflüsse aus Politik, Zivilgesellschaft, Ökonomie usw. Veränderungen in der evangelisch-reformierten Mitwirkung bei den Krankenpflegevereinen beeinflusst haben.

Nach einer „Einführung“ (S. 11-36) mit Hinweisen zur Fragestellung und den Zielen der Studie sowie den methodischen Zugängen und verwendeten Quellen enthält das Buch die folgenden sechs „Fallstudien“:

  • Vom freiwilligen Krankenverein Burgdorf zur Spitex Burgdorf-Oberburg (S. 41-65)
  • Vom Krankenpflegeverein Egnach zur Spitex RegioArbon (S. 67-90)
  • Vom Reformierten Krankenverein Arlesheim zur Spitex Birseck (S. 91-114)
  • Vom reformierten Krankenpflegeverein Wettingen zur Spitex Wettingen-Neuenhof (S. 115-129)
  • Von der Krankenpflege der Evangelischen Kirchgemeinde Tablat zur Spitex AG St. Gallen
  • (S. 131-150)
  • Vom reformierten Krankenpflegeverein Reiden (LU) zur Spitex Wiggertal (S. 151-172).

Abschließend stellt der Autor den „Ertrag“ (S. 173-281) seiner Forschungsergebnisse vor, die durch ein „Quellen- und Literaturverzeichnis“ (S. 283-297) ergänzt werden.

Um den erfolgten Wandel von den kirchlichen Krankenpflegevereinen zu den zivilgesellschaftlich bzw. öffentlich-rechtlich getragenen Spitexorganisationen detailliert nachzuzeichnen, hat Simon Hofstetter die jeweils vorhandenen schriftlichen Dokumente und Archivunterlagen der Krankenpflegevereine bzw. Spitexorganisationen im Zeitraum ihrer Gründung bis zur Gegenwart ausgewertet, neben Vereinsstatuten, Jahresberichten und Festschriften insbesondere Protokollbücher der vereinsleitenden Organe, Unterlagen zum Rechnungswesen, Verträge mit den Diakonissenmutterhäusern sowie schriftliche Korrespondenzen, namentlich zwischen Vereinsleitung einerseits und Mitarbeitenden, öffentlichen Stellen und Finanzierungspartnern auf den jeweils zuständigen föderalen Ebenen andererseits. Das jeweilige Vereinswirken stellt der Autor derart dar, dass er das Vereinswirken zunächst in die jeweiligen sozialhistorischen und konfessionellen Umstände der entsprechenden Gemeinde einordnet, an die sich – jeweils untergliedert in vier Phasen – eine chronologisch gegliederte Darstellung des Vereinswirkens seit der Gründung bis zur Gegenwart anschließt.

Wie Simon Hofstetter für die erste Phase („Gründung und Etablierung der reformierten Krankenpflegevereine“) zeigt, wurden die untersuchten Krankenpflegevereine mehrheitlich in der Zeit des ausgehenden „langen 19. Jahrhunderts“, das heißt in der Zeit zwischen den Jahren 1880 und 1910 gegründet. Zur damaligen Zeit habe die Gesellschaft insbesondere durch die Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum einen markanten Transformationsprozess erlebt, der dazu geführt habe, dass erstmals breite Bevölkerungsschichten in Armut und existentielle Notlagen gerieten. Da die für die praktische Armenfürsorge zuständigen Gemeinden nicht über ausreichende finanzielle Mittel zur Unterstützung der Armutsbetroffenen verfügt hätten, seien „auf der Basis privater Initiativen und gerade auch im kirchlichen Bereich zahlreiche gemeinnützige und karitative Vereine“ (S. 176) entstanden, die sich unter anderem in der Krankenpflege engagierten. Der Gründungsimpuls zur Schaffung der jeweiligen lokalen Krankenpflegevereine sei dabei von Vertretern der örtlichen reformierten Kirchengemeinde ausgegangen beziehungsweise unter deren leitender Mitwirkung erfolgt. Unterdessen hätten die Vereine die Gemeindeschwestern nicht direkt angestellt; vielmehr sei deren Tätigkeit am Wirkungsort über „einen Entsendungsvertrag erfolgt, den der Verein und das Diakonissenmutterhaus miteinander abschlossen“ (S. 177).

