
Volkmar Schön (Hrsg.)
Eine Idee nimmt Fahrt auf
Das Rote Kreuz in Hamburg zur Zeit des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866
Beiträge zur Rotkreuzgeschichte, Band 15 / AVM – Akademische Verlagsgesellschaft München, München, 2025, Broschur, 237 Seiten, 32,00 €, ISBN: 978-3-95477-191-2
War der Deutsch-Dänische Krieg von 1864 für das Rote Kreuz in gewisser Weise noch eine Art Probelauf, bei dem seine Delegierten erste Erfahrungen sammeln konnten, wie sich die Ideen der neuen Hilfsorganisation in die Praxis umsetzen ließen, so wurde der Preußisch-Österreichische Krieg (auch Deutscher Bruderkrieg oder Deutsch-Deutscher Krieg genannt) zwei Jahre später zum Ernstfall. Zwischenzeitlich – am 22. August 1864 – war die (erste) Genfer Konvention „betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“ unterzeichnet worden, der erste völkerrechtliche Vertrag, der den Schutz von Verwundeten, die Neutralität des Sanitätspersonals und das Rote Kreuz als Schutzzeichen zum Gegenstand hatte. Zugleich hatten sich in etlichen deutschen Staaten bereits nationale Rotkreuzgesellschaften gebildet, andernorts zumindest vorbereitende Strukturen.
Das Buch „Eine Idee nimmt Fahrt auf“ beschäftigt sich mit der Geschichte des Roten Kreuzes in Hamburg zur Zeit des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866. Volkmar Schön zeichnet darin detailliert nach, wie schnell, wie konkret und mit wieviel Empathie die Ideen des Roten Kreuzes im Hamburger Raum umgesetzt wurden, und wie dieser Krieg in die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche hineinwirkte.
Der Autor (Jahrgang 1957), der Mitherausgeber der Bände 2, 3, 6, 8, 10 und 14 der im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes e. V. und der Stiftung Rotkreuz-Museum im Land Brandenburg von ihm sowie Petra Liebner und Harald-Albert Swik herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Rotkreuzgeschichte“ ist, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Rotkreuzgeschichte; jüngst veröffentlichte er die Schriften „Heute Zirkuszelt, morgen Raumschiff. Lebensgeschichten aus dem Deutschen Jugendrotkreuz“ (München 2025) und „Das Rote Kreuz in Hamburg. Historische Orte“ (Hamburg 2025).
Das gut 200 Seiten starke Buch, das durch 38 zeitgenössische Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustriert wird, gliedert sich nach einer Einleitung (S. 7-45) in die folgenden drei Kapitel, die ihrerseits zahlreiche Untergliederungspunkte aufweisen:
- Der Stand der Rotkreuzentwicklung in den deutschen Ländern bei Kriegsbeginn (S. 47-65)
- Die Aktivitäten im Raum Hamburg (S. 67-208)
- Felddiakonie (S. 209-226).
Ergänzt wird die Darstellung durch eine „Schlussbemerkung“ (S. 227) und einen „Anhang“ (S. 229-237) mit separaten Literatur-, Quellen- und Abbildungsverzeichnissen.
Nach der umfangreichen Einleitung mit Hinweisen zum Kriegsbeginn und dessen Folgen sowie den „Aufgaben der freiwilligen Krankenpflege“ in jener Zeit gibt Volkmar Schön einen Überblick zum „Stand der Rotkreuzentwicklung in den deutschen Ländern bei Kriegsbeginn“. Hierbei macht er darauf aufmerksam, dass die Rotkreuzbewegung 1866 im Vergleich zur Zeit des Deutsch-Dänischen Krieges von 1864 bereits deutliche Fortschritte gemacht hatte. Gleichwohl habe es aber zur damaligen Zeit nur in einem Teil der deutschen Länder bereits dauerhaft bestehende Rotkreuzstrukturen gegeben. Zu den ältesten, bereits 1864 gegründeten Rotkreuzverbänden habe neben dem im Königreich Württemberg – dort als „Württembergischer Sanitätsverein“ sogar schon 1863 ins Leben gerufen – das im Königreich Preußen am 6. Februar 1864 gegründete „Preußische Zentralkomitee“ gehört, ebenso wie der im 1866er Krieg besonders aktive „Provinzial-Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger in der Provinz Sachsen“ mit Sitz in Magdeburg. Wie der Autor weiter aufzeigt, gab es in der frühen Phase auch bereits drei norddeutsche Vereine. Demnach hatte sich im Großherzogtum Oldenburg am 2. Januar 1864 ein „Verein zur Pflege verwundeter Krieger“ gebildet, am 2. Februar 1864 in der Freien Stadt Hamburg ein „Comité zur Pflege von Verwundeten und Kranken“ (aus dem am 18. Oktober desselben Jahres der Hamburger „Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger“ hervorging) und am 20. Oktober 1864 im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin der „Mecklenburgische Centralverein für die Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger“. Ansonsten hätten „nur in wenigen der gut dreißig am Konflikt von 1866 beteiligten Länder bereits dauerhafte Rotkreuzstrukturen“ (S. 50) bestanden. Zudem habe 1866 das Rote Kreuz – mit Ausnahme des Badischen Frauenvereins – noch nicht über eigene, ausgebildete professionelle oder freiwillige Kräfte für den Pflegedienst verfügt. Wie Volkmar Schön darlegt, handelte die weit überwiegende Mehrheit der Komitees und Vereine, die sich der Pflege verwundeter und erkrankter Soldaten annahmen, während des Krieges von 1866 „bereits ganz im Sinne der Rotkreuzidee von 1863 und der Genfer Konvention von 1864. Das heißt, sie leisteten diese Hilfe unparteilich, also unabhängig davon, ob die zu Versorgenden den eigenen oder gegnerischen Truppen angehörten“ (S. 58).
