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Sebastian Funk, Johannes Karl Staudt (Hrsg.)

Haus Hohenbaden
Das DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim in der Überlieferung des Badischen Roten Kreuzes

Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 11 / AVM – Akademische Verlagsgesellschaft München, München, 2024, Festeinband mit Fadenbindung, 733 Seiten, 39,00 €, ISBN: 978-3-95477-172-1

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden chronisch kranke oder als erholungsbedürftig angesehene Kinder ohne ihre Eltern zu mehrwöchigen Kuraufenthalten in konzessionierte Kindererholungsheime oder Kinderkliniken verbracht. Bei dieser „Kinderverschickung“ – nicht zu verwechseln mit der im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) praktizierten „Kinderlandverschickung“, im Rahmen derer Kinder und Jugendliche zum Schutz vor Bombenangriffen aus den Großstätten in ländliche Räume evakuiert wurden – handelte es sich um eine gesetzlich geregelte Gesundheitsmaßnahme im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe, die weit verbreitet war. Zu den entsprechenden Einrichtungen gehörte auch das „Haus Hohenbaden“, das im Jahre 1906 auf Initiative und mit Unterstützung der badischen Großherzogin Luise von Baden (1838-1923) durch den Architekten Friedrich Ratzel (1869-1907) erbaute „Kindersolbad“ des 1859 gegründeten Badischen Frauenvereins (ab 1889 als Teil des Badischen Landesvereins vom Roten Kreuz) in Dürrheim (seit 1921 Bad Dürrheim), zwischen dem südlichen Schwarzwald und der Schwäbischen Alb gelegen. Kamen in den Anfangsjahren jährlich knapp 900 Kinder-Kurgäste, waren es in den 1950er-Jahren zwischen 2.500 und 3.000. Das „Haus Hohenbaden“, das seinen Kurbetrieb 2004 aufgrund der gesunkenen Belegungszahlen im Verlauf der Gesundheitsreformen einstellte, war als DRK-Kindersolbad lange Zeit eine der führenden Einrichtungen des deutschen Kinderkurwesens. Von 1949 bis 1980 waren es rund 80.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen vier und 14 Jahren aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland, die über ihre Ärztinnen und Ärzte, Behörden, Unternehmen, Versicherungen und Wohlfahrtsverbände, aber auch privat von ihren Eltern zu mehrwöchigen Erholungsaufenthalten in die Einrichtung vermittelt wurden.

In Folge der zivilgesellschaftlichen Debatten um das Leid vieler Heimkinder in den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland rückte in den späten 2010er Jahren auch das bis dahin weitgehend ignorierte Kapitel der „Kinderverschickung“ und die damit verbundenen schweren Missbrauchsvorwürfe in den Fokus der Öffentlichkeit. Nachdem Medienberichte vermuten ließen, dass es auch im von Haus Hohenbaden, dem DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim – einer der größten Kinderkurkliniken in Deutschland – zu Gewalt, sexuellem Missbrauch und Medikamentenversuchen an Kindern gekommen war, beauftragte der DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz e. V. als ehemaliger Träger der Einrichtung im Jahr 2021 die beiden Historiker Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt damit, das verbandsintern überlieferte Schriftgut zu diesem Thema zu sichten, auszuwerten und für die weitere Erforschung zu erschließen.

Zur Bedeutung und Intention ihrer gut 700 Seiten umfassenden Veröffentlichung, die sich in jeder Beziehung sehen lassen kann und hier kurz vorgestellt sei, schreiben Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt einleitend: „Mit der vorliegenden Edition möchten die Herausgeber gleichermaßen das noch erhaltene Quellenmaterial zum DRK-Kindersolbad in Bad Dürrheim für die weitere wissenschaftliche Erforschung erschließen und den Betroffenen auf transparente Weise zugänglich machen, über welche Dokumente und Informationen der Landesverband Badisches Rotes Kreuz e. V. heute noch intern verfügt“ (S. 12).

Das Buch, das als Band 11 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e. V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von Petra Liebner, Rainer Schlösser, Volkmar Schön und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“ erscheint, ist in die folgenden drei Bereiche unterteilt:

  • Einleitung (S. 7-68),
  • Vorstands- und Präsidiumsprotokolle – Auszüge betreffend das DRK-Kindersolbad im Haus Hohenbaden, Bad Dürrheim (S. 69-388),
  • Anlagen (S. 389-722).

