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Norbert Friedrich / Uwe Kaminsky (Hrsg.)

Im Mittelpunkt steht der Mensch
Zur Entwicklung psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung in der Kaiserswerther Diakonie

K-West Verlag, Essen, 2022, 191 Seiten, Broschur, 14,95 €, ISBN: 978-3-948365-18-9

Das Buch „Im Mittelpunkt steht der Mensch“ widmet sich in Einzelbeiträgen der Entwicklung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung in der Kaiserswerther Diakonie von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Für die Herausgabe des Sammelbandes zeichnen sich Norbert Friedrich und Uwe Kaminsky verantwortlich.

Der Historiker und evangelische Theologe Norbert Friedrich (Jahrgang 1962) wurde 1996 an der Ruhr-Universität Bochum mit einer kirchengeschichtlichen Arbeit über den Theologen und Politiker Reinhard Mumm (1873-1932) zum Dr. phil. promoviert. Seit 2002 Vorstand der Fliedner-Kulturstiftung in Düsseldorf-Kaiserswerth baute er dort das erste Museum zur Geschichte der Krankenpflege auf. Heute wirkt er (seit 2022) zudem als Honorarprofessor an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, wo er Ethik und Geschichte der sozialen Professionen lehrt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten, Kirchliche Zeitgeschichte, Diakoniegeschichte, Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie Geschichte des sozialen Protestantismus, veröffentlichte er eine Vielzahl von Publikationen, darunter die Monografien „In guten Händen. Menschen in der Kaiserswerther Diakonie“ (Düsseldorf 2005), „Der Kaiserswerther. Wie Theodor Fliedner Frauen einen Beruf gab“ (Berlin 2010) und „Pflegemuseum Kaiserswerth. Katalog zur Dauerausstellung“ (Essen 2013).

Zu den Forschungsschwerpunkten des Historikers Uwe Kaminsky (Jahrgang 1962), der 1994 an der Universität Essen mit der Arbeit „Zwangssterilisation und ‚Euthanasie’ im Rheinland. Evangelische Erziehungsanstalten sowie Heil- und Pflegeanstalten 1933-1945“ zum Dr. phil. promoviert wurde, gehören die Geschichte der Eugenik und der NS-„Euthanasie“, die Missionsgeschichte und die Geschichte der Heimerziehung. Seit 2021 im Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Berliner Charité tätig, seien von seinen zahlreichen Publikationen hier lediglich die beiden neueren Buchbeiträge „Sterilisation und NS-‚Euthanasie‘. Marginalisierung und Notstandsdenken“ (2021) und „Tabuisierung und Gewalt. Sexualisierte Gewalt in der konfessionellen Heimerziehung der 1950er und 1960er-Jahre“ (2022) sowie die (gemeinsam mit Katharina Klöcker) veröffentlichte Monographie „Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz-Sales-Hauses. Historische Klärungen – Ethische Perspektiven“ (Münster 2020) genannt.

Zu dem Buch, dessen Drucklegung finanziell durch die Förderstiftung der Kaiserswerther Diakonie (https://www.kaiserswerther-diakonie.de) ermöglicht wurde, haben neben den Herausgebern auch Ulrich Fuchs, Michael Schmidt-Degenhard, Joachim Cordes, Thomas Behlmer, Holger Schmitte und Katja Weidling Beiträge beigesteuert.

Nach dem Vorwort (S. 7-89) gliedert sich das übersichtlich gegliederte Buch in die beiden Teile „Zur Geschichte“ (S. 10-123) sowie „Erinnerungen und Erfahrungen“ (S. 124-156) mit jeweils drei Beiträgen, die durch einen „Anhang“ (S. 159-191) mit einer Zeitleiste zur Geschichte, Anmerkungen sowie Quellen und Literatur ergänzt werden.

In ihrem Vorwort weisen Norbert Friedrich und Uwe Kaminsky darauf hin, dass es von den kleinen Anfängen in einer ehemaligen Kaserne, wo ein fachlich nicht explizit ausgebildeter Arzt die Patientinnen nebenamtlich betreute, bis zur heutigen „Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik“ am Florence-Nightingale-Krankenhaus (https://www.florence-nightingale-krankenhaus.de/klinik-fuer-psychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/) der Kaiserswerther Diakonie ein weiter Weg von mittlerweile (2022) 170 Jahren war. Zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung halten sie sodann wörtlich fest: „Das vorliegende Buch nimmt diesen Weg in den Blick und beschreibt, angereichert mit vielen Quellen und Bildern, die Entwicklung der Klinik von einer kleinen ‚Heilanstalt‘ nur für Frauen hin zu einer ausdifferenzierten und qualifizierten Einrichtung, die einen unverzichtbaren Anteil an der medizinischen und psychiatrischen Versorgung über Düsseldorf hinaus leistet. Neben der Darstellung der Geschichte, die sich einer umfassenden Betrachtung der gesamten Einrichtung verpflichtet weiß und von der Baugeschichte über die Behandlungsmethoden bis zum Personal und den Patientinnen reicht (Patienten gibt es erst seit 1977), setzt das Buch einige besondere Akzente. Dies ist zum einen die sozialpsychiatrische Arbeit der Kaiserswerther Diakonie, die seit den 1970er Jahren eng mit der Klinik verknüpft ist, zum anderen die pflegerische Arbeit in Geschichte und Gegenwart“ (S. 7).