Als Mitglied der Lebens-, Dienst- und Glaubensgemeinschaft ihrer jeweiligen Schwesternschaft hätten die Diakonissen ein Arbeits- und Pflegeverständnis mitgebracht, bei dem sie ihr Wirken als Sendung im Auftrag Jesu Christi zum Dienst an den Kranken verstanden: „Ihre Tätigkeit war nicht im engeren Sinn auf verrichtungsbezogene Pflegetätigkeiten beschränkt, sondern umfasste mit Unterstützungen im Haushalt, sozialfürsorgerischen Arbeiten, aber auch seelsorgerischem Beistand ein breites Aufgabenspektrum“ (S. 178).

In organisatorischer Hinsicht sei die Arbeit der Krankenpflegevereine damals von einem hohen Maß an Autonomie geprägt gewesen, wobei ökonomische Überlegungen noch kaum eine Rolle spielten. Der Blick auf die Finanzierungsstruktur der untersuchten Krankenpflegevereine habe gezeigt, so der Autor, dass die Vereinsfinanzen zumindest in den ersten Jahrzehnten weitgehend auf den Beiträgen der Mitglieder basierten. Diese mitgliederorientierte Finanzierungsstruktur habe sich erst verändert, als es insbesondere ab der Zwischenkriegszeit aufgrund der Teuerung und des personellen Ausbaus nicht mehr möglich war, die zusätzlich erforderlichen Mittel über die Mitglieder einzutreiben.

Wie Simon Hofstetter für die zweite Phase („Erste Bedeutungsverschiebungen und kirchliche Prägungsverluste“) konstatiert, erfolgte die Vereinstätigkeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis Mitte der 1960er Jahre weitgehend unter tradierten Bedingungen. Gleichwohl hätten die Vereinsleitungen damals mit beträchtlichen neuen Herausforderungen zu kämpfen gehabt, insbesondere mit dem Schwesternmangel und Finanzierungsschwierigkeiten. Indem in verschiedenen Vereinen die lange Ära der Vereinspräsidentschaft durch den Gemeindepfarrer endete, seien kaum mehr schriftlich vorhandene Nachweise der kirchlich-diakonischen Prägung des Vereinswirkens auffindbar. Angesichts der fehlenden schriftlichen Verweise sei „zu vermuten, dass sich im vorliegenden Zeitabschnitt in gewissem Ausmaß ein langsamer und schleichender Verlust kirchlich-diakonischer Prägung der Krankenpflegevereine ereignete“ (S. 201). Der bisherige „konstitutive Doppelcharakter“ der Krankenpflegevereine zwischen zivilgesellschaftlicher und kirchlicher Verankerung hatte demnach deutlich an Selbstverständlichkeit verloren.

Während nach Darstellung des Autors die dritte Phase („Staatliche Steuerungseingriffe und Transformation der Trägerschaft“), also der Zeitraum ab der Mitte der 196oer Jahre bis zur Mitte der 1990er Jahre, dadurch gekennzeichnet war, dass in Folge der verstärkten finanziellen Zuwendung seitens der Behörden diese eine Mitwirkung in den Vereinsvorständen beanspruchten und sich für Fusionen stark machten, hätte in der vierten Phase („Spitexorganisationen im Spannungsfeld von Professionsanspruch, staatlicher Regulierung und Pflegemarkt“), die sich auf den Zeitraum ab der Mitte der 1990er Jahre bis zur Gegenwart bezieht, aufgrund gesetzlicher Vorgaben die Zahl der gemeinnützigen oder öffentlich-rechtlichen Spitexorganisationen stark ab- und die privatwirtschaftlich orientierten stark zugenommen. Neben der institutionellen Weiterentwicklung in den Spitexorganisationen seien damals auch beträchtliche inhaltlich-fachliche Entwicklungsschritte erfolgt: „Über die Pflegetätigkeit im engeren Sinn hinaus nahmen sämtliche der untersuchten Spitexorganisationen neue Angebote in ihr Leistungsprogramm auf, die im weiteren Umfeld der Pflegetätigkeit anzusiedeln sind und den Klientinnen und Klienten hilfreiche Dienste leisten sollen“ (S. 229). Die Kirchengemeinden und die kirchlichen Leitungspersonen hätten sich in der ambulanten Krankenpflege nicht mehr nachhaltig engagiert und – da das bisherige Handlungsfeld im umfassenden Sinne zum Regelungsgegenstand staatlicher Sozial- bzw. Gesundheitspolitik geworden war – auf andere Handlungsbereiche konzentriert. Dementsprechend läge seit etwa der Jahrtausendwende „ein vollständiger Traditionsbruch des kirchlichen Engagements in der ambulanten Krankenpflege vor“ (S. 243).