Die Ausführungen des Autors im Kapitel „Die Aktivitäten im Raum Hamburg“ beschränken sich nicht nur auf das Gebiet des damaligen Hamburg, sondern beinhalten auch die Entwicklung in heute zu Hamburg, damals aber noch zum Königreich Hannover oder zum Herzogtum Holstein gehörigen Städten und Gemeinden. Mit zeitgenössischen Berichten angereichert stellt er dabei in Alt-Hamburg beispielsweise den „Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger“, den „Hamburg-Altonaer Frauen-Verein“, den „Freiwilligen Lazareth-Verein“ und den „Verein zur Unterstützung der Notleidenden auf dem Kriegsschauplatz“, in Bergedorf das „Comité zur Unterstützung Verwundeter“ und den „Aufruf zur Unterstützung der Hinterbliebenen, in Altona den „Altonaer Hülfsverein für verwundete Krieger“, den „Hülfsverein im Anschluß an das Central-Comité des preußischen Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger“ sowie den „Hülfsverein in Altona zur Linderung der Kriegsnoth“ vor. Demgegenüber konnte der Autor für Wandsbek und Harburg (zu Beginn des Krieges von 1866 noch zum Königreich Hannover gehörend) keine Hinweise auf Komitees oder Vereine zugunsten von verwundeten und erkrankten Soldaten oder anderen Opfern des Krieges finden.
Das sich anschließende Kapitel Felddiakonie dokumentiert entsprechende Berichte und Mitteilungen zum deutsch-österreichischen Krieg 1866 in Rotkreuzpublikationen und anderen Presseorganen, wobei insbesondere Johann Hinrich Wichern (1808-1881) beziehungsweise die Aktivitäten der Brüder des Rauhen Hauses aus Hamburg zu Wort kommen.
In seiner Schlussbemerkung macht der Autor darauf aufmerksam, dass der Deutsche Bruderkrieg (auch Deutscher Krieg, Deutsch-Deutscher Krieg oder Preußisch-Österreichischer Krieg genannt), trotz aller Bitternis, trotz aller toten, verstümmelten, verwundeten und erkrankten Soldaten, trotz aller Leiden für die betroffenen Angehörigen und trotz der Leiden für die von Verwüstungen betroffene Zivilbevölkerung, auch Zeichen der Menschlichkeit gezeigt habe. Wörtlich hält er hierzu fest: „Die wiedergegebenen Quellen zeigen, dass im Krieg von 1866 – also drei Jahre nach Gründung des Roten Kreuzes und zwei Jahre nach der ersten Genfer Konvention – im Hamburger Raum die Rotkreuzidee, nämlich die unparteiliche Hilfe für Freund und Feind gleichermaßen, orientiert am Maß der Not, bereits aufgenommen und verinnerlicht worden ist“ (S. 227).
Mit dem Buch „Eine Idee nimmt Fahrt auf“ hat Volkmar Schön einen wichtigen Beitrag zur Rotkreuz-Geschichte geleistet, ebenso wie im Hinblick auf die Geschichte der Kriegskrankenpflege. Erfreulich ist, dass die Veröffentlichung auch eine Reihe zeitgenössischer Dokumente präsentiert, wobei allerdings den meisten Abbildungen ein größeres Format gutgetan hätte. Wünschenswert wären auch Hinweise auf die Einträge im „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“ zu den im Text erwähnten Personen Wilhelm Brinkmann (1836-1900), Ernst Julius Gurlt (1825-1899), Ludwig Kimmle (1860-1933), Hans Heinrich XI. Fürst von Pless (1833-1907), Graf Eberhard zu Stollberg (1810-1872), Rudolf Virchow (1821-1902) und Johann Hinrich Wichern (1808-1881) gewesen. Unabhängig hiervon darf man auf den angekündigten weiteren Band des Autors, der sich über die Situation im übrigen Norddeutschland anschließen soll, in jedem Fall schon jetzt gespannt sein.
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
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