Image

Dr. Sandra Abend und Michael Ebert (Hrsg.)

20.000 km unter dem Roten Kreuz

Morisel Verlag, Asbach, 2025, 272 Seiten, 143 Abbildungen, teilweise farbig, Hardcover, 30,00 €, ISBN: 879-943915-71-6

In „20.000 km unter dem Roten Kreuz“ werden die eindrucksvollen Erlebnisse des Ehepaars Walter und Elisabeth von Oettingen aus zwei Kriegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts dokumentiert: dem Russisch-Japanischen Krieg (1904–1905) und dem Ersten Weltkrieg (1914–1918). Das Buch präsentiert eine einzigartige Doppelchronik zweier militärischer Konflikte und gewährt Einblick in die frühen Phasen internationaler Rotkreuzarbeit.

Grundlage für die Publikation und die ihr vorausgegangene Ausstellung war der Erwerb von 645 Glasplattenfotografien durch den Arzt und Medizinhistoriker Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hans Schadewald (1923–2009). Als langjähriger Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Düsseldorf bewahrte er diesen einmaligen Bestand, den das Ehepaar von Oettingen während seiner Hilfseinsätze angefertigt hatte.

Der Band von Dr. Sandra Abend (Kunsthistorikerin und Museumsleiterin des Wilhelm-Fabry-Museums) und dem Fotografen und Journalisten Michael Ebert macht diesen bisher weitgehend unbekannten Quellenbestand erstmals umfassend zugänglich. Ergänzt durch zeitgenössische Texte, Tagebucheinträge und Briefe, entsteht ein dichtes Bild der frühen Rotkreuzbewegung. Die Fotografien zeigen Verwundete, Lazarette, Eisenbahntransporte, Szenen vom Schlachtfeld sowie interkulturelle Begegnungen – ein herausragendes bildhistorisches Zeugnis humanitärer Hilfe unter Kriegsbedingungen.

Im Mittelpunkt steht der 1907 veröffentlichte und heute kaum noch bekannte Reisebericht des Ehepaars von Oettingen, das im Russisch-Japanischen Krieg als Helfer für das Russische Rote Kreuz tätig war. Er war Chirurg und sie OP-Schwester. Die Autoren verknüpfen diese historischen Schilderungen mit der späteren Rotkreuzarbeit der Oettingens im Ersten Weltkrieg. Damit entsteht ein Gesamtbild, das die Kontinuität ihres Engagements über zwei große Kriege hinweg sichtbar macht.

Sandra Abend gelingt es, die schriftlichen Zeugnisse kritisch einzuordnen. Neben der Biografie des Ehepaars beleuchtet sie insbesondere die Rolle bürgerlicher Frauen im Sanitätswesen des frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Analyse zeigt auf, wie humanitäre Hilfe, staatliche Interessen und kolonial geprägte Wahrnehmungsmuster ein komplexes Spannungsfeld bildeten – besonders im Kontext des „Fernen Ostens“.

Die Publikation verbindet historische Analyse mit biografischer Erzählung und visueller Dokumentation. Dadurch leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Pflegeberufe, zur transnationalen Hilfsgeschichte und zur geschlechtergeschichtlichen Forschung. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie humanitäres Engagement auch unter extremen Bedingungen Ausdruck persönlicher Überzeugung und gelebter Solidarität sein kann.

20.000 km unter dem Roten Kreuz ist weit mehr als ein bebilderter Erlebnisbericht. Es handelt sich um ein bedeutendes Zeitdokument zur Geschichte der internationalen Rotkreuzarbeit und der Pflegeberufe im Krieg sowie der Rolle von Frauen in der humanitären Hilfe. Die Veröffentlichung bietet neue Perspektiven auf die Verbindung von Medizin, Krieg und Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert. Bemerkenswert ist, dass sie Nachfahren der von Oettingens kontaktierten und so weiteres Material erhielten. In der Ausstellung war auch das originale Bild zu sehen, welches im Abteil der von Oettingens hing. Bei einem Überfall wurde im Nachbarabteil ein Offizier durch einen Splitter, welcher durch das Bild drang, getötet.

Für die zugrundeliegende Forschungsarbeit und die daraus entstandene Ausstellung erhielten Sandra Abend und Michael Ebert im vergangenen Jahr den Castiglione-Geschichtspreis des DRK-Bundesverbands. Die Ausstellung war von März bis September 2024 im Wilhelm-Fabry-Museum in Hilden zu sehen und stieß auf große Resonanz.

Eine Rezension von André Uebe

Image


Sie möchten die Geschichte der Gesundheitsberufe abonnieren?

Erfahren Sie mehr zur historischen Entwicklung der Gesundheitsberufe & was wir aus der Vergangenheit für unser heutiges Berufsleben lernen können:

Jetzt Probe lesen