Verbunden mit regelmäßigen Seitenblicken auf die Situation des diakonischen Wirkens in Deutschland diskutiert Simon Hofstetter zum Schluss seiner Untersuchung die Ergebnisse anhand von drei unterschiedlichen Beobachtungsformaten. Zunächst geht er der Frage nach, wie sich die ambulante Krankenpflege innerhalb des schweizerischen wohlfahrtspluralistischen Systems entwickelte, insbesondere hinsichtlich der Transformation der früheren Krankenpflegevereine in Spitexorganisationen. Sodann betrachtet er die Entwicklungen der Spitexorganisationen in betrieblicher Hinsicht, bevor er nochmals den Wandel der Beteiligung und der Mitwirkung von evangelisch-reformierten Akteurinnen und Akteuren an den Krankenpflege- bzw. Spitexorganisationen zusammenfasst. Aufgrund seiner Untersuchung kommt der Autor dabei zu dem Ergebnis, „dass die evangelisch-reformierten Kirchen in den Spitexorganisationen heutigen Zuschnitts als Mitträgerinnen sukzessive ausgeschieden sind und heute über keine aktive Mitwirkung mehr verfügen“ (S. 276). Nachdem die damaligen Krankenpflegevereine vor ungefähr 100 Jahren im Wesentlichen von kirchlichen Akteuren gegründet wurden, sei seither eine Transformation hin zu den heutigen Spitexorganisationen in zivilgesellschaftlicher oder öffentlich-rechtlicher Trägerschaft erfolgt.

Keine Frage, mit seiner diakoniewissenschaftlichen Studie „Vom reformierten Krankenpflegeverein zur Spitex AG“ hat Simon Hofstetter sowohl einen wichtigen Beitrag zur schweizerischen Diakoniegeschichte als auch zur ambulanten Krankenpflege durch Diakonissen im schweizerischen Kontext geleistet. Die Untersuchung ist dabei umso bedeutender, als die Zahl der bislang vorliegenden Arbeiten zum Thema sehr überschaubar ist.

Wer unterdessen das Buch unter pflegehistorischen Gesichtspunkten zur Hand nimmt, hätte sich gewünscht, dass bei der Darstellung der einzelnen Krankenpflegevereinen nicht durchgehend nur von den „Vereinsgründern“, „Vereinsvorsitzenden“, „Vereinspräsidenten“, „Kommissionsmitgliedern“ oder „Gemeindepfarrern“ die Rede ist, sondern die betreffenden Personen mit Namen genannt werden. Ebenso hätten es die vor Ort wirkenden Diakonissen, die mehrheitlich über Entsendungsverträge angestellt waren, verdient gehabt, namentlich gewürdigt zu werden. Schließlich hätten der Studie auch einige Abbildungen aus den vorgestellten (schweizerischen) Krankenpflegevereinen gut zu Gesicht gestanden, zumal das einzige Foto, das auf dem Cover zu sehen ist und  zwei Diakonissen mit Fahrrädern zeigt, aus dem (deutschen) Mutterhausarchiv Speyer stammt.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

1 Hingewiesen sei hier auf die Untersuchung von Regula Schär, die im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts zum Thema „Religiöse Frauengemeinschaften“ die „Diakonissen in der Ostschweiz im 20. Jahrhundert“ (Zürich 2018) in den Blick nahm. Vgl. die Besprechung des Rezensenten in: Geschichte der Gesundheitsberufe. Das Journal für historische Forschung der Pflege und Gesundheitsberufe, 11. Jg., Ausgabe 1-2022, S. 66-68

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