Erschlossen wird der Band durch ein „Verzeichnis der Vorstands- und Präsidiumsprotokolle“ (S. 723-727) in chronologischer Reihenfolge von 1949 bis 1982 und ein „Verzeichnis der Anlagen“ (S. 727-733), wobei letzteres in die Bereiche „Aus dem Haus Hohenbaden“, „Innerer Aufbau und strategische Entwicklung“, „Chefarzt-Frage und leitendes Personal“, „Bauplanung“ und „Miszellen“ untergliedert ist.

Die überlieferten Dokumente werden durchgehend im Wortlaut wiedergegeben, wobei sie so angeordnet sind, dass jeweils im Zeitverlauf sichtbar wird, wie sich der Umgang des Präsidiums mit dem DRK-Kindersolbad entwickelte, welche Dokumente aus dem Haus Hohenbaden selbst überliefert sind, und in welchen zentralen Themenkomplexen Gegenwart und Zukunft der Einrichtung diskutiert wurden.

Zur Einordnung der Einrichtung haben Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt unter der Überschrift „Kinderkuren und das Haus Hohenbaden“ (S. 13-65) dem Quellenkorpus eine – auf Grundlage der vorliegenden und ausgewählten archivalischen Quellen erarbeitete – Darstellung der Geschichte des DRK-Kindersolbads vorangestellt. Darin weisen sie zunächst darauf hin, dass die Einrichtung im weiten Spektrum der Erholungs- und Heilfürsorge dezidiert eine medizinische Behandlung zum Zweck hatte. Als solche sei sie im Laufe der Zeit „zu einem der größten und fachlich kompetentesten Häuser seiner Art in Deutschland“ (S. 45) avanciert.

Mit dem Kinderarzt Dr. med. Hans Kleinschmidt (1905-1999), der seit 1937 in der Einrichtung arbeitete und von 1959 bis 1973 deren Ärztlicher Direktor war, sei das DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim von einem Chefarzt mit einer einschlägigen nationalsozialistischen Biographie geleitet worden.

Nach Ansicht der Herausgeber hat das Badische Rote Kreuz mit Haus Hohenbaden als eine Form der Hilfeleistung für Kranke, insbesondere aus kleinbürgerlichen und proletarischen Milieus, ein „genuines Friedensziel der Rotkreuzbewegung“ verfolgt. Infolgedessen sei die „Kinderverschickung“ im Badischen Roten Kreuz nie grundsätzlich in Frage gestellt worden. Unterdessen habe das Staatliche Gesundheitsamt Villingen seine Aufsichtspflicht zwar „durchaus gewissenhaft“ wahrgenommen und „gezielt auf Krisensituationen wie auch auf Beschwerden“ reagiert, sich dabei allerdings nur auf die formalen Anforderungen an die Ausstattung und den Betrieb des DRK-Kindersolbads beschränkt, „denn die Praxis der vorgenommenen Heilbehandlungen waren ebenso wenig Gegenstand seiner Prüfungen wie die pflegerische und pädagogische Praxis“ (S. 49).

Aufgrund der von ihnen ausgewerteten Dokumente besteht für Sebastian Funk und Johannes Karl Staudt kein Zweifel daran, dass es im DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim zu verschiedenen Formen des Machtmissbrauchs kam, in jedem Fall zu spontanen Gewaltausbrüchen aus Überforderung, zum gezielten Einsatz (exzessiver) Gewalt zur Unterdrückung individueller Persönlichkeitsentfaltung und zum vorsätzlichen Missbrauch durch heimliche Medikamentenversuche. Insofern würden „die Berichte ehemaliger Verschickungskinder über verschiedene Gewalt- und Missbrauchserfahrungen in ihrer Substanz die Realität des Kuralltags in Bad Dürrheim widerspiegeln“ (S. 52).

Bleibt festzuhalten, dass der DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz e. V. als Rechtsnachfolger des Landesverbandes Südbaden e. V. im Rahmen der Aufarbeitung des Leids der ehemaligen „Verschickungskinder“ seine Verantwortung erkannt und die vorliegende Edition über das Haus Hohenbaden bei unabhängigen Experten in Auftrag gegeben und das entsprechende Quellenmaterial für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Mit Hilfe der Dokumentation kann das Verhältnis und die Interaktion zwischen einer Kinderkurklinik und ihrer Trägergesellschaft von der Nachkriegszeit bis zum Ende der reinen Kinderkuren systematisch und transparent untersucht werden. Die Veröffentlichung ist dabei umso mehr zu begrüßen, als die histographische Erforschung des Kinderkurwesens im Allgemeinen erst in den Anfängen begriffen ist.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

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