Der erste Teil des Buches beginnt mit dem Beitrag von Uwe Kaminsky und Norbert Friedrich „Die Kaiserswerther Heilanstalt von ihrer Gründung 1852 bis zur Psychiatriereform zu Beginn der 1990er Jahre“ (S. 10-99), in dem sie nicht nur die Geschichte der Einrichtung seit ihrer Gründung nachzeichnen, sondern zugleich auch eine umfangreiche Sammlung relevanter zeitgenössischer Quellen – Texte ebenso wie Pläne und Fotografien – präsentieren.

In ihrem anschließenden Beitrag „Die Tradition mit neuen Herausforderungen verbinden“ (S. 100-117), der nachfolgend inhaltlich kurz skizziert sei, setzen Holger Schmitte und Katja Weidling sich mit der Entwicklung der psychiatrischen Pflege in der Kaiserswerther Diakonie im Wandel der Zeit auseinander. Wie sie hierbei zeigen, änderten sich die Tätigkeitsschwerpunkte der psychiatrisch Pflegenden in der Kaiserswerther Diakonie im Laufe der Jahre „immer wieder“. Ausschlaggebend hierfür seien beispielsweise gesetzliche Novellierungen oder Führungswechsel gewesen. So habe sich auch das Aufgabenspektrum der Pflegenden im Laufe der Zeit „zunehmend in Richtung therapeutischer Tätigkeiten“ gewandelt und „stark mit anderen Berufsgruppen vermischt.“ Unterdessen werde das Potential der Pflege, welches in der kontinuierlichen und permanenten 24-stündigen Beziehungsarbeit liegt, „heute deutlicher erkannt und geschätzt.“ Zugleich betonen die Autor:innen, dass allen äußeren Veränderungen zum Trotz „der besondere Wert des sogenannten ‚Kaiserswerther Geistes‘ bewahrt“ worden sei. Hierzu halten sie wörtlich fest: „Dieser Geist drückt sich in der wertschätzenden, personenzentrierten, respektvollen und hochprofessionellen Haltung der Mitarbeitenden aus. Die Individualität, Zugewandtheit, die Einsatzbereitschaft, das Engagement, die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben und der Fokus auf die Beziehungsarbeit sind kennzeichnend für die Psychiatrische Pflege in der Kaiserswerther Diakonie“ (S. 114).

Den Pflegenden sei es eine Herzensangelegenheit, ein Milieu und dadurch eine Atmosphäre zu schaffen, in dem Patient:innen genesen können. Im Hinblick auf die Zukunft müsse sich die Psychiatrische Pflege einerseits auf ihre Kernkompetenz Beziehungsarbeit konzentrieren; andererseits müsse diese Kernkompetenz ausgebaut, weiter pflegewissenschaftlich fundiert und entwickelt werden. Weitere Aufgaben seien der Ausbau evidenzbasierter spezifischer Interventionen und die Verstärkung der Außenorientierung. Die Herausforderungen der Gegenwart bestehen nach Holger Schmitte und Katja Weidling vor allem darin, „traditionelle pflegerische Haltungen mit der mittlerweile etablierten Wissenschaftlichkeit der Pflege zu verbinden“ (S. 116).

In einem weiteren Beitrag stellen Norbert Friedrich und Thomas Behlmer schließlich den „Beginn und die Entwicklung der Sozialpsychiatrie“ (S. 118-123) vor.

Im zweiten Teil des Buches kommen zunächst die beiden ehemaligen Chefärzte Dr. med. Ulrich Fuchs und Prof. Dr. med. Michael Schmidt-Degenhard (1953-2020) zu Wort, die sich in ihren Beiträgen „Meine Erfahrungen 1975-2003“ (S. 124-129) und „Erfahrungen 2003-2018“ (S. 130-140) auf persönliche und konzeptionelle Überlegungen konzentrieren. Demgegenüber schaut der heutige Chefarzt, Prof. Dr. med. Joachim Cordes, in seinem Beitrag „Ein arbeitnehmerfreundliches Krankenhaus mit hoher Behandlungsqualität als Leitbild“ (S. 142-156) auf die Gegenwart und die Zukunft der Klinik.

Ihr 170-jähriges Bestehen im Jahre 2022 nahm die „Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik“ am Florence-Nightingale-Krankenhaus zum Anlass, die Historie dieser ältesten bestehenden psychiatrischen Klinik in Düsseldorf zu reflektieren. Zu dem nun vorliegenden Buch „Im Mittelpunkt steht der Mensch“ kann man nur allen Beteiligten herzlich gratulieren. Die Herausgabe des Sammelbandes, der tiefe Einblicke in die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in der Kaiserswerther Diakonie gewährt, ist dabei um so begrüßenswerter, als die letzte umfassende, eigenständige Monographie zur Klinikentwicklung der ersten 50 Jahre von Dr. med. Max Tippel (1860-1912), dem damaligen Chefarzt, im Verlag der Diakonissen-Anstalt 1902 veröffentlicht wurde. Wer sich für Medizin- und Pflegegeschichte interessiert, wird das wissenschaftlich fundierte und mit zahlreichen Abbildungen ausgestattete Buch in jedem Fall mit großem Genuss lesen. Die darin zahlreich präsentierten Dokumente können in Studium und Ausbildung nützliche Dienste leisten.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

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